Hightatras: Special Interest Content mit Pfiff.

Passanten

Die Amokfahrt der Gesichtsmöse

Drei junge Männer steigen an der Tramhaltestelle ein, sie tragen identische türkisfarbene Jacken aus Ballonseide — mit Kapuze. Auf der Rückseite der Kleidungsstücke ist ein Raubtierkopf aufgestickt. Die Worte »Tiger Attack« zeichnen das Trio als verschworene Gemeinschaft aus. Ich habe neulich diese Art der Bademäntel in dem ausgezeichneten Boxerfilm »Million Dollar Baby« zum ersten Mal mit Bewusstsein gesehen. Die drei sind sicherlich selbst begnadete Kickboxer, die in einem der populärsten Tanzlokale Reinickendorfs — an der Tür — die Spreu vom Weizen trennen. Hier, hast Du Problem Alter? Auf den Sitzplätzen: Das Rentnerehepaar trägt baugleiche Hornbrillen, über dem weißen Haar der Frau eine weinrote Baskenmütze. Eine beigefarbener Hut auf dem Kopf des Mannes. Die Frau muss sehr prononciert und laut in das Ohr ihres Gatten sprechen, um Gehör zu finden. Dieser führt eine genarbte, braune Umhängetasche aus Leder mit sich, an der Aussenseite sind Laschen angebracht, die der Aufnahme von Stiften dienen, hier Kugelschreiber und ein Bleistift. Bohnenkaffee und Suppengrün sind Teil des kleinen Einkaufes, der in der Tasche transportiert wird. Unter energischem Geklingel absolviert der Straßenbahnfahrer nun eine Vollbremsung, die leichtgewichtige Sitzende von den Bänken schleudert und stehende Fahrgäste zu Fall bringt. Der Grund, ein zuhältermäßig getuneter, amerikanischer Pickup mit Breitreifen, ist wider die geltenden Verkehrsregeln, aus einer Einfahrt, in den Wirkungskreis der Tram gefahren. Aber anstatt still um Ablass zu flehen ob der Fehlleistung, Asche auf's Haupt zu streuen und sich devot unter den nächsten Stein zurückzuziehen, wird die getönte Seitenscheibe heruntergelassen — selbstverständlich elektrisch.

Aus der Tür des »Pussy-Waggons« beugt sich nun ein glatzköpfiger Asozialer mit Gesichtsmöse und Holzfällerhemd, gezeichnet von Alkohol und Schweinefleisch, der unverzüglich das Wort an den Fahrer der Straßenbahn richtet und dabei grobschlächtige Drohgebärden macht. Ich als Fahrgast kann den genauen Wortlaut seiner Rede hinter der Scheibe nicht recht verstehen, aber sicherlich wird körperliche Gewalt in Aussicht gestellt und der Fahrer mit Begriffen aus dem Analbereich konfrontiert. Wären wir jetzt bei Pro7 würde der amerika-affine Gerüstbauer sicher den Tramfahrer vermittels einer doppelläufigen Schrotflinte wegpusten, sodann mit quietschenden Reifen zurück auf seine Ranch zu seiner verwanzten Plattenbauwohnung röhren. An anderer Stelle: In einem gelben, kugelförmigen Frauenauto, mit allerlei imposanten Chromteilen visuell verfeinert, also vom feinsten uffgepimpt, cruisen zwei hühnerbrüstige Spacken über die rustikal gepflasterte Dorfstraße. Aus den Lautsprechern der krassen Stereoanlage, erschallen die Lieder von Aggro-Berlin. Bedruckte Tücher sind um die runden Schädel gewunden, gekrönt von Basecaps. Die beiden Atzen sind angetan mit weißen Muskelshirts und Sonnenbrillen: Überkrasse Gangster und super intelligente Drogenopfer in einem, ich schwöre. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man also meinen, man hätte die G-Unit vor sich und nicht zwei Vorstadtpatienten in einem Opel-Corsa, die heute Berufsschultag haben.

6. November 2005
Kommentare:
Lustig filigrane Story. :) Sehr schön.
Meinte the thilo am 7. November 2005 um 21:55 Uhr
he, the thilo, Sie hier? Schön. @ hightatras: Sie schreiben feine Sachen hier, ich mag das sehr
Meinte picea am 18. Januar 2006 um 22:52 Uhr
Schön — daß es Ihnen gefällt. Ihr Blog ist nur für Mitglieder?
Meinte dr.no am 18. Januar 2006 um 23:21 Uhr
Ja, nee. Ich sag mal, schöpferische Pause.
Meinte picea am 18. Januar 2006 um 23:26 Uhr
Verstehe.
Meinte dr.no am 18. Januar 2006 um 23:29 Uhr
Herr / Frau Dr., ich finde es Klasse, wenn jemand über alltägliche Dinge so reflektieren und schreiben kann. Das könnt ich gern. Kann ich aber nicht, Bilder sind eher mein Metier. Frau Ingeborch auf Antville war gut, Herr Paulsen ist ein würdiger Nachfolger, Sie sind jetzt auch in meinen Favoriten.
Meinte picea am 18. Januar 2006 um 23:58 Uhr
Feine sache,detailreich und Bildhaft...wünschte ich könnte das.
Meinte Sabsirro am 17. Februar 2006 um 19:55 Uhr

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