Hightatras:

Bericht zur subjektiven Bedrohungslage

Myop plierend und mit Hang zu einer Rückenfehlstellung beugt sich ein Handelsreisender von 46 Jahren über seinen Computermonitor, der die Zellen einer Tabellenkalkulation darstellt. Durch die industriell gestanzte Trinköffnung eines großgastronomieüblichen Polystyroldeckels, wie er zum Verschließen von heißgetränkegeeigneten Hartpapierbechern Verwendung findet, lässt der Handelsreisende einen hastigen Schluck Kaffee in seine Speiseröhre rinnen, sodass im Rahmen der pharyngealen Transportphase eine uneindeutige, wohl aber auch mit der Getränketemperatur zusamenhängende Grimasse über das scharf rasierte, doch weich geschnittene Gesicht des Handelsreisenden huscht – das Gesicht eines betagten Kindes. Der Handelsreisende belegt einen Fensterplatz mit Tisch, in einer Ruhezone der ersten Wagenklasse. Die Regenwahrscheinlichkeit ist hoch; bald ins tintig pechschwarze, bald ins königsblaue spielende Stratocumuluswolken haben sich tief zusammengeballt und umfasern die orangerosa und schemenhaft über der Grundbach-Talbrücke emporsteigende Sonne stark bis sehr stark, sodass eine ebenso dramatische wie pittoreske Lichtsituation von maximal 43 Lumen pro Quadratmeter herrscht, dort draussen – jenseits des Verbund-Sicherheitsglases, vor dem die Kulturlandschaft des Weserberglandes vorübergleitet; wo, wenn nicht die Scholle vom Beton der Profanbauten versiegelt ist, gemäß Raumnutzungsplan alternierend Forstwirtschaft und Ackerbau betrieben wird. Mit von gespenstischer Geräuschlosigkeit geprägter Geschwindigkeit schnellt der Schnellzug nun, nach einer Passage durch Forst, gravitätisch hinaus in das Freiland und der Zugführer wird seine Fahrweise den Gegebenheiten anpassen, er wird mit Seitenwinden rechnen, er wird sich dräuenden Wildwechsels bewusst sein. Siehe, da stehen zwei Stück Rotwild (mit ungefegtem Geweih) auf einem Flurstück und äsen; der Boden ist durch Frühnebel bewabert wie ein französischer Edelschimmelkäse von flauschig weißer Pilzkultur. Das Sitzplatzkontingent des Zuges von 658 Sitzplätzen ist zu nur 47% ausgelastet, somit unwirtschaftlich, leider, wobei 69% der Belegung auf Geschäftsreisende und 29% auf Reisende mit privaten Beweggründen entfallen, 2% machten keine Angaben. Der gegenüber früheren Baureihen verbesserte Sitzabstand von acht Zentimetern stellt objektiv ein geldwertes Komfortmerkmal dar.
Eine Mutter und ihr Kind reisen in einem Mutter-Kind-Abteil; das Kind, ein blonder Bub – neun Lenze jung – spielt auf der taubengrauen Auslegware mit einer realistischen Szenerie aus Fahrzeugen, Menschen und Gebäuden aus Kunststoff. Die Mutter, ein alleinerziehendes Frauenzimmer von 35 Jahren, ist in die Lektüre eines kleinen klebegebundenen Lehrbuches versunken, sie bereitet sich so auf den Toefl-Test vor, und würde, fragte man sie nach der Motivation ihres Handelns, berufliches Fortkommen als Grund anführen. Sie trinkt aus einer vom Einwegpfand befreiten PET-Leichtflasche, ein Getränk mit Rooibos-Auszügen und trägt die Haare eingedreht, wie es der Mode ihrer Peergroup entspricht. Später wird sie dem Privatfernsehen, auf die Frage, wie sie sich währenddessen fühlte, antworten, sie habe schnelle Schritte, ein dumpfes Stampfen, gleichsam ein Rennen auf dem Gange gehört, jedoch nichts gesehen, da die schwefelgelben (RAL 1016) Vorhänge, die sie vorzog um Intimsphäre zu erzeugen, ihr die Sicht auf die Vorgänge verschleierten. Die schweren schmiedeeisernen Zeiger der Uhr rückten eben auf halb zehn, als die Sonne scheu durch das wasserblaue Wolkendickicht (RAL 5021) auf den urbaren ostfälischen Keuper jenseits des Endelskamptunnels hinabblinzelte, hinab auch auf den rotweißen Pfeil aus Titanstahl, der die Reisenden – jung wie alt – in alle Teile unseres Landes trägt und der die endlosen Maisfelder beiderseits des Gleiskörpers mit futuristischer Anmut zerschneidet, gleichsam durch ein Meer aus Grün pflügt – ein grünes Meer aus Blattwerk, dem der hier verwurzelte urige Landmann, mit schweren, Dieselöl ausschwitzenden Maschinen und großen Händen – wenn es dann endlich, endlich an der Zeit ist – mühevoll das Korn abringt – der Mais, das gelbe Gold Niedersachsens (jährlich 12 Millionen Tonnen). Dank Neigetechnik beträgt die Reisegeschwindigkeit – wie vom Leitstand vorgesehen – 160km/h und alle Anschlusszüge würden erreicht werden, wenn nicht plötzlich, aus heiterem Himmel, gänzlich unerwartet dem Maislaub bislang verborgene Reiter entsprengten und ihre Pferde so antrieben, das aus den Nüstern der Tiere der Rotz flatterte, die Mäuler japsend weit aufgesperrt wären und die Adern an den Pferdeköpfen anschwöllen um die erforderliche Leistung abrufen zu können. Es handelt sich um einen Hinterhalt, den Banditen vorbereiteten, kaltblütig und von langer Hand geplant wie man sagt; vierschrötige Männer, die lederne Ponchos tragen aus Hyänenleder, Augenklappen und Flinten, denen rote Federn im filzigen Haar stecken, deren faltig gegerbte Verbrecherhaut zu nicht geringen Teilen benetzt ist von grünem Schleim mittlerer Viskosität und die rasch reiten, im gestreckten Galopp. Die Reittiere – ausnahmslos schwarze Mustangs – sind scheinbar wie vom Teufel besessen, so flink ackern die Beinchen, daß das Auge des Betrachters nur mit Mühe folgen kann. Und so präsentieren sich die Banditen auch für die Reisenden des Schnellzuges recht barbarisch und entmenscht, wie sie gröhlen – so atonal und wölfisch, wie der Wind in ihre hundertfach geflickten Röcke fährt, wie die mordlustig geschwenkten Hiebwaffen in der Morgensonne blitzen und nicht zuletzt, wie von den wulstigen Unterlippen goldbraun der Fusel perlt.
Später: Wie ist also die Sicherheitslage im Inneren des Zuges? Wie wird sich die Situation in dem okkupierten Schnellzug entwickeln, werden von jugendstilhaftem Flor umspielte Jungfrauen auftreten, gleichsam aus dem Äther in die Szenerie herabschweben, und unter Streicherklängen mit weißen Zehenspitzen das stählerne Dach des Eisenbahnwaggons sanft durchstoßen, als handele es sich um die spiegelglatte und mit einer Vanilleblüte verzierte Oberfläche eines ziegenmilchhaltigen Wellnessbades? Oder wird der 46 jährige Handelsreisende seinen Geschäftstermin in Fulda verpassen und wird ferner die 35 jährige, alleinerziehende Mutter ihr Toefl-Zertifikat nicht ablegen können, da sie zu Objekten eines feige und hinterhältig durchgeführten Massakers degradiert werden? Gleich! Achtung, werte Rezipienten, der nachfolgende Text ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet.
Der oder die Täter haben sich ein Opfer aus der verhuschten Masse der grauen Menschen herausgepickt, sie schubsen das Opfer umher und johlen dabei, wie es dem Habitus von Gewohnheitsverbrechern entspricht, eine amorphe Tätermasse und ein Opfer, dessen Physiognomie von Adrenalin entstellt ist, das jedoch nicht gesichtslos ist, es besteht eine emotionale Verbindung zwischen Ihnen und dem Opfer, es handelt sich um den eingangs skizzierten 46 jährigen Handelsreisenden, der einen Retriever-Mischling, eine bildhübsche Ehefrau und zwei großäugige Kinder (die einmal zum Mond fliegen möchten) hinterlassen wird und dessen Gedärm sich, durch einen kühnen und voller Hass ausgeführten Schnitt in die Bauchdecke auf die taubengraue (RAL 5014) Schlingware des Schnellzugbodens ergießt und sich dort windet; milchig hellblau und warm, von einem ermattendem Wimmeln leicht bewegt wie ein liederlicher Haufen von roséfarbenen Würsten in zartem Saitling, die kürzlich mit obszön schmatzendem Geräusch einer Produktionsmaschine des vieh- und fleischverarbeitenden Gewerbes entflutschten. Disclaimer: Der oder die Täter gerieren sich wie Tiere, indem sie ihr Opfer wie Vieh behandeln. Die perlweiße Wandverblendung (RAL 1013) ist ebenfalls über und über mit Fahrgastblut (RAL 3009) bespritzt, als handele es sich um eine Arbeit aus der imaginären roten Phase des Kunstmalers Jackson Pollock auf Polycarbonat. Diese True-Crime-Schilderung wurde Ihnen nicht präsentiert um Ihre Sensationsgier zu stillen, sondern um Ihnen ein plakatives Abbild (enthält Amateurbilder) von der Verworfenheit der Welt zu liefern.
Wenig später: Politiker aller Parteien reagierten einhellig mit Bestürzung und verurteilten den Anschlag als hinterhältig und feige. Die Welt wird nun nicht mehr so sein wie vorher, so ein Sprecher. Können Sie bereits Angaben zur Anzahl der Täter machen? Währenddessen: Mitten im Leben umfangen vom Tod, so ein Aphorist. Viele Menschen im Land sind sprachlos; es sei unfassbar, so eine Passantin (64, brünett, Mutterkreuzträgerin). Augenzeugen sprechen von mehreren Tätern, die Männer seien vermutlich zu allem entschlossen und stünden offenbar unter dem Einfluss von Drogen (Quelle: Internet). Blamm! Blamm!

Thematischer Schwerpunkt: »Ausdruckstanz« | Kommentare (0)

Herr No wird sich zu Stein am Rhein vorerst nicht äussern

Es ist gleichsam ein kulturgeschichtliches Terrarium, dieses Gebäude an einem Unort, ein potemkinsches Alpendorf unter einem Glassturz. Gastronomische Betriebe, die einen künstlichen Dorfplatz säumen, vor denen Stühle stehen, gleichzeitig drinnen wie draussen, für die Fremden. Romantische Geschäfte in denen urige Agrargüter angeboten werden, wie Schinken, der pittoresk von der Tramdecke baumelt und Wein, Pizza, Espresso, aber auch Benzin, Kaugummis, Almdudler solche Waren eben. Schaurig stier blickende Bauernpuppen stehen hinter den Fenstern der Obergeschosse ohne Tiefe, Geranien aus Kunststoff, falsches Kamingeflacker, Sensen, Heuballen und zahlreiche weitere Requisiten dieser Art. Als ich die Treppe hinabsteige, zu den Toiletten, eröffnet sich vor mir eine weite aber niedrige Halle, ähnlich wie in einem Bunker vielleicht, senffarben gestrichener Beton und verschiedene Metalltüren in unterschiedlichen Bunttönen, ein Leitsystem wohl, das mich nicht leitet. Schräg vor mir geht eine kleine Frau mit einem schweren Hüftschaden die Treppe hinunter und mit jedem Schritt wogt ihr Leiden durch den ganzen Körper. Ich möchte jetzt nicht behaupten, daß ihr behinderter Leib lange Schatten auf die Betonwand warf, aber so ähnlich. Ein österreichischer Keller, der sich schnaufend und schnell schließende Schiebetüren aus Stahl erahnen lässt und Videoaugen und andere krasse Psychoscheiße. Eine lange Flucht von Toiletten, wohl bald an zwanzig Einzelkabinen zur Defäkation, vis-à-vis eine Wand aus Spiegeln und alle weiteren Flächen sind mit anthrazitfarbenem Naturstein verkleidet, der die wohl überreichlich vorhandenen Innereien aus Steuer- und Regeltechnik gegenüber dem Menschen abschließt. Nach dem Hände waschen ist der Gast gehalten seine noch tropfnassen Hände in eine der schwarzen Mösen aus Plastik einzuführen, die in die Wand eingelassen sind und in denen es bei Annäherung erheblich zischt und braust; Glory Holes mit direktem Zugang zur Hölle, tatsächlich negative Hochdruckreiniger also Sauger, die auch auf Antimaterie und Orgonenergie basieren mutmaßlich. Vorher, an einem anderen Ort, las ich mir ein Schild über Pilzrecht durch und verzehrte zeitgleich ein Sahneeis am Stiel, welches von einem tropischen Fruchtsorbet ummantelt war, dabei lachte ohne Unterlass die Sonne und droben am Berg kalbte die Pasterze. Später, hinter den Tunnels und Pässen wuschelten die Bäume hinter den Lärmschutzwänden ihre Kronen wie Cheerleader ihre Pompondinger, also hysterisch und etwas aufreizend und der Himmel verfärbte sich in einer Weise tintig schwarz, die als Indiz aufgefasst werden konnte; ferner lagen einige Seen ganz selbstverständlich in die Topografie eingebettet vor, wie Laubsägearbeiten in glühender Bronze, da zudem die Nacht hereinbrach und so die späten Strahlen in spitzem Winkel reflektiert wurden. Sand in der Luft, Alpensand, ein feiner Grieß im Auge, den der Westwind dorthin plazierte; auch ein Plastiksackerl aus Polypropylen war zu beobachten, das sich zunächst gravitätisch tänzelnd emporschraubte, dort mit einem knispligen Plopp entfaltet und mit Aplomb aufgebläht wurde um rasante Fahrt durch die Lüfte aufzunehmen, begleitet von Ästen, Blättern und Papieren, die die Passanten fortwarfen. Ein Unwetter also, mit Toten und Verletzten und Sachschäden in Millionenhöhe. Schließlich ein Fall für die Versicherungen und Rückversicherungen. (Natürlich waren auch taubeneigroße Hagelkörner an der gespenstischen Szenerie beteiligt.) Ich besichtigte zuvor ein Haus in höchsten Höhen, da ich ein Haus zu kaufen beabsichtige; ein Anwesen, das ich einer Mischnutzung aus adalbertstifterscher Bergidylle und grimmiger Alpenfestung zuzuführen gedenke; von dem ich nicht zur Schwarzwildjagd ausreiten werde, wie es früher der Hammerherr tat, noch werde ich eine Frau zum Weib nehmen, die des Jodelns mächtig ist. Reichte man mir zum Vertragsabschluss ausgelassen ein Glas Schaumwein, tränke ich die Flöte nur aus Gründen der Etikette leer, da ich mir nichts aus moussierenden Weinen mache, wie Sie wissen müssen. So ist es mein. Im Fernseher wird gezeigt, wie die Polizei mit unbekannten Leichen verfährt; sie nimmt die leblosen Leiber mit in ihre unterirdischen Polizeilaboratorien, schneidet sie mit Messern auf und dann finden Wissenschaftler heraus, welche Umweltgifte in den Innereien der Opfer vorliegen, die bleihaltigen Antiklopfmittel aus Kraftstoffen seien ein Anhaltspunkt, wie man sagt. Es handelt sich um die und die Chemikalie, also kommt das Opfer da und da her, meist aus dem Ausland oder aus Russland, wie der Beitrag durchblicken lässt. Die Liegenschaft wird byronisch bewirtschaftet werden, man wird am Flügel stehend Kunstlieder singen und im von Stirnlampen durchschnittenen Morgennebel die mit Unschlitt eingeriebenen Wanderstiefel aus Kernleder binden um verbliebene alpine Probleme zu lösen. Wäre ich Schriftsteller, schriebe ich hier zwei bis drei Jahrhundertromane, würde aber bei der Arbeit manchmal schludern und oft dösend aus dem Fenster blicken zu den Gipfelkreuzen hinauf und dem sattgrünen Tann im Tale oder einfach Playstation zocken. Post Mortem führte man literaturbeflissene Touristen durch das Objekt – in Pantoffeln. Und eine lispelnde lesbische Literaturwissenschaftlerin, die sich durch derlei Führungen einen schmalen Salär verdiente, herrschte zierliche Japanerinnen an, die den Versuch wagten, mit den kleinen Fingerchen heimlich über die schartige Oberfläche des wuchtigen und ungemein charaktervollen Schreibtisches aus geflammter Eiche zu streichen.

Thematischer Schwerpunkt: »Reiseberichte« | Kommentare (4)