Hightatras:
Duschkopf
Gerade mal mit den Einstellungen des Duschkopfes experimentiert. Man wird ja teilweise regelrecht durchgekärchert und es hebt ein Geräusch an, als wohnte man einem Autorennen bei oder sei als Patient von Ärzten in so eine Tomographieröhre geschoben worden. Ferner besteht die Gefahr drei Stunden lang zu duschen und den einzelnen Einstellungen in Gedanken Farben und treffliche Namen zuzuordnen. Als ich schließlich die Türe der Duschkabine aufschob, gewahrte ich, daß im Raume der Unterschied zwischen Denotat und Signifikat fließend geworden waren. Die Nasszelle ist ja actually zumeist knochentrocken. Der Situation gemäß bediente ich mich also im Adamskostüm eines Wischlappens.
An einem gänzlich anderen Ort, auf dem Bahnsteig einer bedrückend finsteren und unterirdisch gelegenen Bahnstation wurde ich auf eine einzelne makellos schlohweiße Taube aufmerksam, die sich in Gesellschaft der üblichen Stadttauben an Krumen und festgetretenen Kaugummis gütlich tat. Schmutziggraue Punks mit räudigem Gefieder und teilweise verkrüppelten Gliedmaßen. Das gefallene Tier schien zu leuchten im Schein der Neonröhren; noch strotzte sein Federkleid vor fabelhaft reinlichem Glanz. Kein Bock mehr auf Briefe.
Thematischer Schwerpunkt: »Materie« |
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Lackaffen
Neulich in der S-Bahn, steigen so zwei Lackaffen ein mit Hollandrädern. Gesundbrunnen. Natürlich sehr schlecht gewartete Fahrräder. Der eine findet einen Platz, leider neben mir, der andere greint so ein bißchen verkniffen rum, daß er keinen Sitzplatz fand. Gegen die herbstliche Kühle wappneten sich die beiden mit bohemehaft umgeworfenen Seidenschals. Theoretisch kunstaffin scheinbar, jedenfalls nehmen die beiden Typen eine wohl früher begonnene und sehr wichtige Diskussion über den russischen Konstruktivismus wieder auf. Auch recht lautstark. Zudem begleitet von bedeutungsarmen, sich selbst genügenden Gesten, die weich sind wie die einer Frau, einer Frau jedoch der es an Anmut und Lebhaftigkeit gebricht. Es geht auch nicht um den russischen Konstruktivismus es dreht sich ausschließlich um Egosülze soviel ist bald gewiss. Sülze, Sülze, Sülze. Das Gespräch ist von so freudloser Ernsthaftigkeit und demonstrativer Schwerintellektualität, daß wenigstens dem schlecht und ausserdem viel zu dicht vor mir Stehendem eine elend knorrige und von sibirischen Winden schlimm deformierte Krüppelkiefer aus dem Arsch wächst. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
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Herr No entdeckt ein kleines Eiscafé
Als ich mich neulich anschickte einen Spaziergang im nahen Stadtwald zu unternehmen wegen der ansehnlichen Laubfärbung unter anderem. Es gibt dort ein unscheinbares Eiscafé, ich übersah es wohl bislang, man führt auch Biowaren, aber es ist zweifelhaft möbliert. Ich so, hach ein Eis jetzt, vielleicht noch von guter Qualität. Als ich die gelblackierte Schwingtüre zu der Gaststätte aufdrücke, sitzt da eine Frau mit einer Tennisschlägertasche am Tresen. Mich gewahrend verharrt ihre Espressotassenhand irgendwo zwischen Mund und Tischplatte und stellt sodann zögerlich die Tasse direkt neben den Tisch, daß diese auf dem Kachelboden in 1000 Teile zerschellt und der umherspritzende Türkentrank auch Kleidungsstücke befleckt. Ich so ja hier einmal Heidelbeer-Joghurt, Caramel und Straciatella, was soll man machen, der Betrieb muß ja weitergehen. Dann dampfe ich ab mit meinem Speiseeis und blicke kurz durch die großzügige Fensterscheibe in den Innenraum. Angestellte mit Lappen, rote Ohren und Lassen Sie mal, ich mache das schon. Schön, das ist ja recht schmeichelhaft für mich im Moment, das Malheur ereignete sich schließlich weil ich ein gut bis sehr gut aussehender Mann in den besten Jahren bin, aber das wäre doch nicht nötig gewesen, man bestellt doch solche aromatischen Getränke in erster Linie wegen ihrer vitalisierenden Wirkung und weil sie angenehm temperiert sind. Frauen werden wohl heutzutage nicht mehr ohnmächtig und lassen auch nicht das Taschentuch fallen. Das sind Dinge die es nicht mehr gibt: Mieder mit Fischbein, spitzenbesetzte Taschentücher sowie gezückte Riechsalzfläschen. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« |
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Von Letohrad nach Bad Schandau
In einer Pension nördlich von Geiersberg (Letohrad) stellt man mir ein Bierglas zum Austrinken hin. Die Bar ist mit drei gedämpften Lampen beleuchtet, sonst ist die Schankstube dunkel. Drei Stammgäste sitzen, Schnaps trinkend und rauchend, eng beieinander vor einem kleinen Farbfernseher der auf dem Tisch steht und lachen gemeinsam, wenn der Fernsehkomiker einen Witz macht. Über der Theke hängen diverse gerahmte Photographien nackter Frauen, auf Fellen vor mit dunklem Holz eingefassten Kaminen liegend beispielsweise. Warme Farben und Holz, wie vor langer Zeit aus einem tschechischen Erotikmagazin ausgeschnitten. Blonde Frauen mit hohen Wangenknochen und molligem Hintern. Der Wirt hat lange Haare und trägt einen grauen Jogginganzug. Er ist sehr sanft. In den Fremdenzimmern im ersten Stock sind die Wände mit Phototapeten beklebt, vom Bett aus fällt der Blick auf einen traumhaften Südseeinselstrand. An den inhaltsarmen Stellen der Wand, also vor blauem Himmel etwa sind wiederum Bilderrahmen angebracht, eine nackte Frau, die der Künstler als so heiß darstellen wollte, daß er ihren Körper vermittels Airbrushtechnik in einen lavaspeienden Vulkan übergehen ließ, und gewisse Körperpartien zudem vermittels erhabenen Glitzerstaubes betonte. Draussen an der Wand ist eine farbige Leuchtreklame befestigt, die gelegentlich etwas flackert; ein kleiner Araberjunge aus verschiedenfarbigem Plexiglas zusammengefügt in Pantoffeln, der lachend eine Tasse Mokka anbietet. Jenseits der Straße, in der Finsternis wühlen sich Schweine im Halbschlaf leise grunzend in den Schlamm. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Reiseberichte« |
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