Hightatras:
Unter Papageienlaternen
Ich gebiete meinem am Boden liegenden Hund ruhig liegenzubleiben, als sich ein weiterer Hund schnuppernd nähert; weise ihn an, weder zu knurren noch zu beissen. In Angesicht meines warnend erhobenen Zeigefingers lässt er die Annäherung gewähren und beginnt zunächst zögerlich, später hingebungsvoll das noch weiche Fell des Hundes zu lecken.
Eine dunkle Straße bei Nacht, die von hochaufragenden und fensterlosen Gewerbegebäuden gesäumt wird. Plötzlich fliegt eine Tür auf und ein Mann wird in die Gosse gestoßen. Im sich schließenden Türspalt blitzt für einen Augenblick Halbweltmilieu auf; rotbedruckte Laternen und Männer von stämmiger Statur, die über Glücksspieltische gebeugt sitzen. Dann werde ich durch neonbeleuchtete Räume geführt wie bei einer Betriebsbesichtigung; eine ehemalige Werkshalle, die mit weißen Blähbetonsteinen in kleinere und verwinkelte Räume aufgeteilt wurde. Ein Armenasyl ist zu sehen; bei fahlem elektrischen Nachtlicht heben und senken sich die Brustkörbe von Schläfern unter den rauhen Decken mehrstöckiger Betten. Oder eine Werkstatt, in der ein Mann sein Handwerk, die Verarbeitung von menschlichen Leichen, gelassen und konzentriert ausführt, als arbeite er mit Uhren oder Radioapparaten. (In Adern, durch die einst Blut floss, steht nun das Formalin.) Die Leichenteile würden in flüssigem Stickstoff gekühlt, und ließen sich dann recht einfach in filethaft feine Scheiben sägen, sagt er, und nimmt seine dunkle Brille ab und das linke Auge fehlt, ein Loch nunmehr, eine verknitterte Narbe wie altes Pergament.
Thematischer Schwerpunkt: »Schlaf« |
Kommentare (0)
Die Welt in meinem Ohr
Beim Einschlafen habe ich manchmal das Gefühl, als ließe sich das Gehör durch Konzentration immer weiter verfeinern, als könne man mit den Ohren in beliebige Richtung auf endlose Reisen gehen. Durch die im Morgenwind leise raschelnden Baumkronen, immer schneller werdend, vorbei, an den, im Rhythmus des Flügelschlages knackenden, Gelenken ziehender Gänse, durch die Stratosphäre, knisternde Eiskristallwolken passierend, hinein in einen trägen Raum der Aeolsharfen. Je größer und erhabener, desto langsamer. Oder ein Mann, der zwei Straßen weiter klickend sein Portemonnaie aufmacht, um etwas Hartgeld zu entnehmen für die Zeitung, an einem Kiosk, der schon bedient; vom Zellstoff des Blattes nahtlos in seine Kohlenstoffstruktur, rasend und turbulent, als säße man mit Super Mario in so einem vergnüglichen Computerauto, bricht sich das Ohr Bahn durch das Maul eines schmatzenden, unter der Grasnarbe lebenden Engerlings um immer weiter hinabzuschnellen, durch kratzendes Gestein vorzustoßen in das brodelnde Innere der Erde oder später auf Deck eines Flugzeugträgers zu zerschellen mit dem Geräusch von Fallobst.
Thematischer Schwerpunkt: »Materie« |
Kommentare (1)