Hightatras: Special Interest Content mit Pfiff.
Passanten
Ächz
Eine hellhäutige französische Jugendgruppe mit scharf begrenzten schweren Sonnenbränden reist mit mir in der Bahn. Allesamt mit Zehenschlapfen. Am Fenster — Sonnenseite — ein leise zischend atmender Pykniker von dessen Glatze der Schweiß, in immer gleichen Bahnen — Mikro-Tälern in der Schädelplatte — hinabrinnt; im Nacken, in die sich dort entenschwanzgleich, feucht kringelnden Resthaare mündend. Seufzend legt er, im Minutentakt, vermittels eines Taschentuches, das nicht versiegende Quellgebiet auf seinem Kopf trocken. Im wesentlichen setzt sich Schweiß aus Wasser und Kochsalz zusammen, weniger als 2% Ammoniak und organische Verbindungen, wie flüchtige Fettsäuren, erzeugen die hier herrschende tropische Demse. Aus Milliarden von exokrinen Drüsen quillt beständig Flüßigkeit, allerdings ist der Wasserdampfdruck in der Atmosphäre des Wagens höher als auf der Hautoberfläche. Der Blick des hingesunkenen Mädchens mit den breitgetretenen Sandalen und der Pfandflaschentüte ist entrückt, mehr nach Innen, als in die Ferne gerichtet, ihr Paralleluniversum entströmt einem Kopfhörer. Mit den leicht gesenkten Lidern über den Mandelaugen und dem kleinen, schön geschwungenen Mund verkörpert sie vollkommen das Schönheitsideal des venezianischen Renaissanceportraits.
Gegenüber, ein in die Jahre gekommener Privatier, lange gelbgraue Haare, braune Sonnenbrille mit Horngestell, aus der heute schäbigen Umhängetasche ragen zwei Tennisschläger, das schwarze Hemd bis zum Solar Plexus aufgeknöpft. Hat die Lässigkeit verinnerlicht in all den Jahren des bohemischen Lebenstils. Achtung! Auf halb drei kreuzt ein blondes Schlachtschiff. In einem fort lästert die Reisegruppe über die deutschen Fahrgäste, wähnt sich aufgrund der Fremdsprache unverstanden. Die neben mir sitzende, junge Französin, erhebt sich eigens von ihrem Sitz, als ich Miene mache aussteigen zu wollen. Merci, et encore un bon temps à Berlin, sag ich so zu ihr im vorbeigehen. Sie so Doppelauge.
14. Juli 2006