Hightatras:

Morbides Marketing

Gestern fand ich einen Kalender vom unweit ansässigen Schlachter im Briefkasten. Jeder Monat des kommenden Jahres mit neuen fettglänzenden Fleischbrocken und Knochenfragmenten bebildert. Zwar ohne erkennbaren saisonalen Bezug, dafür aber durchgehend vierfarbig. Achtkantig wanderte das mit Hautgout behaftete Machwerk in einen bereitstehenden Wertstoffbehälter. Fröhlichere, das Leben bejahende Sujets zur Illustration seiner werblichen Maßnahmen lehnt der mit proteinreichen Leichenteilen Handelnde also ab, setzt mehr aus verknöcherter Tradition als aus Vernunft auf seine schaurig ausgeleuchteten Wurststillleben. Dabei werben andere Einzelhändler längst erfolgreich mit flauschigen Kaninchen an Osterglocken, Weidenkörben, aus denen die allerdrolligsten Kätzchen lugen oder lasziv auf Kraftfahrzeugen lagernden Frauen in frivoler Badegarderobe — oder gar so wie der Herr sie schuf.

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Abwicklung eines Maßnahmenpaketes

Der junge Arbeitslose neben mir berichtet seiner Atze was so los ist. Er lernt jetzt auf Snowboard. Reist dazu extra mit dem Automobil in die Nähe von Hamburg, ein kleiner Ort mit schwulem Namen, da sich dort eine preisgünstige Indoorskihalle befindet. Draussen neben der im Stau stehenden Straßenbahn schiebt sich Meter für Meter das Blasenkrebsmobil an den Seitenscheiben vorrüber. Abfahrt ist hammergeilet Feeling sag ich mal so. Der andere hat durchgeknufft das ganze Wochenende, soll man machen. Meine Reise führt mich in ein Fachgeschäft im Prenzlauer Berg, dem Szenebezirk, der im gesamten Bundesgebiet bekannt ist wie ein bunter Hund. Als ich noch meinen Einkauf begutachtend durch die Ladentüre aufs Trottoir trete, werde ich beinahe von einer schlingernden jungen Fahrradfahrerin erfasst, die einhändig lenkend, mit einem Coffee-to-go-Becher in der anderen Hand, ipodbedudelt und freitagtaschenbehängt mit einem rostigen Mountainbike um die Ecke biegt und den Beinaheunfall nichtbemerkend weiterquietscht. Der Klassiker. Mal abgesehen von den energischen Gruppen junger Mütter, die mit ihren Kinderwagen auf dem Bürgersteig vorrücken wie ein zu allem entschlossener Panzerverband vor Stalingrad. Mehr

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Die Rückenleiden des jungen Welsh Mountain Pony

Neulich begegnete mir eine blonde Reiterin hoch zu Ross. Ihr bereits ins Silberne changierende Haar war zu einem gouvernantenhaften Dutt frisiert. Bestes Haus am Platze mutmaßte ich, Jugendstilvilla — selbstverständlich nebst ländlichem Garten, endlose Abende am offenen Kamin mit den Geschwistern Brontë oder dem Feuilleton der Morgenpost, die fröstelnden Beine unter einem geschmackvoll gemusterten Plaid aus Crossbredwolle geborgen. Erhabenen Hauptes schritt die — Ursula von der Leyen wie aus dem Gesicht geschnittene — Blondine an mir vorrüber, herrische Gebieterin über ein, unter seiner menschlichen Last fatalistisch gewordenes Tier, dessen Feuer der Jugend längst im Schwinden begriffen schien. Obgleich noch jung an Jahren bewertet man im Stall seine Gesundheit wohl als fraglich, war doch der zierliche Hengst trotz der diesjährigen Milde, gegen frische Brisen sowie nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Moor hochkriechende, tückische Nebel, gänzlich in eine königsblaue Pferdedecke gewickelt. Es schien sich bei der an mir vorbeidefilierenden Pferdedecke deutlich um ein Präsent der CDU Reinickendorf zu handeln, prangte doch, direkt neben dem After des Pferdes, beidseitig, das Logo der Union in weiß. Nun hatte sich aber das Tier während des gemächlichen Ausrittes offenbar erleichtert und seine Exkremente vielleicht durch einige fahrige Schweifbewegungen recht großflächig im hinteren Bereich der wollenen Decke verteilt. Kurzum, das Signet der christlichen Volkspartei war über und über mit Pferdestuhl besudelt. Handelt es sich bei der hippophilen Marketingmaßnahme also um das Werk eines stümperhaften Pferdedeckendesigners, oder vielmehr um eine konzeptionell mustergültige und zugleich expressive Gestaltungslösung von höchster Eleganz und Simplizität? Mehr

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Mir fällt ein Möbelwagen von Herzen

Heute sah ich in einem kleinen stadtnahen Birkenhain einen neuen, alten Teppich der dort zu nächtlicher Stunde abgeladen wurde. Was wäre, wenn es sich bei solchen Beobachtungen nicht um das Werk asozialer Verbrecher handelte, sondern um eine übliche, vom Design antizipierte Form der Entsorgung? Ich stelle mir das folgendermaßen vor. In einer absehbaren Zeit mit schwindenden Erdölressourcen werden speziell in Hinblick auf hohen Grünmasseertrag gezüchtete Pflanzen zum führenden Rohstoff. Gentechnisch veränderter Raps oder anderweitig modifizierte Ölsaaten, deren Trester — also Pressrückstände der Kraftstoffgewinnung — in flüssiger oder pelettierter Form als Grundstoff für die Herstellung der verschiedensten Gebrauchsgegenstände dient. Produkte mit einer bewusst niedrigen Lebenserwartung, die ihre Form und Funktionalität vermittels eines netzwerkfähigen 3D-Druckers erhalten. Das heißt keine als halbtoll empfundenen, mit Rotwein oder Katzenkotze beschmutzten Teppiche mehr, keine Waschmaschine, die altersschwach Rost auf die Kleidungsstücke speit. Ex und Hopp — eine neue sorglose und lustvolle Form des Wegwerfens und neu Erschaffens. On-Demand würden heute vielleicht manche sagen. Lediglich die Software für die Herstellung, also das dreidimensional digitale Modell des gewünschten Objektes würde verkauft werden, der Fertigungsprozess selbst würde aus zentralen Industriegebieten in den Haushalt des Konsumenten verlagert werden, womit zudem der lästige Transport materieller Waren entfiele. Der universal verwendbare Rohstoff für die Herstellung entstammt als Abfall der lokalen Treibstoffproduktion. Ein dreidimensionaler Drucker, der Kohlenstoffverbindungen zu klirrend harten Sägeblättern verdichtet oder zur anschmiegsamen Behaglichkeit eines Pyjamas webt. Nach einem beliebig kurzen Nutzungszyklus kann der so gefertigte Gegenstand geschreddert werden und beispielsweise als vollwertige Sättigungsbeilage, dem herkömmlichen Futter beigemengt, der Katze serviert werden oder eben auf dem Komposthaufen verrotten. Mehr

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Die Elementardroge

Der Weltrekord im Luftanhalten liegt bei neun Minuten. Bei den meisten Menschen die keine Apnoetaucher sind und auch ansonsten ein geringeres Lungenvolumen als Tom Sietas haben, dürfte die Zeit bei vielleicht ein bis zwei Minuten liegen. (Robben schaffen immerhin zwei Stunden und speichern den Sauerstoff im Blut und in den Muskeln.) Luft ist die grundlegende Droge aller höheren Lebensformen der Erde, so wie Dosenbier und codeinhaltiger Hustensaft für Junkies. Nach vielleicht fünfzehn Minuten ohne Luft ist also spätestens Schluß. Das Gehirn stirbt ab, der Tod tritt ein, das Fleisch beginnt zu verwesen. Materielle Grundlage des Lebens ist Abhängigkeit von einem Gasgemisch und einer klaren Flüssigkeit. Mein Wunsch an alle Heiligen, Sadhus, Päpste, Stellvertreter Gottes auf Erden und sonstige gefühlte Übermenschen wäre, daß diese, als Zeichen gottgleicher Unabhängigkeit von irdisch Materiellem, die Luft anhalten. Sollte eigentlich nicht soo schwer sein, leichter jedenfalls als das Meer zu teilen, mit Posaunen Mauern zum Einsturz zu bringen, Berge zu versetzen oder ähnlicher, vornehmlich auf den plakativen Effekt ausgerichteter Bombast. Drei Stunden sollten reichen, sonst würde ich vielleicht bis auf weiteres eine Robbe zum Gegenpabst ausrufen.

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Bücher

Irgendwie albern solche Bücherregale die die gesamte Stirnseite eines Zimmers einnehmen. So scheint es zunächst. Höchstens für Atomphysiker, die vielleicht mehrere tausend Seiten umfassende Formelsammlungen parat haben müssen, oder Historiker, wegen der punischen Kriege, mal Datum vergessen, zack, ne kleine Trittleiter und fertig. Obwohl die heutzutage auch eher bei Wikipedia oder auf kauzigen DVDs nachsehen. Es handelt sich vielmehr um bildungsbürgerliches Rumgepose. Sieht eben gleich mal aus, die gesammelte vortreffliche Belletristik und Erkenntnistheorie, hier bitte schön. Siebener BMW mit zwanzig Zoll Leichtmetallfelgen ist eben auch nicht jedermanns Sache, zumal wenig schöngeistig in der Anmutung und somit der Unterschicht vorbehalten. Literatur hingegen erfüllt insbesondere in der kalten Jahrezeit einen nicht zu vernachlässigenden, höchst nachhaltigen Beitrag zur Wärmedämmung, speziell an den Aussenwänden. Egal ob tausend Seiten Dan Brown, Foucault oder der Zauberberg als bibliophile Erstausgabe, der Scheiss rechnet sich in jedem Fall, wenn es durch die Ritzen zieht wie Hechtsuppe. Mindestens zweistellig p.a. sag ich mal so.

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Aug in Aug mit einem Gulag

Als heute, zur Mittagsstunde, durch das sperrangelweit offen stehende Küchenfenster ein mildes Lüftchen wie im Lenze hereinspülte, dünkte mir das Durchbrechen der Frühblüher so nah. Oh du mein geliebter Krokuss, der du, flankiert von jubilierenden Singvögeln, noch scheu, dein zartgrünes Köpfchen den dich umschmeichelnden Sonnenstrahlen entgegenreckst. Doch der erste liebliche Anschein trügt: Im Mittelgrund, unter meinem Fenster, erstreckt sich eine, von Suchscheinwerfermasten eingerahmte Kleingartensparte. Rostiger Stacheldraht soweit das Auge blickt. Zornig bellende Hunde, denen der Speichel von blutroten Lefzen rinnt. Schlimmer noch die Pächter — vierschrötige Einfaltspinsel deren halslose Komissköppe von speckigen Cordhüten gekrönt werden. Ein Kommen und Gehen von geräumigen Automobilen mit dunkelgetönten Scheiben, alles verrammelt, doppelt und dreifach zugewuchert. Würde mich – heute, bei rechtem Licht besehen — nicht wundern, wenn das eins dieser berüchtigten CIA-Gefängnisse wäre, von denen unlängst in den Medien so angeregt berichtet wurde. Weiß man's? Heutzutage ist ja alles möglich. Das einem der Nachmittagstee mit einem gerüttelt Maß an Polonium 210 serviert wird beispielsweise. Da sagt man dann auch nichts mehr zu.

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Latha

Wir schließen, kommen Sie bitte zur Kasse, fordert mich die Kassiererin, die ihre Pudelfrisur jetzt rot getönt hat, im Bariton lispelnd auf. Und ich lispele unwillkürlich zurück, ohne mich über sie lustig machen zu wollen. Hat sie aber nicht gemerkt vermutlich. William S. Burroughs hat dieses Phänomen mal als Latha bezeichnet, glaube ich jedenfalls. Latha bezeichnet laut Burroughs das phasenweise auftretende manische Verlangen andere Menschen nachzuäffen. Und dann kommt ja das Ei. Zweimal die falsche PIN eingegeben — angeblich — Karte nicht lesbar, Fehler. Das gibts doch nicht. So EC-Karten sind ja auch son Thema, sagt sie und setzt die expressiv geformte Brille ab, die sogleich von einer Brillenkette aufgefangen wird. Es entspinnt sich ein kleines Gespräch, der sich auch die Kassiererin der Nachbarkasse anschließt, die ebenfalls ein Lied davon singen kann. Fazit: Watt soll man machen. Der neue Mitarbeiter, eine Art ergrauter, cheesy Hemden tragender Magnum — der mir einmal, an der Kasse, zwischen Kaugummis, herabgesetzten Tütensuppen der verflossenen Saison und 360GB-Firewireplatten sitzend, anvertraute, daß er die Kollegen der Käsetheke, welche die Barcodeetiketten über die scharfe Bruchkante eines Stückes Parmigiano beispielsweise kleben oder anderweitig zur maschinellen Unlesbarkeit zerknittern gerne erschießen würde — macht heute glücklicherweise Ware.

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