Hightatras: Special Interest Content mit Pfiff.

Die wertvolle Vase aus der Ming-Dynastie

Wenn ich die große, mit frischem Tee gefüllte Glaskanne nach nebenan trage, befürchte ich jedesmal — aus einer materialistischen Marotte heraus, voll unpunkrockhaft — daß der, an zwei vergleichsweise winzigen Punkten angebrachte Henkel unter der Last des Inhaltes nachgibt und die Kanne explosionsartig auf dem Boden zerschellt. Alles an dem glasballonartigen, durch einen Deckel, zart wie ein Schmetterlingsflügel verschloßenen Gefäß scheint unter Spannung zu stehen, nicht auszudenken, wenn an statisch ungünstiger Stelle dem Glas ein Stoß beigebracht werden würde, oder eine, in der Nachbarschaft übende Opernsängerin, just jetzt einen falschen Ton anschlüge. Mehr

Die Toteisblöcke der Mark

Dieser See ist das Produkt eines Toteisblockes lässt sich einem Hinweisschild entnehmen. Sinngemäß. 47 Millionen Jahre nach dem Abdanken der Dinosaurier, also heute vor 18 Millionen Jahren schoben sich schabend Gletscher durch die Mark. Ein hobelgleicher, rastloser Mahlstrom mit einer Zunge aus Geschiebemergel, in alle Richtungen leckend und dabei Gletschermilch ausspeiend. Mjamm, Mjamm Gesteinsbrocken aus dem Baltikum! Mitunter wurde aufgrund widriger mechanischer Einwirkungen im Laufe von Jahrmillionen, unter langgezogenem Knirschen und schrillem Bersten, ein Toteisblock fortgesprengt und vom Hauptstrom überrollt, gleichsam ins Erdreich gemalmt. Mehr

Hecken

An die Stelle von mit Glasscherben besetzten Backsteinmauern und trutzigen Metallzäunen, die ihre Kernaufgabe mit schmiedeeisernem Zierrat verschleiern, sind Koniferen und schnellwachsendes Gesträuch getreten, die sowohl die Liegenschaftsgrenzen für Nachbarn und Passanten bezeichnen, als auch dem Blickschutz dienen. Hinter der, mit der elektrischen Gartenschere, in eine, mit dem Gehweg fluchtende Linie gebrachten Hecke, duckt sich beispielsweise ein Neubau in pastellhaftem Zitronengelb, darüber öffnet sich weit und flirrend der hochsommerliche Vorstadthimmel. Einem Menschen, der vor der Hecke still stünde, böte sich weitgehend der Eindruck einer geschlossenen Wand. Lediglich einige wenige, kleinste Lücken in dem komplexen Gewirr des penibel gestutzen Zweigwerks ermöglichten dem Betrachter direkte, wenn auch informationslose Blicke auf winzigste Ausschnitte des dahinter zu erahnenden Gartens. Mehr

Zu Gast bei Betonköpfen

Es ist zu kühl für diese Jahreszeit. Ein kurzer Spaziergang im Nieselregen entwickelt sich unerwartet zu einem Parforceritt durch die jüngere Architektur der Berliner Innenstadt, als meine Bekannte anregt doch einmal den neuen Bahnhof Nordkreuz sowie dessen Reisemöglichkeiten zu besichtigen. Dem Fahrplan ist zu entnehmen, daß direkte Reisen bis nach München oder Garmisch-Partenkirchen angeboten werden. Es naht eine Regionalbahn, die auch den neuen Hauptbahnhof Berlins anfährt. Bitte einsteigen, man muss das Herzstück des Pilzkonzeptes einmal gesehen haben, es handelt sich schließlich um ein Bauwerk der Superlative und ist mit 46 Metern höher als das Kanzleramt. Wer heute einmal als Müßiggänger hereinschnuppert, ist als späterer Reisender bereits mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut, so ist der zugrunde liegende Plan. Im Zug und auf den Bahnsteigen, wie zu erwarten, schaulustige Flaneure und Trainspotter in großer Anzahl, selbst die üblichen Bacchanten und Bettler lagern bereits im Bahnhofsbereich. Zunächst fällt mir nach dem Aussteigen auf dem unteren Bahnsteig auf, daß das Finish der gigantischen Stahlsäulen schlampig ausgeführt wurde. An einigen Stellen platzt bereits die Farbe wieder ab. Begibt man sich fälschlicherweise zu Fuß auf eine der Treppen, die vom Untergeschoß nach oben führen, hat man bereits verloren. Man wird unvermittelt in eine langweilig ausufernde Einkaufsmall geworfen, die allerdings, an einigen Stellen, schöne Weitblicke nach unten bietet. Agoraphobiepatienten könnten hier ideal ihre Psychose therapieren. Der Weg über die Treppen ist jedoch vollkommen ungeeignet, wenn man Umsteigen möchte. Laut Bahn sind für den Übergang von unterem zu oberem Bahnsteig acht Minuten einzuplanen. Es gibt auch einige Fahrstühle, die aber nicht geeignet scheinen, alle Reisenden eines Zuges zügig von oben nach unten zu transportieren. An einem, an der Umgebung gemessen, surreal kleinen Handwagen steht eine Servicekraft der Bahn und beantwortet zahlreich gestellte Fragen orientierungsloser Menschen. Tief unter der Erde verfolgen indessen Pufferküsser begeistert eine Zugdurchfahrt. Mehr

Das unheimliche Paket

Seit vielen Tagen habe ich einen unbekannten, vielleicht 50 mal 150 Zentimeter messenden Pappkarton in meiner Wohnung. Ein Paketbote gab den Karton ab, da der Adressat nicht zu Hause war. Meine Versuche die großformatige Sendung zuzustellen scheiterten bislang, zumal nicht gänzlich klar ist, wer nun eigentlich der tatsächliche Empfänger ist. Der auf dem Paket angegebene Name steht nicht auf den Klingelschildern. Das Paket befindet sich mittlerweile unter einem Tisch in der Ecke des Zimmers. An der Schmalseite hat sich ein kleines Loch in der Pappe gebildet und eine blanke Metallstange schiebt sich langsam heraus. Mehr

Der Pawlowsche Hund beim Einholen

Ein ganzer Karton Zitronensaftkonzentrat zermalmt. Karlsson vom Dach war nur für den Bruchteil einer Sekunde nicht Herr seiner Sinne. Das Ergebnis, in den Dimensionen des Getränkehandels, ein mittelschweres Malheur. Aus lauter Verblüffung schieben sich die oberen Schneidezähne des amotorischen Angestellten über die Unterlippe und verharren dort. Künstlich gelbe Zitrusfrüchte liegen leckend am Fußboden, einige in geringster Viskosität aus ermüdeter Schweissnaht tröpfelnd, andere, durch fahrlässig entfesselte Mechanik ihrer weissen Plastikverschlüsse beraubt, ergießen ein stetes Rinnsal der zum menschlichen Genuss geeigneten Säure auf den Fußboden. Die als Cocktailingredienz angebotene aromatische Flüssigkeit sucht sich ohne konkrete Gegenmaßnahmen ihren durch Schwerkraft vorgezeichneten Weg in feine Ritzen sowie unter die im Verkaufsraum zahlreich feilgehaltenen Getränkekästen. Mehr

Künstliche Lotusblüten und Eispickel aus Titanstahl

Am Samstag habe ich wider Erwarten ein gutes thailändisches Restaurant kennengelernt. Ausgezeichnet frisches Gemüse und gebratenes Tofu in angenehm gewürzter Kokossauce, zudem schön auf dem Teller angeordnet. An der Wand, in vielleicht drei Metern Höhe, ein kleiner Schrein bestehend aus einem goldenen Plastikbuddha sowie diversen falschen Räucherstäbchen, deren Glühen durch eine in der Spitze eingelassene Leuchtdiode simuliert wird. Dieses Arrangement flankierend, ein wahrer Paradiesgarten künstlicher Lotusblüten, die Blütenblätter, von unsichtbarer Mechanik getrieben, in steter Bewegung. Aufblühen und Vergehen, der Klimax des ewigen Kreislaufs überhöht durch das Erstrahlen von in dem Blütenkelch aus Kunststoff angebrachten pastellfarbenen Glühlampen. Unter dieser labilen, aus handwerklicher Sicht höchst fragwürdig angebrachten, heiligen Konstruktion einige biertrinkende Amerikaner, die weltliche Themen erörtern, Bluetooth, mobiles Internet — sone Typen. Mehr

Zahnbehandlung

Heute ein längerer vormittäglicher Besuch beim Zahnarzt. Ohne mich in meinem Alter noch ernstlich vor Zahnarztterminen zu fürchten, dennoch ein flaues Gefühl im Magen bei gleichzeitiger Entspanntheit und normaler Herzfrequenz. Ein Atavismus, da kann man nichts machen. Die Zimmerpalme des Wartezimmers gedeiht prächtig und wird von Besuch zu Besuch immer größer. Unter Palmwedeln verborgen sitzt bei meinem Eintreten schon ein weiter Patient, liest die Bunte und sagt »Mahlzeit« zu mir, als Begrüssung. Um 11 Uhr. Eigentlich lese ich Zeitschriften nur beim Zahnarzt und stelle hier immer wieder fest, wie uninformativ die Artikel zumeist sind, obwohl ich als wartender Patient unbedingt zumindest nach Unterhaltung lechze. Nächstes Mal die Bunte wenn möglich, würde mich nicht wundern wenn der Inhalt besser als der des Spiegel wäre. Meine heutige Behandlung besteht in der Überkronung eines durch widrige mechanische Einwirkung verlorenen Zahnes. Von meinem Behandlungsstuhl habe ich einen ausgezeichneten Blick auf den aktuellen Zahnarztkalender. Herrliche Schwarzweißaufnahmen von abstraktem Lichterspiel auf makellos kariesfreiem Zahnschmelz. Währenddessen bohrt der Doktor, er hat eine reichhaltige Auswahl an Bohrmaschinenvorsätzen die heute alle zum Einsatz kommen. Das beste Material für Kronen sind in jeder Hinsicht die Edelmetalle namentlich Gold, sagt der Zahnarzt, plötzlich gesprächig werdend, als ich in einer Behandlungspause nach neuen Werkstoffen in der Zahnheilkunde frage. Hätte ich ja nicht gedacht, daß man bis zum heutigen Tag keinen brauchbaren, zahnähnlichen Kunststoff entwickeln konnte. Gold für die Schneidezähne will jedenfalls keiner offenbar. Dabei könnte man mit so einem schönen Goldzahn bestimmt reichlich Eindruck schinden und alle denken man hätte Kontakte zur Mafia. Mehr

Geruchstheorie

Alle Dinge haben ihren Geruch, manche mehr, manche weniger. Subjektiv angenehm oder unangenehm. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß Geruch zwar mitunter nachlässt aber nie gänzlich verfliegt, so alt die, den Duft austrahlende, Quelle auch ist. Bei einem Besuch in den Alpen habe ich historische Holzhäuser gesehen gerochen, die in ihren ältesten Teilen sechshundert Jahre alt sind. Noch immer verströmt das Holz seinen typischen Odem obwohl die hölzerne Architektur der Berge sehr intensiv der Witterung ausgesetzt ist. Sowohl glühende Sonnenbestrahlung als auch scharfer Frost vermögen den spezifischen Geruch der Materie nicht zu vertreiben, es entsteht nicht einmal der Eindruck des schwächer werdens. Wenn es sich um ein flüchtiges Gas handelte, daß die Dinge verströmen, ein Gas das wir beim Atmen in unsere Nase saugen, daß dort auf entsprechende Rezeptoren trifft und den olfaktorischen Sinneseindruck erzeugt, so müsste die Materie mit der Zeit immer weniger werden — also verdampfen oder in anderer Weise seinen Aggregatszustand in's gasförmige verwandeln. Dem ist aber nicht so, selbst Steine, die Millionen von Jahren alt sind, haben einen deutlichen Geruch. Mehr

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