Hightatras:
Glasbausteine
Manche Probleme im Leben eines Mannes sind knifflig. Da weiß auch das Internet nicht Bescheid. Dieses vermaledeite Zwitterwesen aus Doktor Allwissend und Graf Koks. Wie man Wände aus Glasbausteinen mauert ist zum Beispiel so eine Frage. Darüber denke ich gelegentlich nach. So auch heute. Als ich meinen Spaziergang unterbrechend neugierig stehenbleibe, da wird nämlich das alte Kraftwerk Oberhavel abgerissen drüben am Westufer, riesige Betonstücke krachen staubend in die Tiefe, — bin ja mal gespannt mit dem Schornstein —, kommt einer an und stellt sich neben mich. Ja, watt denn so die beste Kamera wäre für so Fotos, hier Sonnenuntergang, Meer sowat die Richtunk, er will ja dies Jahr wieder nach Malle, weil auf Fuerteventura sind ja nur Arschlöcher, hier die andern Deutschen jetze, aber ne schöne Bootstour mit ein Fischer gemacht seinerzeit, solche Hoschis ham die da rausgezogen zeigt er mir, letztens hätt er ja Grippe gehabt — hör mir uff, die 91 Jährige Mutter, die er im Rollstuhl rumschiebt, oder auf Montage damals, immer gesoffen wien Loch sag ick dir, die Jahre in der Justizvollzugsanstalt, kommt beim Reden zu nah heran und hält mich auch am Arm fest zwischendurch, wenn die Erzählung besonders ergreifend ist aus seiner Sicht. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Bronsonesker Stoizismus
An manchen Tagen ist Berlin wie eine über Fliesen kratzende Diamantnadel. Autofahrer, die laut hupend auf — in ihren Augen zu langsam die Straße überquerende — Fußgänger zurasen. Heisere Junkies, die mit vorquellenden Augen irgendwas rumbrüllen. Kotze, Glasscherben, Freaks und Mutanten an jeder Ecke. Anderntags macht der Busfahrer, der schon an der roten Ampel steht, nochmal die Tür auf. Unbekannte unterhalten sich an der Haltestelle. Man sagt Tachchen, Namt und Danke; also fast schon höflich für Berliner Verhältnisse. Und Tage die so lala sind, irgendwie dazwischen und grau; alle sind schweigsam und deprimiert, auch die Arschlöcher halten den Mund. Was bestimmt tatsächlich die kollektive Stimmung Berlins? Mondphasen, Feinstaub, die Antibabypille im Trinkwasser oder der Marianengraben vielleicht? Sicher ist die Antwort sehr kompliziert.
Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« |
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Diese Kokken sind scheisse
Instrumente und Knochen sind gut hingegen. Mnemotechnisch gesehen jetzt. Zwei neben mir sitzenden Mädchen steht die Abschlussprüfung in einer medizinischen Ausbildung bevor. Sie lernen lange Stichwortlisten aus ihren ordentlichen Schnellheftern und merken sich die Bedeutung von Arrhythmie zum Beispiel über — für mein Empfinden — absurde phonetisch hervorgerufene Emotionen. Das klingt eben schon so. Mit diesen Rs und dem T. Und sind sich stets sofort einig, wie plausibel ihre um die Ecke gedachten, buchstabenverdrehenden, rückwärtslesenden, großformatigen Eselsbrücken sind. Altsprachlich überhaupt nicht, dafür ein wenig papageienhaft, eifrig und intuitiv aus dem Ärmel geschüttelt, zugleich recht komplex sowie von hermetischer Logik. Wie Frauen Informationen verarbeiten und in Modelle gießen ist eine tolle und fremde Welt. Könnte ich mir stundenlang staunend anhören sowas — als ohrenspitzendes Mäuschen.
Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« |
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Guter Bürger, böser Bürger
Gestern habe ich mal wieder festgestellt, daß die Tage länger werden. Eigentlich machen sie das ja kontinuierlich im Februar. Die Tage. Das Längerwerden. Allerdings ist die Hoffnung und Freude diesmal etwas getrübt, da der rasch später einsetzende Sonnenuntergang ein Indiz dafür ist, wie granatenartig die Zeit an mir vorbeipfeift. Geht wohl anderen auch so gerade. A hätte sicher ein einfaches Modell parat, irgendwas mit Sternkonstellationen. Häuser, Transite — solch Zeug.
Hektik paart sich mit zäher Ereignislosigkeit; das Einkaufen wird zum Tageshighlight. Im Blickfeld ein moderater Berg von kleinen papierartigen Problemen, die zwar alle unglaublich trivial und langweilig sind, aber trotzdem lästig im Weg rumlungern. Probleme, die man alle mit Geld beheben könnte damit Ruhe wäre, die ich gerne mit recht arroganter Geste mit Geldscheinen — einem dicken Bündel aus der Hosentasche entnommen — bezahlen und lösen würde. Wie besticht man eigentlich deutsche Beamte? Welche Summen sind angemessen? Oder schickt man besser einen Profi, der zunächst den kleinen Finger der linken Hand abhackt?
Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« |
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Gesundbrunnenzenta
Tiernahrung für 75 € und zwei Schnuller. Paybackkarte? Ja.
Ein Bund Möhren wiegen. Stirnrunzeln extreme. Listig das Grün des Gemüsebündels entfernen und erneut wiegen. Preisdifferenz ein Cent: Genugtuung.
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Indoor-Rodeo
Eine, mit breitkrempigen Hüten — deren Bänder rückseitig in zottelige Federverzierungen münden —, wie Cowboys ausstaffierte größere Gruppe von Arbeitern auf dem Bahnsteig, die — während im Hintergrund, in den erleuchteten Hochhäusern des märkischen Viertels die Pommes in der Fritteuse schmurgeln und vom Rodeln kommende Kinder, nachdem sie in die heiße Badewanne gesteckt wurden, in Pokémon-Schlafanzügen noch fernsehen dürfen — mit duldsam kegelclubhafter Schnauzbärtigkeit auf die betriebsgestörte S-Bahn warten.
Thematischer Schwerpunkt: »Kauzigkeit« |
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Düdüdididüdüdüdidü
Manche Geräusche reizen mich in einer Weise die rational unergründlich ist. Diese von skrupellosen Psychoakustikern ausgetüftelte Fanfare des mit erstarrter Nahrung beladenen Tiefkühlautos, das hier stundenlang um Käufer buhlend durch die Vortstadt kreuzt zum Beispiel. Wenn die Mieter aufgeschreckt durch Ihre Wohnungen laufen oder fremde Waschmaschinen die letzten Tropfen aus feuchter Kleidung schleudern und auf dem Schreibtisch die Kaffeetassen, manchmal gar die Bilderrahmen zu vibrieren beginnen. Kartoffelchips, die knisternden Tüten entnommen, halb geöffneten Mundes, angeregt speichelnd und in Betrachtung eines Spielfilms, mit den Zähnen zermalmt und kehlig geschluckt werden.
Leergutautomaten sind mir allerdings lieber als das grobe Personal, das früher für die manuelle Annahme der Pullen zuständig war. Einfaltspinsel, die mit den Worten Hamwanich teils europaweit genormte Flaschen trotzig ablehnten, da ihnen das Etikett unbekannt erschien. Der Automat ist — obwohl stets Bierneigen und schale Limonade in sein Innerstes rinnen — in dieser Hinsicht erfreulich emotionslos. Erkennt zudem wohl auch Kasten-Teilmengen ohne Murren oder lange zu fackeln.
Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« |
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Triumph der Lust
Von der Küstenstraße kann ich einen besonderen silbernen Raumgleiter sehen. In den kurzen Momenten, wenn die kurvenreiche Fahrt den Blick freigibt weil die Baumwipfel sich lichten. Wie er dort nur schwebt, ohne vor und zurück. Drageeförmig, mit halbrunden Enden aus Glas. Darin üben — von hier — winzige Menschen eine Art von Kampfsport oder Tanz. Sie tragen gelbe, orangene oder rote Anzüge. Wobei die rote Farbe jenen Sportlern vorbehalten ist, die im Begriff sind den Grad der Meisterlichkeit zu erlangen, wie eine Stimme aus dem Off erklärt. Körper, die in dem träge dümpelnden Gefährt bald zum einen Ende, bald zum anderen wogen, wie die Wirkstoffkügelchen einer gigantischen Himmelstablette. Auf dem Rücksitz meines goldenen Cabriolets liegt flatternd ein Konvolut aus Buntstift-Zeichnungen, Mustern und flüchtigen Notizen auf Einkaufszetteln, gebrauchten Kuverts und so fort. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Schlaf« |
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Wegzehrung
Großzügig mit Harzer Käse belegte Graubrotstullen in Wachspapier und Brotbüchse. Einwickelpapier anschließend ordentlich zusammenfalten. Dazu hartgekochte Eier. Einzeln einem Eierkoffer aus Bakelit entnommen. Anbieten! Hagebuttentee in einer — mit isolierendem Filzbezug ummantelten — Trinkflasche zum Umhängen. Eiserne Reserve: Früchteriegel aus dem Reformhaus.
Thematischer Schwerpunkt: »Kauzigkeit« |
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Sitzgruppe mit Hund und ohne Worte
Ich sitze einem Mann um die Sechzig schräg gegenüber, dem die Backen herabhängen wie einem ergrauten snobistischen Engländer. Er teilt sich seinen Sitzplatz im Bus mit einem mittelkleinen Windhundmischling, dessen Fell in Farbe und Struktur ebenso beschaffen ist wie die lehmfarbene Übergangsjacke des Hundehalters. So wie er sitzt, den Hund halb verdeckend, scheint es, als sei die leger geschnittene Jacke eine Spezialanfertigung für eine bemerkenswerte Chimäre; ein Ruheständler aus dessen Hüfte sich der Körper eines agilen Windhundes ausstülpt. Falten der flauschigen Jacke, die sich in weichen Hautfalten des Hundes fortzusetzen scheinen, die mit blonden Haaren bewachsene, prankenhafte Linke des Mannes, die dem Hund — ihn gleichzeitig umarmend — den Hals krault, so daß dieser, wohlig hechelnd seinen Kopf wendet, mit der Zunge über die Lefzen fährt und sein menschliches Ebenbild aus hervortretenden Augen devot anblickt. Der Hund hat sehr große dunkle Kulleraugen zwischen denen sich gelegentlich eine kleine Falte aus Fell bildet. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Die Ost-Westachse
Auf Nachfrage eines bekannten Weblogautors, dem ich zufällig auf einem Basketball-Spielfeld begegne, berichte ich von meinem epischen Roman, den zu schreiben ich bei unserem letzten Zusammentreffen andeutete. Mein Gegenüber trägt einen grünen Pullunder und eine Brille mit schmalem Horngestell. Es handelt sich um die Geschichte einer Architektenfamilie, deren schleppenden Zerfall und schließlichen Untergang der Roman in kühlem Realismus beschreibt. Ein großangelegtes Werk, an dem ich schon seit Jahren arbeite, es immer wieder verwerfe und von neuem beginne, steht nun vor der Vollendung. Die Klimax des Romans beinhaltet zugleich die unausweichliche, bereits ahnbare Katastrophe sage ich sybillinisch und zwinkere spaßenshalber mit dem linken Auge. Des Architekten Plan sieht vor, eine ganze Stadt radikal neu zu gestalten, großzügiger, luftiger und brutalistischem Futurismus verpflichet. Es gilt breite Verkehrs- und Sichtachsen durch eine fiktive gründerzeitliche Stadt zu schlagen. Den Direktiven des Architekten folgend, bedient man sich dabei gigantischer Abrissmaschinen. Schweres Gerät wie es ähnlich auch im Tagebau verwendet wird. Halbautomatisch fressen sich mit Schaufelrädern bewehrte Panzerfahrzeuge durch die unmoderne Bausubstanz. Beim Anblick der von Schwarzschimmel zerfressenen Arabesken an den morschen Fassaden versteift sich die Unterlippe des Architekten. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Schlaf« |
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