Hightatras:

Play a sad melody, the only one they know

Die Räume sind geschnitten wie die Ferienwohnung in Uffing, in der ich als Kind mit meinen Eltern den Sommerurlaub verbrachte und wie dieses düstere Durchgangszimmer in Neukölln, in dem wir in den Salad Days hinter heruntergelassenen Jalousien die Nächte durchkifften. In der Wohnung stehen sehr viele Betten, die Gänge zwischen ihnen sind schmal. Es ist Nacht. In den Betten, die Köpfe unter den Decken versteckt, versuchen Menschen zu schlafen, wälzen sich aber nur unruhig hin und her, da M und ich geräuschvoll ein futuristisches Fahrzeug zusammenbauen. Jede freie Fläche ist mit Spezialteilen, die für das Fahrzeug benötigt werden, übersät, so auch die Bettdecke eines Bettes in der Ecke, unter der A leise stöhnend versucht einzuschlafen. Sie hat einen alten, behinderten Schäferhund mitgebracht, der ohne Unterlass durch die Wohnung schleicht und einen Klumpfuß hinter sich herzieht. M und ich hören bei der Arbeit Wall of Voodoo, wieder und wieder, sehr laut und singen schlecht, aber mit Inbrunst mit und machen dabei pathetische Gesten. Am Boden stehen gleissend helle Bauscheinwerfer, und jede Bewegung wirft lange Schatten, auch der ruhelose und gebeugte Hund, dessen Silhouette belalugosihaft über die Tapete geistert. Ich erwache, weil auf mir ein russischer Sumōringer sitzt, mit blondierten Hundehaaren. Seine Haut ist teigig, wulstig und mit Kronen, kyrillischen Zeichen und naiv realistischen Motiven seines Verbrecherlebens tätowiert. Der Sumōringer war der Schäferhund, er hat sich irgendwie verwandelt, nur seine Haare sind geblieben und die dampfend gelben Raubtierzähne.

Thematischer Schwerpunkt: »Schlaf« | Kommentare (4)

Mykorrhizapilze

Es ist recht windig. In manchen dieser schmalen Durchgänge unter den Hochäusern entstehen regelrechte Windkanäle und mit zweihundertsechzig Sachen fliegen Pappbecher und so Zeug an einem vorbei und wer nicht aufpasst dem wird der Hut fortgeweht. Nicht unweit üben häufig Jugendliche mit so überkrassen Emofrisuren Skateboardsprünge. Da ist neu asphaltiert, deswegen ist der Ort ein wenig reizvoll für die schlaffen Jungs. Man muss aber sagen, daß die Ausübung des Sportes keine Fortschritte macht soweit ich das beurteilen kann. Für mich ist die Passage des Windtunnels immer auch mit dem Klappern von auf den Asphalt fallenden Holzbrettern verbunden, einem Geräusch des Scheiterns, bislang sah ich noch keinen der Bengels einen Sprung mit Erfolg ausführen. Früher konnten die Kinder das besser. Sido und Tokio Hotel verblöden nicht nur, sie haben wohl zusätzlich auch einen überaus ungünstigen Einfluss auf die Motorik der Heranwachsenden.
In einem dienstlichen Gespräch konnte ich mich nachmittags unerwartet als Steinpilzkoryphäe positionieren, es ist nämlich so, daß Mykorrhizapilze nicht kultivierbar sind, da sie stets Kontakt zum Feinwurzelsystem von Laubbäumen suchen. Was keineswegs zur Allgemeinbildung zählt offenbar. (Es ging aber auch um minder interessante Themen wie Second Life.)
Dieses Möbelgeschäft, in dessen Geschäftsräumen stets der Fernsprecher versagt, weil alles mit gelbem Blech ummantelt ist, war heute fast ausschließlich von Schwulen, Ostlern und blutjungen Eltern in spe besucht. Werdende Väter tragen heutzutage Irokesenfrisuren und gestreifte Kapuzenpullis, das ist obligatorisch; schieben riesige Einkaufswagen durch die Gänge und die schwangere Freundin packt ganz viel Plunder und Kitsch ein für die erste gemeinsame Bude. Widerstand ist zwecklos, aber das wissen die selbst.
Höchst förmlich – und abstoßend auch finde ich den Versuch mich überall zu duzen. Die Kunden zurechtweisen wollen und dabei so schleimig duzen, ey. Mit so blöden Schildern, aber das ist den ihren Firmenphilosophie aus den siebzigern. Hallo, hier spricht Dein Einkaufswagen. Nichts habe ich übrigens gegen Hinweisschilder, welche strikte Anweisungen in kasernenhofhafter Sprache recht autoritär präsentieren. Oder so wie in Österreich.
Immerhin habe ich diesmal keine Energiesparlampen gekauft. Weil ich schon die größte Energiesparlampensammlung Europas habe, besteht kein Bedarf. Um ehrlich zu sein gefällt mir da garnichts, alles scheiße gestaltet und von blinden beinamputierten indischen Mädchen zusammengeschustert mutmaßlich. Hier: Ikea fuck off, ey. Neben den Kassenschlangen hatte der militärisch-industrielle Komplex mannshohe Kisten abgestellt, gefüllt mit Gummisandalen in geschmacklosen Farben. Gummisandalen, das ist doch was für so Fetishfreaks – oder Ostler eben, die Waren stets dann kaufen, wenn sie angeboten werden und nicht wenn sie benötigt werden – es handelt sich um ein genetisch bedingtes Phänomen, der Mann schiebt den Wagen sukzessive voran, hin zu den barcodelesepistolenbewehrten Kassenkräften und die Frau sagt so Fürnjarten, zack eingepackt, in orange, so funktioniert das. Ungnädig, wegen Kopfschmerzen – sicher dünstet der ganz Ramsch reichlich Formaldehyd aus und die Menschen müssen alle an Krebs sterben. Hauptsache die Bonzen können fette Zigarren rauchen, so läuft nämlich der Hase. Ich bin für die Revolution und daß das alles mit Sprengstoff in die Luft gejagt wird.

Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« | Kommentare (5)

Kontextsensitive Werbung

Manchmal stelle ich mir Fragen, die ich kurzzeitig berechtigt aber auch etwas befremdlich finde: Was macht eigentlich ein landesweit operierender Telefondienstleister, sollte das ihn bewerbende Model mal vom Auto überfahren werden oder beim Fensterputzen höchst unglücklich in eine Glasscheibe stürzen? Hat die noch 'ne Zwillingsschwester?
Ich fuhr nämlich am gestrigen Abend mit der Stadtbahn an einer werblichen Maßnahme vorüber. Ein steinernes Tor, welches sich über einen sehr schönen – wenn nicht gar den schönsten – Westberliner Prachtboulevard spannt, wird, da zur Zeit Wartungsarbeiten an der wohl vom Zahn der Zeit marode gewordenen Bausubstanz durchgeführt werden, von einer farbig bedruckten Plane umhüllt, welche ein sich plakativ verführerisch räkelndes Keyvisual vorstellt – eine überlebensgroß, geradezu godzillahaft in den Nachthimmel ragende Blondine, um deren ranken Leib eine bald jugendstilartig flatternde rote Schärpe drapiert wurde und die vermittels weiblicher Reize, den zwischen ihren recht langen und schlank geformten Beinen durchrasenden Kraftfahrern, ein Komplettpaket, bestehend aus Telefonie und schier unbegrenztem Zugang zu einem modernen Computernetzwerk schmackhaft zu machen trachtet. Pikanterweise buhlen nun aber auch am Fuße des Tores – beiderseits der recht frequentierten Fahrbahn – vergleichsweise zwergenhaft anmutende Prostituierte ihrerseits, mit weitaus weniger gigantischen, wenn auch realen Mitteln um die Gunst hormonell entsprechend eingestellter Fahrzeugführer.

Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« | Kommentare (3)

Höllenmaschinen

Vorhin standen im nebligen Walde, in einer kleinen, von jahrhundertealten Eichen gesäumten Senke, einer Stelle, an der es sonst, vom jähen Ruf scheuer Waldvögel abgesehen, besonders ruhig ist, vier riesige schwarze Speziallastwagen im Schein roter Rundumlichter. Und ernste Arbeiter mit Funkgeräten; die märkische Scholle zerwühlt von breiten Reifenspuren. Am Bauch der vier Maschinen waren jeweils schwere Stahlplatten befestigt, die, von in den Maschinen sitzenden Arbeitern, vermittels Mechanik auf den Boden abgesenkt werden konnten, um so die Erde in kräftige Schwingungen zu versetzen. Ähnlich wie eine stationäre Dampframme hämmerten die Maschinen auf den Waldboden ein, einem künstlichen Erdbeben gleich. Infernalischer Lärm und zäher Dieseldunst, der durch hochaufragende und verchromte Schlote ausgestoßen die Sonne verfinsterte. Wäre ich nicht bereits hauptberuflich Luftikus mit Aszendent Playboy, handelte es sich hier um ein Berufsbild, daß mir zusagen könnte. Mit Verbrennungsmotoren allwerktäglich scheinbar sinnlosen Terror und Zerstörung zu verbreiten ist etwas reelles. Zumal wenn die Ausübung im Dienste einer übergeordneten Aufgabe steht, nämlich dem Wohle der Gesellschaft und einer weiteren Steigerung von Lebensqualität. Und die Arbeiter können um vier Uhr sicher heimkehren um Frau und Kinder in die Arme zu schließen, im Gegensatz zu Kampfhubschrauberpiloten in Afghanistan beispielsweise, die dort unten, im Sinne des Weltfriedens, Dörfer ausradieren durch den Einsatz intelligenter Waffensysteme. Deren Dienstplan ist mutmaßlich unregelmäßig, sowie Weib und heimischer Herd fern.

Thematischer Schwerpunkt: »Apparate« | Kommentare (7)

Bullerbü 2011

Ich esse ein Gorgonzolatoast auf dem Balkon und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Die Flügelschläge gravitätischer Gänse vor blass durchsonntem Cyanhimmel. Väter, Mütter, Kinder, Hunde und Kinderräder. Es herrscht Kaiserwetter. Bekanntschaften und berufliche Pläne aus denen was wurde. Menschen, die sich eine eigene Primärgruppe aufbauten, mit aller erforderlichen Peripherie wie Elektro-Vertikulierern, Playmobil-Tankstellen, Messerblöcken, Terrakottagänsen und Family-Vans. Das Leben lässt sich auch als lebenslänglich und pragmatisch zu lösende Logistikfrage betrachten. Kleinschrittige materielle und soziale Strukturbildung, die das Weltall und das schwarze Tier in behaglich unsichtbare Ferne rücken. Geliebtes kleines Pflaumenkuchen-Universum. Auch der betrunkene Fahrgast, der tourettesyndromhafte Satzfetzen wie Du katholische Fotzensau ins Nichts des nächtlich verlassenen Bahnhofs unten kreischt und sodann einen gurgelnden Schwall ins Gleisbett speit, ist was – nur kein sinnvolles Glied der Gesellschaft. Mein Beitrag zum Gedeihen des deutschen Vaterlandes liegt im wesentlichen darin, daß ich Steuern bezahle; ich reproduziere mich nicht und ich schaffe kein Weltkulturerbe. Allerdings stelle ich mich auch nicht offen feindlich gegen die Gesellschaft durch nächtliches Lärmen, aufs Perron Erbrechen oder das mutwillige Zerschlagen von Leergut. Programmatisch gesehen bin ich quasi die SPD der Asozialen.

Thematischer Schwerpunkt: »Modelle« | Kommentare (3)

Sozialistischer Realismus

Am Nachmittag vor dem bedeutenden Fußballspiel sah ich eine kleine Frau mit vielen Reisetaschen, Tüten und einem Rucksack auf dem Bahnsteig bei den Mülltonnen. Manche der Fußballfans die hier aussteigen sind schon blau und grölen, die meisten haben Bierpullen in der Hand. Die Frau ist extra angereist aus Ostberlin wegen der leeren Flaschen. Daß sie aus Ostberlin ist, erkenne ich an ihren Dederonbeuteln. Sie hat sehr viele Flaschen gesammelt, vor allem in diesen großen kubischen Einkaufstaschen aus geflochtenen blaurotweißen Plastikfäden. An der Leine hat sie einen kurzbeinigen weißen Hund mit schwarzem Punkt auf dem Auge. Als er sehr bibbert, nimmt sie ihn auf dem Arm und wiegt sich – die Augen geschlossen – mit dem Tier wie es die Verliebten tun. Und im Hintergrund steht die Polizei dabei, hochaufgeschossen und alert, in mitternachtsblauen Uniformen mit schwarzen Helmen und wirft ein gestrenges Auge auf die grölend in die Ränge der Kampfarena stampfenden Bacchanten. Sie sagt zu einer Stimme aus dem Off, daß oben am Stadion sehr agressive Männer stünden, die sich um die dort aus Sicherheitsgründen abzugebenden leeren Flaschen balgen würden. Eine Art Leergutmafia, von der sie auch schon körperlich bedroht worden sei. Sie trägt eine hellgrau halbtransparente Brille aus Hornimitat, die Haare sind helmartig frisiert und sie riecht nicht unangenehm wie der kleine Metallkasten mit Wachsmalstiften, den ich als Kind mal hatte. Ort und Zeitpunkt – kurz vor Anpfiff, unten auf dem Bahnsteig – ist die Nische, die die kleine Frau von kugeliger Statur selbstbewußt wie ein sich plusternder Darwinfink besetzt. Ein Hund der devot von ihrem Arm aufblickt und bald fünf Taschen voller Flaschen, deren Inhalt nun heiß und gluckernd die Harnblasen sportbegeisterter Arbeiter bläht.

Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« | Kommentare (0)

Fuck the mainstream

Der Kellner wirft einen Blick auf die Uhr, dann einen prüfenden durch das große Fenster auf die Straße. Er trägt einen Stapel Aschenbecher in das Hinterzimmer der Gastwirtschaft, verteilt diese auf den Tischen, an denen sich die ersten Gäste Zigaretten anstecken oder fahrig in ihren Manteltaschen nach den Päckchen kramen. Das Lokal raucht. Weißweintrinkende Bürger, x-beliebige Typen mit quergestreiften Kapuzenpullis und englische Teenager-Touristen, die ganz oft fuck oder fucking sagen. Je nach Neigung und körperlicher Verfassung mit rebellenhaft funkelnder Miene der vermeintlich aufoktruierten Prohibition trotzend, in Knasterschwaden versunken, weichlich die Beine übereinanderschlagend oder mit Fluppe im Mundwinkel, großen Schrittes, leeren Blickes und stühleumwerfend zur Toilette taumelnd.
Voll unspießig und Punkrock wäre ja gewesen, mit pathetischer, alle Gespräche verstummen lassender Geste in die Mitte der Schankstube zu treten – Spot an – und vermittels Mobiltelefon die Polizei anzurufen, bezüglich einer exemplarischen, alle Register geltenden Rechts ziehenden Razzia. Doch ich wandte den Blick ab, griff still nach meiner Joppe und verließ den Ort des Verbrechens.

Thematischer Schwerpunkt: »Umfeld« | Kommentare (1)