Hightatras:

Ein sehr einfaches christliches Weltmodell

Durch das dürre Hinterland windet sich ein staubiger Weg hinauf zu einem, auf einer Anhöhe, nahe des Meeres, gelegenem Stauferkastell. Die den Herrschaftssitz begrenzenden arabischen Türme sind stets weithin sichtbar und scheinen in Folge eines optischen Phänomens oft über der rotbraun kargen Erde zu schweben. Die schattenlos Wandernden werden von einer goldenen Kutsche überholt, gezogen von mageren Eseln. Sobald das Ziel erreicht ist, der Fußgänger, noch ungläubig, seine Hände an das trutzige Gemäuer legt, umfängt ihn ein kühler Wind vom Atlantik her. Hinter den meterdicken Mauern verbergen sich angenehm kühlende Gärten aus tropischen Pflanzen und raffiniert plätschernde Wassersysteme. Ein wohlhabendes hanseatisches Handelsgeschlecht hat die Anlage gekauft und nach eigenen Vorstellungen erweitern lassen. Wie ein Keil aus Stahl und Glas treibt sich ein Neubau durch die Mauern und den schönen, in persischem Stile, gefliesten Hof — ein Einkaufszentrum, das nächtens illuminiert wird, wie ein modernes Seezeichen. Tief unter der Erde hat man einen unterirdischen Hafen errichten lassen, die Einkaufsmeile ist so, vermittels eines Fahrstuhls, für Yachtbesitzer behaglich zu erreichen. Hier, unter der Erde, in einem Untergeschoß auf Höhe des Meeresspiegels, steht ein vielleicht fünf auf fünf Meter messender gläserner Kubus, der eine höchst realistische Modelleisenbahnanlage enthält. Wo auch immer der Blick hinfällt, bewegen sich, neben zahlreichen Eisenbahnzügen, winzigste Details, wie Menschen die ihrem Tagwerk nachgehen, Maschinen und im Winde wogende Kornfelder. Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Schlaf« | Kommentare (0)

Wespen!

Im Rahmen einer Fernsehübertragung windet sich ein Sportler heftig grimassierend auf dem Rasen, flankiert von einem weiteren Athleten in andersfarbigem Trikot, welcher überrascht über den schlimmen Verdacht der unvermittelt auf seinen Schultern zu lasten beginnt, die Arme ausbreitet, so hündischen Blickes um Nachsicht beim Unparteiischen buhlend. Solche schmierenkomödiantischen Intermezzi sind leider sattsam bekannt, ich plane mich daher kurz einer Wespe zu widmen, die durch das geöffnete Fenster in den Luftraum des Zimmers eindrang und bald die erste Halbzeit damit zubrachte, wiederholt, vielleicht 8000 mal, aus eigenem Antrieb, gegen einen geschlossenen Fensterflügel zu prallen. Im Handumdrehen bin ich also, mich aus meinem behaglichen Sessel erhebend, am Schreibtisch, ergreife eine hier eigens zur Kerbtierrettung bereitgehaltene, schöne Ansichtspostkarte, die in einer meisterhaften Photographie, das jenseits der Innsbrucker Stadtgrenze jäh aufragende Massiv der Nordkette zeigt, eile mit diesem einfachen und dennoch wirksamen Werkzeug zum Fenster um das Tier in seinem Ringen um Freiheit zu unterstützen. Aber nein, die Wespe wünscht eine derartige Hilfe gar nicht, entwindet sich vielmehr konsequent meiner barmherzigen Maßnahme um weiter dem sinnlosen Kräftemessen zwischen Chitin und Glas zu frönen. Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Tierreich« | Kommentare (0)

Thin Lizzy

Im Treppenhaus poltert es. Der Vater von M kommt noch einmal herein auf dem Weg von der Kneipe ins Bett, nutzt den Wendepunkt einer Torkelamplitude um sich seufzend in einen abgewetzten sandfarbenen Sessel fallen zu lassen. Ein langer Flur, an den Wänden gedruckte Genreszenen, Fuchsjagden und Stillleben, viel totes Geflügel, kringelig halbgeschälte Zitronen und hyperrealistische Insekten. Schmiedeeiserne Türklinken zu beiden Seiten, in den angrenzenden düsteren Räumen sind schemenhaft schwere, altdeutsche Möbel zu erahnen. Durch das schmale Klofenster am Ende des Ganges ein nebliger Blick über Heizöllager, Schrotthöfe und Sondermüllannahmestellen nach Osten. Die blitzenden Signallichter auf dem Kühlturm des neuen Kraftwerks haben heute einen irisierenden Hof. Kalter Rauch krümeligen Marokkaners wird vom stakkatohaften Rhythmus doppelbassbetonter Rockmusik aus Übersee in turbulente Muster versetzt. Die vermeintlich apathischen Wasseraugen des Vaters von M sind in Wirklichkeit ein Indiz für längeres, konzentriertes Zuhören. Nicht schlecht, sagt er, eine Branntweinfahne ausstoßend und träge mit dem Haupte wippend. Eine Pause entsteht. Aber nüscht gegen Thin Lizzy, sein Kopf mit der fortschreitenden Glatze sinkt langsam auf die Brust, er beginnt umgehend zu schnarchen.

Thematischer Schwerpunkt: »Double R« | Kommentare (0)

Altocumulus floccus

altocumulus, orangerot, abends
Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Witterung« | Kommentare (0)

Kartoffelchips mit Eichenlaub und Schwertern

Hurra. Frenetischer Jubel zerreißt die geisterstadthafte Ruhe des Werktags. Eine junge Frau stürzt auf den Balkon, die Arme wirft sie theatralisch gen Himmel, ihre großen Brüste sind in einem Fußball-BH verborgen. Deutsche Fetischmode in Tagen der nationalen Euphorie. Wer heute nicht geflaggt hat, dem ist nicht zu helfen. Von patriotischer Hand gezündete Raketen schnellen tausendfach in die Troposphäre um so den glorreichen Sieg unserer Jungs zu preisen. Ich stehe am geöffneten Fenster, mit einem Glas in der Hand, in dem Himbeeren schwimmen. Unten an der kleinen Schaukel tollen blonde Buben und Mädchen im sommerlichen Garten. Lustig flattern die kleinen, eifrig geschwenkten Fahnen, die man den Spielen geschickten mitgab, in der schwülen Schwere des Nachmittags. Sie tragen keine Matrosenanzüge und keine Ähren sind in ihre blonden Affenschaukeln geflochten. Ein Fahnenmast aus dem Baumarkt erhielt vor Anpfiff einen Ehrenplatz im Garten, das Klirren feierlich aneinanderstoßender Bierflaschen begleitete das Hissen unserer deutschen Fahne. Der Adler sieht ein wenig behindert aus —die Krallen ganz verkümmert— naja Fernost, egal, war im Angebot.

Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« | Kommentare (2)

Hoffenster

Wieso fahren sie nicht mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei?, werde ich gefragt, die dicken Finger seiner behaarten Rechten schließen sich fester um eine Handgelenktasche. Mein entgegenkommendes Fahrverhalten, auf dem zur Mischnutzung ausgewiesenen Weg, geht ihm nicht weit genug. Ein Mann, der es gelernt hat mit konstant hohem Adrenalinspiegel zu leben, in seiner Blutbahn kocht es seit Jahrzehnten. Neulich durchquerte ich ein, in Urwaldumgebung eingebettetes, Sumpfgebiet, und beschließe spontan von Reisen in die Tropen zunächst abzusehen. Mein von Schweiß benetzter Leib ist eingehüllt in eine regelrechte Wolke blutgieriger Insekten. Ein hier, in der Mitte des Weges, halb verborgen in wild wucherndem Gras, lagerndes, ob der Hitze mattes Reh zeigt sich verwundert über mein unvermutetes Auftauchen und entschließt sich die weitere Entwicklung mit Contenance abzuwarten. Als ich das Tier direkt, betont sanft anspreche ergreift es mit langen Sprüngen die Flucht ins modrige Unterholz. Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« | Kommentare (0)

Bannbulle wider den Gilb

Im Treppenhaus wabert brühwarm träge der Abdunst naher Wirtschaftsräume. Undurchdringlich und garküchenhaft, mit Haarspray versetzter kalter Rauch, der Darmtrakt des Hauses. Gestern abend lehnte ich mich, während sich bereits der Einbruch der Dunkelheit Zwielicht ankündigte, aus dem Fenster, eine leichte Brise strich um das Objekt, die Sonne war soeben in den phantastischsten Rottönen hinter dem unweit westwärts gelegenem Alt-Neubaugebiet versunken. Das Haus bildet mit benachbarten Häusern Schluchten von mittlerer vertikaler Ausdehnung, in die sich, dieser Tage, Mauersegler mit gellendem Schrei und in gewagtester Manier zur Insektenjagd stürzen, die, als Nahrung begehrten, Kerbtiere sind hier, mitunter vergeblich, auf der Suche nach kühlend schutzbietenden Ritzen. Aus diesen menschgemachten Tiefen, dringt nun, leicht verweht, ein sehr komplexer Geruch, die noch warme Fassade schwitzt den Odem der dahinter brütenden Wohnräume aus. In den kühlenden Dunst rasensprengerfeuchter Erde, mischen sich die, zielgruppengerecht von Marktforschern und findigen Chemikern entwickelten, Duftöle hoch spezialisierter Reinigungsmittel, mit denen die einzelnen Mietparteien ihre Wohnräume und Schlafgemächer in Schuß halten. Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Haushalt« | Kommentare (0)

Saufen, gröhlen und kotzen

Aus schwarz-rot-goldenem Filz gearbeitete Zylinder bringen aufgeschwemmte Quadratschädel höchst unvorteilhaft zur Geltung. Einfach richtig genial, sag ich mal so, wir machen heute Stimmung. Aus wässerigen Fischaugen sprüht trunkene Euphorie. Die Fortführung von Ballermann, Karneval und Loveparade mit anderen Mitteln — auf Sonderfläche. Ganz Berlin ein Unterschicht-Erlebnispark offenbar. Mit mindestens 120 dB wiederholt in der S-Bahn, eine homogene Gruppe fettsüchtiger Männer, sowie diverser walkürenhaft aufgedonnerter Wuchtbrummen, auf der Heimkehr aus irgendeiner Einkaufspassage, gröhlend, das jüngst errungene Spielergebnis der deutschen Mannschaft — Eine Art Pilsmantra. Mnemotechnisch weniger beschlagene beschränken sich darauf, pausenlos den Namen ihres Heimatlandes zu rufen. Patriotismus vom Wühltisch wo man hinsieht. Schönhauser Allee ist der Bürgersteig mit geborstenem Glas übersäht, es gilt beim Umsteigen zahlreichen Kotzeinseln auszuweichen. Der Pöbel hat sich hier vor einer Spätverkaufsstelle zusammengerottet. Eine lange Stange erschiene mir geeignet um die allenthalben herumtorkelnden, Deutschlandfahnen-Parias auf Distanz zu halten.

Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« | Kommentare (3)

So, die Nummer 57 mit extra Mozarella, prego

Die Suche nach einer Gaststätte führt nach Westberlin. Ein ausgiebiger Fußmarsch durch einen gastronomisch unterversorgten Stadtbezirk. Eher Tiefkühlkost oder Dönerbuden hier. Die Odyssee findet schließlich ein Ende, als an einer stark frequentierten Kreuzung, Neonröhren in den Landesfarben Italiens eine Pizzeria bezeichnen. Man passiert eine Pforte, verlässt den schmutzig-grauen Wedding und überschreitet eine Grenze hinüber in ein mediterranes Schlemmerparadies, vorbei an romantischen Springbrunnen im Gartenbereich (z.Z. ausser Betrieb), in eine Westberliner Traditionspizzeria der ersten Generation. Diese einzigartige Melange aus mediterranem Kitsch und deutscher Gemütlichkeit, alles im Stil eines romantisch verfallenen Rusticos. Jede Pizza ein kleiner Adria-Urlaub. Das Restaurant ist einem idealen Fischerdorf nachempfunden, gegliedert in flache Galerien, niedrige Rundbögen und Lauben, die zu allem Überfluss noch mit Schindeln gedeckt sind. Die die Grenze der einzelnen Sitzgruppen bildenden Ballustraden, sind gänzlich aus Wagenrädern zusammengesetzt. Alle Wände sind mit Hunderten, vielleicht Tausenden, vom Meere rundgeschliffenen, Steinen überreichlich besetzt. In meiner direkten Sichtachse zur Toilette steht eine, von farbigen Scheinwerfern illuminierte, alte Milchkanne, die heute als Trockenblumenvase dient, ihr Äusseres, ist vollkommen mit Muscheln überkrustet. Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Umfeld« | Kommentare (0)

Zu Gast bei Betonköpfen

Es ist zu kühl für diese Jahreszeit. Ein kurzer Spaziergang im Nieselregen entwickelt sich unerwartet zu einem Parforceritt durch die jüngere Architektur der Berliner Innenstadt, als meine Bekannte anregt doch einmal den neuen Bahnhof Nordkreuz sowie dessen Reisemöglichkeiten zu besichtigen. Dem Fahrplan ist zu entnehmen, daß direkte Reisen bis nach München oder Garmisch-Partenkirchen angeboten werden. Es naht eine Regionalbahn, die auch den neuen Hauptbahnhof Berlins anfährt. Bitte einsteigen, man muss das Herzstück des Pilzkonzeptes einmal gesehen haben, es handelt sich schließlich um ein Bauwerk der Superlative und ist mit 46 Metern höher als das Kanzleramt. Wer heute einmal als Müßiggänger hereinschnuppert, ist als späterer Reisender bereits mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut, so ist der zugrunde liegende Plan. Im Zug und auf den Bahnsteigen, wie zu erwarten, schaulustige Flaneure und Trainspotter in großer Anzahl, selbst die üblichen Bacchanten und Bettler lagern bereits im Bahnhofsbereich. Zunächst fällt mir nach dem Aussteigen auf dem unteren Bahnsteig auf, daß das Finish der gigantischen Stahlsäulen schlampig ausgeführt wurde. An einigen Stellen platzt bereits die Farbe wieder ab. Begibt man sich fälschlicherweise zu Fuß auf eine der Treppen, die vom Untergeschoß nach oben führen, hat man bereits verloren. Man wird unvermittelt in eine langweilig ausufernde Einkaufsmall geworfen, die allerdings, an einigen Stellen, schöne Weitblicke nach unten bietet. Agoraphobiepatienten könnten hier ideal ihre Psychose therapieren. Der Weg über die Treppen ist jedoch vollkommen ungeeignet, wenn man Umsteigen möchte. Laut Bahn sind für den Übergang von unterem zu oberem Bahnsteig acht Minuten einzuplanen. Es gibt auch einige Fahrstühle, die aber nicht geeignet scheinen, alle Reisenden eines Zuges zügig von oben nach unten zu transportieren. An einem, an der Umgebung gemessen, surreal kleinen Handwagen steht eine Servicekraft der Bahn und beantwortet zahlreich gestellte Fragen orientierungsloser Menschen. Tief unter der Erde verfolgen indessen Pufferküsser begeistert eine Zugdurchfahrt. Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Materie« | Kommentare (0)

Kennst Du die Früchte deiner Heimat?

Heute präsentiert sich das Wetter einmal frühsommerlich, der zartblaue Himmel reichlich bestückt mit gemächlich ostwärts strebenden Cumuluswolken. Meditativ arythmisches Ploppen kraftvoll beschleunigter Tennisbälle bestimmt im lauschigen Stadion (ich berichtete) die Atmosphäre. In der McPaperramschbude mit angegliedertem Postamt, wird am benachbartem Schalter ein massiger Neger bedient, der mit kringeliger Schrift adressierte Couverts zum Versand einreicht. Im Rahmen des Verkaufsgespräches deutet der Herr auf die Briefmarken und macht offenbar einen Witz. Leider schallt just in diesem Momente verstärkter Kfz-Lärm zur Türe herein, so daß die Posse für mich rein akustisch schwer zu vernehmen ist. Die Schalterkraft indess, die die scherzhaften Worte hörte, kann gedanklich nicht folgen oder ihr gebricht es am geeigneten Sinn für Humor. Es war wohl ein recht guter Witz, dem Scherzenden selbst, steht der Schalk nachhaltig ins Gesicht geschrieben, auch später noch, als er in seiner Geldbörse nach passenden Münzen für die Postwertzeichen sucht, umspielt ein Schmunzeln seine Lippen. Manchmal ist die Welt eben noch nicht bereit für einen Spitzenwitz. Da kann man nichts machen. Mehr

Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« | Kommentare (0)