Hightatras:
Die Apokalypse kündigt sich heuer durch zwei Zebrafinken an
Jesus ist unsere Zukunft, ruft eine Frau schon von Ferne, während sie auf dem nassen Laub mit dem Fahrrad einhändig lenkend, auf mich zuschlingert. Sie trägt selbgestrickten Schal, Mütze, Handschuhe und Stulpen aus rosa Glitzerwolle und streckt mir einen kleinen Kalender für 2008 entgegen — offenbar als Geschenk. Übrigens in jeder Hinsicht, sagt sie, entweder als Erlöser oder aber als Zerstörer, und ihre unsteten Augen glänzen und strahlen in reinstem bleu obwohl sie scheinbar Mitglied einer ulkigen Endzeitsekte ist. Ich so (in Gedanken), aha, dieser Jesus ist also so ein Typ wie Rambo, nämlich Märtyrer und Vollstrecker in einer Person. Durchaus ein neuer Aspekt für mich. Danke für die Info! Kontrapunktisches Element der Situation ist nun aber der mir angediente Kalender. Zeigt doch das Deckblatt zwei einträchtig auf einem Zweige in der Sonne sitzende Zebrafinken, welche die Schnäbelein in zärtlichster Innigkeit aneinander reiben. Stunden später fällt es mir wie Schuppen von den Augen, es handelt sich natürlich um ein Symbolbild: der eine Vogel heißt Erlösung, der andere Zerstörung, die zu überwindende Dualität materialisiert sich in den Körpern zweier verschmelzender Zebrafinken. Auf deutsch gesagt: der Heiland hat einfach keinen Bock mehr bei seinem nächsten Erscheinen auf diesem Planeten wieder Bart und Sandalen zu tragen.
Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« |
Kommentare (0)
Ausverkauf
Seit langem mal wieder die Schwelle eines Buchladens überschritten. Ein schmalbrüstiges Sortiment und Feng-Shui-Desaster aus Paletten, Grabbeltischen und Harry Potter bis zur Decke von der ein unsichtbares Damoklesschwert baumelt, ein Hattori Hanzō in dessen Klinge das Wort Amazon graviert ist. Kein einziges Buch, dessen Erscheinungsdatum länger als zweidrei Jahre zurückliegt, schäbige Verschenkbücher und pastellgeblümtgoldgeprägter bestselling Paperbacktrash. Ich will aber auch Filzer in schwarz und dunkelgrau eigentlich.
Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« |
Kommentare (0)
Fußbodenpflege auf Abwegen
Also dieses neue Pflegemittel, mit dem heute im Morgengrauen der Linoleumfußboden vor meiner Türe behandelt wurde, sagt mir ja gar nicht zu. Der penetrante Geruch des Wischwasserzusatzes waberte schwer unter der Türritze herein und ließ mich aus dem Schlafe hochschrecken. So stelle ich mir in etwa die Situation von Konrad Adenauers Sekretärin vor, die den ganzen Tag den schweren, leichenhaft süßlichen und öligen Altmännermoschusdunst einer sehr speziellen Haarpomade inhalieren musste. Kann man lüften, ist egal, das setzt sich wohl filmartig auf dem Mobiliar und in den Lungenkapillaren fest wie Friteusenfett.
Thematischer Schwerpunkt: »Haushalt« |
Kommentare (0)
Hagel!
Cumuluswolken, die Ränder gleissend weiß von der Sonne, kaltgrau ihr Kern wie Schiefer, im Ohr rechts tatütata und bezechte Kehlen verherrlichen einen Fußballverein. Plötzlich — vorher sprang ein Hund an der Leine nervös im Kreis, die Augen angsterfüllt, das Fell noch struppig vom Bade — verfinsterte sich die Sonne als wollte es Nacht werden, Blitz und Donner, die Wipfel der Bäume gingen im Wind und es begann zu hageln als schickte der Himmel Persil Megaperls, Kichererbsen, dann die Eier sehr kleiner Vögel (solche Finken beispielsweise), einige geschossartig und schartig auf der Kapuze trommelnd, dann wieder glitzernde Sonne und ein Regenbogen stand vor den tintigen Wannseewolken, satt und gebeugt. Alles auf einmal. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Witterung« |
Kommentare (0)
Sachthemen in der Sprache des Volkes
Grüne Tragetaschen aus Kunststoff an deren, in alterswelke Hände schneidenden Griffen, der Wind leckt und lüstern schmatzt. Ich traf sie schon im Gang, sage ich zu G, bin also bereits im Bilde. (G ist daraufhin sehr mild und liebenswürdig.) Gestiefelte Mädchen aus Kladow, an denen alles groß ist, die salzweissen Zähne die sie blecken wenn sie über Hautkrebs reden, ihre schnippischen blonden Pferdeschwänze. J, mit der ich auf dem Bette lagerte am hellichten Tage und Slivovitz trank, die ihren reizenden Leib später dem Heroin schenkte ohne zu geizen. Und draussen zwitscherten die Piepmatze so als sei – unter den Stiefeln miffpelndes Dörrgras nach dem Schnee erheben sich die Insekten. Un déjà sentir. Ich gebe zurück in den Elfenbeinturm, jenen eiskandiert reinblau umwölbten Aussichtspunkt, zur Zerstreuung bestiegen – auf Katerpfötchen, die Bausubstanz von gilbem Bein geschnitzt, allürenhaft filigran ziseliert und penibel poliert. Ob Zitronenhaine oder Gewerbeparks. Gott wird zu Mensch, wird zu Aas, wird zu Wurm, wird zu Amsel — den Milben die in ihrem Federkleid Domizil bezogen, dem Spöttergeschmeiß.
Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« |
Kommentare (0)
Ein umgestülpter Regenschirm
Der Wind wirbelt Blätter, Folienfetzen und aus den Briefkästen fortgerissene Prospekte hinauf in die turbulente Luft zu einem rauhen Konus aus Murks durch den der Sprühregen stiebt. Ein Hund von kleiner Statur sitzt draussen vor der Scheibe, bibbernd, angeleint und dabei still ergeben, wie es sich wohl für einen Gesellschaftshund geziemt. Se ham ja noch Sturm angesacht für heute, sagt eine Frau, die ein Suppengrün hat und Teltower Rübchen. Zu ihr aufblickend, wendet die Kassiererin suchend eine eingeschweißte Ware, hinter deren Haut aus Kunststoff ein Vakuum herrscht, dabei fährt zufällig ein roter Strahl über ihr Gesicht, huscht über die Falte neben Mund und Nase, die gütigen Augen, die umwelkt sind von weicher Haut und verliert sich über ihrem schwindenden Haaransatz von künstlicher Tönung. Unjemütlisch, viel Reejen biszum Wochenende hamse jesaacht, sagt sie und nennt zugleich eine Summe. Sie blickt gleichmütig durch die Scheibe in das Grau, als die Frau nach Münzen sucht, bar ihrer Brille einige zur Auswahl auf die vorgestreckte Handfläche schüttet. Oder graurote Männer, die an der Kasse einen polternden Sparwitz machen und um Anerkennung heischend hastig den Hals lang machen, nach anderen Menschen in der Schlange, die mit ihnen lachen oder wenigstens den Blick nicht abwenden. Triefäugig blinzelnd, mit senffarbenen Regenjacken bekleidet, die leise rascheln. Mehr
Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« |
Kommentare (0)
Wanzensekret
Vorhin, als ich im grauen Nieselregen, auf dem Weg in den Supermarkt, eine triste Grünanlage durchquerte, fiel eine Wanze wohl von einem der kahlen Äste herab und fand, von mir unbemerkt, Halt an meinem linken Hosenbein. Als ich später den Fremdkörper an meinem Bein halb bemerkte und ihn in Gedanken reflexartig mit der Hand abstreifte, purzelte das Tier zunächst auf den Boden, rappelte sich jedoch geschwind auf und taumelte, die Flügelchen entfaltend, in ein finsteres Gebüsch. An meinen Fingern haftete nun ein ein recht penetranter Gestank, der auch nach gründlichem Händewaschen nur einen Deut nachließ. Allerdings gewinnt der Geruch mit der Verdünnung merklich. Wäre ich Duftdesigner, so inspirierte mich das, meinen gen Nase geführten Fingern entströmende, wilde, herbmännliche, etwas moribunde und zugleich bodenständige Aroma — des von der Brustdrüse der Wanze abgesonderten Wehrsekrets — zu einem Aftershave. Vor meiner geistigen Nase nähme schließlich eine komplette Pflegeserie für den Herrn Gestalt an, mit Shampoo, Deo-RollOn, Intimlotion undsofort. Für das Marktsegment der frustrierten, heterosexuellen männlichen Mittelschicht jenseits der Vierzig, den kleinwüchsigen leitenden Angestellten und ewig Zurückgesetzten, die von Gram zerfressen — wohl für immer — lediglich niedere Stellungen bekleiden werden, in provinziellen, mittelständischen Unternehmen, welche schon einmal bessere Tage sahen. Recht protzige Flakons aus anthrazitfarbenem Rauchglas würden es wohl werden, für deren Form die charakteristische Silhouette eines Wanzenkörpers Pate gestanden hätte. Oder auch entfernt wie eine Urne, irgendwie mit Metallic und geilen Buchstaben, die ewige Jugend verheißen.
Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« |
Kommentare (0)