Hightatras:
M49
Der Qualm, der knotig aus den Schloten quillt, färbt sich bei geeignter Witterung gegen Abend violett. Hier wird Strom erzeugt. Auch ihr Wasserkocher, ihr Computer schnabuliert die aus der Wand strömenden agilen Ladungsträger, wenn diese nicht aus Frankreich kommen oder sonstwoher.
An den Wänden der Lauben, die das Südufer der Spree säumen, sind oft organische Motive aus Schmiedeeisen befestigt — ein Schmetterling, ein äsendes Reh für ein Beispiel. Oder eine dekorative Kachel ist in die Fassade eingelassen der Gefälligkeit halber. Die kleinen Häuschen haben sich recht pedantisch gegen das Verbrechen gewappnet oder gegen Vandalen. Manche liegen in Holunderbüschen direkt unter der Autobahnbrücke, hier sitzt auch ein Reiher, die ständigen Schauer sind wohl nicht sein cup of tea. Hinter Grünmasse verborgen verkehren die Intercityzüge der Eisenbahn, der Gartenbesitzer trachtet danach, diesen Teil des Nahverkehrs mit Schilf o.ä. zu kaschieren, sieht nicht aus und man wird auch wuschig, wenn da diese Biester mit Karacho vorbeizischen.
Es ist gut, daß die Gehsteige dieses Stadtbezirkes in weitaus geringerem Umfang als anderswo mit Unrat und Exkrementen verschandelt sind.
Die Scheiben eines Geschäftes sind mit DC-Fixfolie (Design Marmor) vollkommen zugeklebt und eine auf altertümlich gemachte Laterne in der ein rotes Leuchtmittel glüht, bezeichnet den Eingang und die gastronomische Ausrichtung des Etablissements. Neben der Türe ist ein Klingelknopf angebracht, das Männer schellen können. Jetzt läutet allerdings eine blonde Frau von milchigem Teint, deren weißes Kleid recht kurz geschnitten ist und aus glitzrigem Tuche gearbeitet wurde, ihr aus orthopädischer Sicht zweifelhaftes Schuhwerk verfügt über transparente Absätze — Kunststoff. (Gut: die Botten können einst sortenrein entsorgt werden und somit wieder problemlos der Wertschöpfungskette zugeführt werden) Wieso gab man ihr keinen Schlüssel, wo sie doch vielleicht in der Gaststätte arbeitet?
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Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Heizpilzsitzer
Wer sich in der Öffentlichkeit als Jammerlappen zu positionieren wünscht, dem steht heutzutage ein reichhaltiges Repertoire an Verhaltensweisen und verweichlichten Accessoires zur Verfügung. Beispielsweise winzige Rollkoffer für Wochenendreisen mit einem Volumen, daß gösse man diese selbst mit Kruppstahl aus, noch geeignet wären, von einem moderat motivierten Kind über längere Distanzen fortgetragen zu werden. Kristallsalz vom Himalaya, feuchtes Toilettenpapier, Fußregenerationssalbe mit Seidenproteinen und für die frischen Sommerabende ein Plaid gewoben aus den Sackhaaren von eigens gezüchteten Perserkatern. Was weiß ich, was da drin ist. Könnten Sie bitte das Fenster zu machen, es zieht. Mit weinerlicher Miene und ebenso greinendem wie forderndem Timbre das Schließen sämtlicher Fenster im Großraumwagen erwirken, wegen eingeklemmter Nerven, Mittelohrentzündung, Hechtsuppe und anderem hypochondrischen Scheiß. Die Krankheitsgeschichte ist lang, schrecklich und von unvorstellbarer individueller Härte wie man erfahren muss. Sie wird wohl einst angetan mit weißen Wildledermokassins, beim Verzehr eines Krabbencocktails in der Fußgängerzone von Westerland durch die Explosion eines Heizpilzes in tausend Stücke gerissen werden — so deucht es mich. Überhaupt: Heizpilze, doo! Haaach der Sommer, so haben wir den aber auch nicht bestellt was?
Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« |
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Sperrmüll
Dieser Ausländer, ein Rumäne oder Bulgare möglicherweise, der während des Starkregens im Foyer am Fenster sitzt zusammen mit einem struppigen, wohl einst vom Jahrmarkt mitgebrachten Stoffhund den er aus dem Müllberg barg — für die Kinder. So etwas stimmt mich melancholisch. Ich beschließe halbwegs spontan ihm meinen Fernseher zu schenken. Fernsehen ist ohnehin doof. Und ich male mir im Fahrstuhl aus wie er mit den Kindern Zeichentrickserien anschaut — vielleicht Tom und Jerry, Biene Maja sowas — während seine Frau in der Küche deftige Eintopfgerichte in der ebenfalls gefundenen Mikrowelle warm macht. Der Wertstoffsammler ist klein von Statur und hat ein ganz schiefes Gesicht, verquer gewachsene Zähne, einige aus Gold, andere fehlend sowie sanfte, schielende, leicht fischige Augen. Ich spreche offenbar mal wieder zu schnell, er versteht nur die Hälfte; egal, die Angelegenheit ist ja eigentlich ganz einfach.
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Krautrock
Beim Verzehr einer Laugengebäckstange lösen sich die auf der Oberfläche angebrachten Salzkristalle und springen, kompliziertesten mechanischen Gesetzmäßigkeiten folgend, in alle Himmelsrichtungen oder schnellen im hohen Bogen zwischen die Tasten des Computers und verharren dort, entziehen sich Reinigungsversuchen durch zerbröseln. Salz dringt in das Innere des Apparates ein. Man ist machtlos gegen solche Vorgänge. Die Waffe weg brüllt einer der beiden. Im Handumdrehen liegt der Schwarzhändler am Fußboden. Ich will deine Hände sehen bellt es, in seinem geschwärzten Antlitz fahren die Augen unstet umher. Er gibt seinem Partner Feuerschutz als dieser die Handschellen anlegt. Ein Hubschrauber naht, anthrazitfarben, bedrohlich wie ein hornissenartiges Insekt wirbelt das Vehikel einigen Staub und fortgeworfene Getränkebecher auf. Man wird den Verbrecher wohl in die Mangel nehmen und dann ausfliegen. Immerhin weiß ich jetzt — anhand der Billets die entsprechend bedruckt waren — warum so viele Menschen das Trottoir verstopfen und mit ihren geparkten Automobilen das Umfeld der Sportarena verschandeln. Der Krautrocker Herbert Grönemeyer gedenkt in wenigen Minuten ein Livekonzert durchzuführen. Es stellt sich heraus, daß die Veranstaltung mit nicht unerheblicher Lärmemission verbunden ist. Schallwellen, die belästigend in meinen Gehörgang eindringen und im Gehirn als das Lied Bochum identifiziert werden, das ich kenne ohne dies zu wünschen. Der kleine dicke Künstler brüllt den ganzen Abend aus voller Kehle und springt mutmaßlich umher wie ein Derwisch oder diese erzürnten Toaströster in dem Computerspielklassiker Bubble Bobble. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Umfeld« |
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Die Bezirksverwaltung
Krachend flog die Tür der Bezirksverwaltung auf und der Leiter des Industriekombinats stampfte mit eisenbeschlagenen, pudschweren Stiefeln durch den Flur. Er war schon am frühen Morgen voll wie ein Eimer und schwankte mit seinem mächtigen Leib voran wie ein Panzerkreuzer im Nordmeer. An der Stirnseite des Flures hatte der Trunkene Halt gemacht und ballte seine behaarte Pranke zu einer öligen Faust um damit an die dort befindliche Türe zu donnern, das drinnen das gerahmte Bild des Vorsitzenden an der Wand klapperte. Jiri Kobel, dem dieser Raum als Büro zugewiesen worden war, hatte sich von seinem Schreibtisch erhoben, die Lesebrille neben die Wochenberichte gelegt und war seine Schläfen massierend an das kleine Fenster getreten. Schlammig und träge mündete unten die Dwina in das weiße Meer. Kobel ahnte was nun kommen würde, als es erneut und mit Nachdruck an die Türe pochte.
Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« |
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Die Tartarenbluse, was bisher geschah
Eine unruhige Menge erwartet vor einem Beherbungsbetrieb der gehobenen Kategorie das Erscheinen von Justin Timberlake, dessen Absteigen hier als gewiss gilt. Frenetisches Kreischen — zum Teil unter Tränen hervorgepresst — brandet unter den Verehrerinnen auf, als ein mutmaßlich den nordamerikanischen Schlagersänger bergendes Kraftfahrzeug ins Zentrum der Szenerie gleitet. Schwarz, recht glänzend und mit finster getönten Scheiben; zweifelsfrei ein Wagen mit allen Schikanen. (Fernsehapparat, Sektkühler usw) Währenddessen 6970 Kilometer weiter ostwärts: Ein Reh stemmt mürrisch seine zweckmäßigen — und im Vergleich zu anderen Säugetieren wohlgeformten — Beine in den kargen Podsolboden und beobachtet weiter unverwandt eine Gruppe Zwangsarbeiter, die in ölbefleckten und schäbigen Kitteln ihrem Tagwerk entgegenschlurfen. Eine Raffinerie südöstlich von Archangelsk. Das Rotwild hebt die Nase in den auffrischenden Nordost, wackelt wie zum Abschiedsgruße mit der Kruppe und schnürt lautlos in den nebligen Tann.
Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« |
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Aus technischen Gründen
Als ich gestern auf die S-Bahn wartete, wurde der Zug mit dem ich zu reisen gedachte in Sichtweite des Bahnhofes von einer Betriebsstörung heimgesucht. Der in den Aushängen der Betriebsleitung beschriebene Fall war eingetreten; die Reisenden waren aus technischen Gründen genötigt auf offener Stelle auszusteigen und wurden von Bahnpersonal sicher zum Bahnsteig geleitet, was zugegebenermaßen nicht sehr schwierig war, da der Zug ja nur höchstens zehn Meter entfernt zum Stillstand gekommen war, nachdem er den offenbar durch mutwilliges Fremdverschulden beschädigten Gleiskörper überrollt hatte. Jedenfalls wurde die Bergung der Fahrgäste ruhig und in vollendeter Professionalität durchgeführt. An der Unglücksstelle selbst war der Bahndamm von jungen Birken und zahllosen Beikräutern reichlichst bewachsen. So standen nun Polizisten, neuerdings in hellblauen Sommerhemden, Techniker der Bahn, prophylaktisch verständigte Sanitäter und eine kunterbunte Schar von Reisenden, so wie sie nur der Zufall zusammenwürfeln kann, hüfthoch im jungen Grün. Mohn und Kornblumen in prächtigster Blüte, die schreienden Warnwesten der Rettungskräfte, ein kleiner schwitzender Mann mit Aktentasche, schlaksige, hochaufgeschossene Ausländer deren Teint ins olivgrüne spielte, eine junge Frau nebst Hund angetan mit resedafarbenem Sommerkleid, Kinderfahrräder mit langen, der Verkehrssicherheit dienenden Fahnen, ein Tandem, Familienväter deren Haar schütter und grau geworden war unter der Last und natürlich die Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, welche allerdings nur Maulaffen feilhaltend Zigaretten ansteckten und sich mit groben Pranken an ihren dicken Bäuchen kratzten. Wäre ich ein Künstler, hätte mich die Szene zu einem impressionistischen Ölgemälde inspiriert, drei mal sechs Meter vielleicht. Ein sinnvoll ineinandergreifendes Uhrwerks der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, die Lage stets vollkommen im sicheren Griff der durchweg besonnen handelnden Durchführungsberechtigten. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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