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Reiseberichte

Böhmische Schweiz

Mit der Bahn ist es subjektiv eine kurze Reise von gut drei Stunden bis Schöna. Von hier Überfahrt mit dem Raucherschiff nach Hřensko. Ungesunder Teint und gelber Qualm, einer der Reisenden hat eine künstliche Lunge die ihn aus einer schwarzen Umhängetasche mit Sauerstoff versorgt. Auf der tschechischen Seite der Elbe sind Rauchwaren auch für minder Betuchte wohlfeil. Der frühere Holzhandelsplatz und gründerzeitliche Touristenort Herrnskretschen ist heute geprägt von vietnamesischen Verkaufsbuden, die sich durch den, an das Flüßchen Kamenice geschmiegten, Talort ziehen. Hier mündet der Kamnitzbach in die Elbe, weiter Flußaufwärts wird die Kamenice von Sandsteinfelsen zu einer tiefen Klamm eingeschlossen. Im Sommer kann man die Edmundsklamm (Tychá souteska) mit flachen Kähnen befahren, im Dezember findet hier keine Schifffahrt statt, auf diesem Weg ist Mezná nicht zu erreichen, auch nicht zu Fuß, eine eiserne Tür ist in eine Felsspalte eingelassen und verwehrt die Passage. Daher also mit einem kleinen Bus von Hřensko nach Mezná, am Steuer ein betrügerischer Busfahrer. Eine Fahrt von gut zwanzig Minuten durch neu verschneiten Wald und überpuderte Sandsteinfelsen. Mezná (Stimmersdorf) ist die einzige Gemeinde im Nationalpark České Švýcarsko. Der Ort liegt auf einer kleinen Anhöhe, im Norden blickt man auf den südlichen Teil des Elbsandsteingebirges zur anderen Seite über das Kamnitztal auf sanft gehügelte Wälder und kegelförmige Basaltkegel, namentlich der Rosenberg, die höchste Erhebung hier.

Unterkunft in einem kleinen Hotel mit sehr freundlicher und guter Bewirtung. Von hier aus einen steilen Weg hinab zur Kamenice an der anderen Seite sanfter Anstieg nach Růžová (Rosendorf) von dort weiter zum Růžovský vrch (Rosenberg) einem erloschenen Vulkan mit urwaldartigem Laubwald von gefrorenem Reif versilbert. Der Schnee hier tief und trocken — asbestartige Eisnadeln bedecken den Waldboden. Früher gab es auf dem Gipfel eine Gaststätte und einen Aussichtsturm heute nur noch Reste des Fundaments. Also kein Aussichtspunkt wie meine deutsche Karte behauptet, trotzdem schöner Winterwald und eisige Kälte hier oben. Bergab durch Kamenická Strán (Kamnitzleiten), einst ein florierender Ort heute eine lauschige Sommerhaussiedlung mit schönen für die Gegend charakteristischen Holzhäusern. Eine Mischung aus Fachwerk und Umgebinde auf steinernem Fundament. Der dunkelbraune hölzerne Teil mit Schnitzereien und wenigen Buntfarben zumeist sehr schön verziert. In ihrer Geschosshöhe wirken die Häuser großzügiger als vergleichbare Umgebindehäuser in der deutschen Lausitz. Vorbei an einer verfallenen Mühle wieder durch das Tal der Kamenice steil hinauf nach Vysoká Lípa (Hohenleipa), auf einem kleinen Friedhof diverse schwarze Grabsteine mit eingemeisselten silbernen deutschen Namen. Bei klarem Wetter an dieser Stelle ein schöner Blick über das östliche Hügelland mit den Erhebungen Studenec und Jedlová.
Blick über die Böhmische Schweiz nach Osten vom Šaunštejn
Am nächsten Tag östlich von Mezní Louka den roten Kammweg zum kleinen Prebischtor und zum Šaunštejn, einem schönen Aussichtspunkt. Der Aufstieg zum Šaunštejn führt durch recht beklemmend enge und rutschige Felsspalten oben ist der Blick aber herrlich weit. Der rote Weg entlang des Sandsteinkammes führt nach Osten als verschlungener Höhenweg weiter nach Jetřichovice (Dittersbach), recht abwechslungreich mit diversen Aussichtsfelsen und schönem Wald. Einige der Felsen sehen in ihrer Struktur und Farbe aus wie Knochenmark, andere Steine von gefrorenem Nebel überzogen wie mit Weißschimmel. Die von Löchern und Spalten geprägte Struktur der Sandsteinfelsen bietet sicherlich ausgezeichneten Wohnraum für Vögel und andere Kleintiere. Der durch das Gestein sickernde Regen ist gutes, recht weiches Trinkwasser für die Region Děčín.
Blick zum Koliště
Nach Westen führt der rot markierte Weg zum Pravčická brána (Prebischtor) einem durch Verwitterung entstandenem Felsentor, mit dem am Fuße gelegenem Ausflugsschlößchen Falkenhorst. Oberhalb zwei vorzügliche Aussichtspunkte nach Westen und zum großen Winterberg. Der die böhmische Schweiz durchziehende rote Wanderweg ist Teil des früheren Internationalen Bergwanderweges der Freundschaft von Eisenach nach Budapest, heute Teil des Europäischen Fernwanderweges E3. Nordöstlich von Mezní Louka (Rainwiese) auf grünem Weg über eine kleine Grenzbrücke nahe der Rabensteine ohne Ausweiskontrolle über die Kirnitsch nach Deutschland. Weiter entlang der Kirnitsch durch die Wolfsschlucht, Abstecher hinauf zum Herrmannseck, dann zur Schleuse und zur Bootsstation. Auf dem Rückweg schöner Blick vom Rabenstein auf die böhmische Schweiz. Bislang kannte ich nur den vorderen Teil der sächsischen Schweiz entlang der Elbe — Bastei, Schrammsteine. Der ebenso schöne, tief bewaldete, hintere Teil des deutschen Nationalparkes ist zu Fuß sehr gut von der tschechischen Seite zu erreichen. Es fehlen allerdings einige grenzüberschreitende Wanderwege, deren Verlauf in altem Kartenmaterial zu sehen ist. Auf dem Weg zum Prebischtor kann man am Gedenkstein nach Norden abbiegen und kommt nach kurzer Zeit über die grüne Grenze nach Deutschland. Der relativ breite Forstweg verschafft so von Süden Zugang zu den Thorwalder Wänden zum Beispiel. Normalerweise bewerte ich die Anweisungen von Nationalparksverwaltungen hoch, die von staatlichen Institutionen sehr niedrig. Die Sperrung entspringt wohl eher territorialen Erwägungen als Naturschutzgründen, daher ist dieser Weg also durchaus zu empfehlen.
Schneewald
Schneewald
Da es in der ganzen Region keinen Bankautomaten oder eine Bank gibt, anderntags ein kurzer verregneter Ausflug nach Děčín, die Stadt trägt Fisch und Löwe, sich umarmend, im Wappen. Vom Autobus wirkt alles recht trist und ostblockartig, eine über den vierundzwanzig Stunden geöffneten Tescomarkt sich spannende Brücke speit den Bus im Zentrum aus. Einige köstliche Jugendstilfassaden, entweder verfallend oder grauenhaft renoviert, oberhalb der Stadt das Schloss. Die Stadt hat in ihrer Geschichte häufig die Herrscher gewechselt und wurde lange Zeit von dem österreichischen Adelsgeschlecht von Thun-Hohenstein regiert. Im Regen zurück nach Norden. Hinter den Hafenanlagen an der Elbstraße diverse Bordelle in verfallenden Gründerzeitvillen. Geschlechtsverkehr der sich rechnet und Dauerwelle für die Dame, als Dienstleistungen. Schweinefleisch, Treibstoff, Schnaps und billige Zigaretten — die begehrten Waren deutscher Hamsterfahrer in Hřensko. Hier eine echte Rolex (nur zehn Euro) für den hässlichen Deutschen, aufgedunsen, trunken und mit verinnerlichten schlechten Manieren, neu eingekleidet in schäbige Markenkleidungsplagiate.

11. Januar 2006
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