Hightatras:

Direkte Ansprache in der dritten Person

Man sieht hier noch das frühere Kino, später mit senfgeprenkelten Fliesen ausgekleidet zum Lebensmittelgeschäft, daß man mit dem Schlauch durchgehen könnte wenn nötig, die von schmalen Schlitzen durchbrochene Empore, von der die Filme durch einen – so stelle ich es mir vor – staubigen Saal an die Leinwand projiziert wurden. Eine Frau, wohl Russin oder Polin, die sich im Supermarkt mit zwei soeben gekauften Plastikbeuteln voller Blumenerde müht, so flachgepresste, die dann aber, sobald man sie unter den Arm zu klemmen versucht, nachgeben und schlapp in der Mitte durchhängen, zu sehr um sie würdevoll greifen zu können, zu wenig jedoch auch zum bruchfreien Falten des Gebindes. Da wendet sich schließlich die Kassierin in ihrem Drehstuhl der mutmaßlichen Russin zu, sie trägt eine Strickjacke mit Rentiermotiven, da Zugluft hier ein Problem darstellt, und die Tiefkühlregale ein zusätzliches an feuchter, an die Nieren gehender Klammheit aushauchen, und sagt – vielleicht auch weil sie mit der Russin vom Sehen bekannt ist, eine gut zahlende Kundin möglicherweise zudem, die auch Morchelöl oder andere hochpreisige und überkandidelte Waren kauft – sie kann den Einkaufswagen auch mitnehmen und später wiederbringen. Dabei blickt sie aber die Russin direkt an, so als spräche sie in der zweiten Person zu ihr, und lächelt etwas; die Angesprochene hat sich, der an sie gerichteten Worte wegen, aufgerichtet, von den Substratsäcken abgelassen und wischt sich schlanken Fingers einige Krumen von ihren safranfarbenen Hosenbeinen, die in blankgewienerten rotbraunen Lederstiefeln stecken. Will er den Kassenbon, sagt später die Kassiererin mich ansehend und mir zugleich das aus dem Drucker hervorkringelnde, zahlenbedruckte Papier mit fragender Geste hinstreckend.

Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« | Kommentare (5)

Motiv Großstadt und Probleme des Transports

Unversehens befinde ich mich in einem großstädtischen Tableau, einer Szene wie aus einem Bilderbuch, mit deutlichen Darstellern und emblematischen Ereignissen auf denen die dicken Finger von Kindern ruhen. Ein großes Auto hat sich auf der Fahrbahn quergestellt und ein kleines Auto ist in die Seite gescheppert. Alles kaputt. Der Fahrer des großen Autos steht auf der Straße und raucht lässig eine Zigarette, an sein rechtes Ohr hält er ein Telefon und spricht selbstsicher. Die Fahrerin des kleinen Autos ist auf ihrem Sitz zusammengesunken und schämt sich. Offensichtlich ist die Frau schuld. Ohne kleine Autos, keine großen Autos. Ich verlasse gerade eine Kleingartenanlage in der die Bäume knospen, einige blühen schon. Die Krume ist feucht und ein Hund kotete mit konzentrierter Mimik. Die S-Bahn donnert über einen nahegelegenen Bahndamm, daß die Büsche wogen. Eine kleine Kapelle tritt auf. Drei schnauzbärtige dunkle Männer, deren Oberbekleidung aus tarnfarbenen Uniformteilen und Turnhosen mit mangelhafter Paßform besteht und Schuhen, die am Hacken heruntergetreten sind. Schiefgelatscht, von mäandernden Falten zerbrochen. Und sie musizieren mit einer Trompete, einem Akkordeon und einer kleinen Trommel zum umhängen, inbrünstig, als trügen sie eine stumme Moritat vor, die von einem ethnischen Krieg berichtet. Und ein anderer Mann im Hintergrund hält Farbausdrucke in Din A 4 hoch, die belegen sollen, wie verschlagene Institutionen den Himmel verfinstern mit Flugzeugabgasen; der Mann hat nur noch wenige Zähne; ein vergilbter Schneidezahn ist sichtbar und er bittet um die Aufmerksamkeit der Menschheit. Ein Behinderter sitzt in seinem Rollstuhl und zuckt hospitalistisch. Eine Hälfte seines Gesichtes scheint zu fehlen, die Haut ist scharlachrot verfärbt und von geschwollenen schwarzen Warzen übersät. Der Behinderte steckt sich mit der Hand ein Wiener Schnitzel in den Mund; sein Mund ist sehr groß, ein Schlund vielmehr und dunkle Nüstern die unregelmäßig pfeifen. Die Szene ist schmerzhaft interessant und wird durch jenseitige Flaschensammler zu einer dixschen Collage des Leidens ergänzt. Mehr noch als das hübsche blonde Mädchen mit den feuchten braunen Augen, die anmutig Pralinés aus einer transparenten rosa Cellophantüte fischt.

Thematischer Schwerpunkt: »Passanten« | Kommentare (1)

Routinemäßige Wartungsarbeiten werden durchgeführt

Nachts, so um drei, wird das in einigem Abstand gegenüberliegende Hochhaus regelmäßig zu einem unwirschen Emoticon; mit seinen wenigen noch erleuchteten Fenstern blickt es zerknirscht herab auf das schlafende Westend, vergangene Nacht auch auf eine sich langsam von Osten her vorwärtslärmende Gleisabschleifmaschine (Topos Höllenmaschine), das betongegossene Lichtgesicht wird zunehmend zu einem schief lächelnden Smiley (Symbol für atonales Acid House). Der Apparat auf Eisenrädern kreischt und die Funken stieben, eine flächig erleuchtete Fassade nun wie um zwanziguhrfünfzehn bald. Nachtmützenbewehrter deutscher Michel läuft umher, pfropft erzürnt Ohropaxstopfen tief hinein in den Gehörgang, bis ins Gehirn. So ihr Lampenputzer, Großstadt! Hammerschlag und Häuserquader zittern…

Thematischer Schwerpunkt: »Materie« | Kommentare (0)

Der junge Mann bekommt schon

Die Welt ist mitunter nicht so organisiert wie es mir vorschwebt. Ob man mir wohl helfen könne, fragt eine junge Verkäuferin mit nagetierhafter Physiognomie mich forsch und mit antrainierter Munterkeit, sobald ich, mit vagen Kaufgelüsten schwanger gehend, an den Regalreihen der Sportabteilung eines führenden Kaufhauses entlangstreiche wie ein geschmeidiges Wildtier und ein Paar der zum Verkauf bereitgehaltenen Sportschuhe zögerlich prüfend in der Hand wiege. Ich verneine recht höflich und sie bleckt als Replik ihre bugsbunnyesken Schneidezähne. Ja, der Schuh sei ein sehr gutes Modell, also richtig top sage sie mal so, und zudem mit Gore-Tex ausgestattet. Allerdings würde selbst ein Blinder mit Krückstock, das, die Verwendung des atmungsaktiven Kunststoffgewebes bezeichnende Signet gewahren, welches schier unübersehbar an der Sohlenkante des Schuhwerkes prangt; somit wird meine Ahnung zu trauriger Gewissheit: die Worte der Fachverkäuferin sind nicht nur nutzlos, sondern zeugen auch von akuter Verblödung und einem hochgradig pervertierten Servicegedanken. Auch daß die Schuhe aus Herzogenauracher Provenience für schlanke Athletenfüße gearbeitet wurden, ist mir nicht neu. Es handelt sich vielmehr um einen alten Hut. Da pfeffer ich die Botten lieber gleich zurück ins Regal und strebe fluchtartig, sinnbildlich mit wehenden Rockschößen, gen Ausgang. Ich hasse Verkaufsgespräche. Das können sich jene Objektleiter, die ihre Angestellten zu penetranter Geschwätzigkeit drillen, getrost ausdrucken, mit dem Textmarker anstreichen und hinter den Spiegel stecken. Der Witz am Einzelhandel ist schließlich, daß ich die Waren persönlich in Augenschein nehmen kann; nicht – unter keinen Umständen – wünsche ich jedoch angesprochen zu werden. Beabsichtige ich allerdings einen Schuh anzuprobieren, so erwarte ich, daß umgehend dienstbare Geister lautlos um mich herum schwarwenzeln und sowohl schweigsam als auch ganz Ohr werdend, meine Direktiven entgegennehmen, gleichsam aufsaugen wie ein Haushaltsschwamm, namentlich mir die gewünschten Schuhkartons mit langem Arm und einem angedeuteten Knicks aushändigen und sodann, in botmäßigem Abstand, devot den Blick senkend, mit der Wand, respektive der Auslegware zu schemenhafter Undeutlichkeit verschmelzen wie ein stummes Chamäleon in der Winterstarre, bis ich ihnen eine weitere Schuhgröße zuraune, auf daß meinem Wunsch mit wieselhafter Geschäftigkeit und eifrigen Bücklingen entsprochen werde.

Thematischer Schwerpunkt: »Warenwelt« | Kommentare (3)