Hightatras:
Herr No genießt die Aussicht
An manchen Tagen ist die Wohnung so ferienhaushaft in ihren Zeichen der Unbewohntheit, den Staubmäusen die sich zusammenrotten oder dem Wasserhahn der pathetisch quietscht. Und manchmal sehne ich mich fort von den nächtlich brabbelnden Fernsehern in ein traditionsreiches Sanatorium in dem strikte Nachtruhe herrscht. Behelfsweise zieht es mich zu ausgewiesenen Stätten der Naherholung. Ja, der Eintritt würde erhoben um die Abgaben für die Flugsicherung zu bestreiten sagt die Frau am Imbisstresen des Aussichtsturmes im Osten, an dem die Ausflügler auch gehalten sind Billets zu lösen, die sie zum Aufstieg berechtigen. Das kostet eine schöne Stange Geld sagt sie auf Nachfrage einer forschen kleinen Mutter, ja, selbstverständlich sei der Obolus pro Nase zu entrichten, und ich weiß, daß sie flunkert, wie sie ihren Blick senkt und den ausliegenden Pflaumenkuchen fahrig ordnet mit einer Plastiktortengabel. Das Objekt ist nicht gut in Schuß, man wähnt sich beim Treppensteigen in eine Kulisse des Computerspieles Resident Evil versetzt. Oben auf der Plattform lassen sich die Frauen die Sonne ins Gesicht scheinen und blinzeln geziert, während die Männer systematisch die Skyline erklären. Ich verspüre auch einen Skylineerklärungsimpuls in mir – und gebe ihm nach. Lange Ruderboote gleiten durch sonnenweiß glitzerndes Wasser und entfernte Kühltürme stehen kalkweiß vor dunkelvioletten Schneewolken. Man könnte hier recht komfortabel Selbstmord begehen, die Balustrade ist nicht sehr hoch, ich beschränke mich darauf runterzuspucken. In meiner Hand, der Schlüssel des Turmes, der letzte schließt dann bitte ab. Sie sind der letzte. Am Bund ist zudem ein orangefarbener Schuhanzieher befestigt sowie ein moosgrünes Synthetikband, in welches die Internetadresse des deutschen Heeres nebst Emblem eingewebt ist.
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Für die Vernichtung der Zeit
Wie behaglich Berlin in werktäglichen Nächten ist. Wenn die Bahnen nicht mehr von griesgrämigen Arbeitern bevölkert werden oder von diesen unsteten trunkenen Rotten ergebnisorientierter und hysterischer Hedonisten wie am Wochenende. Sondern von einem gutaussehenden Italiener, der still ein Buch liest, und dann den leise summenden Fernsprecher zückt und recht schön betont mitteilt, daß er in der S-Bahn sei und in 20 Minuten daundda. Ein Mädchen, das sich aufbrezelt, und das Ergebnis mit dem Telefon photographiert und zur Selbstkontrolle zufrieden ansieht auf dem winzigen Bildschirm des Apparates. Schwarzhaarige Nyx und Tochter des 21. Jahrhunderts. Sie trifft sich um eins am Bahnhof Alexanderplatz mit einem jungen Mann dessen Haupthaar lang und blond ist und der sie leidenschaftlich auf den Mund küsst. Sie werden mutmaßlich etwas Schönes zusammen machen. Hier weht ein anderer Wind, der gellende Schrei der Werkssirene, das Trotten der Arbeiterstiefel und der bange Blick auf die Armbanduhr ist fern. Es ist schön, jetzt die Laufschuhe anzuziehen, zwischen drei und vier, wenn die Motoren der Kraftfahrzeuge verstummen und sich agile Kaninchen aus den blühenden Forsythienbüschen wagen zu einem frühlingshaften Reigen auf einer Siedlungswiese und die Luft frisch ist und die Straßen still, alleine das Fahrrad eines Botens, der Zeitungen in Briefschlitze steckt, quietscht eierig. Lebensfeindliche Unorte, die temporär zu karger, einsamer und schöner Nachtlandschaft erblühen. Jähe Betonfelsen und neblige Grünanlagen, schummrig erleuchtet von gelb blinkenden Ampeln, durch die ein Fuchs schnürt. Dann der Ruf der erwachenden Vögel, die ersten Düsenflugzeuge die aufsteigen ins rote Gestirn und die Morgensonne, die den Stahlbeton der Profanbauten färbt und den knotig hervorquellenden Qualm aus den Kraftwerksschloten, den der Wind nach Osten treibt und die Kähne, die Kohle geladen haben für den nimmersatten Schlund der Kohleverstromung. Aus Farnen des Karbons abgerufene Energie für unsere Hauptstadt, für die just jetzt musizierenden Radiowecker, die zu gluckern beginnenden Kaffeemaschinen, die ersten Webseiten, die aufgerufen werden von informationshungrigen Bürgern. Das ist der Moment um zu Staub zu zerfallen oder in einem Bad, heiß wie Magma, zu vergehen, während weit weit entfernt die Mülltonnen ruppig entleert werden von dicken schwieligen Arbeiterhänden.
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