Hightatras:
Das rekonvaleszente Pony
Junge Mädchen von heute tragen wildlederne Stiefel in frischen, leuchtenden Farben, gerne auch rosa oder apricot, außen zur Zierde reichlich mit Pelz und Posamenten besetzt. Die vier Backfische, die in der Straßenbahn auf einer Bank Platz genommen haben, stecken die Köpfe zusammen und erörtern die Situation auf den Reiterhöfen im Norden Berlins. Man muß wissen, daß doch neulich in Schildow ein bereits betagtes Pony angefahren wurde. »Ich war bei der anschließenden Beinoperation und dem Lauftraining dabei« vermag eine der Heranwachsenden aufzutrumpfen, und verzieht triumphierend ihr kindliches Gesicht. Neid lässt die hippophile Gruppe verstummen und mir fällt ein Stein vom Herzen, kein behindertes Pony, ich bin vollkommen beruhigt. Im Gegensatz zu dem misanthropischen Straßenbahnfahrer, der immer wieder cholerische Durchsagen, eingeleitet durch Kraftworte, in sein Mikrophon brüllt. Ein vollkommen verblödeter Fahrgast hatte in seiner unfassbaren Nichtsnutzigkeit den Haltewunschtaster zur Unzeit betätigt. Selbstverständlich wird dem falsch Handelnden, ja allen Reisenden eine ordentliche Standpauke zuteil, eine lautstark vernichtende Abfuhr, die sich der Betreffende hinter den Spiegel stecken kann. Solch ein Lapsus darf einfach nicht passieren! Später. Offenbar hat der diensthabende Fahrer die Lautsprecheranlage für sich entdeckt, macht regen Gebrauch von der technischen Möglichkeit seinen Hass elektrisch verstärkt hinauszuschreien. Der Waggon verfügt nämlich auch über einen Außenlautsprecher. »Bleib stehen Du Arschloch!« wird im Kreuzungsbereich ein unachtsamer Autofahrer angeherrscht und somit in seine Schranken gewiesen. Mit seinem surrealistisch unangemessenen Umgangston handelt er, wie viele hier, abseits klassischer Etikette. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Wechselhaft

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Thematischer Schwerpunkt: »Witterung« |
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Schauplatz Badezimmer
Was ist nur mit dem Autor dieses Weblogs los, wird sich mancher Leser fragen, immer nur Seuchen, Kriege lauter morbides Zeug. Ich weiß was Sie denken, und Sie haben recht. Schön ist das nicht! Auch in den eigenen vier Wänden passieren mitunter die skurilsten Dinge. Zum Beispiel beim Zähneputzen, da stehe ich so vor meinem Badezimmerspiegel und putze so, mit einmal, Sie wer'n lachen, löst sich die Zahnbürste auf. Da sagt man nichts. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Haushalt« |
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Ein Marienkäfer landet
Güldenes Licht einer geschmackvollen Stehlampe taucht das abendliche Arbeitszimmer in schummriges Zwielicht. Zu später Stunde bin ich im Begriff vermittels eines Computerprogrammes ein Dokument zu editieren. Ganz schön duster hier, tritt man nur einige Schritte vom Arbeitsplatz fort, so sieht man seine Hand kaum vor Augen. Da, eine Bewegung jenseits des Bildschirmes, ein kleines Tier ist auf dem anthrazitfarbenen Rahmen des neunzehnzolligen TFT-Displays gelandet, schüttelt kurz seine filigranen Flügelchen um sie sodann unter den zarten Chitinpanzerklappen zu verstauen. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Tierreich« |
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Marketing heute
Im Berufsverkehr sind Straßenbahnfahrten mitunter recht zäh, von Autos umzingelt muss die Tram immer wieder längere Zeit warten. Durch die Scheibe des an der Ampel pausierenden Waggons fällt der Blick in die im Hochparterre gelegenen Räume des kirchlichen Gemeindehauses. Eine hochmotivierte Gemeindeschwester wirft selig lächelnd ihre Arme in die Höhe. Im Fensterrechteck des Saales erscheinen zögerlich zahlreiche Kinderhände, die es der rosigen Vorturnerin gleichtun. Kinderturnen mit Birthe vielleicht. Nebenan, in Nachbarschaft zum Bioladen, wo früher Blume 2000 war, wird demnächst ein neuer Laden für Holzspielzeug eröffnet. Maler sind gerade im Begriff sämtliche Wände scharlachrot zu streichen. An der Fassade wurde schon das Firmenschild angeschraubt, das neue Fachgeschäft wird »Die wilden Schwäne« heissen. Ob man sich damit im Moment erfolgreich bei jungen Müttern positionieren kann? Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Schneeschmelze

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Thematischer Schwerpunkt: »Umfeld« |
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Mit den Anwohnern im Gespräch
Vor mir auf dem Gehsteig eine meiner Nachbarinnen, erste Treppe links. Weinroter Anorak, weißes Haar, der Gang leicht gebückt, sie kommt mit allerlei Beuteln vom Einholen.
Ich so: »Guten Tag«
Überraschung geht nahtlos in große Freude über.
Sie so: »Ach, na sowas, Guten Tag!, wir haben uns lange nicht gesehen was?«
Handelt es sich um einen Scherz oder um fortgeschrittene Vergesslichkeit? Trafen wir doch erst gestern an nahezu gleicher Stelle zusammen und wechselten Worte des Grußes.
Später an einem anderen Ort. Ein Schnauzbärtiger, das Haupthaar im Vokuhilastil frisiert, hat seinen PKW auf dem Bürgersteig geparkt. Dicke Hände stapeln Brausekästen, Würste, Tüten, Schweinehälften, Schnapsflaschen was weiss ich noch alles auf das Trottoir. Wolfgang Petry, allerhand Waren sowie ein Kraftfahrzeug versperren mir also den Durchgang.
Ich so: »Kann ich mal durch bitte?«
Der Zwangsproletarisierte so: »Hast du'n Problem?«
Ich so: »...«
Der Zwangsproletarisierte so: »Ob du'n Problem hast frag isch.«
Schweinsäuglein funkeln mich erzürnt an, der Typ is uff 180.
Ich so: »Ich würd gern mal durch, wenn's möglich ist.«
Der Zwangsproletarisierte so: »Hast du'n Problem? Weil wenn du'n Problem hast kriegst du nämlich mal ganz schnell wat aufs Maul so einfach is det.«
Die rhetorische Frage wird somit, wenn auch wenig überraschend, doch noch aufgelöst. Manche die hier wohnen sind wirklich ein wenig verhaltensauffällig.
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Schlimm sowas!
Einfach mal durchkalkuliert diese Vogelgrippe. Hundertdausend Tote heisst negative Performance von zwei Prozent per anno für das BIP, zuzüglich käm das die Krankenkassen, den Beitragszahler, SIE! fünfundzwanzig Milliarden Piepen. Das schlimmste ist, die Toten könnten dann nichts mehr kaufen (Binnennachfrage: Gut Nacht). Jetzt mal ehrlich: Also dieses H5N1 rechnet sich für uns ja garnich!
Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« |
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In einer kleinen Stadt
Mintfarbene Säulen flankieren den Eingang der Kreissparkasse, giftgrüne Pflanzen in Hydrokultur hinter blau verspiegelten Fenstern, ein neues, zweistöckiges Haus inmitten von bröckelndem Fachwerk. Wir sind Punks, unterwegs, scheißegal wohin, mit prallen Plastiktüten voller Bierflaschen lauwarm von der Tankstelle die Haare mit billiger Seife gen Himmel gerichtet. Hier geht die kleine Stadt in weite Landschaft über, ein niedriges Mäuerchen, marodes Gestein mit bröckelndem Putz, überwuchert von den knorrigen Tentakeln wilden Efeus. Links, im Dickicht aus hohem, trockenem Gras, einige verwitterte Hütten, manche auf hölzernen Pfählen im Wasser der Bucht errichtet. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Schlaf« |
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Fragen an den Bürger
Haben Sie auf einem Rheinschiff eine Beschäftigung oder selbstständige Erwerbstätigkeit ausgeübt? Sind Sie Vertriebener / Spätaussiedler im Sinne des Bundesvertriebenengesetzes oder haben sich am 31.12.1990 und seitdem ununterbrochen gewöhnlich in Deutschland aufgehalten? Falls ja, bitte Vordruck V712 (für Zeiten in Rumänien) ausfüllen und beifügen. Waren Sie hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit / Amtes für Nationale Sicherheit, ohne in das Sonderversorgungssystem für Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit / Amtes für Nationale Sicherheit einbezogen worden zu sein (z.B. Offizier im besonderen Einsatz - OibE- / Hauptamtlicher Mitarbeiter -HIM-)? Wurden Zeiten und Sachverhalte im Beitrittsgebiet zurückgelegt? Haben Sie Ansprüche oder Anwartschaften nach dem (am 28.02.1991 geschlossenen) Pensionsstatus der Carl-Zeiss-Stiftung Jena erworben, die ggf. auch abgefunden wurden? Gewahrsam im Sinne des Häftlingshilfegesetzes für Zeiten im Ausland ab 01.01.1992?
Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« |
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Die Boring Identität
Indien. Eine romantische Hütte am Strand. Der Geheimagent rennt am Strand entlang wie ein Duracell-Hase, seine körperliche Kondition ist ausgezeichnet. Eine Ortschaft. Malerisches Dritte-Welt-Ambiente bestimmt die Szenerie. An einer Bude hat sich der Geheimagent eine Brause gekauft, nach dem Sport ist er recht durstig. Der Genuß des Erfrischungsgetränkes währt nicht lange, ein verdächtig langsam fahrender Mittelklassewagen schiebt sich ins Bild. Die Situation richtig erkennend springt der Geheimagent in einen Geländewagen. Brumm, Brumm. Durchdrehende Reifen wirbeln einigen Staub auf. Es entwickelt sich eine Verfolgungsjagd, die ohne Rücksicht auf Verkehrssicherheit durchgeführt wird. Peng, Peng. Schüsse fallen und der Geländewagen des Geheimagenten stürzt in einen Fluss, dabei ertrinkt die doofe Lebensgefährtin des Geheimagenten. Ortswechsel. Ein provisorisches Büro des amerikanischen Geheimdienstes. Auf Monitoren können die Mitarbeiter jeden Winkel der Stadt beobachten. Es handelt sich um Kollegen des anderen Geheimagenten, aber der kann sich nicht erinnern, das ist sein Problem. Explosion, ein Koffer wechselt den Besitzer. Die Situation läuft aus dem Ruder, wir lernen jetzt die blonde Projektleiterin kennen. Die Frau ist kalt wie eine Hundeschnauze. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« |
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Die Amseloffensive
Seit heute singen die Singvögel wieder. Vor allem die Amsel hat Mut gefasst und jubiliert aus voller Kehle in der Spitze kahlen Astwerkes sitzend. Solche Indizien des sich zögerlich ankündigenden Frühlings nehme ich gerne zur Kenntnis, auch den von Tag zu Tag späteren Sonnenuntergang. Die optimistische Konzentration auf die wesentlichen Dinge des Lebens zeichnet die Tiere im allgemeinen und die Vögel im speziellen aus.
Ebenso vielstimmig schallte heute der schrille Missklang von Martinshörnern durch die sonntäglichen Straßen. Zahlreiche Rettungswagen, mit Karacho unterwegs zu menschlichen Leibern in höchster Not. Ob wohl ein kausaler Zusammenhang zwischen Amseln und Blaulicht besteht?
Thematischer Schwerpunkt: »Tierreich« |
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Schneematsch, die große Koalition unter den Wetterlagen
Wegen des Wetters rumzujammern ist ja im weiten Feld der Wehleidigkeit das Maximum der Sinnlosigkeit, andererseits ist, wer im Gespräch keinen Standpunkt zur Wetterlage beziehen kann, mutmaßlich kommunikativ unfähig, wenn nicht sogar kein Gentleman. Ich schätze alle Jahreszeiten. Sowohl brütende Hitze als auch klirrende Kälte haben ihre jeweils eigene Schönheit. Müsste ich in subtropischem Klima oder Permafrost leben, so würde mir irgendwann der gefühlte Kontrast fehlen. Ideal ist boreales Klima in schöner Lage. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Witterung« |
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Beim Uhrmacher
Die Batterie meiner Armbanduhr ist leer, es erscheinen keine Zahlen mehr auf dem Display. Eines der wenigen verbliebenen Fachgeschäfte ist ein Uhrmacher. In die Scheibe des Geschäftes wurde vermittels Sandstrahl oder Flußsäure der Name des Uhrmachermeisters gegraben. Genau genommen negativ, die Scheibe ist milchig trüb, lediglich die Buchstaben aus transparentem Glas erlauben Einblick in die Ladenräume. Meine Reparatur kann sofort ausgeführt werden, der Inhaber bedeutet mir in einem der zwei senffarbenen Sessel Platz zu nehmen. Er hat erstaunlich große, prankenhafte Hände, nimmt meine Uhr entgegen und begibt sich in verborgene Hinterräume, seine Werkstatt.
Gläserne Vitrinen gefüllt mit allen erdenklichen Arten von Zeitmessern. An den Wänden Hängeuhren, auf dem hellbraunen Ofen in der Ecke diverse Uhren, wie sie wohl früher auf den Buffets des Gelsenkirchener Barocks thronten. Verkauf und Sammlung, aus »chronographiler« Sicht wertvoller Stücke, halten sich die Waage. Verblichene Tapeten sowie abgetretene beigegraue Teppiche als Boden des Handwerks. Mir gegenüber, wenn ich den Blick aus meinem Fauteuil nach oben werfe, im zentralen Blickpunkt an der Wand, der Meisterbrief, daneben ein gerahmtes Plakat. Eine Illustration zeigt einen Uhrmacher in zunftartiger Tracht, versunken in die miniaturhafte Mechanik eines Uhrwerks. Darunter der Satz »Ihn wird die Maschine nie ersetzen«. Eine Darstellung aus einer Zeit in der das Handwerk auch von staatlicher Seite glorifiziert wurde. Romantischer Optimismus und die Ausrichtung von Visionen auf die Ewigkeit. Der Druck ist an den Rändern von Gilb befallen, am Boden des Glasrahmens haben sich einige verstorbene Kerbtiere gesammelt.
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Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« |
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Unternehmertum
Der schmale Oberkörper des Mannes versinkt in einer blauen Wattejacke, einem Relikt aus Tagen der Lohnarbeit. Seine Hand führt ein Herrenfahrrad, das er jetzt neben einem öffentlichen Mülleimer abstellt, eine rostige Fußraste ermöglicht sicheren, lotrechten Stand. Er wippt den schmächtigen Körper auf die Fußspitzen, wirft seinen geübten Blick durch die Öffnung in das Zwielicht des an einer Laterne befestigten Abfalleimers. Tritt einen Schritt zurück, bringt durch Abrollen der Füße auf die Zehen die Schulterkugel auf Einwurföffnungshöhe, führt den rechten Arm waagerecht bis zum Ellenbogengelenk in den Schlund des orangenen Blechquaders ein, winkelt den Arm senkrecht an und sinkt durch Entspannen des Körpers mit dem Arm in den Mülleimer hinein. Ein gespannter Blick, alle Sinne liegen jetzt in der am Boden tastenden Hand. Dann eine Umkehr der flüssigen Drehbewegung, die auf Vertrautheit mit der räumlichen Beschaffheit der städtischen Abfallbehälter hindeutet. Die Hand des Mannes hat zwei leere Bierflaschen aus der Tiefe geborgen und ordnet diese, an dem Fahrrad stehend, in eine der zahllosen Plastiktüten, die von langer Benutzung nur noch Reste der einstigen Reklameaufdrucke erahnen lassen. An der Lenkstange hängen zwei moderat gefüllte Tüten, am Gepäckträger sind mit den Resten eines Stromkabels die Bretter einer Kiste befestigt und erweitern den Stauraum zu einer kleinen Ladefläche. Ein erfolgreicher Leergutsammler. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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