Hightatras:

Herr No wird sich zu Stein am Rhein vorerst nicht äussern

Es ist gleichsam ein kulturgeschichtliches Terrarium, dieses Gebäude an einem Unort, ein potemkinsches Alpendorf unter einem Glassturz. Gastronomische Betriebe, die einen künstlichen Dorfplatz säumen, vor denen Stühle stehen, gleichzeitig drinnen wie draussen, für die Fremden. Romantische Geschäfte in denen urige Agrargüter angeboten werden, wie Schinken, der pittoresk von der Tramdecke baumelt und Wein, Pizza, Espresso, aber auch Benzin, Kaugummis, Almdudler solche Waren eben. Schaurig stier blickende Bauernpuppen stehen hinter den Fenstern der Obergeschosse ohne Tiefe, Geranien aus Kunststoff, falsches Kamingeflacker, Sensen, Heuballen und zahlreiche weitere Requisiten dieser Art. Als ich die Treppe hinabsteige, zu den Toiletten, eröffnet sich vor mir eine weite aber niedrige Halle, ähnlich wie in einem Bunker vielleicht, senffarben gestrichener Beton und verschiedene Metalltüren in unterschiedlichen Bunttönen, ein Leitsystem wohl, das mich nicht leitet. Schräg vor mir geht eine kleine Frau mit einem schweren Hüftschaden die Treppe hinunter und mit jedem Schritt wogt ihr Leiden durch den ganzen Körper. Ich möchte jetzt nicht behaupten, daß ihr behinderter Leib lange Schatten auf die Betonwand warf, aber so ähnlich. Ein österreichischer Keller, der sich schnaufend und schnell schließende Schiebetüren aus Stahl erahnen lässt und Videoaugen und andere krasse Psychoscheiße. Eine lange Flucht von Toiletten, wohl bald an zwanzig Einzelkabinen zur Defäkation, vis-à-vis eine Wand aus Spiegeln und alle weiteren Flächen sind mit anthrazitfarbenem Naturstein verkleidet, der die wohl überreichlich vorhandenen Innereien aus Steuer- und Regeltechnik gegenüber dem Menschen abschließt. Nach dem Hände waschen ist der Gast gehalten seine noch tropfnassen Hände in eine der schwarzen Mösen aus Plastik einzuführen, die in die Wand eingelassen sind und in denen es bei Annäherung erheblich zischt und braust; Glory Holes mit direktem Zugang zur Hölle, tatsächlich negative Hochdruckreiniger also Sauger, die auch auf Antimaterie und Orgonenergie basieren mutmaßlich. Vorher, an einem anderen Ort, las ich mir ein Schild über Pilzrecht durch und verzehrte zeitgleich ein Sahneeis am Stiel, welches von einem tropischen Fruchtsorbet ummantelt war, dabei lachte ohne Unterlass die Sonne und droben am Berg kalbte die Pasterze. Später, hinter den Tunnels und Pässen wuschelten die Bäume hinter den Lärmschutzwänden ihre Kronen wie Cheerleader ihre Pompondinger, also hysterisch und etwas aufreizend und der Himmel verfärbte sich in einer Weise tintig schwarz, die als Indiz aufgefasst werden konnte; ferner lagen einige Seen ganz selbstverständlich in die Topografie eingebettet vor, wie Laubsägearbeiten in glühender Bronze, da zudem die Nacht hereinbrach und so die späten Strahlen in spitzem Winkel reflektiert wurden. Sand in der Luft, Alpensand, ein feiner Grieß im Auge, den der Westwind dorthin plazierte; auch ein Plastiksackerl aus Polypropylen war zu beobachten, das sich zunächst gravitätisch tänzelnd emporschraubte, dort mit einem knispligen Plopp entfaltet und mit Aplomb aufgebläht wurde um rasante Fahrt durch die Lüfte aufzunehmen, begleitet von Ästen, Blättern und Papieren, die die Passanten fortwarfen. Ein Unwetter also, mit Toten und Verletzten und Sachschäden in Millionenhöhe. Schließlich ein Fall für die Versicherungen und Rückversicherungen. (Natürlich waren auch taubeneigroße Hagelkörner an der gespenstischen Szenerie beteiligt.) Ich besichtigte zuvor ein Haus in höchsten Höhen, da ich ein Haus zu kaufen beabsichtige; ein Anwesen, das ich einer Mischnutzung aus adalbertstifterscher Bergidylle und grimmiger Alpenfestung zuzuführen gedenke; von dem ich nicht zur Schwarzwildjagd ausreiten werde, wie es früher der Hammerherr tat, noch werde ich eine Frau zum Weib nehmen, die des Jodelns mächtig ist. Reichte man mir zum Vertragsabschluss ausgelassen ein Glas Schaumwein, tränke ich die Flöte nur aus Gründen der Etikette leer, da ich mir nichts aus moussierenden Weinen mache, wie Sie wissen müssen. So ist es mein. Im Fernseher wird gezeigt, wie die Polizei mit unbekannten Leichen verfährt; sie nimmt die leblosen Leiber mit in ihre unterirdischen Polizeilaboratorien, schneidet sie mit Messern auf und dann finden Wissenschaftler heraus, welche Umweltgifte in den Innereien der Opfer vorliegen, die bleihaltigen Antiklopfmittel aus Kraftstoffen seien ein Anhaltspunkt, wie man sagt. Es handelt sich um die und die Chemikalie, also kommt das Opfer da und da her, meist aus dem Ausland oder aus Russland, wie der Beitrag durchblicken lässt. Die Liegenschaft wird byronisch bewirtschaftet werden, man wird am Flügel stehend Kunstlieder singen und im von Stirnlampen durchschnittenen Morgennebel die mit Unschlitt eingeriebenen Wanderstiefel aus Kernleder binden um verbliebene alpine Probleme zu lösen. Wäre ich Schriftsteller, schriebe ich hier zwei bis drei Jahrhundertromane, würde aber bei der Arbeit manchmal schludern und oft dösend aus dem Fenster blicken zu den Gipfelkreuzen hinauf und dem sattgrünen Tann im Tale oder einfach Playstation zocken. Post Mortem führte man literaturbeflissene Touristen durch das Objekt – in Pantoffeln. Und eine lispelnde lesbische Literaturwissenschaftlerin, die sich durch derlei Führungen einen schmalen Salär verdiente, herrschte zierliche Japanerinnen an, die den Versuch wagten, mit den kleinen Fingerchen heimlich über die schartige Oberfläche des wuchtigen und ungemein charaktervollen Schreibtisches aus geflammter Eiche zu streichen.

Thematischer Schwerpunkt: »Reiseberichte« | Kommentare (3)

Stichwort segmentale Körperanhänge – befindet sich die Evolution auf dem Holzweg?

Blicke ich in einen Spiegel, so beschleicht mich erneut das Gefühl, daß Haare komisch sind. Je mehr Haare, desto komischer. In Badezimmern mit fließend Warmwasser lässt sich das Haar mit duftenden Shampoos fein waschen, mit dem Föhn in seidige Wellen, in beliebige Formen legen, doch wehe, eine Böe fährt hinein, wenn der Mensch das Freiland betritt, denn mit dem Winde lagert sich der Abrieb von Autoreifen und Blütenstaub ab; Kleinstinsekten verschlägt es aus physikalischen Gründen in dieses Towuhabohu aus Hornfäden und nicht wenige finden im Haar, welches wegen Verwirbelungen unweigerlich Werg wird, ihre letzte Ruhestätte.
Wäre ich ein Marsbewohner, eine elektrisch schimmernde und schwebende – einen Supercomputer ummantelnde Kugel aus Panzerglas etwa, und wollte mir interessehalber einen Eindruck von der, die Erde bevölkernden Fauna verschaffen, so stünde ich speziell dem Konzept Säugetier, mit seinem Fell und dem ganzen inneren Geblubber und glibschigem Gekröse ohnehin mehr als kritisch gegenüber; am wenigsten jedoch überzeugte mich wohl der Mensch, mit seiner partiellen Behaarung und den daraus naturgemäß resultierenden riesigen und von Talgdrüsen durchbrochenen Hautflächen, die mich, nicht nur als Supercomputerglaskugel, an hügelige, einst von fruchtbar humiden Urwäldern bedeckte Landschaften erinnern würden, die dann und dann König Sowieso abholzen ließ um eine Kriegsschiffflotte bauen zu lassen oder zum Heizen. Ein Koalabär oder ein Hund ist, im Gegensatz zum Menschen, bezüglich seines Haarkleides wenigstens in sich konsistent und verfügt zudem über vergleichsweise flauschige und allgemein anerkannt hübsche Pfötchen, mit denen er vortrefflich in seinem Habitat umhertapsen und einfache, den Arterhalt betreffende Handlungen durchführen kann. Der Mensch, unbeirrt von Jahrmillionen des Scheiterns, des sich immer und immer wieder Aufrappelns, versteht es jedoch vermittels seiner ästhetisch umstrittenen Extremitäten in modernen und abstrakten Arbeitsprozessen Mehrwert zu erwirtschaften. Als Zerspanungstechniker etwa oder als Floristin auf einem internationalen Flughafen. Kuppeln, Gas, Bremsen: auch einem zeitgemäßen Fuß wird heutzutage einiges an Motorik und Koordinationsvermögen abverlangt. Ein Nappaleder-Berufskraftfahrerfuß, von stremmenden weißen Sportsocken umhüllt, an deren Ferse sich fettreiche Fußausscheidung sukzessive zu gelblichem Grind verdichtet, ein Eldorado des Nagelpilzes, durchklungen vom schwachen aber kehligen Klagelied der kleinen Zehen, die die Evolution schon seit geraumer Zeit auf dem Kieker hat.
Ungezogene Grapschhände, aufgeblasenen Gummihandschuhen nicht unähnlich, die werksseitig mit Wurstfingern ausgestattet wurden und die bleich wie Maden sind, von vereinzelten, sich kläglich ringelnden blonden Haaren besetzt, fleischig, zerschrunden und ungelenk, greifen nach Lebensmitteln, welche ich als Verbraucher gezielt verschiedenen SB-Theken entnahm, da sie meinem Anforderungsprofil weitgehend entsprechen, die, da der mich betreffende Bezahlvorgang einvernehmlich abgeschlossen wurde, mein Eigentum darstellen, werden ungestüm, in einer groben Form der Geschäftigkeit zur Seite geschoben, um Platz zu schaffen für eingeschweißte Güter, hinter deren transparenter Haut aus Kunststoff teilweise Tierblut schwappt, welches unterschiedlich große, sich aus Gründen der Oberflächenaktivität zu Gruppen fügende Bläschen wirft. Während des Erfassungsvorganges größerer Gebinde, die vermittels eines externen Handgerätes durchgeführt werden, zuckt gelegentlich ein roter künstlicher Strahl über den Oberkörper der jungen Kassiererin, deren Klarname auf einem, über ihrer linken Brust dauerhaft befestigten, Schild ausgewiesen ist. Meine Lebensmittel und Früchte werden regelrecht geworfen, geschleudert kann man sagen, unachtsam und wiederholt widerrechtlich berührt um Raum zu schaffen am Fuße der Warenrutsche für das Eintreffen von grellen Limonaden in Sichtverpackung, Phil-Collins-DVDs (sinngemäß, Abb. ähnlich) und natürlich, wie erwähnt, Fleischbrocken mit unsichtbaren Madeneiern auf gelbem Styropor in Blister aus Dinosaurierleichen. Speziell meine Früchte also, die ich mit Bedacht auswählte, erhalten durch die ungeheuerlich unsachgemäße mechanische Behandlung nicht gewünschte Druckstellen und von der Greifhand stammende Bakterien und widerlich wimmelnde Viren lagern sich auf der Fruchtoberfläche ab, daß ich recht gerne eine 45er aus meinem imaginären, mit Westernmotiven bestickten Schulterholster aus Büffelleder zöge, und dem Mann mit den hässlichen Blähhänden das beschissene Gehirn rausbliese, daß ein feiner Blutnebel die feilgehaltene Convenience-Kost netzte und Teile der hinteren Schädeldecke, das paarige Scheitelbein Os parietale etwa, im Bereich der Unterhaltungselektronik abregnete, da es dem aufgedunsenen Jüngling offensichtlich am rechten Benehmen gebricht, sodann die ebenfalls madenhaft ungeschlachte Partnerin des Flegels, die Kassiererin sowie herbeieilendes Sicherheitspersonal und so fort, bis alle fünfzig Magazine aus meiner Anglerweste leer wären und das ganze verfickte Einkaufszentrum in den Flammen der Gerechtigkeit verginge (selbstverständlich unter Freisetzung von Dioxin) – so aber beschränke ich mich darauf, leicht die Stirn zu runzeln.

Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« | Kommentare (0)

Neues aus den Ostgebieten

Plötzlich erscheinen drei Menschen und packen einen älteren Mann recht barsch am Arm. Wahrscheinlich habe ich aber nur nicht so richtig hingesehen zunächst, da ich, an einer S-Bahnstation wartend, etwa Schwalbensilhouetten am Abendhimmel beobachtete oder auf den Po eines vorbeigehenden Mädchens blickte. Er möge sich ausweisen sagt der das Trio wohl leitende und das Wort führende Mann und zeigt seinerseits nachlässig eine Ausweiskarte vor auf Hüfthöhe, die ihn mutmaßlich nach außen als Zivilfahnder bezeichnet. Das Ziel des Zugriffs ist ein kleiner Mann mit schiefgelaufenen Schuhen, gelbgrau zurechtpomadiertem Haupthaar und einer braunmelierten Hornbrille, dem man nun wortlos die Umhängetasche von den Schultern zerrt und den Inhalt rasch auf den staubigen Boden des Bahnsteigs entleert. Dabei mit spitzen Fingern ganz gewöhnliche Dinge, wie eine Brille, einen Schlüsselbund, leere Bierflaschen oder eine Zeitung, mit einer, für mich als Beobachter ungeheuerlichen, Na-was-haben-wir-denn-da-Miene anhebend, als müsse sich der Besitzer dafür rechtfertigen, was dieser jedoch leider auch macht. Man handele aufgrund eines Anrufes, verschiedener Hinweise aus dem Volk, erläutert der leitende Fahnder, man habe ihn, den Mann mit der Umhängetasche, beobachtet, wohl hinter der Gardine stehend, denke ich, wie er Bierflaschen austrank, wie er dann im Gras lag, am Bahndamm, unweit der Kanalbrücke und schlief, in der Sonne, anschließend auf dem Bürgersteig auf und ab ging, hatten Bürger ihre Beobachtungen der Polizei geschildert, so der Fahnder. Es sei ein Verdachtsmoment entstanden, da und da abgestellte Kraftfahrzeuge betreffend, so der Fahnder zu dem vermeintlich Verdächtigen, der aufgehalten wird, dessen Habe auf dem Boden verstreut liegt, der harmlos ist, wie ich denke und wie ich weiter denke handelt es sich nicht einmal um einen Anfangsverdacht, der eine Taschenkontrolle überhaupt rechtfertigen würde, sind doch Bier trinken, schlafen, auf und abgehen übliche Beschäftigungen von Menschen somit mitnichten justiziabel im Sinne einer gesetzlichen Ordnung jenseits von Kaiser Wilhelm, Adolf Hitler und Erich Honecker. Daß ich plötzlich in eine Situation geworfen werde, denke ich, die die eines Voyeurs ist, der durch den Spion seiner Türe beobachtet, wie Schergen in Ledermänteln und Reitstiefeln bei einer anderen Mietpartei grimmig schellen um exekutiv tätig zu werden. Und wie das Trio Eindruck schindend und sich in die Brust werfend dasteht, den vermeintlich Verdächtigen bedrängt, der nicht daran denkt Widerstand zu leisten, alle an ihn gerichteten Fragen, eingeschüchtert, wie ein Untertan, der er ja offensichtlich auch ist, beantwortet, obwohl er sie nicht beantworten müsste, wie mir gewiss ist. Es ist ein Unrecht das geschieht, ich handle nicht, auch weil meine Bahn einfährt, wie ich mir später, als fadenscheinige Entschuldigung vor mir selbst zurechtlege. Die Situation gemahnt an eine Jagdszene von kleineren Raubtieren, die ein ihren Kräften gemäßes Opfer ausbaldowerten, Frettchen etwa, die eine flügellahme Amsel gestellt haben, sich in der Überzahl wissend, ferner wissend, daß das Opfer ein geschwächtes ist, somit nicht aufflattern kann beispielsweise oder fortspringen, und dennoch ohne Unterlass sichernde und schele Seitenblicke werfend, während sie ihre hektischen Zähnchen in das Fleisch schlagen, ob nicht ein größeres, einen in der Nahrungskette übergeordneten Rang bekleidendes, Raubtier erscheint und sich die bestehenden Kräfteverhältnisse ungünstig entwickeln. Und alle tragen Kapuzenshirts, wie in diesen Reportagen im Privatfernsehen, das aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmende Menschen vornehmlich mit diesem sportiven Kleidungsstück angetan abbildet: das Kapuzenshirt ist quasi der Rokokopantoffel des 21. Jahrhunderts. Mit Drogenproblemen behaftete Problemjugendliche aus Problemkiezen mit Problemhunden sowie auf Problemjugendliche kaprizierte Geheimpolizisten, Leistungssportler, Kleingärtner, Raver und Geländewagenfahrer aus Westend. Die Situationen, in denen sich die Menschen in sozialer Interaktion befinden, sind stets stereotyp und lassen sich meist auf einige wenige triebbedingte Säugetiermechanismen reduzieren, wie beispielsweise dominante Revierverteidigung und körperlich oder geistig ausgetragener Kampf um die Weibchen mit den besten Erbanlagen. Fraglich ist, ob die äußeren Formen der Klischees aus der Realität in den Fernseher wandern, oder ob die Klischees dort entstehen und in die Gesellschaft ausgestrahlt werden, wie diese Fernsehseriendialoge, die in meinem Rücken, in den Schlangen vor den Supermarktkassen geführt werden, von Menschen, die ihr Leben bei Schweinefleisch und Colamischgetränken in zitronenfaltergelb gestrichenen Blähbetonsteinhäusern in Toskanaoptik fristen.

Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« | Kommentare (2)

Huren, Wein und die Filets der besten Tiere für alle

Ein von minderwertigem Wein trunkener Mann, der durch den Kot der schummrigen Gassen ins Badehaus stolpert um dort zotige Lieder zu singen und ein Weib zu schwängern, zürnt natürlich zugleich dem Klerus, der sich, wie man sagt, nach oppulentem Prälatenessen im Bordell vergnügt. Je verkommener ein altes Regime ist, desto dämlicher sind scheinbar auch jene, die sich anschicken, es zu reformieren oder gar hinwegzufegen. Das pervertierte Papsttum des Spätmittelalters brachte immerhin Martin Luther oder Thomas Müntzer hervor; Wirtschaft und Politik heute gebiert lediglich lächerliche Kritiker wie die Linkspartei beispielsweise oder Attac, als würde der Ladeluke eines havarierten Supertankers ein geistig behindertes Schaf entschlüpfen.
Man sagte, sie predigen Wasser und trinken Wein, mit der Intention selber Wein trinken zu wollen, und zwar nur von den Trauben höchster Qualität. Man sagt, wir zahlen nicht für eure Krise, mit der Intention, in der Hausse an den Erträgen der hasardeurhaften Wirtschaft teilhaben zu wollen, jedoch in krisenhafter Zeit zu greinen ob der Vertreibung aus dem Warenparadies und sich mit barlachschen Mienen die Nasen an den Scheiben der besten Geschäfte platt zu drücken. Man trinkt gierig und in großen Mengen sehr billigen Kaffee, man verzehrt Rindfleisch und vitaminreiche Südfrüchte, man trägt modische Sportschuhe sowie in fernen Ländern, von Ausländern verfertigte Oberbekleidung, man weist aber, mit vor Erregung zitterndem Zeigefinger, anklagend auf die Mönche, Minister und Manager da oben, da man ihnen den besseren Hebel neidet, die Welt der Neger und Bauern auszubeuten.
Blicke ich in den – im Fernseher abgebildeten – Saal des Bundestages und höre und sehe mir an, was die Politiker zu einem beliebigen Thema sagen, so würde ich mich aus inhaltlichen, ästhetischen wie auch rhetorischen Gründen endgültig mit Grauen abwenden, wenn sich nicht mit mir der geifernde Pöbel abwendete vom Parlamentarismus. Ich bin versucht, wie ein Lehrer überall Logik?, Stil? und Falsch! an den Rand zu schreiben und überhaupt alles mit einem roten Stift vollzukrakeln was dumm ist.
Die Opposition innerhalb und ausserhalb der Herrschaftshäuser, die das Volk zu integrieren vermag, ist – ich wiederhole mich – stets noch geistloser als es die vorherigen Machthaber waren.
Liest man die auf Papier gedruckten Zeitungen, so stehen dort die Agenturmeldungen von gestern darinnen; liest man die digitalen Zeitungen, so tropft das Blut in die Gosse und prominente Partyluder öffnen ihre Schenkel; liest man jene Blogs, die für sich eine Führungsposition, einen quasi journalistischen Anspruch im selbstgeschaffenen Untergrund-Sandkasten proklamieren, so stehen diese, da sie in der Reaktion auf existierende Probleme keine eigenen Ideen zu formulieren im Stande sind, aber auch keine neuen Themen zu lancieren wissen, als narrenhafte, vor allem unverzehrbare und parasitäre letzte Glieder in der medialen Nahrungskette da.

Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« | Kommentare (0)

Die Sintflut ist der Hochdruckreiniger des Herrn

Vermittels Präparaten und Arbeitstechniken, die mir angeboten wurden, ist es mir gelungen, meine Penislänge um 20% zu vergrößern, meine Potenz gar um 85% zu steigern. So komme ich seit Stunden nicht, und Damenbesuch kommt überhaupt nicht. Käme er, so sähe ich ihn frühzeitig auf dem Monitor meiner lichtstarken Überwachungskamera an der Türe und schwebte mit dem gasdruckgefederten Barhocker, den ich einst in führenden Designerhotels bewunderte, lautlos auf und nieder, als Zeichen meiner Freude. Was nützen einem Mann rautenförmige Pillen in bleu und Photographien, die devot oder dämlich dreinblickende Frauen in reizender Unterwäsche und mit Hundehalsbändern bekleidet vorstellen, wenn die Welt, wie man den Massenmedien entnehmen muss, ohnehin verrottet ist bis zum Kern, sich insgesamt nicht den Anforderungen und Bedürfnissen gemäß entwickelt (Stichwort: Finanzmärkte, Klimakatastrophe), daß man alles einmal gründlich durchkärchern müsste.
Ich rate Ihnen, sich in faden Perioden des Lebens vor diese Monitore zu stellen, die an den Stirnseiten der Regale von Heimwerkermärkten angebracht sind. Die Männer, die in den dortigen Bildschirmen auftreten, sind oft sehr munter, einer der beiden mimt, im Sinne der Sache, einen umständlichen Skeptiker, der andere stellt, seinem Naturell entsprechend, einen Mann der Tat dar und demonstriert, wie sich die sichtbaren Probleme auf technischem Wege lösen lassen. Das Material fügt sich schließlich dem Manne; im Endeffekt liegen befriedigend glatte Schnitte, lotrechte Bohrlöcher sowie Sauberkeit und Ordnung der Dinge vor.
Gott erschuf den Menschen, der das Prinzip des Funktionalismus ersann; somit sind auch Spax Terassenschrauben Werke des Herrn, der so seinen Geist durch den Menschen hindurchfließen ließ. Als singuläre Person ist Gott nicht stapelbar, wohl aber als von ihm beseelte Plastikbox E1 beispielsweise. Die Welt ist deswegen so unwirtlich, kalt und öde, daß der Mensch gedrängt ist, ihr Wohlbehagen und Glück abzuringen durch Technik. Folgt man der Annahme, daß alle Dinge, alle Pflanzen, alle Tiere, alle Menschen von göttlichem Geist beseelt sind, so erscheint Gott großartig und banal, gut und voll scheiße zugleich.
Was Flugrost, Magnesiumkalk, Gefrierbrand, Bügelglanz und mikrobakterieller Befall in ihren jeweiligen Mikrokosmen sind, stellen Seuchen, Hunger und Kriege im Großen dar. Von diesen Symptomen der menschlichen Verderbtheit nährt sich die sogenannte Medienmaschine, ein Zwitter aus steampunkartigem Zahnradapparat und Biomasse, dessen Gestalt sich als sowohl grotesker wie auch furchterregender, wenn auch hübsch silbrig glänzender Tiefseefisch von gigantischem Ausmaß vorstellen lässt, der in vergleichsweise seichten Gewässern dümpelt und sich die Abbilder des Leids und die Sensationen der Welt mit hoher Geschwindigkeit in das träge auf und zu klappende Maul schwemmen lässt, die sodann zügig den Magen, sowie den – für Aasfresser charakteristisch – kurzen Darm passieren, um schließlich als toxischer Sondermüll, als Meinungen, ausgeschieden zu werden. Die Medienmaschine verfügt über einen ausgeprägten Verdauungsapparat, jedoch über ein in Evolutionsprozessen verkümmertes Gehirn. (Die Gehirnleistung dient quasi ausschließlich der Steuerung der Verdauungsprozesse.) Trotzdem wird – lediglich durch Präsenz und Ausstoß – versucht zu suggerieren, die Verdauung der seit Jahrmillionen gleichen Nahrung würde stets variieren, daß sich aus den neuesten Exkrementen auch immer neue moderne Weltmodelle und Handlungsgrundlagen bilden ließen.
Satellitengleich umschwirrt wird die Medienmaschine von kleineren digitalen Parasiten, die mit dem großen Verdauungsapparat eine Art Symbiose der nachhaltig bilateralen Fäkalienverwertung eingegangen sind. Man nennt diese Parasiten Blogs und Twitter; eine Art endzeitliche, maximal beschleunigte Form des Leserbriefs – die totale Meinungsmache bei gleichzeitiger größtmöglicher geistiger Leere – der Stammtisch und die Beschwerdestelle der Hölle.

Thematischer Schwerpunkt: »Materie« | Kommentare (2)

Die Entstehung der Arten (Teil 1)

Ich skype gerade Hans-Werner an, weil MSN down ist und Hans-Werner in der vierzehnten festhängt, bei ‘nem Strategy-Panel mit ein paar ganz großen Tieren aus den Staaten. Wie immer, wenn ich in good old Mainhatten bin, treffen wir uns in Rick’s Bar auf nen paar gepflegte Single-Malts zum absacken. Ich hab Hans-Werner Ende der achtziger kennengelernt, als wir gemeinsam die Human Resource Optimization Unit eines mittelgroßen DAX-Konzerns geleitet haben unten in Würzburg. Heute ist die Bude IMHO schlachtreif, die erste also, die in Germany die Hufe hochreißen wird, wenn die Lage – was anzunehmen ist – weiter bearish bleibt. Bei diesen unterirdischen Zahlen hätte man den Brüdern schon vor einem Jahr einen hammerharten Rating-Downgrade reinwürgen und den Wert stante pede aus dem DAX kegeln sollen. Aber hey, der Markt ist eben kein Ponyhof. Mein alter Kumpel Hans-Werner also, damals, kurz bevor die Blase geplatzt ist, short gegangen, die sauer verdienten Milliönchen dann aber in Dubai versenkt. Life sucks! Aber das ist ein anderes Thema. Ich häng’ also an der Bar, die Puppe hinter dem Tresen schiebt ihren Arsch rüber, ich bestell mir ‘nen gepflegten doppelten Armorik Single Malt und genieß die Aussicht. Heilige Scheiße, die Puppe hat wirklich den süßesten Arsch diesseits der Beteigeuze, und als wenn das noch nicht genug wäre, zwei wirklich amtliche Hupen, die sich sehen lassen können – lucky me, Freunde! Als die Party vorbei war, Ende der achtziger, ist Hans-Werner ins freie Strategy-Consulting, ich ins Direct-Marketing, das steckte seinerzeit noch in den Kinderschuhen, i mean digital, da war mächtig Cash drin und ich bereit, mir die Piepen zu holen, klar, dann rüber ins SEO-Segment, das war das große Ding seinerzeit, Ende der neunziger. Hab nen paar relativ große Buden auf nen Pagerank gehievt, von dem die Brüder nur träumen konnten, and so on. Ich schau kurz auf meine Patek Philippe; Hans-Werner lässt auf sich warten und draussen schifft es, als ob die Welt untergeht. Heilige Scheiße, wie ich es hasse. So, Freunde, nun ratet mal, wer sich am meisten in diesem beschissenen Land auf die Cabrio-Saison freut? Na? Richtig! Meine Wenigkeit, good old me! Verdeck runter, rauf auf die Gotthard-Straße und dann immer gib ihm. Schön Konvoifahren mit den buddies und aus den Bose-Subwoofern schallt Supertramp: Yeah! Ich mein, Hallo? Wieso geb’ ich mir sonst Sechzehn-Stunden Tage mit den beratungsresistentesten und merkbefreitesten Kunden diesseits der Beteigeuze? Klar, ihr wisst wie es läuft, money makes the world go round wie es so schön heißt und ja, natürlich Mäuschen, ich nehm’ noch einen. Hans-Werner will sich ja einen Alpha-Romeo Spider holen, da hab ich ihm neulich im MSN Chat erst mal verklickert, daß er bei den Straßen hier ziemlich Trauer haben wird mit so einer abgefuckten Spaghettischleuder, eine Bodenwelle und es heißt: Good-bye Unterboden. Na, muss jeder selber wissen. Ich fahr’ Maserati Gran Turismo, bin mit dem Wagen an und für sich sehr zufrieden, da stimmt die Performance, die Optik und das Design, eben alles. Five thumbs up also. Hab mir die Schüssel geholt, nachdem ich meine Exfrau abgeschossen hab und der Bilfinger-Job in trockenen Tüchern war. Man gönnt sich ja sonst nichts! *gg* Stay tuned folks! Versuch mal kurz Hans-Werner anzutwittern: @hans_werner is 2L8 - Alter Schwarzfußindianer, der Whiskey ruft!!! BTW hab mir das G1 geholt, um meine Communities im Flieger zu checken und zum daddeln und prokrastinieren natürlich ;-) Die Tasten sind ein wenig hakelig, aber hey, das Gerät geht IMHO absolut klar. Hans-Werner sagt, er sei ja eher so ein Blackberry-Typ, okaaay, er ist mit Push-Mail groß geworden. Hans-Werner simst mich gerade an, unser Treffen fällt flach, plötzliches Overnight-Meeting. Kann man nichts machen, shit happens. Noch einen doppelten Single-Malt und ich bin raus hier. Gabel mir noch ne handliche Bordsteinschwalbe auf und fahr das übliche Programm: französisch, doggystyle und abspritzen in der Missi, dann heißt es für meine Wenigkeit: kleines Betthupferl aus der Hausbar und an der Matratze horchen. Morgen ein wichtiges Kickoff-Meeting für das Osteuropa-Segment eines führenden deutschen Franchisers in Pforzheim. Alter Verwalter, ausgerechnet Pforzheim! IMHO die buckligste Stadt diesseits von Wladiwostok! Der Flieger geht um sieben, einchecken um sechs. In diesem Sinne: Tschö mit ö und tut nichts, was ich nicht auch tun würde!

Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« | Kommentare (5)

Was wie Ambrosia wirkt, ist tatsächlich angetaute Tiefkühlasiapfanne

Das Schnäbelchen pocht energisch von innen an die Schale, daß ein erster Riss entsteht. Ein Entenküken begehrt Einlass in die Welt.
Die Welt ist gut, die Welt ist schlecht; gleichsam ein fertiger Holzschnitt, der aus dem Fernseher purzelt, auf die Auslegware: es ist die Wahrheit; darauf haben Künstler in verschiedenen Arbeitstechniken Wirklichkeitsebenen und Deutungen, im wesentlichen vermittels Aquarellfarben, auflasiert, aber auch gespachtelt und mit Wachsmalstiften hingekrakelt. Bitte nehmen Sie es so, wie es ist. Im Gefieder des juvenilen Ententieres, wird einst eine Milbenart ihr Domizil aufschlagen, wird dort, sehr gelassen ihren evolutionären Plan weiterverfolgen, das Leben in Entengefiedern noch zweckmäßiger zu gestalten. Die Welt feilt an den Nukleinsäuren, die weise Milbe lässt geschehen.
Schnellzüge stampfen durch Bergtunnel und Astronauten, deren Augen aus Bergkristall gefertigt sind, steigen ins All hinauf und die Welt hüllt sich in Schwefelqualm.
Stakkatohafte Technobeats peitschen durch die Bohnerwachsgänge eines Hochbegabten-Internats ob Davos. Marie-Luise, designierte Bestsellerautorin, Eisprinzessin, Tennis-Ass und Ausnahmepianistin in spe, des Studienrates jüngstes Töchterlein, ein Backfisch von siebzehn Lenzen, sitzt, lediglich mit einem Ich ziehe Otterbabys dem zweiten Weltkrieg vor-T-Shirt bekleidet, unweit des Fensters, an einem Russentisch und ihr zartes Koksnäschen kräuselt sich recht reizend, als ein Leuchtmittel über ihrem güldenen Lockenkopfe erscheint, da ihr augenblicklich Schuppen von den Augen fallen: Gewiss, Hedonismus lautet das Lösungswort! Die Buchstaben nun flugs aus den Überschriften führender Lifestyle-Magazine ausgeschnitten, mit Nagellack und Glimmerstaub zusammengepappt, sodann gefaltet, zu einer Origami-Hydra mit vorknisternden Trotzköpfchen, die im Chor rufen: Siehe, Miniaturisierung und Beschleunigung wird da sein, ein apokalyptisches Rumoren und Schaben; mehr sollt ihr nicht erwarten. Aber das ist ja auch schon allerhand und nicht Nichts, denkt man, im Transit eine kleine Siedlung von feinstaubmatten Wohnwagen gewahrend, die sich hinter die Böschungskante einer Ausfallsstraße ducken, an der nubische Prostitutierte in die Fahrerkanzeln rumänischer Berufskraftfahrer steigen um ihnen zu dienen. Die Bewohner essen hier zerhackte Tiere in brauner Soße, sie haben schwarze Zähne und ihre grindigen Füße schubbern träge über schäbige Acrylteppiche mit Brandlöchern darinnen. Alle hier Lebenden sind abhängig von einer Droge, die aus den gemahlenen Leibern von Tausendfüßlern gewonnen wird. Der schorfartige Podsolboden, draussen, vor den Hängern, ist altölbeschmiert und übersät mit leergefressenen McDonald's-Verpackungen; ein Habitat der allerneuesten Schimmelkulturen und des Tschernobyltäublings, der, Pilzkundler werden es wissen, durch eine Wanderungsbewegung hierher geriet.
Der feine Herr Studienrat, des Backfisches alter Herr, wir erinnern uns, sitzt an einem anderen Ort, bei einer lauwarmen Tasse Kamillentee nebst zwei ungesüßten Haferkeksen, im Lichtkegel einer formvollendeten Stehlampe und beschriftet Post-It-Zettelchen mit peinlichst akurater Sütterlinschrift – Nonpareille versteht sich, das Material will schließlich genutzt sein. Kleine Bildungssentenzen und geistreiche Aperçus, Meyers neuem Lexikon oder Goethes Tagebüchern entnommen, die sodann in einen schweinsledern gebundenen Baedeker-Band eingeklebt werden, mit knöcherner Studienratshand, fein säuberlich, der feine Herr Studienrat gedenkt eine Reise zu unternehmen, zur Zitronenblüte – heim in den Schoß der Klassik.

Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« | Kommentare (4)

Albert Düsentrieb

Daß die Sprengung des zweithöchsten Berliner Bauwerks, des Frohnauer Sendemastes, ein voller Erfolg gewesen sei, wie gesagt wird, ist sympthomatisch für den Geist, der in Berlin herrscht, der an allem nagt, wie gierige, wie schädliche Raubinsekten. Nicht nur, daß die Maßnahme von einer schrecklichen Tragödie überschattet wurde, ein rotbraunes, besonders flauschiges Reh mit riesigen rehbraunen Rehaugen wurde von schrapnellartig umhergeschleuderten Stahlteilen erschlagen; wobei jedem klar ist, sofern wachen Geistes, unbedingt klar sein sollte, daß im Vorfeld Förster und Techniker mit Signalhörnern und Pauken durch das Unterholz hätten streifen müssen um das Rotwild von der geplanten Durchführung der Demontage in Kenntnis zu setzen. Die Situation glitt also aus dem Ruder und die Verantwortlichen legen nun falsches Zeugnis von ihrem Handeln ab. Gerade eine Stadt wie Berlin, für die der Erhalt, die Schaffung von guten Vertikalen so überaus wichtig wäre, entledigt sich ihrer köstlichsten Bauwerke – zudem noch unter Zuhilfenahme von Stümpern – einer höchst zwielichtigen Firma aus Ostdeutschland.
Berlin – die schlimme Bevölkerung Berlins, die Berliner also, die pampigen, die aggressiven Berliner, deren Physiognomien dauerhaft von Missmut deformiert wurden, die Gesichtszüge mit schartiger Klinge aus aschgrauem Speckstein geschnitzt. Diesen Existenzen gebricht es an Erhabenem, das ihnen jeden Tag erneut den wahnwitzigen Größenunterschied zwischen Mensch und Universum veranschaulicht, wie es die Berge tun, die dem Betrachter mitteilen, daß er ein Wicht ist, ein sinnlos strampelnder, ein nichtsnutziger Wicht, der jederzeit vom Fuß eines Riesens zermalmt werden könnte, ohne daß ein Hahn danach krähte, den der Herr, dessen ungeachtet, dennoch liebt, und der seiner sanftmütigen Nachsicht durch gut geformten Gneis und würzige Wildblumenwiesen reichlich, überreichlich Ausdruck verleiht. Da nun aber Berlin und, noch schlimmer, Brandenburg platt wie eine Flunder ist, wird die Bevölkerung nicht hinreichend und vor allem nicht kontinuierlich genug gedemütigt, insbesondere ist der Berliner nicht gezwungen seinen Blick gen Himmel zu richten, keine Vertikalen weisen ihm optisch den Weg zu Höherem, daher ist sein Verhalten so schlecht. Es gibt nur wenig gute Hochhäuser, es gibt keine Berge.
Der Architekt Jakob Tigges plant einen Berg auf dem Flughafen Tempelhof zu errichten, einen künstlichen Berg. Nun ist aber ein Berg, der nicht Produkt der Plattentektonik ist, ein Kitschberg, also ähnlich unsinnig und folglich falsch, als versuchte man Holz vermittels Holzfolie zu imitieren.
Alle jüngeren Bauwerke, nicht nur in Berlin, können nur noch als Zeichen eines absterbenden Systems gelesen werden, stehen sie doch nicht für Nichts, sondern leider ausschließlich für moribund überkommene Ideen. Daher fehlt ihnen die Größe, wobei die erbärmlichen Gebäude, von denen ich spreche, durchaus physisch relativ groß sein können, nur sind die Ideen aus Wirtschaft und Politik, die sie entstehen ließen, nichtig und kümmerlich. So wird man auch in einhundert Jahren noch staunende Touristen vor die Pyramide von Becán führen, nicht jedoch vor das A10-Center, das in fünfzig Jahren nicht mehr stehen wird, das eine hässlich ausgebrannte Ruine sein wird, verwüstet und von räudigen Wölfen und Schakalen bewohnt.
Erhabenheit führt zu Demut, daher ist es notwendig, ja längst überfällig, auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof einen gigantischen Betonquader zu errichten, einen Quader von einem Kilometer Seitenlänge. Nicht begehbar natürlich, ein massiv für immer im Sand lagernder, unzerstörbarer Betonquader, an dessen Fuß die Berliner geduckt umherschlichen, und man Handtaschendiebe und Vandalen zwänge, hinaufzublicken, tagelang, dorthin, wo die Falken nisten würden, und wo das rotbraune Rostwasser der Armierungseisen aus der Wand träte.
Ein weiterer gigantischer Betonriegel, in gleicher Bauweise, würde später, in West-Ost-Ausrichtung auf dem stillgelegten Flughafen Tegel entstehen, somit lägen die Stadtbezirke Prenzlauer Berg und Reinickendorf sowie Kreuzberg und Neukölln an Nachmittagen in tiefem Schatten. Bauwerke für das Nichts. Nicht Germania, nicht Bunker und nicht abstrahierter Holocaust. Reine Architektur, ohne den Makel der weltlichen Funktion.

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In Genrebildern

Des Nachmittags, als ich mit Schlittschuhen über einen erstarrten Strom glitt, schwebten, dem fliegenden Holländer gleich, Eissegler vorüber, gravitätisch und mucksmäuschenstill, weit hinaus auf die spiegelglatte Eisfläche, gegen die Bruchkante, die Fahrrinne des in der Sonne funkelnden Gestades, von dumpf stampfenden Eisbrechern klirrend in die frostigspröde Oberfläche gesprengt, daran zahlreiche Wasservögel, bald kalorienschonend lagernd, bald unter gellendem Rufe hysterisch auffliegend; Eishockeyspieler in farbenfrohen Anoraks, die dem Puck mit großem Hallo nachjagten, Familien mit Kind und Kegel, ja wohl selbst Oheim und Mume in Lammfellpelze gemummelt, die auf Schlittschuhen ihre Kreise zogen, daß es nur so eine Art hatte; Hunde, diese wuscheligen Räuber, die wie toll umhersprangen und um Bodenhaftung rangen, daß den Besitzern die Heiterkeit, ob des drolligen Unvermögens ihrer Dreckstölen, in die Gesichter geschrieben stand und oben – droben – über allem flashte ein überkrasser 32-Bit-Farbverlauf, der alle Register zog und der Grunewaldturm trotzte, in köstlich güldene Valeurs später Sonne getaucht, dem scharfen Nord-Nordost, der unerbittlich blies, daß die pausbäckigen Gesichter der Bürger rot erglühten. Als ich nun, im Laufe begriffen, mit blutendem Herzen, meinen Blick von diesem reichen Bilde riss, gen Boden blickte, zu den Spuren im Eis, dieser grazil geschwungenen Kufenschrift, die ja bekanntlich vergänglich ist, wie das Leben und die Liebe, gewahrte ich, im Eise eingebettet, als handele es sich um Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarge, einen gewellten Zettel aus Büttenpapier, darauf stand mit vollendet schöner Sütterlinschrift geschrieben: Wer das liest, befindet sich tatsächlich in einem Gemälde, einem Gemälde allerdings von Thomas Kinkade, oder doch eher von Carl Spitzweg? Keine Ahnung, vielleicht ein Carl-Spitzweg-Thomas-Kinkade-Mashup oder so. Allerdings ragte nicht die pittoreske Turmsilhouette einer gotischen Stiftskirche in den abendlichen Nebelglast, die Frauen trugen keine Muffs und auch kein scheues Rehlein stakste langbeinig auf eine überirdisch erleuchtete Lichtung um sein verficktes Bambinäschen in den Abendwind zu recken. Diese Dinge fehlten also. Trotzdem wurde der Sonnenuntergang von Hobbyfotografen vielfach angeblitzt, die Situation gefiel – auch mir (ohne Fotoapparat und Fotografierambitionen). Würde es sich um ein Bild von Thomas Kinkade handeln, kringelte der Bildungsbürger alles rot an und schriebe Kitsch an den Rand. Befindet er sich jedoch real in einer Thomas-Kinkade-Situation, so behagt es ihm, er denkt, hallo, wie geil ist das denn, und das Leben dünkt lebenswert. Thomas Kinkade war mir übrigens neu – ich wurde darauf hingewiesen. Als ich die Bilder zum ersten Mal sah, im Internet, fiel bei mir der Blutdruck muss ich sagen. Ach du grüne Neune, entfuhr es mir, das ist ja der letzte Scheißdreck!
Nun behaupte ich aber, es gibt keinen rational begründbaren Qualtätsunterschied zwischen der Malerei der Romantik beispielsweise und den Machwerken von Thomas Kinkade, mal abgesehen von der Tatsache, daß sich William Turner zu Thomas Kinkade verhält wie die Beatles zu Oasis. Nun könnte man behaupten, die Produkte Kinkades werden in Fabriken produziert, hinter ihnen stehe also das Streben nach Gewinn, nicht jedoch Empfindsamkeit oder eine künstlerische Aussage. Dem muss ich entgegenhalten, daß die Bilder Rembrandts, mit denen die Wände der namhaftesten Museen gepflastert sind, in nicht unerheblicher Menge von Assistenten produziert wurden. Rembrandt war quasi ein früher Markenname, wie es heute Coca-Cola und Gucci sind, die Produktion erfolgte arbeitsteilig; nichts anderes macht dieser Kinkade, der ja zudem ein Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts ist, einer Epoche in der die maschinelle Duplizierung und Erstellung von Bildern längst anerkannter Standard ist.
Nun ja, man könnte ferner behaupten, diese Bilder seien ja nun inhaltlich und formal wirklich etwas over the top. Das muß so sein, sage ich, das Biedermeierliche muss heute biedermeierlicher sein, als noch zu Spitzwegs Zeiten, um überhaupt eine Anmutung von Biedermeier zu erzeugen, es liegt an Auschwitz vielleicht, und an der Tatsache, daß Süchtige, Glukosejunkies in diesem Fall, bekanntlich die Dosis immer mehr erhöhen müssen; das Proletariat also, das sich diese Kinkadeprodukte kauft, als Soma, als Flucht aus der Welt in paradiesische Parallelwelten, die sich mehr oder weniger subtil, mehr oder weniger unverhohlen alle Menschen wünschen – wenn auch in der Geschmacksrichtung Steampunk oder mit brennenden Mülltonnen.
Ich fasse zusammen: es gibt keinen rational begründbaren Qualitätsunterschied zwischen diesem Kinkade-Trash und den Hochkultur-Ölschinken in den Museen. Subjektiv finde ich natürlich, daß Jan Vermeer oder Caspar David Friedrich beispielsweise die krasseren Maler sind, mit derberen Skills, die Sujets sind aber durchaus sehr ähnlich und auch die Werke Caspar David Friedrichs, bildeten, schon zu seiner Zeit nicht, die, seine Zeit prägende gesellschaftliche Umwälzung (Industrialisierung) ab, bestenfalls als gegenläufige visuelle Überreaktion. Die Trennung zwischen Kitsch und Kunst, zwischen Scheiße und Ästhetik ist eine stille und unbegründbare – wie ich behaupte – Übereinkunft, der in Bürgerhäusern sozialisierten und denen, die auf die heiligen Werte der Hochkultur in Kunsthochschulen und Leistungskursen gedrillt wurden.
So ein Kinkadepuzzle wäre, in einen neutralen, einen weißen Karton verpackt, der also keine Rückschlüsse auf seinen Inhalt zulässt, ein recht gutes Geschenk – eine Art Gleichnis für einen Beschenkten mit Humor: Je mehr die Lösung eines Problems voranschreitet, desto deutlicher wird das Grauen der Eindeutigkeit.

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Herr No entlarvt den Begriff der Schönheit erneut als sinnlos

Neulich ging ich im Rahmen von Besorgungen an einem Haus vorbei, das einst einem expressionistischen Seestückmaler als Wirkungsstätte diente, ferner verstarb in der Beletage ein Adliger im Kugelhagel zotteliger Terroristen. Ein gutes und geschichtsträchtiges Haus also, mit Böden aus Fischgrätparkett, welches mit ausnahmslos geschmackvollen Läufern in gedeckten Farben belegt ist (sicherlich).
Manchmal schreite ich in Ostberlin an einem übel beleumundetem Bordell vorüber und neulich stand dort ein handgeschriebenes Schild in den rot verschleierten Fenstern des Etablissements: Neue Thaimodelle eingetroffen. So wie Dinge mitunter zugleich wahr und falsch sind, so ähnlich ist auch dieses Schild traurig und lustig zugleich. Vom Duktus des Schildes auf den Schreiber zu schließen kann den Zyniker erheitern, ihn sich als den Arbeitgeber der neuen Thaimodelle vorzustellen, ist jedoch der betrübliche Aspekt des Schildes – der Situation hinter dem Schilde –; ihnen dräut wohl in jeder Hinsicht kein Zuckerschlecken, ganz zu schweigen von meinem ersten Gedanken: was geschah wohl mit den alten Thaimodellen? Fürchterlich. Auch dieses junge frustrierte Elternpaar in der Bahn, das das Leben zusammengeschüttelt hat, wie es mit Kleinstprodukten auf einem Rüttelband geschieht, welche man aus den Propagandafilmen des Fernsehens kennt, die in reisserisch wochenschauhaftem Ton die industrielle Fertigung verherrlichen. Die weiblichen Kurven, der wohl einst anmutig gebauten Mutter, die im Begriff sind, von Tiefkühlfett egalisiert zu werden, der Swarovskistein, der zwischen ihren spitzen Nagerzähnchen aufblitzt, wenn sie den Zwillingskindern, die bleich und verschüchtert in ihrem Zwillingskinderwagen kauern, ungehaltene Anweisungen zubellt und der Bürstenhaarschnittvater an ihrer Seite, mit großen Schuhen und eingefallenen Wangen, eine gebrochene, eine käthekollwitzsche Existenz. Hier gilt das Leben nichts, es ist ein hässliches Land, von Würmern besiedelt, es ist Ostdeutschland. Kinder und alte Thaimodelle enden in der Tiefkühltruhe oder Spaziergänger machen einen grausigen Fund im Unterholz, man kennt das aus dem Fernsehen.
Ich sitze übrigens momentan auf meinem italienischen Dreitausendeurosofa in meinem mondänen Westendappartement und trinke eine schöne Tasse Kaffee. Die Tasse ist auch ohne Kaffee sehr schön – sie ist von Villeroy & Boch®. Es ist ja immer zum lachen, wenn Menschen sagen, sie würden jetzt eine schöne Tasse Kaffee trinken. Besser noch, wenn sich Menschen eine schöne Tasse Kaffee gönnen, als sei die schöne Tasse Kaffee, eine, wenn auch nur kleine, so doch überaus verdiente Zäsur in einem puritanischem, von Entbehrung und Lohnarbeit geprägtem Leben.
Es stellt sich die Frage, was ist an der Tasse Kaffee schön, wenn beispielsweise das Matterhorn auch schön ist, oder eine Frau schön ist. Was eint also das Matterhorn, die Tasse Kaffee und die Frau (die nicht hübsch ist, da sie schön ist)? Ist es dumm, eine Tasse Kaffee als schön zu bezeichnen, wenn das Matterhorn – das auch als erhaben bezeichnet werden kann – als schön bezeichnet wird, oder ist es vielmehr ein Indiz für die Weisheit des Kaffeetassenschönfinders; ist doch das Entdecken von Schönheit in den Dingen, wenn auch nur in aufblitzenden Spuren, die Fähigkeit des wahren Schöngeistes, der die Schönheit nicht nur in den Künsten und der Natur entdeckt, sondern auch in den unscheinbaren, den profanen und künstlichen Dingen. Das einende Element ist wohl die positive Empfindung die das Schöne im Gehirn des Betrachters, des Fühlenden hervorruft, ein chemisches Wohlfühltheater also.
Kann aber etwas schön sein, wenn ich es in eine Staffelung zu anderen, mehr oder weniger schönen Dingen bringen kann, also wenn ich das Matterhorn schöner finde als die Frau oder umgekehrt? Nehme ich an, es gibt so eine Staffelung, wann hört das Bezeichnete auf, schön zu sein, wann beginnt das Gewöhnliche, wann das Hässliche? Wenn das Minderschöne folglich auch immer das Gewöhnliche, das Hässliche in sich trägt, kann es dann überhaupt schön sein? Oder ist das wahrhaft Schöne vollkommen schön und der nötige Kontrast, um das Schöne als schön empfinden zu können, befindet sich an einem anderen Ort, jedenfalls in einem anderen Ding. Gewiss ist wohl, daß die Schönheit der Frauen und die Schönheit der Kaffeetassen vergänglicher, sowie stärker dem Wertewandel, dem veränderlichen menschlichen Schönheitsideal unterworfen sind als das Matterhorn. Das Matterhorn ist, wenn nicht ewig, so doch sehr lange schön, am schönsten vielleicht, weil es der Archetyp des Berges ist – Emblem des Alpinismus allemal. Frauen sind jedoch nicht unweigerlich am schönsten, nur weil sie breite Hüften und große Brüste haben, wie die Venus von Willendorf beispielsweise…

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Die Hasenstatue

Ich begehe mit S einen schmalen Weg aus Lehm, der um einen mittelgroßen, von Buchenwald gesäumten See in Ostdeutschland führt. S trägt einen leger geschnittenen Freizeitanzug aus graumeliertem Jerseystoff mit elastischen Bündchen aus Lycra.
Deine Kleidung wirkt sehr bequem, sage ich zu S.
In einigen der zahlreichen kleinen Buchten sitzen stark tätowierte Skinheads mit großen Problemhunden und nagen schweigsam am Hungertuch. Am Ostufer des Gestades befindet sich ein Ferienlager für polnische Jugendliche, die sich heute, da die Sozialarbeiter MCing als Tagesordnungspunkt vorsahen, in einem Rapbattle messen, daß die derben Beats über die spiegelglatte Oberfläche des eiszeitlich bedingten Standgewässers schallen und einige Wasservögel schreckhaft auffliegen.
Da gewahre ich, noch vor S, im zwielichtigen Dickicht halb verborgen, die aufgelassene Keusche eines Waldbewohners. (Der Waldbewohner ist an einer Lungenkrankheit verstorben und seine Leiche wurde von Tieren aufgefressen entnehme ich einem Pop-up, welches sich bei Annäherung öffnet.) Auf einer Lichtung unweit der Keusche, liegen vermodernde, bald ins Erdreich sinkende Kunstbildbände verteilt, Tizian, Brueghel und Canaletto etwa; die Bildtafeln sind vom Regen aufgefächert und im Verblassen begriffen, von falben Insekten bewohnt und somit naturgemäß zu Humus zerfallend, wie alles Unbeseelte mit der Zeit. Von der widrigen Witterung weitgehend unbeschadet geblieben, da unter dem überkragenden Dach der Keusche auf einer Bank stehend, ist jedoch eine, aus dunklem Eschenholz geschnitzte, circa zwanzig Zentimeter hohe Statue, welche einen Hasen in sitzender Position abzubilden scheint. Die Hinterpfoten des dargestellten Hasens sind mit klassischen Herrenhalbschuhen bekleidet, wobei die hinteren Läufe des Hasens, eng um den Körper geschmiegt sind, als läge der Innenrist der natürlich ebenfalls geschnitzten Herrenhalbschuhe am Steiss des sitzenden Hasens. Die Struktur des Hasenfelles ist etwas stilisiert und folgt in seiner Form, ebenso wie die, von Ernsthaftigkeit zu Verhärmtheit überhöhte, Physiognomie des Hasens, der expressiven Idee des Künstlers; die Ausführung der hölzernen Herrenhalbschuhe jedoch ist von peinlichstem Naturalismus geprägt, jede Öse, jede Zwienaht, ja selbst die, sich widerspenstig, wie im Winde windenden Schuhbänder wurden von kundiger Hand detailgetreu in das gute Hartholz geschnitten. Kopf und Extremitäten des Hasens, der tatsächlich kein Hase ist, auch kein Hase aus Holz, sind, im Vergleich zu dem Körper, überproportional groß dargestellt. Die ganze Form der Statue wird weiters durch die recht komplexe, auch kleinteilige Maserung des Eschenholzes gebrochen und im Gehirn des Betrachters erweitert wie Bauschaum.

Thematischer Schwerpunkt: »Schlaf« | Kommentare (0)

Sie erhalten Anschluss an den ICE Friedrich Nietzsche aus Gleis 7

Der Deutsche ist wenigstens evolutionär auf ganzer Linie gescheitert, wenn man ihn beispielsweise mit dem Hund vergleicht. Dieser ist sein ganzes Leben lang begeisterungsfähig und munter, er findet Gefallen an den größten Nichtigkeiten; Begeisterung, die nicht selten in Ekstase kulminiert, selbst wenn nur ein vollgesabberter Tennisball der Anlass ist. Hunde sind genügsam, fatalistisch, vergesslich und blöd, also optimal gewappnet um am domestizierten, somit unwölfischen Leben nicht zu verzweifeln. Im Gegensatz zum sentimentalen und degenerierten Deutschen, der einerseits intelligent genug ist, Fußbodenheizungen und Wunderwaffen zu ersinnen, andererseits aber nicht intelligent genug ist, seiner Gefühle, namentlich denen des Leids und seiner ihn verzehrenden Triebe – Kraft seines Geistes – Herr zu werden. Er neigt zur Schwermut, es ist in seinen Genen so angelegt, und wird zusätzlich noch befeuert durch den Konsum von Klassik, durch Goethe und diese ganze niederschmetternde Musik in Moll; der Alpdruck lässt sich weder durch Schunkeln, noch durch das Anzetteln von Weltkriegen dauerhaft abschütteln leider.
Unter anderem deshalb liebt der Deutsche den Hund, wie Hitler seine Hündin Blondie, da er in ihm das erblickt, was er gern wäre, vielleicht nach der Wiedergeburt oder so: ein wehrhaftes und doch flauschiges Wuscheltier mit stattlichen Reißzähnen und gütigen Augen, das sein Leben mit schlafen, ficken, fressen und kacken freudig füllen kann ohne dabei zu verzweifeln und sein Scheitern als solches zu erkennen. Dem Deutschen gelingt das nicht, ob er sich unter das Joch seines genetisch eingeschriebenen Säugerprogramms beugt, oder ob er sich diesem verweigert, die Welt wird von ihm immer als im Grunde fade und fahl wahrgenommen. Daher sind die deutschen Städte so entsetzlich häßlich und Angela Merkel ist Bundeskanzlerin, der Schmerz drängt nach aussen, aus den Gehirnen in die Welt, all das ewige Elend der Deutschen materialisiert sich so als Ding und als Subjekt, auch als eingewachsene, von Pilzen verunstaltete, horngelbe und unappetitlich knorpelige Zehennägel in Gartensandalen aus grünem Gummi oder natürlich als immaterielles Holocaustgespenst.
Was ist zu tun? Den Schulkindern sollten nicht mehr Die Leiden des jungen Werther aufoktruiert werden, weg damit – mit diesem Schmutz; die Objektleiter der Museen müssten die drakonische Direktive seitens des Kulturministeriums erhalten, die düsteren Ölschinken von Böcklin und solchen Typen abzuhängen, und diese in den Keller zu tragen; das hehre Ideal der Erziehung und der Erbauung sollte nunmehr Mario Kart für Wii sein beispielsweise, ein modernes Ideal also, ein Ideal, das das Leben und das Licht spielerisch, bewegt und farbenfroh verherrlicht; in der Rezeption leicht wie Gervais Obstgarten und dabei so überaus kathartisch und zuträglich für das unbeschwert seraphische Gemüt unserer Jugend.

Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« | Kommentare (3)

A Day in the Life

Die Polizeibeamten, die im Schatten ihres Kleintransporters kugelsichere Westen anlegen, Handschuhe anziehen, um dann den Bahnsteig entlang zu patrouillieren.
Der junge Mann in der Kaufhauspassage, der in der Verkleidung eines mittelalterlichen Händlers, hinter der Theke eines antik gebeizten Holzhäuschen steht, um Lebkuchen zu verkaufen. Das Dach der Verkaufsbude hat eine dicke Schneedecke aus Kunststoffflocken, und der mutmaßlich unterbezahlte Pseudo-Knappe drückt nebenher die Tasten seines Mobiltelefones, er trägt wildlederne Stulpenstiefel, einen geschoppten Wams und einen Hut mit einer langen Feder.
In der Augenarztpraxis bekommt ein Mann seine sehr starke Sehschwäche attestiert und an seiner Kleidung wird eine gelbe Anstecknadel mit drei schwarzen Punkten befestigt, er wird dabei bald geführt, bald gestützt von einer jüngeren Frau – vielleicht seine Tochter, vielleicht seine wesentlich jüngere Gattin.
Handelt es sich also um Indizien für die Gültigkeit von speziellen Modellen, nach denen das Weltgefüge ewig abläuft, wenn man kulturhistorisch bedingte Parameter herausgerechnet, wie die Bedrohung durch Schußwaffen, die Medizin, Matrixfehler oder den Surrealismus, von Anbeginn an, oder sind es einfach nur nicht erweiterbare Unterklassen des Prinzips Großstadt?
Wie die Medien berichten, wenn ein Flugzeug abstürzt und alle Passagiere verbrennen. Es ist einerseits ein betrübliches, ein trauriges Ereignis, wenn Technik versagt und wenn Leben erlischt. Aber es lässt sich ein Modell bilden für das Leid und die Niederlage: die Flugzeuge dieser Serie hatten beispielsweise gravierende Mängel in der Konstruktion, wie herausgefunden wurde oder der Pilot war betrunken. Muss die Kontrolle der Luftfahrtgesellschaften verschärft werden, wie sicher ist das Fliegen heute, sind Fragen, die die Medien aufwerfen, um, vom uns umfangenden Tod, vom ewigen Scheitern der Technik abzulenken, das Grauen auf eine erträgliches, somit verkäufliches Maß – ein Maß an Wirklichkeit, das menschliche Handlungsfähigkeit suggeriert, herunterzuschrauben.
Die kugelsicheren Westen, als symptomatisch für die Bedrohlichkeit des kriminellen Bahnhofsmilieus, die Skrupellosigkeit und Verruchtheit des Verbrechens allgemein, als wäre mein Gehirn das Boulevardfernsehen, werden die – dem christlichen Topos Babylon zugehörigen – Bilder von im Erbrochenen Schlafenden, von fortgeworfenen Einwegspritzen, an denen geronnenes Blut haftet, von hysterischen Huren, hoffnungslosen Trinkern und im Rausch erhobenen Waffen innerlich eingeblendet.
Der historisierende Lebkuchenhandel, der den Passanten manufakturartige Produktionsmethoden und Klimakitsch vorgaukelt; Insignien eines Lügengebildes, die ich gedanklich versucht bin, mit einem Flammenwerfer auszumerzen, da sie so sehr falsch und schädlich scheinen.
Dann das Anstecken eines Emblems des Verfalls, das im Wartezimmer, unter den Augen der anderen Wartenden stattfindet; das Geführt werden, die Furcht – meine Furcht vor dem Zerfall des Gewebes, daß sich das Auge trübt konkret, ferner vor dem Eindringen von Viren und Krankheiten in den Körper – dieses verletzliche Fleischvehikel, das Ermatten der Körperfunktionen, das in Auflösung begriffene, vergessliche Gehirn; Synapsen die erlöschen, Zellen, die nicht mehr – nie mehr mit Sauerstoff versorgt werden und so fort.
Später am Nachmittag, da die Sonne hinter ein finsteres, oben eisblaues Wolkenband sinkt und sich oben kalt und schwarzblau das All wölbt, stellt sich kein plumpes Trugbild ein, aber eine diffuse Gewissheit von Wahrheit und Endlosigkeit.

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Das Universum ist überfüllt mit nutzlosen Planeten und Sternen in traurigen Farben

Die Mehrzahl der Christen betrachtet die Kirche bekanntlich als spirituellen ADAC. Man sieht die Kirche als pittoreske, leicht angestaubte Institution an, deren Kernkompetenz in der Bereitstellung eines romantischen Ambientes für Hochzeiten, wie in der feierlichen Endlagerung menschlicher Gebeine liegt. Das grundlegende Problem liegt m.E. in der heutigen Selbstwahrnehmung der Kirche als Wasenmeister mit Meinungsbildungsambitionen. Zumeist sind es sehr schlechte, wenigstens apodiktische Meinungen, wie man weiß, die in den mangelhaft geheizten und finsteren Sakralimmobilien den Schäfchen in pastoraler Strenge zugeraunt werden. Wäre ich die Kirche, würde ich beispielsweise sagen, der von uns postulierte Widerspruch zwischen Evolutionstheorie und der in der Bibel beschriebenen Schöpfung ist falsch, wir haben das nochmal nachgelesen, die entsprechenden Passagen literarisch betrachtet und unsere Meinung revidiert. Unser gotteslästerliches Treiben ist uns nun sehr peinlich und wir werden Asche auf unser Haupt streuen, einigen Kirchen den roten Hahn auf’s Dach setzen oder wenigstens in Großraumdiscos mit Tabledance umwandeln. Zweifelten wir doch mit unseren Aussagen an der Größe und Unfehlbarkeit des Herrn, würde ich beschämt sagen, wäre ich die Kirche. So würde doch jeder weltliche Techniker, ein Designer oder ein Programmierer beispielsweise, danach trachten, je komplexer eine Aufgabe ist (wenn auch alle weltlichen Problemstellungen ungleich minder komplex als die Schöpfung des Lebens sind), desto mehr an Routinen, künstliche Intelligenz und Content-Management zu deligieren, da die manuelle Verstrickung in Details bekanntlich total nervt, ja eine sinnlose Sisyphosarbeit darstellt, die den Blick für den großen Plan entgleiten lässt. Das wusste der Herr schon vor x Millionen Jahren, da er eben Gott ist, Topchecker und Superuser in Personalunion. Hier die Flora, da die Fauna, zack, und alles mit selbstregulativer Technik ausgestattet, der Fähigkeit sich durch Mutation und Selektion der jeweiligen Entwicklungsstufe anzupassen, wie ein Handschuh, würde ich sagen, wäre ich die Kirche, und alle würden denken, ja, genau, jetzt fällt es uns auch wie Schuppen von den Augen.
Gestern las ich im Internet eine Liste, die prominente Mitglieder der Church of Satan aufführt, unter anderem Sammy Davis Jr. und Marc Almond. Interessant nicht? Weiters erfuhr ich durch die Wikipedia mit einiger Erheiterung, daß Mangel an Ästhetik als satanische Todsünde gilt. Ich betrachtete dies schon immer als vor allem wichtigste säkulare Verfehlung überhaupt. Ferner erheiterte mich die Maxime Wenn dich ein Gast in deinen Räumlichkeiten belästigt, behandle ihn grausam und ohne Gnade, ein Wahlspruch, den ich meine Haushälterin anwies in sämtliche Sofakissen zu sticken. Mal abgesehen davon, daß ich mir nichts aus Schafsblut, dem despektierlichen Umgang mit Jungfrauen und ähnlichem abgeschmacktem Brimborium mache, ist Satanismus m.E. lediglich ein stimmungsvolles Sujet für Paperbacks mit Goldprägebuchstaben, sowie für Filme, die auf RTL2 ausgestrahlt werden; als ernst zu nehmender spiritueller Ansatz kann dieser alberne Mummenschanz nebst schaurigem Geraune (überhaupt, die Anbetung eines Querulanten des Himmels) nicht durchgehen, zieht doch der Satanismus seine Raison d'etre direkt aus dem Christentum – der Negierung des Christentums und ist somit per se abzulehnen, da ich auch jene Menschen strikt ablehne, die sich als Antifaschisten bezeichnen oder als Vegetarier. Seine Person über das Unterlassen einer Handlung (also Negerklatschen oder Bratwurstessen) zu definieren ist armselig und deutet auf einen dürftigen Charakter hin.
Der Verzehr von Fleisch ist jedoch insofern problematisch, ja unappettlich, als das der Verbraucher stets im ungewissen ist, ob er Nahrung zu sich nimmt, die kürzlich noch von Jörg Haider beseelt war. Ich liebe also dieses höchst unhöfliche rumfuhrwerken in der Reinkarnation von Seelen nicht, einem Gentleman verbietet sich folglich der Genuss von tierischem Gewebe.

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In Douglasiengehölzen

Hinter dem Fahrer schubbert eine Motorsäge über das Blech. Der Waldweg ist kurvenreich und uneben, in den Löchern steht Eiswasser. Dann wird die Luft blau vom Benzin und Metallzähne reissen eine Spanparabel aus dem Stamm und ein Kreischen in die Hügel. Doch das Material ist müde plötzlich, aus technischen Gründen; die Kette fährt rasch herum, ein Geräusch, als schlüge man mit einem Ast in ein Schlammloch. Schließlich kehrt die Stille zurück; die Braunerde ist benetzt. Es kommen die Tiere, es kommt der Schnee.
82% aller Befragten wünschen sich einen spektakulären Tod als Klimax eines abenteuerlichen Lebens. Doch das geht leider nicht. Nicht jeder kann einen Weltkrieg anzetteln oder sein Innerstes epochal auf Leinwände auftragen. Folglich breiten Rettungssanitäter meist eine Decke aus und stecken sich eine Zigarette an.
Ein kleines Häschen presst neugierig, sein von Schleim verklebtes Haupt aus der flauschigen Vagina einer liebevollen Hasenmama, die über zwei recht große, bernsteingleiche Knopfäugelein verfügt, tapst unbeholfen in eine herrlich saftige Frühlingswiese hinaus, auf der die schönsten, die allerschönsten Frühblüher ihre kessen Köpfchen dem Tage entgegenrecken und glücklich summend den labsalspendenden Sonnenglast trinken. Irisierende Tautropfen gleiten glitzernd von grünen, sehr kräftigen Blättern der durstig dunkelbraunen Scholle entgegen und in der Ferne des Frühnebels gluckert heiter ein weißer Bach über kugelrund geschliffene Steine, mündet schließlich malerisch mäandernd in einen baumbeschatteten See aus Stutenmilch, in dem Wölfe und Schwäne baden. Über allem spannt sich ein farbenfroher Regenbogen und darüber wölbt sich das Weltall, königsblau und gähnend und wenn das Weltall weint, purzeln weißglühende Sternschnuppen herab. (Disclaimer: Die Sternschnuppen sollen in Wirklichkeit keine Tränen sondern eher gefallene Engel oder so vorstellen.)
Schwarze Helikopter schwirren hektisch hin und her, wie Hummeln, die wie Helikopter wirken. Aus einer brennenden Chemiefabrik entweicht ein zäher, blasenwerfender Strom aus Hantaviren, bleichen Madeneiern und kotzeartiger Dioxinpampe.
In einem feinen Blutnebel, der die Szenerie in ein hübsches rosa Pastelllicht taucht, stehen bärtige Terroristen im Mittelgang eines Linienbusses und feuern zähnefletschend aus leichten Schnellfeuergewehren auf die Passagiere, daß die inneren Organe der Reisenden schmatzend durch die Luft flattern, als seien sie Schmetterlinge im Lenz. Europa steht unter Wasser. Alle Holländer sind tot. Aus den Schlitzen der Geldautomaten ragen rostige Aidsnadeln und Susi muß den Tennisunterricht heute sausen lassen, da der Geländewagen ihres Partners nebst zwei hochbegabten Kindern bei der Rückkehr aus dem Vogelpark Walsrode von einem Atommülltransporter, dessen Fahrer für einen Augenblick unaufmerksam war, da er eine CD von Erik Satie einzulegen wünschte, erfasst und zermalmt wurde. (Die Unfallstelle wurde vermittels Warndreieck ordnungsgemäß als solche ausgewiesen.)

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Die Rückkehr der Schmarotzerhummel

Ich versuche einen Artikel über Schmarotzerhummeln zu lesen, jedoch sitzen linker Hand zwei Männer, die über die Ästhetik von Immobilien reden, über Vortstadtvillen an der Rehwiese, die in eloquenten Sätzen die Form der geschwungenen Dächer beschreiben, die der steinernen Bänder, die sich in jugendstilhafter Spannung an der Fassade entlangziehen, begleitet von vornehmen Gesten, die sich aus der frühen Lektüre von Poesie und schöngeistig motivierten Italienreisen zu speisen scheinen. Filigrane, feminine Finger, die das Feuilleton nur sanft knittern und zärtlich das schellende Telefon ertasten wie den Penis ihres Partners; die die gelb bezeichneten Haltevorrichtungen der Bahn weich und doch voller Zutrauen umschließen, bereits wenn der Waggon nur leicht krängt, die randlose Brillen, von einem dezent herbstlichen Herrenduft umschmeichelte erdfarbene Tweedjackets, Mützen gleichen Materials wie gleicher Valeurs sowie frisch gestärkte van Laack Hemden tragen, aus deren Kragen, der herbstlichen Frische wegen, gedeckt seidene Halstücher herausragen.
Zu meiner Rechten, sitzt ein Mädchen, eine junge Frau von hagerer Gestalt, ihr Haar ist so frisiert, wie es jetzt mitunter wieder Mode ist, im Stile der vierziger Jahre, recht streng zurecht gesteckt, zu einer Art geschwungenen Langhaartolle, die an die Fotografien der fürchterlichen Familienministerin gemahnt. Ihr gegenüber sitzt ein Junge, leger – er flezt, wie gesagt werden kann, auf dessen Winterjackenrücken ein stilisierter Skorpion aufgestickt ist. Er hat einen Stoffbeutel dabei, ein Werbegeschenk des deutschen Bundestages, in dem leere Flaschen klunkern. Der Junge schweigt und hört zu, gelegentlich sagt er Affirmatives, wie krass, oder uff jeden, oder er nickt, offenbar high von Haschisch. Und das Mädchen erzählt viel, pausenlos, es stürzt aus ihr hervor, trotzdem spricht sie ruhig und unaufgeregt, in kurzen Sätzen, Puzzlestücken gleich, die durch die Schwerkraft zu einem traurigen Bild zusammengerüttelt werden; die Geschichte von dem Mann beispielsweise, der der Vater ihres Kindes ist, der sie während der Schwangerschaft verließ, wegen einer anderen Frau, der heroinabhängig ist und ihr jüngst per SMS seine Rückkehr avisierte, ihr trügerisch seine wieder erwachte Liebe versicherte, um dann, beim ersten Besuch, nachdem er sie beschlief, den Computer zu stehlen und zu verschwinden. Sie ist jung, trägt ein tailliert geschnittenes Camoujäckchen, das nicht hinreichend über die Nieren geht, die kurzen Beine sind von weißen weiten Sporthosen aus Jerseystoff bekleidet und ihr schmutzig blondes Haar erscheint durch das viele Haarspray von einer Beschaffenheit wie Sandstein zu sein, so spröde, als könnte man Teile davon abbrechen.

Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« | Kommentare (2)

Écriture automatique III

Kürzlich stürzte sich die Berliner Journaille, wie Hyänen in Angesicht einer halbverwesten Gazelle, auf das angeblich verstärkt auftretene Phänomen der körperlichen Übergriffe auf Busfahrer. Daß das gesellschaftliche Klima, wie man sagt, rauher werden würde, stand in allen Zeitungen, wenn nicht sogar zusätzlich zu vulgärmarxistischen, also unglaublich stumpfsinnigen Erklärungsversuchen ausgeholt wurde, oder im Rundfunk, den Opfern selbst, den Busfahrern also, Raum geboten wurde, ihre Meinung zu den erlittenen Misshandlungen zusammenzustammeln. Nun ist es ja jedem bekannt, daß es sich bei Berliner Busfahrern um sehr schlechte Menschen handelt, es ist bereits ein Klischee, man kann wohl durchaus weiter gehen und von gesellschaftlichen Schädlingen sprechen, die über Jahrzehnte das Volk schikanierten, mit einer nur den Busfahrern eigenen Form des kleinbürgerlichen Terrors, der sich vornehmlich gegen kleine Kinder, Senioren und Behinderte richtete, und schon hieran kann man leicht erkennen, wie verschlagen die Busfahrer über Jahre waren, es wohl noch sind. Mir drängt sich beim Lesen dieser verblödeten Meldungen sofort das Bild eines Gärtners auf, der Nützlinge in eine Salatkultur einsetzt, um der Schneckenplage Herr zu werden. Ein guter und natürlicher Vorgang, wie man sagen kann, durchweht ihn doch auch der Odem göttlicher Gerechtigkeit, ein wenig altestamentarisch zwar aber irgendwie voll OK. Schwangen sich die Busfahrer einst auf, das ihnen anvertraute Habitat zu dominieren, nach eigenem Gutdünken ein furchtbares Lederwestenregime zu installieren, wird ihnen nun zurecht Einhalt geboten und eine angemessene, körperliche, somit für Busfahrer deutliche Lektion in Demut zuteil. Der rabiaten Jünglinge könnte man sich schließlich, wenn die Busfahrer sich wieder in ihre angestammte Rolle als Lakaien des Volkes fügen, vermittels eines gigantischen Fußes entledigen, der aus den Wolken herabführe um alles unter sich zu zermalmen – theoretisch. In Wirklichkeit bedient sich das Weltgefüge natürlich subtilerer Mittel. Diese Rüpel, über die empört berichtet wird, werden unter dem Einfluss von Videofilmen derartig massiv mit Stumpfsinn infiltriert, daß sie einfach sehr rasch an Verblödung sterben; unweigerlich von Hirnerweichung und finalem Schlag dahingerafft werden müssen. Dies ist nun erstmalig eine These, die man als gewagt bezeichnen könnte, aber ich besuchte kürzlich eine Videothek in einem Armenviertel Berlins, seitdem halte ich sie für ziemlich plausibel, ja regelrecht stichhaltig, entwickelte die These genau genommen eins, fix, drei vor Ort, unentschlossen zwischen den Regalen herumstromernd, umgeben von kleinen, muskulösen und stark parfümierten Männern in weißen Jogginghosen. Ey, ischschwör, ein Monat habisch 72 Filme gesehen, Alter, sagte der eine Heranwachsende beispielsweise recht frank, in der Hoffnung, bei seinen kleinen Freunden mit diesem Bekenntnis Eindruck schinden zu können. Und der Mann hinter der Theke rief so durch den Laden, wohl für einen, der zum ersten Mal dort war, wohl um die Ausstellung eines Leihausweises ersucht hatte, ey, is Mustafa Vorname oder Nachname so? Hahaha, der niedere Stand rekrutiert sich aus Narren, gebiert die Narren genau genommen. (Was ich nicht weiss, bringt's das, gehörten Soziolekt zu transkribieren? Ich bin ja schließlich nicht James Joyce.) Unentschlossen Maulaffen feilhaltend, kristallisierten sich in meiner Beobachtung die Genres Kriegsfilm, Porno und so Kampfsportstyle als am beliebtesten bei der anwesenden Klientel heraus, diese Regale waren also besonders umringt von kleinen, parfümierten, muskulösen Männern. Wieso sehen eigentlich Männer, die danach trachten, sich besonders heterosexuell zu gebärden, stets am schwulsten aus? Das Publikum mutete also an, wie ein verblödeter, schwuler Kindergarten, der mutmaßlich in feuchten Souterrainwohnungen haust und sich von Mauerwerkspilzen und kaltem Dönerfleisch ernährt weil die Mikrowelle kaputt ist. Auch verstand ich bei diesem Besuch zum ersten Mal überhaupt die Bewandtnis der Genrebezeichnung Anspruchsvoller Film, es fiel mir gewissermaßen wie Schuppen von den Augen. Es handelt sich um Filme, in denen die Handlung von Dialogen und nicht von Autoverfolgungsjagden bestimmt wird. Somit ist auch deutlich, wieso in diesen Regalen immer soviel schlechte Filme stehen, eilig zusammengeschusterte Machwerke artifizieller Prägung, also der allerschlimmste Schund überhaupt, sind doch Dialoge bekanntlich der Feind des filmischen Films. Ja, nee, ich bevorzuge selbstverständlich auch Filme, in denen Konflikte mit Schußwaffen gelöst werden, Kraftfahrzeuge explodieren, schaurige Ungeheuer auftreten und vermittels raffinierter Tricktechnik, modernen Computerprogrammen wohl, die Illusion erzeugt wird, daß durch die Einwirkung von Gewalt, Körperteile vom Rumpf der Darsteller abgetrennt und entfernt – optional auch verzehrt – werden. Allerdings muß der Film wenigstens die Oberfläche bieten, über sich hinauszuweisen. Wenn jedoch eine Panzermine nur eine Panzermine ist, durch die Luft geschleudertes Sperma nur durch die Luft geschleudertes Sperma ist, muß der Betrachter, wie gesagt, unweigerlich an Verblödung sterben. Das gilt aber auch für die armseligen Cretins, die ernsthaft das Feuilleton der FAZ lesen oder im Fernsehen Talkshows betrachten, in denen Volker Kauder und Oskar Lafontaine fettärschig in den roten oder orangen Sesseln der Fernsehanstalten herumsitzen und Standpunkte vertreten; beim Betrachten sterben sofort Gehirnzellen ab – umgehend und irreversibel leider. Ich lieh übrigens schließlich die Spielfilm-DVD Iron Man aus; die erste dreiviertel Stunde war voll scheiße und voll langweilig auch, dieses umständliche und amerikanisierte, somit stumpfsinnige Golem-Motiv, dann aber richtig geile Effekte so, dem Zuschauer wurde quasi Einblick in die Arbeitsräume eines Superhelden gewährt, der mit dem Design seiner selbst beschäftigt war. Diese Szenen bestachen sehr.

Thematischer Schwerpunkt: »Umfeld« | Kommentare (4)

Erster Entwurf für eine Architektur gegen den Menschen

Es sollte ein Labyrinth gebaut werden im Stile der Hecken-Irrgärten vergangener Jahrhunderte, von bislang unbekannter, also gigantischer Größe. Die Wege wären von meterhohen, schwarzen Stahlbetonsegmenten begrenzt, welche sich im Boden versenken oder emporfahren ließen und verliefen ohne deutliches Muster. Den bestehenden Lösungsregeln für komplexe Irrwegesysteme oder GPS entzöge sich das Labyrinth natürlich, da sich die Wände, einem raffiniertem Algorithmus folgend, hinter den Menschen öffneten oder schlössen. Es gäbe kein Entrinnen für den planvoll Handelnden, nur wer seinem Willen entsagte, sich dem Chaos hingäbe, fände früher oder später wieder aus dem Irrgarten heraus, wie behauptet werden würde. Gäbe es im Inneren eine Gaststätte, würden dort auf Fragen nach dem Weg nur kesse Antworten gegeben, die Bediensteten wüssten es ja selbst nicht. Bestellte der Gast eine Tasse Kaffee, so bekäme er beispielsweise eine Flasche Limonade. Spräche ein Gast vom Universum, so täte der Angesprochene so, als ginge es um die Zwergenmumie von Wyoming. Eine Gaststätte wäre hier kein Ort des Schutzes oder der Behaglichkeit, sondern ein Ort der besonderen Verzweiflung, weit entfernt von den Ränder des Irrgartens aber natürlich nicht in seiner Mitte.

Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« | Kommentare (2)

Das Reisenecessaire

Es ist ja scheinbar eher schwierig so ein Reisenecessaire zu kaufen, da die Dinger entweder schwul oder scheiße aussehen. Jedenfalls suchte ich u.a. zu diesem Behuf die Spandauer Arcaden auf. Ich muss dazu sagen, als Hintergrundinfo für Sie, daß ich schon seit ein paar Tagen unter feinstofflicher Mimosität leide, was Gerüche angeht. Es regnet und überall müffeln die Menschen vor sich hin, und ihr kondensierter Atem läuft an den S-Bahnscheiben herunter und in den kleinen Tropfen leben Grippeviren und andere Kleinstlebewesen.
Es fing ja heute damit an, daß der Nachbar einen hundert Jahre alten Fisch zubereitete, ein wenigstens hundert Jahre alter Knorpelfisch in Altöl gesotten, der Nase nach zu urteilen, wonach sonst, und der dabei entstehende widerlich fettige Meereswrasen in meine Wohnung, meinen Luftraum, meine Nase zog. Ungeheuerlich, und das sprengt natürlich den Rahmen dessen, was ich eingangs als feinstoffliche Mimosität bezeichnete, das ist eine Art olfaktorischer Terrorismus. Dabei hat der Nachbar das Gemüt eines Schafes, er kann also nichts dafür. Es ist eben sein way of life, wie man sagt, sich an Tiefkühlkost und ranzigen, in Verwesung begriffenen Knorpelfischen schadlos zu halten. Aber der Gedanke, daß nun wenigstens einige dieser schädlichen Braftfettmoleküle in meinen Bronchien verbleiben, ist natürlich inakzeptabel, eine Ungeheuerlichkeit zweifellos.
In diesen sogenannten Arcaden, auf die ich jetzt gerne zu sprechen kommen möchte, wurden nun aber auch jede Menge schlechte Speisen aus offenbar minderwertigen Zutaten zusammengerührt, diese offenen Garküchen, die dort in den Kellergängen betrieben werden, sollen ja Atmosphäre usw erzeugen, ich würgte bereits am Geldautomat einen kleineren Brocken und etwas Gallenflüßigkeit leise in ein Brokattaschentuch, also noch weitab vom Epizentrum der Geruchsentwicklung. Auch wird hier ein Nagelstudio betrieben, aus dessen Türe stechende, ja beissende, die Atemwege verheerende Abgase entweichen, die nach verbrannter Haut, Horn wird es wohl vornehmlich sein, riechen. Alle Frauen hinter der Fensterfront des Nagelstudios hatten Lidschatten, teilweise in Metallicoptik, auf ihre Palpebra superior aufgebracht, sowohl die Nagelmodellagen empfangenen Kundinnen, als auch die feilenden Kosmetikerinnen. Einige haben fliehende Kinnpartien. Es handelt sich um diesen Typus Frau, bei denen sich, wenn der zierliche Babyspeck zu schwinden beginnt, aufgrund der Zeitläufte und fortschreitender Verhärmung in prekären Beschäftigungsverhältnissen mutmaßlich, eine gewisse getönte Grobschlächtigkeit und Verwachsung Bahn bricht. (Mir würde das übrigens nicht zusagen, unterirdisch, von Neonlicht bestrahlt und in Hornqualm gehüllt meinen Salär zu erfeilen.) Besser haben es da diese Typen, die bei Fahrgeschäften beschäftigt sind (in der angrenzenden Fußgängerzone war ein Rummel aufgebaut, eine Vorform, quasi das Puppenstadium des Spandauer Weihnachtsmarktes, der ja bekanntlich jeder Beschreibung spottet) namentlich also Autoscooter, da springen die hinten auf die Wagen rauf und schäkern mit den Mädchen und es riecht ziemlich klasse nach Autoscooter. Ey, voll geil Autoscootergeruch! Kennen Sie das? Erinnert ein bisschen an diesen S-Bahngeruch, früher, da unten im Gleisbett, aber auch ganz anders. Autoscootergeruch ist jedenfalls allemal eine verlässliche Konstante, wenn auch die Großbanken und Währungen (wie die isländische Krone in den nächsten zwei Wochen) zusammenbrechen, auf diesen Autoscooterplattformen wird ganz sicher immer Bumsmusik erschallen und es wird so erbaulich und gewohnt nach Autoscooter riechen.
Was mich auf die Plame bringt an regnerischen Tagen ist dieser Geruch nach nassem Hund und kaltem Zigarettenrauch, der meine Magenwände zusammenschnürt und mittelschwere Migräneanfälle hervorruft, das ich den Mann, der neben mir an der Bushaltestelle wartet und dabei eine Fluppe raucht und nach Moder und zweifelhaftem After Shave müffelt, umboxte, und den sich verletzt am Boden windenden noch mit Fußtritten traktierte, verfügte ich über die körperliche Konstitution und hormonelle Einstellung zur Ergreifung so drakonischer Maßnahmen. Tatsächlich halten mich auch in Aussicht gestellte gesellschaftliche Sanktionen und vielschichtige religiöse und weltanschauliche Beweggründe davon ab.
Später quietschte und eierte auf einem Hollandrad, das schon bessere Tage gesehen hatte, high und mich naturgemäß nicht erkennend, stumpfsinnig strampelnd, ein einstiger Schulkamerad an mir vorüber, den der gewohnheitsmäßige Genuss von Heroin in einen ollen Schwamm verwandelt hatte. Nun ist aber, wie man sich denken kann, den November präludierender Dauerregen, die denkbar schlechteste Umgebung für einen abgewirtschafteten Haushaltsschwamm auf einem unsäglich schlecht gewarteten Hollandrad, noch dazu in einer Spandauer Nebenstraße mit nicht unerheblichen Fahrbahnschäden.

Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« | Kommentare (2)

The FPÖ took my baby away

Gerade als ich mich anschickte, in der, dem Fremdenzimmer angegliederten Küchenzeile ein proteinreiches Frühstück zuzubereiten, zwei Eier zur Hand nahm, die eine naturgemäß freiheitlich gesinnte Henne noch im Morgengrauen aus ihrem Vaginaltrakt presste, Setzeier also an Baked Beans, in Anlehnung an die frühmorgendlich zelebrierte britische Opulenz. Nun gewahrte ich aber vor dem zur Straße weisenden Fenster verschiedene Geräusche, mich dünkte zunächst es handelte sich um einen unter Schalmeienklängen durchgeführten Aufmarsch des Österreichischen Turnerbundes, oder einen dieser inszenierten Almabtriebe, der die Sommerfrischler in die Lage versetzt, recht kitschige Digitalbilder aufzuzeichnen; in Wirklichkeit werden die Tiere in schalldichten Lastkraftwagen abtransportiert um im Tale endgültig der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette zugeführt zu werden. Doch Nein, als ich die moosgrünen Fensterflügel aufstieß, meinen Leib zwecks Einsichtnahme über das prächtig im Bergwind wogende Geranienbouquet in Landesfarben beugte, bot sich meinem Auge ein kummervolles Bild. Drunten in der Haarnadelkurve lag ein verunfallter Kradfahrer auf dem Asphalt, merkwürdig verdreht und gebrochen, in seinem schwarzen Lederhabit wie ein überrollter Salamander, umringt von Sanitätern, Schutzleuten und Kameraden, aus deren Gesichtern die männerbündlerische Forschheit gewichen war, zugunsten einer gewissen Fahlheit des Teints. Handelt es sich um ausgeflossenes Motorenöl, welches die Fahrbahn glänzen lässt? lautet einer meiner Gedanken in diesem Momente als ich einen Schluck frische Bergmilch aus einem Glase nahm in dem Walderdbeeren schwammen. Da riss aber die graue Zirruswolkendecke am Firmament auf, ein Lichtstrahl fiel hernieder auf die Szenerie, den Leblosen, die Umstehenden, das zusammengefaltete Motorrad mit den unsinnig verdrehten Räder und der Engelschor stimmte ein Lied an, begleitet von Harfen: Siehe, es handelt sich mitnichten um Motorenöl, Blut, rot wie Wein, ist es was dort den Asphalt netzt. Nun jedoch fiel es auch mir wie Schuppen von den Augen, der Herr nahm den unkonzentrierten Fahrzeugführer zu sich und der Ambulanzwagen fuhr schließlich gemächlich gen Tal ins Spital nach Spittal, ohne das Martinshorn einzuschalten — heuer pressiert es nicht. So ist er der Herr; unerforschlich wie gesagt wird, ganz schön cholerisch dachte ich aber bei mir, als ich die kernledernen Wanderstiefel schnürte, die ich am Vorabend peinlichst fettete, wies doch das mir vorliegende Meßtischblatt, ein am Fuße der zu durchsteigenden Hafnergruppe liegendes Hochmoor aus, aufbrausend also und in seinem Handeln ebenso flatterhaft wie gnadenlos, wie sich bereits der Bibel entnehmen lässt, die ich zu meiner Unterhaltung dort als leichte Bettlektüre zu lesen pflegte. Schließlich handelt es sich bei der Bibel um ein sehr erfolgreiches Buch, dessen Autorenkollektiv sich seit seinem Erscheinen einer wachsenden Anhängerschaft erfreuen könnte, würde es nicht längst die Radieschen von unten betrachten. Ein fanatischer und rücksichtsloser Fanclub hat sich um den Schmöker gebildet, der heute noch ziemlich krass rumnervt und bereits seit zweitausend Jahren hooliganartig umherreist um alles kaputtzumachen und Indianer anzuzünden. Kurzum ein nachhaltiger Erfolg, den andere namhafte Schriftsteller wie Stephen King oder Thomas Mann mit ihrem offenbar literarisch weniger inspirierten Werk nicht zu erreichen vermochten. Man kann sich den Herrn in etwa als unsichtbare, gleichsam graue Eminenz vorstellen, ähnlich wie Robin Masters, der ständig erwähnt wird, dessen Gestalt aber nie näher beschrieben wird. Nun muss ich aber eingestehen, daß ich das Buch noch nicht ausgelesen habe, und in guten Romanen durchläuft ja der Protagonist eine Wandlung und verlässt das Buch anders als wie er es betreten haben tat. Ich meine jedenfalls feststellen zu können, daß der Herr am Borderline-Syndrom litt, am Anfang, als er euphorisch die Welt schuf; dann plötzlich wirkt alles irgendwie Scheiße: Sintflut, zack weg. Oder in diesem Garten Obstgehölze bereitzuhalten und dann, als sich Eva auf Anraten der Schlange an den zweifelsohne knackigen und fruchtig wirkenden Früchten schadlos hielt, gleich so unverhältnismäßig auszurasten. Bekanntlich raten ja führende Ernährungswissenschaftler zu mindestens fünf Portionen Obst täglich; Eva konnte also ihren Vitaminhaushalt gar nicht vollumfänglich decken und wurde für ihr gesundheitsbewusstes Handeln zudem noch mit Geburts- und Regelschmerzen gestraft. Meines Erachtens neigt der Herr also zu Überreaktionen und spielt sich in den ersten Seiten des Erfolgsromanes als manischer Kontrollfreak auf, beispielsweise als er dem Zimmermann Noah, die genaue Bemaßung der Arche vorkaute, weil er ihn bezüglich Schiffbau offenbar nicht für beschlagen genug hielt. Der Herr hatte kein Vertrauen in seine Schöpfung und konnte folglich nicht delegieren. Vielleicht wird der Herr im zweiten Teil des Buches noch etwas lockerer, mal sehen. Ansonsten geht es die ganze Zeit nur darum, wer mit wem schläft, ferner jede Menge konkret krasser crime-content, wie Brudermord und spermageile Dreilochstuten, die ihren hinfälligen Vater alkoholisieren um sich in listiger Absicht nächtens in einer Art Kellerverlies von ihm schwängern zu lassen; mir ist das ehrlich gesagt über weite Strecken zu explizit oder zu langweilig.
Wer nun im schönen Kärnten rüstig ausschreitet, sieht sich am Wegesrand allenthalben mit hölzernen christlichen Darstellungen konfrontiert; Jesus, wie er blutet, oder zahllose Reihen geschnitzter Tafeln, die darstellen, wie der wohnungslose Monteur genau gefoltert wurde. Wissen Sie was? Dieses Christentum ist ganz schön morbid! Wieso nicht mal die schönen Seiten zeigen? Jesus, der das Wasser teilt oder knifflige Cateringaufgaben pfiffig löst. Hier ist die Kirche gefordert, aber sicher scheitert auch der gemeine österreichische Holzschnitzer an der Aufgabe solch lichte, wenn auch komplexe Szenen darstellerisch zu lösen. In gewisser Hinsicht ist ja Österreich wie Ostdeutschland, das merkt man sehr schnell, wenn man sich die aufgestellten Schilder oder die Zeitungen durchliest. Allerdings sind die hier lebenden Nazis recht höflich, grüßen im Stiegenhaus, und besteigen nach getaner Arbeit, gegen acht Uhr dreissig morgens etwa, die höchsten Berge der Welt ohne künstlichen Sauerstoff und im Alleingang (zugunsten des Vaterlandes) oder rezitieren im stillen Gebet das Ave Maria, während sie im frisch gebügeltem Tennishemd den Gegner bravourös vom Platz fegen. Wer hat’s erfunden? Ein österreichischer Anstreicher, der in Form einer schwulen Ratte reinkarnierte, die heuer von Wahlplakaten den Kraftfahrer naturgemäß rattenhaft anblinzelt und für rassische Hygiene und Aufnordung plädiert. Man kann diese Botschaften recht gut nachvollziehen, begegnen einem doch in Kärnten auf Schritt und Tritt Neger, Ausländer, Hottentotten und Zigeuner, insbesondere bei Bergwanderungen, wo sich das Pack leider zunehmend in Murmeltierbauten einnistet. Aber es ist ja nicht alles schlecht im Staate Österreich, wie gesagt werden muss, die kühn den Alpenhauptkamm durchschneidende Tauernautobahn etwa oder der Apfelstrudel, welcher mit großglocknergleich aufgetürmtem Schlagobers serviert wird und zweifelsohne als Gedicht bezeichnet werden kann.

Thematischer Schwerpunkt: »Reiseberichte« | Kommentare (5)

Die Geburt der Fickperipherie aus dem Geist der Romantik

Sprache ist ja keinen müden Pfifferling wert, wie sich unschwer nachweisen lässt. Wenigstens zur Kommunikation, zur Darstellung einer gewissen Form von Komplexität ist Schriftsprache, auch gesprochen, weitgehend nicht geeignet. Neulich wurde ich nämlich per Direct Message von einer geschätzten Bekannten gefragt, ob ich nicht ein Hotel in Berlin empfehlen könne, in dem sich ein Schäferstündchen durchführen ließe. Als ich die Frage, da selbst ratlos, weiterreichte an eine weitere Bekannte, die mit Gastronomie ihren Lebensunterhalt bestreitet, entspann sich ein kontrovers geführtes Gespräch um den Begriff der Romantik. Sollte ich das Bild einer romantischen Herberge entwerfen, so stünde diese am Ende eines geschlungenen, von blauen Blumen gesäumten Waldweges, der hoch und höher in die nebelumtosten und tannenrauhen Bergen führt, eine leicht ruinöse, aber irre malerische Mühle vielleicht, am rauschenden Bach gelegen; dieses Bild, das Joseph von Eichendorff, Novalis und diese anderen Typen in unseren Gehirnen installiert haben als Ausstülpung eines melancholischen Gemütszustandes. Romantisch also als Adjektiv zu Romantik. Ein romantisches Hotel ist in Berlin demnach nicht verfügbar, folgt man dieser Definition. Allerdings hat sich offenbar in der laxen Verwendung von Sprache ein Romantikbegriff etabliert, der alles bezeichnet, was irgendwie amourös ist und ein Gefühl von Wärme generiert. Im Falle des imaginierten Hotelzimmers für sogenannte romantische Stunden zu zweit, wären das Himmelbetten, Whirlpools, orangene Kerzen, Duftlampen, seidenartige Baldachine, pailletenbestickte Kissen und schmiedeeiserner Scheißdreck. Es handelt sich also bei romantischer Einrichtung tatsächlich um Fickperipherie, die über die übliche, Ficken bereits als übliche Standardhotelbeschäftigung enthaltene, Funktionalität eines Hotelzimmers hinausgeht. (Die süßliche Verklärung von Funktion hier als Indiz für Kitsch.) Allerdings ist der von mir eingeführte Neologismus der Fickperipherie natürlich total unromantisch, wenn man dieser letzteren, etwas diffusen Definition von Romantik anhängt.
Symbolbild Fickperipherie
Innenarchitektur im Dienste des Geschlechtsverkehrs. Links im Bild: Neuschwanstein als Archetyp des Kitsches.

Während des Gesprächs musste ich dauernd an die Erzählung Ein Tisch ist ein Tisch von Peter Bichsel denken, die ich als Kind las, und die, wie ich finde, eine vorzügliche Einführung in die Semiotik und die Dekonstruktion von Zeichen und deren Bedeutung darstellt, auch wenn sie etwas zu pädagogisch ist.
Nun sind aber die Freunde des Kitsches, wenn auch unbewusst, bekanntlich gnadenlos in der Aneignung von Kulturgut, um es zurechtzustutzen und ihren Bedürfnissen gerecht zu machen, gleichsam zu verstümmeln.
Mondaufgang über dem Meer
Mondaufgang über dem Meer, Caspar David Friedrich, 1819


Präkoitale Situation
Sonnenuntergang als präkoitale Situation.

Sind die Bilder der Romantik, namentlich die Rückenbilder von Caspar David Friedrich, wenn auch im Kern ebenfalls kitschig, eine Darstellung der inneren Landschaft von Individuen, gleichsam die materialisierte Melancholie des Menschen in Angesicht einer raumgreifenden Moderne, so verbleibt beim Kitschgenre romantischer Sonnenuntergang zu zweit nur noch das Süßliche und die fanatische Verherrlichung der heterosexuellen Zweierbeziehung.
Als ich meine Gesprächspartnerin nun, statt einer Definition, bat, ihren Begriff der Romantik, einer idealen romantischen Situation in ein Bild zu kleiden, führte sie ohne zu Zögern jene Zeichentrickszene an, in der die beiden verliebten Kitschhunde Susi und Strolch, gemeinsam ein Nudelgericht verzehren und sich dabei in innigster Zweisamkeit eine Nudel des Typus Spaghetti teilen. Ungeheuerlich! ruft der Bildungsbürger, gut so, sage ich.
Pastapunk
Susi und Strolch in Teilung einer Nudel begriffen.

Unabhängig vom marginalen Bedeutungswandel der Sprache durch Zeit und gesellschaftlichen Wandel führt eine derartig beispielhafte Dekonstruktion von Bedeutung einerseits dazu, daß die Menschen nicht mehr sinnvoll verbal kommunizieren können, jedenfalls wenn sie Worte verwenden wie Romantik, Schönheit, Kunst, Design, Liebe und Geist beispielsweise, andererseits wird dem klassischen, zu unrecht glorifiziertem Kulturerbe des deutschen Bildungsbürgers nicht mehr der hündische Respekt zuteil, den schrullige Germanisten und Revisionisten jedweder Couleur von der Jugend einfordern. Es lebe die Popkultur und das große Gefühl, nieder mit der deutschen Romantik, der Scheißklassik ohnehin, Goethe natürlich, nieder auch mit Thomas Mann, der bekanntlich sein literarisches Œuvre so bürokratisch und ergebnisorientiert schuf, wie andere Menschen Homebanking betreiben oder im Internet Hundefutterdosen nachbestellen, dessen Romane, von den Buchgemeinschaften schweinsledern gebunden, zumeist ungelesen in den hintersten Ecken der Wohnzimmerschränke des Gelsenkirchener Barocks verschimmeln und in ihrer epischen Schwartenhaftigkeit, den deutschen Großschriftsteller zum Dan Brown der Weimarer Republik machen. So. Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« | Kommentare (8)

Écriture automatique II

Die Feldheuschrecke, die vormittags gegen elf, als ich auf der Veranda saß und einen Roman las, erschien und vor meinen Füßen umhersprang, bald auf den Boden bald auf den Rand der Pflanzenkübel, hier leider von mir zunächst unbemerkt, auf einen Rosenstock im Kübel, den ich neulich, da von Schädlingen befallen, reichlich mit Pestiziden zu besprühen gezwungen war. Gleichso, wenigstens ähnlich ergeht es auch den vielen Tölpeln, die sich Berlin aussuchen als sogenannte Wahlheimat, und dort zudem die schlimmsten Bezirke wählen, namentlich Berlin-Mitte, Friedrichshain, und, in weiten Teilen Prenzlauer Berg. Aus all den guten Orten, die ein Mensch, ein junger zudem, wählen kann als neue Heimat in Europa, der Welt, taumeln diese Idioten dahin, wo es nur so wimmelt von anderen Idioten und wo ein ungemein schädliches, ja giftiges geistiges Klima herrscht, an dem man unweigerlich zugrunde gehen muss. Die Welt ist schließlich kein Roman von Fallada; im Gegensatz zum falladaschen Helden, treibt die Idioten jedoch nicht eine Idee von Großstadt, eine persönliche Vision gar, nein, sie treibt natürlich nur ihre Dummheit, der Instinkt zwingt sie, mit anderen Idioten eine Kolonie von Idioten zu bilden, sich fortzupflanzen, gleichsam ein neues Idiotengeschlecht zu gebären. Berlin ist nicht Los Angeles, Lugano, Prag oder gar Rom, das den Zuzug von Idioten durchaus verkraften könnte, das den dumpfen Menschen möglicherweise mitreisst und emporweht, ihn hebt und läutert, mit dem frischen Wind, der in Weltstädten waltet, entweder durch die Bausubstanz, die Schönheit seiner Frauen, die prosperierende Wirtschaft, oder, dies als das Höchste, als Ideal quasi: mit der Kunst und dem Denken, das in einer Stadt herrscht. Es ist nun leider aber so, daß immer neue Idioten, in der kläglichen und unsinnigen Absicht, ihrem stumpfsinnigen Provinzleben, durch eine Veränderung der äusseren Umstände Sinn und ein Quentchen Lebensfreude abzutrotzen, auf hier bereits seit Jahrzehnten lebende, also wie Pilze verwurzelte Dummköpfe treffen, und die schon stickige Luft wird somit unweigerlich immer noch stickiger und unerträglich geradezu. Die Idioten ziehen sich also gegenseitig noch weiter hinunter auf den Boden, die Gosse, in den Lethestrom. Insbesondere Ostberlin, die von mir genannten Stadtteile, die vielen verkommenen Gegenden dort, vereinigen alles Schlechte der Großstadt mit dem Muff der Provinz, pappen in ihrer baulichen und geistigen Enge, das Negative gleichsam zusammen zu einen gewölleklumpenartigen Moloch, den eine rachitische Hyäne in den märkischen Sand würgte. Ich bedaure dies alles sehr, da Berlin meine Geburtsstadt ist, mich somit wenigstens emotional einiges an die Stadt bindet. Berlin gilt wohl ungebrochen mancherorts als Weltstadt, nämlich überall dort auf der Welt wo sich die Jugend an der Bushaltestelle trifft. In Berlin wohnen! Als Künstler, als Techno-DJ, als Blogger oder um Becksbier zu trinken und ein iPhone auf den Gaststättentisch zu legen. Die Kunst, die in Berlin produziert wird, ist die Kunst von vor zwanzig Jahren, ebenso wie die Musik und die Literatur; die gängige Mode ist geradezu grotesk lächerlich, man würde Menschen in anderen Städten so selbst den Zugang zu einem zoologischen Garten oder einer Minigolfbahn beispielsweise verwehren, da sie natürlich sofort als überholt und abgeschmackt erkannt werden würde. Die selbsternannte Avantgarde ist ein Haufen von betrunkenen Narren, der sich zu Unrecht des Begriffes der Bohème bemächtigte um ihn mit Füßen zu treten und zu beschmutzen. In Wahrheit handelt es sich natürlich um Kleinbürger und Zurückgebliebene; Kinder deren Federtaschen in jeder Schulpause aus dem Fenster geworfen wurden damals, das ist ja offensichtlich. Objektiv spreche ich von Gescheiterten, die keinen Nagel gerade einschlagen könnten, und dieses Unvermögen dann wortreich und zugleich dumm, dem Hammer, dem Nagel oder dem Holz anlasten würden, die nicht Schillers Lied von der Glocke rezitieren könnten, geschweige denn einen einzigen geistreichen Standpunkt zu irgendeinem beliebigen Thema liefern könnten, selbst wenn es sich um typische Idiotenthemen wie Dubstep oder Social Web handelte. Begünstigt wird die geschilderte Abgeschmacktheit des Auftretens und der dort im Osten herrschenden faden Gedanken noch durch die widrige Wohnsituation in den genannten Bezirken, Berlin Mitte und Friedrichshain beispielsweise, Prenzlauer Berg nicht zu vergessen. Im Gegensatz zu den sehr schönen und geschmackvollen bürgerlichen Bezirken des Berliner Westens, sind die Ostbezirke von baulicher Enge geprägt, es dominieren die Arbeiterquartiere, großzügige Boulevards und schöne Parks wird man dort leider vergeblich suchen. Ich nenne diese Umstände um zu verdeutlichen, wieso die Menschen, die in Ostberlin als Künstler ihr Leben fristen müssen (selbstverschuldet), so verhärmt wirken, käsebleich und von schlechter Körperhaltung gezeichnet sind, sie bewohnen ehemalige Mietskasernen, feucht zumeist und von Schwarzschimmel befallen mitunter, die zu gefragten, den gefragtesten Quartieren der Stadt wurden; Miethaie und Immobilienspekulanten lachen sich ob dieses Umstandes natürlich zurecht ins Fäustchen. Sie müssen sich das bitte vor Augen führen, schummrige und stockige Hinterhofwohnungen zu einem Preis, zu dem sich spielend ein Haus in Italien kaufen ließe, an den herrlichsten Orten wohlgemerkt, mit Blick auf den Lago Maggiore beispielsweise, den Garten voller Zitronenbäume etcetera. In dieser schlechten Umgebung also, Berlin Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg als Beispiel, zwischen Müll und Hundekot, umnebelt von Autoabgasen, in Gesellschaft der größten Idioten der Welt natürlich, bei stumpfsinnigen, sich unerträglich im Kreise drehenden Gesprächen, zudem ohne Blick auf Bäume oder den Himmel kann nur Schlechtes entstehen, das ist jedem klar, es ist ja überdeutlich. Es verbleiben nunmehr nur noch einige wenige akzeptable Stadtbezirke in Berlin, wie Westend, wenige Lagen in Wannsee und Grunewald in denen es sinnbildlich nach Amerika, nach Atlantik und nach Aglianicotrauben riecht und nicht nach Kohleverstromung, Hundekot und Becksbierneigen. Es ist ja so, daß selbst Ostdeutsche, die ich hier in Westend durch die Straßen führe oder in ein gutes Restaurant einlade, ganz beeindruckt, geradezu geblendet sind in Angesicht der großzügig angelegten Straßen, einer kühnen Achse wie dem Kaiserdamm etwa, und mir ihren Wohlgefallen hundertmal versichern, wenn wir vor den prächtigen Stadtvillen mit den schönen Gärten stehenbleiben und den alten Baumbestand betrachten, die nach dem Kriege von kundiger Hand renovierten Fassaden, aber auch, oder mitunter gerade die – einst von wegweisenden und führenden Architekten pfiffig und modern geplanten – Betonbauten der Bauausstellung. Zusammenfassend lässt sich sagen, daß selbst die häßlichsten Lagen Westberlins mehr Charme und weltstädtischen Esprit versprühen als ganz Berlin-Mitte, diesem widerlichen und alles verwesenden Pestizidkübel.

Thematischer Schwerpunkt: »Umfeld« | Kommentare (14)

Deutschland schenkt den Ostlern eine Autobahn

Mit dem eigenen Kraftwagen zu reisen ist beängstigend, wohl schon immer gewesen, es handelt sich schließlich bei Autobahnen in jeder Hinsicht um Orte des Grauens die Adolf Hitlers morbiden Gehirn entsprangen. Das Fahren selbst ist bereits ein reines Vabanquespiel, aber selbst wer Manns genug ist sich nicht dem Sekundenschlaf hinzugeben oder unglücklich nach einem unter den Sitz gerollten Orangensaftverschluß zu tasten, schwebt in steter Gefahr, Opfer eines auf der linken Spur – aufgrund ungünstiger hormoneller Einstellung – mit zweihundertsdreißig Sachen, forsch heranbrausenden Handelsvertreters zu werden. Oder diese längs der Fahrbahn angebrachten, visuell leicht zu erfassenden, braun-weiß illustrierten Schilder, zum Behuf, dem Reisenden Naturschönheiten oder historische Bausubstanz schmackhaft zu machen und so listig in die erbärmliche potemkinsche Fachwerkhölle der Provinz zu locken. Wer nichts hat, wie das wüstenartige Territorium der ehemaligen DDR beispielsweise, versucht vermittels Blechschild wenigstens zu behaupten, die Landschaft sei lieblich, oder eben historisch, selbst wenn es sich offensichtlich um verbrannte Erde handelt und man im zügigen Transit durch die getönten Seitenscheiben größere Gruppen gewahrt, die sich am Samstagabend auf einsamen Tankstellen unsäglicher Ortschaften trafen um ihr Elend mit Branntwein zu betäuben. Zum Glück ist Westdeutschland jedoch so generös, in den betroffenen Landesteilen recht schöne Windkraftanlagen zu betreiben um so den verhärmten Menschen des ehemaligen kommunistischen Unrechtsstaates wenigstens etwas Erhabenheit und Lebensfreude zu schenken. Weiter, bloß weiter, lautet hier die Devise des Kraftfahrers!
Eine Gaststätte aus Beton, die einst ein sich kühn wähnender Architekt in futuristischer Absicht über die Schnellstraße spannte, auf das die Besucher, beim Speisen von Schweinenieren an Letschokroketten auf eine scharfe Fahrbahnkurve blicken können, in der vagen Erwartung schicksalhaft entfesselten Stahles an Feuerball. Jedoch nicht nur die schlauchartige Gaststube, auch die Sanitärraume und Parktaschenbereiche draussen sind von schrecklich langsam und zombiehaft vorwärtstaumelnden Menschen überflutet auf der Suche nach Bratfett und Benzin. Verwachsene, bei denen sich bleiches Fettgewebe an ungeahnten Stellen nach aussen stülpt, so grobschlächtig, bedrohlich und zugleich ungemein weich, daß sich die Nackenhaare des wohlweißlich an kurzer Leine gehaltenen Jagdhundes aufrichten und die Lefzen des Tieres zu zittern beginnen. Die Diagnose des Hundes ist klar und richtig, es herrscht hier ein Überfluss an gutem weichen und fettreichen, leicht zu reißendem Menschenfleisch. Allerdings darf man dem Drängen des domestizierten Raubtieres nicht nachgeben, er wird schließlich primär deshalb gehalten, da sein lockig fallendes Fell recht schön glänzt und die schwarzbraunen Augen so treu blicken; das Ausagieren des Jagdtriebes sollte unterbunden werden, der Gesetzgeber sieht es so vor. Später dann, in einem waldreichen Hügelland, warnen Schilder, die einen stilisierten, im Sprunge begriffenen Rehbock vorstellen, vor dräuendem Wildwechsel. Nicht auszudenken, wenn Damwild leichtsinnig und in falsch verstandener Wildheit seine zweifelhafte ökologische Nische verlässt und in arttypischer Blödheit über die Piste sprengt, dort auf einen in Reisegeschwindigkeit befindlichen Kraftwagen trifft, daß das zerschmetterte Wildbret schrapnellartig durch die geborstene Frontscheibe in die Fahrgastzelle eindringt und so vielleicht eine Kleinfamilie ausradiert. Dann hat man nämlich mal Pech und Prostataprophylaxe, Bausparvertrag, Seitenaufprallschutz und alles waren für die Katz.

Thematischer Schwerpunkt: »Materie« | Kommentare (5)
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