Hightatras: Special Interest Content mit Pfiff.
Passanten
Nagelmodellage hier — Windhose dort
Siechtum und Leid auf den umliegenden Sitzbänken des Straßenbahnwaggons, draussen verblüffend warmer Wind vom Moder feuchter Erde erfüllt. Hinter mir entledigt sich ein Mann durch fortwährenden scheppernden Husten zähen Schleims. Während der Fahrt spricht er kontinuirlich dem Branntwein aus seiner Taschenflasche zu, die Spirituose dient wohl auch als Lösungsmittel. Auf seinem Kopf ein speckiger Trapperhut an dem vorne das Profil eines Pferdekopfes aus goldenem Metall befestigt ist. Gegenüber eine gramgebeugte junge Frau mit nachlässig kaschiertem blauem Auge, eine Reisetasche mit sich führend. Mit angeklebten weißen Fingernägeln schreibt sie ununterbrochen SMS sodann phlegmatisch auf Antwort wartend. Ihre Bewegungen sind die eines winterstarren Reptils. Neue Fahrgäste, neue Spielarten von Atemwegserkrankungen. Wohl dem, der sein Ziel erreicht.
Das neue Nagelstudio ist gut besucht. Im kühlen Schein von Neonröhren sitzen an langen Tischreihen zahlreiche Frauen und lassen ihre Keratinplatten von konzentriert arbeitenden Asiatinnen professionell bearbeiten. Hier herrscht Klinikatmosphäre, die feingliedrigen Dienstleisterinnen von zarter Statur tragen zum Schutz vor Keratinfeinstäuben ausnahmslos Mundschutz.
Viele Gastronomiebetriebe haben bereits ausgestuhlt, laden so zum Getränkeverzehr direkt am niemals versiegenden Automobilstrom der Schönhauser Allee. Anders die Homosexuellengaststätte »Stahlrohr«, das Mobiliar bleibt hier ganzjährig drinnen, das gastronomische Konzept bedingt diese Vorgehensweise.
Gestern abend flatterte die erste Fledermaus am geöffneten Fenster vorbei. In der Küche und im Badezimmer sind die Lichtquellen bereits von einigen Kerbtiersatelliten auf chaotischer Bahn umschwirrt. Lieblich lenzhaft — die Hansestadt Hamburg wurde gestern zeitgleich von einer verheerenden Windhose heimgesucht.