Hightatras: Special Interest Content mit Pfiff.
Wer kam von wo?
Zwei schwarze Autos sind zusammengestossen; kostspielig glänzende Wagen die forsches Fahren ermöglichen, von den Haltern nicht zuletzt aus repräsentativen Gründen angeschafft. Auf dem angrenzenden Bürgersteig hat sich eine kleine Traube gebildet. Man steht zusammen, jeder für sich. Der Hund wird angewiesen Platz zu nehmen, manche stecken Zigaretten an. Das ist ja ein starkes Stück. Zwischen den Scherben ihrer ruinierten Fahrzeuge gehen die Unfallbeteiligten auf und ab, telefonieren und treten dabei kopfschüttelnd gegen breite Reifen. Weitere Flaneure gesellen sich, das vor der Reform gekaufte Elektrogerät auf dem Boden abstellend, zu den Schaulustigen.
Den Hut lüften
Um zwanzig Uhr herrscht in der von Indern geführten Gaststätte Stoßzeit, daher werden meine Bekannte und ich diesmal am einzigen noch freien Tisch im Zentrum des Etablissements plaziert. Nicht wie sonst am frei gewählten Fenstertisch. Ein Platz, der sich entgegen ursprünglicher Erwartung als goldrichtig entpuppen sollte. Nicht nur, daß der kreisrunde Tisch aus poliertem Kirschholzimitat über ein praktisches, in die Tischplatte eingelassenes Speisenkarussell verfügt, welches den Verzehr eines opulenten Mahles ohne würdeloses über-den-Tisch-beugen ermöglicht, nein, man sitzt hier zudem vorzüglich, um von logenhafter Warte die anderen Gäste zu beobachten ohne als Voyeur angesehen zu werden. Im Vordergrund, die sechs bei Neulingen wohl begehrtesten Tische des Restaurants — Fensterplätze — dahinter, durch eine Glasscheibe geschieden, gleichsam im Mittelgrund, ein breites Trottoir mit hohem Fußgängeraufkommen. Den zwielichtigen Hintergrund bildet ein stetig rauschender Fluß aus Kraftfahrzeugen stadteinwärts, oben, auf maroden, gußeisernen Säulen, die in der Kurve quietschende Hochbahn. An den Fensterplätzen entweder Paare oder größere Gruppen. Die Paare unauffällig, die Dame redet, der Herr hört zu. An den Gruppentischen sitzt stets mindestens ein Gast, der das Gespräch dominiert, die Themen vorgibt, sich eindringlich Tischnachbarn zuwendet denen das Los des Zuhörers zuteil geworden ist, ihnen onkelhaft die Hand auf den Arm legt und ohne Unterlass redet. Eloquent, laut lachend, umfassend gebildet und von beispielloser Hartnäckigkeit. Intellektuelle Alphatiere, die die angenommene Führungsrolle in ihrer Bezugsgruppe durch das Bestellen aufmerksamkeitsheischender Gerichte noch zusätzlich betonen. Brutzelnde, dampfende, laut zischende, siedendes Öl versprühende Fleischpfannen werden von links gereicht, während der die Dienstleistung wenig würdigende Gast gerade durch ein überaus köstliches Bonmot brilliert.
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Hunde im direkten Vergleich
Na ihrer hat ja einen ordentlichen Strahl, sagt eine Hundebesitzerin, die ein Hündchen an der Leine führt, erstaunt und bewundernd, als sie beobachtet, welch große Menge Urin der Hund einer weiteren, wohl vom Sehen bekannten, Hundehalterin, in Richtung Hauswand absondert. Es hat sich bereits eine stattliche Pfütze gebildet, durch die die Fahrräder fahren. Wäre die Welt ein Hundequartett, würde sie auch zu den Verlierern zählen.
Wo bist Du gerade?
Die Menschen, deren Mobiltelefone Anrufe durch die schlechtest möglichen Klingeltöne anzeigen, sind wohl zudem häufig durch ein schwaches Gehör oder eine mangelhafte Auffassungsgabe geschlagen. Vernimmt die Umwelt bereits das charakteristische Summen eines Vibrationalarms, verstreichen weitere kostbare Sekunden bis dem Telefonbesitzer selbst, das einsetzende Läuten bewusst wird und dieser überhaupt erst Miene macht das Gerät aus überkandidelter Handtasche zu wühlen. Hat sich schließlich der Alarm zu einer, die Mitmenschen paralysierenden, lautstark synthetischen Kakophonie des Kitsches gemausert lautet die Frage: Wo war noch mal die Taste um die Anrufe anzunehmen?
Der Waschmaschinenschlauch
Blondinen deren Leiber umspült werden vom künstlichen Odem preisgünstigen Aprikosenschaumbades, von Maschinen gebräunter Babyspeck bahnt sich seinen Weg, quillt hervor unter knapp geschnittenen Kapuzenjäckchen in weiß oder rosa. Inmitten dieses Ensembles hat es sich der hagere Schnurrbartmann auf seinem Straßenbahnsitz bequem gemacht, das Boulevardblatt umständlich schüttelnd entfaltet. Er schlägt, einer Marotte folgend, vor dem Lesen stets mit dem Handrücken auf die Seite. Aha, so sieht also das Sofa des irren Kofferbombers aus, hier plante er den Massenmord. Schlimm. Da stürzt eine Frau, die eben noch, gleich einem Huhn, mit wackelndem Kopfe an der Seitenscheibe des haltenden Zuges vorbeilief, auf den verbliebenen freien Platz neben dem Schnurrbartmann zu, grüßt hastig und nimmt Platz. Sie hat den Schnurrbartmann als ihren Waschmaschinenverkäufer von vor drei Wochen identifiziert. Der Schnurrbartmann ist Waschmaschinenverkäufer auf Urlaub (Balkonien?) wie sich herausstellt, als das Huhn sagt, daß der Schnurrbartmann hier wohl aussteigen müsse. Vor den Scheiben verfinstert ein Betonmenhir, einen Elektrodiscounter beherbergend, den Himmel. Ich hab Urlaub sagt der Schnurrbartmann. Das Problem des Huhnes ist, daß der Waschmaschinenschlauch bei der Montage schlampig verlegt wurde, dieser beschreibt nämlich eine unschöne Kurve und verläuft nicht devot hinter der für ihn vorgesehenen Sichtblende. Sieht einfach nicht aus und das kann es ja auch nicht sein, so lässt sich der Ärger in etwa beschreiben.
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Parallelgesellschaften
Pu der Bär, Fingermalfarben oder Resident Evil, Hamburger, Chips und Formvorderschinken. Die guten Dinkelriegel für die Pause im Montessori-Kindergarten. Im Jahresurlaub mit dem Family-Van nach Dänemark oder daheim den Schwarzschimmel auf der Tapete ignorieren. Tigerentensozialisation, später Violinenunterricht oder Tennis je nach Neigung. Cocooning in Leinenkissen bei Weißwein und schöngeistiger Freizeitgestaltung. Der Trend geht allerdings zu Sturzsaufen an der Bushaltestelle. Fröhliche Farben: Orange oder Lindgrün. Heil Hitler®. Die Bachblütentherapie für sich entdecken. Meinungen: Landserheften und den RTL2-News entnommen. Eine ältere Dame, die nach ergiebigem Niederschlag mit einem langen Stock die Gullis der Straße von angeschwemmten, verstopfenden Lindenblüten befreit. (Guten Tag, wir sammeln Leergut für Angola.) Pillen und Alkopops für carnivore Sonderschüler im Wachkoma. Ein Platz an der Sonne in den eigenen vier Wänden für die mittlere Mittelschicht. Hier hört man beide Arten von Musik: Aggro und Onkelz. Im Fernseher: Leichenteile, Autobahnraser, Titten und die große Welt. Ihr Opfer, Alter.
Süchtige
Ein schweres Kind — so scheint es. Auf dem S-Bahnhof erbiete ich meine Hilfe beim hinabtragen eines Kinderwagens. Als auf dem Treppenabsatz das Gefährt aufgrund unterschiedlicher Körpergrößen der Träger ins Schlingern gerät, stellt sich heraus, daß der eigentliche Fahrgastraum mit Flaschen voller berauschender Getränke befüllt ist. Wenig später an einem anderen, jedoch nicht weit entferntem Ort.
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Paketboten
Man erkennt den Paketboten an seinem charakteristischen Ruf. Unten im Hof war gerade ein Exemplar zu hören, piep, ...., ...., ...., piep, ..., ..., ..., ..., piep. Dazu gutturales Brummen von zwei Schachteln Zigaretten (Ditgipsabaldjánich). Die Zustellung vorbereitend muss der Typ irgendwelche Zahlen in sein schwarzes, wurstfingeroptimiertes Elektronikbrikett eintippen. Wer so tippt, schnauft auch die Treppen rauf, jammert im Hausflur rum, daß die Türschilder zu klein sind usw. Man kennt das. Arschgeigen eben; Sie! Ich mach den Paket disnächste mal unzustellbar wenn das so weiter geht. Ja, is recht wiedersehn. Zum Glück besteht die Population hier weitgehend aus Jungtieren, die machen piep, piep, piep, in rascher Folge. Zack die Treppe hoch, Tachchen. (Haha, wie krakelig die Unterschrift immer aussieht auf den ihrn Displä, egal, ich geb mir da gar keine Mühe mehr.) Rasch Paket abgeben, auf den Hacken umdrehen, spornstreichs ist der wieder unten bei sein Automobil und weg, der schrubbt die Karre, da kennt der nischt. Wie gesagt, dacht ich jedenfalls dran, als ich vorhin im Hofe den Lockruf vernahm, mein großes Insektenlexikon, welches ich unlängst im Internet bestellte, tut kommen, was sich indess — betrüblicherweise — als Irrtum herausstellen sollte. Dauert noch, da is wohl warten angesagt! Wetter herrlich anfürsich, so kammanz aushalten was? Sie sárjenèt, schön Tachnoch.
Fundraising Pro
Hallo, haben Sie auch ein Herz für Tiere? richtet man auf städtischer Kreuzung das Wort an mich. Meine Handlungsmöglichkeiten: entweder direkt das Portemonnaie zücken, oder Antworten wie: Bedaure Sportsfreund, ich ernähre mich ausschließlich von Katzenleber und Seehundsblut, kurz den Hut lüften und Wiedersehen. Grotesk unseriös, zumal der Suggestivfragensteller nun offensiv auf mich zutritt, an seiner Schulter sind werksseitig zwei stattliche Fleischwürste installiert, die einladend auf einen, mit ausfüllbereiten Unterlagen bestückten, Tisch weisen.
Ächz
Eine hellhäutige französische Jugendgruppe mit scharf begrenzten schweren Sonnenbränden reist mit mir in der Bahn. Allesamt mit Zehenschlapfen. Am Fenster — Sonnenseite — ein leise zischend atmender Pykniker von dessen Glatze der Schweiß, in immer gleichen Bahnen — Mikro-Tälern in der Schädelplatte — hinabrinnt; im Nacken, in die sich dort entenschwanzgleich, feucht kringelnden Resthaare mündend. Seufzend legt er, im Minutentakt, vermittels eines Taschentuches, das nicht versiegende Quellgebiet auf seinem Kopf trocken. Im wesentlichen setzt sich Schweiß aus Wasser und Kochsalz zusammen, weniger als 2% Ammoniak und organische Verbindungen, wie flüchtige Fettsäuren, erzeugen die hier herrschende tropische Demse. Aus Milliarden von exokrinen Drüsen quillt beständig Flüßigkeit, allerdings ist der Wasserdampfdruck in der Atmosphäre des Wagens höher als auf der Hautoberfläche. Der Blick des hingesunkenen Mädchens mit den breitgetretenen Sandalen und der Pfandflaschentüte ist entrückt, mehr nach Innen, als in die Ferne gerichtet, ihr Paralleluniversum entströmt einem Kopfhörer. Mit den leicht gesenkten Lidern über den Mandelaugen und dem kleinen, schön geschwungenen Mund verkörpert sie vollkommen das Schönheitsideal des venezianischen Renaissanceportraits.
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Klipp und klar und deutlich
Nervöses Lachen, um, als peinlich empfundene, Lücken im Sprachfluss zu schließen als unbewusstes Mittel der Rhetorik. Eine Sprachmeise, kein Fehler. Ohne Computer ist man ja aufgeschmissen heutzutage. Sie sagen es, letzendlich ist es doch nur eine Frage hiervon. Der Mann reibt seinen Daumen gegen den Zeigefinger der rechten Hand und sieht dabei dem Gegenüber aus ausdruckslos feuchten Hundeaugen direkt ins Gehirn. Sach ich so zu ihr sargick. Jeden Satz mit dieser Doppelung einleiten. Erst weich dann hart, gefolgt vom Satzinhalt. Alles direkte Rede, wortwörtlich aufgezeichnet. Play. Sechshundert (Teuro) für zwei Wochen auf einer Urlaubsinsel (Malle, Domrep gar?). Kann man nix zu sagen. Ach pro Nase? Jaja Halbpension natürlich, eine warme Mahlzeit möchte schon sein. Deutschland allein, Klinsi geht. Welche Meinung bildeten Sie sich diesbezüglich? Hömma, dieser Ballack verdient ja bald mehr als wie der Ackermann muß man ja auch ma sagen dürfen. Sagt aber keiner zum Bleistift. Spanien is auch nich mehr so wie früher — preislich. Also mit diesem Traum-Sommer hat ja keiner mehr gerechnet, was? Man muss aber auch an die Landwirtschaft denken, lautet ein gültiger Einwand. Vielen herzlichen Dank, daß Sie diesen wichtigen Aspekt in unsere Diskussion getragen haben.
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Kartoffelchips mit Eichenlaub und Schwertern
Hurra. Frenetischer Jubel zerreißt die geisterstadthafte Ruhe des Werktags. Eine junge Frau stürzt auf den Balkon, die Arme wirft sie theatralisch gen Himmel, ihre großen Brüste sind in einem Fußball-BH verborgen. Deutsche Fetischmode in Tagen der nationalen Euphorie. Wer heute nicht geflaggt hat, dem ist nicht zu helfen. Von patriotischer Hand gezündete Raketen schnellen tausendfach in die Troposphäre um so den glorreichen Sieg unserer Jungs zu preisen. Ich stehe am geöffneten Fenster, mit einem Glas in der Hand, in dem Himbeeren schwimmen. Unten an der kleinen Schaukel tollen blonde Buben und Mädchen im sommerlichen Garten. Lustig flattern die kleinen, eifrig geschwenkten Fahnen, die man den Spielen geschickten mitgab, in der schwülen Schwere des Nachmittags. Sie tragen keine Matrosenanzüge und keine Ähren sind in ihre blonden Affenschaukeln geflochten. Ein Fahnenmast aus dem Baumarkt erhielt vor Anpfiff einen Ehrenplatz im Garten, das Klirren feierlich aneinanderstoßender Bierflaschen begleitete das Hissen unserer deutschen Fahne. Der Adler sieht ein wenig behindert aus —die Krallen ganz verkümmert— naja Fernost, egal, war im Angebot.
Hoffenster
Wieso fahren sie nicht mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei?, werde ich gefragt, die dicken Finger seiner behaarten Rechten schließen sich fester um eine Handgelenktasche. Mein entgegenkommendes Fahrverhalten, auf dem zur Mischnutzung ausgewiesenen Weg, geht ihm nicht weit genug. Ein Mann, der es gelernt hat mit konstant hohem Adrenalinspiegel zu leben, in seiner Blutbahn kocht es seit Jahrzehnten. Neulich durchquerte ich ein, in Urwaldumgebung eingebettetes, Sumpfgebiet, und beschließe spontan von Reisen in die Tropen zunächst abzusehen. Mein von Schweiß benetzter Leib ist eingehüllt in eine regelrechte Wolke blutgieriger Insekten. Ein hier, in der Mitte des Weges, halb verborgen in wild wucherndem Gras, lagerndes, ob der Hitze mattes Reh zeigt sich verwundert über mein unvermutetes Auftauchen und entschließt sich die weitere Entwicklung mit Contenance abzuwarten. Als ich das Tier direkt, betont sanft anspreche ergreift es mit langen Sprüngen die Flucht ins modrige Unterholz.
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Saufen, gröhlen und kotzen
Aus schwarz-rot-goldenem Filz gearbeitete Zylinder bringen aufgeschwemmte Quadratschädel höchst unvorteilhaft zur Geltung. Einfach richtig genial, sag ich mal so, wir machen heute Stimmung. Aus wässerigen Fischaugen sprüht trunkene Euphorie. Die Fortführung von Ballermann, Karneval und Loveparade mit anderen Mitteln — auf Sonderfläche. Ganz Berlin ein Unterschicht-Erlebnispark offenbar. Mit mindestens 120 dB wiederholt in der S-Bahn, eine homogene Gruppe fettsüchtiger Männer, sowie diverser walkürenhaft aufgedonnerter Wuchtbrummen, auf der Heimkehr aus irgendeiner Einkaufspassage, gröhlend, das jüngst errungene Spielergebnis der deutschen Mannschaft — Eine Art Pilsmantra. Mnemotechnisch weniger beschlagene beschränken sich darauf, pausenlos den Namen ihres Heimatlandes zu rufen. Patriotismus vom Wühltisch wo man hinsieht. Schönhauser Allee ist der Bürgersteig mit geborstenem Glas übersäht, es gilt beim Umsteigen zahlreichen Kotzeinseln auszuweichen. Der Pöbel hat sich hier vor einer Spätverkaufsstelle zusammengerottet. Eine lange Stange erschiene mir geeignet um die allenthalben herumtorkelnden, Deutschlandfahnen-Parias auf Distanz zu halten.
Signor Flückiger va a Lipsia
In der rückseitig gelegenen Sitzgruppe des Großraumwagens reist ein Bürger, angetan mit Hut und leichtem Übergangsmantel in beige, welcher, nach eigener Aussage, beim Einstieg in den Waggon von einem listigen Taschendieb seines Portemonnaies beraubt wurde. Zu beklagen sind der Verlust von einhundert Euro in Scheinen sowie diverser Bankkarten. Zu diesem Behuf instruiert der Herr nun fernmündlich seine Gattin, sie möge doch die entsprechenden Kreditinstute zu einer Sperrung der Konten veranlassen. Das Telefongespräch verläuft in der sachlich emotionslosen Teilnahmslosigkeit des verinnerlichten Beamtentums. Guten Tag, ich habe Dir folgende Mitteilung zu machen, beim Einstieg in die Eisenbahn wurde mir mein Portemonnaie geraubt, bitte rufe bei der Bank an und lasse jene Karten sperren, deren Nummern ich Dir nun nennen werde. Zwo, Fünnef, Drei... Ich Wiederhole. Ähnlich schriftsprachlich wie der Dialog aus einem Sprachkurs, vielleicht Lektion 5. Wie lautet die Kontonummer von Herrn Flückiger? Woher kommt Herr Flückiger, wohin geht seine Reise?
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Fahranfänger von Stahl umwittert
Finsternis hat sich über die große Stadt gelegt. Das Tosen der Motoren abgeebbt zu sonorem Hintergrundrauschen. Der melodiöse Ruf der Nachtigall erfüllt den nächtlichen Äther, soeben kündete der Kirchturm von der zweiten Stunde des Tages. Zumeist haben die Anwohner ihre Lichter gelöscht und befinden sich zu dieser vorgerückten Stunde längst in Morpheus Armen. Die Straße ist unbefahren, das Trottoir menschenleer. Interessant, die Mimose auf der Fensterbank zeigt ihr mimosenhaft seismonastisches Verhalten bereit ab dem ersten zarten Keimling. Wider Erwarten ist es mir gelungen auf Anhieb eine Mimosa pudica aus einem Samenkorn zu ziehen. Nicht unerheblich für das Gelingen verantwortlich war mutmaßlich meine Maßnahme, den Topf mit Frischhaltefolie abzudecken, so entstand, ein für die Pflanze zuträgliches, gespannt feuchtwarmes Mikroklima. Oh Schreck, plötzlich zerreisst bald durchdringendes Geräusch von hochtourigem Motor, bald infernalisches Bersten die nächtliche Stille. Mit unzähligen Pferdestärken gräbt sich leichtsinnig entfesselter Stahl ineinander.
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Nordberlin Rules
Mit manchen Läufern grüße ich mich ja, man kennt sich schließlich, frönt seit Jahren dem gleichen Steckenpferd. Es gilt weiter diese nachlässige Gruß-Handbewegung zu vervollkommnen. Aus der Laufbewegung fließend den Zeigefinger ein wenig abspreizen, maximal ein knappes Nicken, mehr Überschwang erlaubt der Leistungssport einfach nicht. Am Wegesrand Kulturschaffende, mitunter echte Originale. Ein Aquarellmaler hat sein Fahrrad zu einer praktischen mobilen Staffelei umgebaut. Manchmal skizziert er auch Pferde in ein kleines Vokabelheft. Ein grauhaariger Mann, der aussieht wie Woody Allen, zeichnet ein Video auf. Die große Kamera steht auf einem Stativ, zusätzlich mit einem Hut und einer Sonnenbrille ausstaffiert stakst er im Gras herum und kehrt pantomimisch sein Innerstes nach aussen. Auf dem Parkplatz bei Minimal hat ein junger Mann ein ganz rasantes Spielzeugauto in Betrieb, mit einer Fernsteuerung lässt er das kleine Fahrzeug die tollsten Kapriolen ausführen. Er ist mit seiner Freundin in einem sportlichen Auto angereist, aus dem Inneren des schön aufgebauten Wagens schallt aktuelle Musik der Jugend. Die junge Frau hat ihr ausladendes Hinterteil gegen den Kotflügel gepresst und verfasst, durch French-Nails beeinträchtigt, eine Kurznachricht.
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Die geheimen Huflattich-Stellen
Die Busfahrt geht durch Vororte. Felder und Einfamilienhäuser wechseln sich ab. Auf dem Schwerbeschädigtenplatz nahe des Fahrers sitzt eine ältere rothaarige Dame und redet. Redet auch ohne bestimmten Gesprächspartner. Der Busfahrer hat offenbar kein Interesse an der Baumblüte. Die Schönheit blühender Bäume entlang der Busroute sind das immer wiederkehrende Grundmotiv ihres Monologes. Alle ihre Gedanken münden in Sprachausgabe. Junge, Junge das ist ja eine Baumblüte. Herrlich. Hut ab, sagt sie als der Bus an einer Haltestelle hält. Gemeint ist ein prächtig blühender Kirschbaum in einem Vortstadtgarten. Mit beiden Fäusten donnert sie aus Leibeskräften gegen die Scheibe um dem Gartenbesitzer ihre Begeisterung gestisch zu vermitteln. Vergeblich. Beugt sich, den Kopf drehend, wie eine Reiseleiterin in den Gang des Busses um weitere schöne Bäume anzukündigen. Recht hat sie.
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Linie 7, Freitag
Die Leute die in der U-Bahn sitzen und offensichtlich plemplem sind, werden auch nicht weniger offenbar. Nein, nicht so wie Ursula von der Leyen, anders, Typen mit Schaum vor dem Mund, die den ganzen Wagen zusammenbrüllen. Einst humanistische Bildung, heute durch Dosenbier erweichte Synapsen. Mitunter ist es ja problematisch überhaupt geeignet Platz zu nehmen. Eine Jungmännergruppe, bei der der Posten des Alphamännchens wohl dauerhaft umstritten ist, da möchte man dann auch nicht stören. Naja egal, vielleicht mal eine nächtliche Tunneltour unternehmen im offenen Wagen? Ein Vorschlag, der über den an der Decke befestigten Monitor unterbreitet wird. Bestimmt ein einmaliges Erlebnis, zur Sicherheit tragen die Pufferküsser gelbe Helme. Irgendwie schratig. Hahaha: schratig. Ebenfalls auf dem Monitor ohne Ton, die CD der Woche. Ihr Schrate! Am U-Bahnhof Spandau hat man die Rolltreppen abgebaut, die Schrägen wurde mit Asphalt aufgefüllt, mir egal, ich glaub' ohnehin nicht an Rolltreppen, sieht aber liderlich aus.
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Nagelmodellage hier — Windhose dort
Siechtum und Leid auf den umliegenden Sitzbänken des Straßenbahnwaggons, draussen verblüffend warmer Wind vom Moder feuchter Erde erfüllt. Hinter mir entledigt sich ein Mann durch fortwährenden scheppernden Husten zähen Schleims. Während der Fahrt spricht er kontinuirlich dem Branntwein aus seiner Taschenflasche zu, die Spirituose dient wohl auch als Lösungsmittel. Auf seinem Kopf ein speckiger Trapperhut an dem vorne das Profil eines Pferdekopfes aus goldenem Metall befestigt ist. Gegenüber eine gramgebeugte junge Frau mit nachlässig kaschiertem blauem Auge, eine Reisetasche mit sich führend. Mit angeklebten weißen Fingernägeln schreibt sie ununterbrochen SMS sodann phlegmatisch auf Antwort wartend. Ihre Bewegungen sind die eines winterstarren Reptils. Neue Fahrgäste, neue Spielarten von Atemwegserkrankungen. Wohl dem, der sein Ziel erreicht.
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Doofes Insekt
Eine Viertelstunde draußen gesessen gestern. Kleinste, soeben erwachte Nager wispern im ausgelaugt, dörren Gras des Vorjahres. Eine Florfliege ertrinkt fast in meiner Kaffeetasse, ich lege das nasse Tier auf's Fensterbrett, nach einigen Minuten ist das Insekt getrocknet und entschwindet durchs geöffnete Fenster. Was bleibt ist ein wenig pulverisierter Kaffeesatz. Segen der Sonne. Unten auf der Straße läuft ein kleiner Mann mit Einkaufsbeuteln vorrüber und macht Entengeräusche.
Das rekonvaleszente Pony
Junge Mädchen von heute tragen wildlederne Stiefel in frischen, leuchtenden Farben, gerne auch rosa oder apricot, außen zur Zierde reichlich mit Pelz und Posamenten besetzt. Die vier Backfische, die in der Straßenbahn auf einer Bank Platz genommen haben, stecken die Köpfe zusammen und erörtern die Situation auf den Reiterhöfen im Norden Berlins. Man muß wissen, daß doch neulich in Schildow ein bereits betagtes Pony angefahren wurde. »Ich war bei der anschließenden Beinoperation und dem Lauftraining dabei« vermag eine der Heranwachsenden aufzutrumpfen, und verzieht triumphierend ihr kindliches Gesicht. Neid lässt die hippophile Gruppe verstummen und mir fällt ein Stein vom Herzen, kein behindertes Pony, ich bin vollkommen beruhigt. Im Gegensatz zu dem misanthropischen Straßenbahnfahrer, der immer wieder cholerische Durchsagen, eingeleitet durch Kraftworte, in sein Mikrophon brüllt. Ein vollkommen verblödeter Fahrgast hatte in seiner unfassbaren Nichtsnutzigkeit den Haltewunschtaster zur Unzeit betätigt. Selbstverständlich wird dem falsch Handelnden, ja allen Reisenden eine ordentliche Standpauke zuteil, eine lautstark vernichtende Abfuhr, die sich der Betreffende hinter den Spiegel stecken kann. Solch ein Lapsus darf einfach nicht passieren! Später. Offenbar hat der diensthabende Fahrer die Lautsprecheranlage für sich entdeckt, macht regen Gebrauch von der technischen Möglichkeit seinen Hass elektrisch verstärkt hinauszuschreien. Der Waggon verfügt nämlich auch über einen Außenlautsprecher. »Bleib stehen Du Arschloch!« wird im Kreuzungsbereich ein unachtsamer Autofahrer angeherrscht und somit in seine Schranken gewiesen. Mit seinem surrealistisch unangemessenen Umgangston handelt er, wie viele hier, abseits klassischer Etikette.
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Marketing heute
Im Berufsverkehr sind Straßenbahnfahrten mitunter recht zäh, von Autos umzingelt muss die Tram immer wieder längere Zeit warten. Durch die Scheibe des an der Ampel pausierenden Waggons fällt der Blick in die im Hochparterre gelegenen Räume des kirchlichen Gemeindehauses. Eine hochmotivierte Gemeindeschwester wirft selig lächelnd ihre Arme in die Höhe. Im Fensterrechteck des Saales erscheinen zögerlich zahlreiche Kinderhände, die es der rosigen Vorturnerin gleichtun. Kinderturnen mit Birthe vielleicht. Nebenan, in Nachbarschaft zum Bioladen, wo früher Blume 2000 war, wird demnächst ein neuer Laden für Holzspielzeug eröffnet. Maler sind gerade im Begriff sämtliche Wände scharlachrot zu streichen. An der Fassade wurde schon das Firmenschild angeschraubt, das neue Fachgeschäft wird »Die wilden Schwäne« heissen. Ob man sich damit im Moment erfolgreich bei jungen Müttern positionieren kann?
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Mit den Anwohnern im Gespräch
Vor mir auf dem Gehsteig eine meiner Nachbarinnen, erste Treppe links. Weinroter Anorak, weißes Haar, der Gang leicht gebückt, sie kommt mit allerlei Beuteln vom Einholen.
Ich so: »Guten Tag«
Überraschung geht nahtlos in große Freude über.
Sie so: »Ach, na sowas, Guten Tag!, wir haben uns lange nicht gesehen was?«
Handelt es sich um einen Scherz oder um fortgeschrittene Vergesslichkeit? Trafen wir doch erst gestern an nahezu gleicher Stelle zusammen und wechselten Worte des Grußes.
Später an einem anderen Ort. Ein Schnauzbärtiger, das Haupthaar im Vokuhilastil frisiert, hat seinen PKW auf dem Bürgersteig geparkt. Dicke Hände stapeln Brausekästen, Würste, Tüten, Schweinehälften, Schnapsflaschen was weiss ich noch alles auf das Trottoir. Wolfgang Petry, allerhand Waren sowie ein Kraftfahrzeug versperren mir also den Durchgang.
Ich so: »Kann ich mal durch bitte?«
Der Zwangsproletarisierte so: »Hast du'n Problem?«
Ich so: »...«
Der Zwangsproletarisierte so: »Ob du'n Problem hast frag isch.«
Schweinsäuglein funkeln mich erzürnt an, der Typ is uff 180.
Ich so: »Ich würd gern mal durch, wenn's möglich ist.«
Der Zwangsproletarisierte so: »Hast du'n Problem? Weil wenn du'n Problem hast kriegst du nämlich mal ganz schnell wat aufs Maul so einfach is det.«
Die rhetorische Frage wird somit, wenn auch wenig überraschend, doch noch aufgelöst. Manche die hier wohnen sind wirklich ein wenig verhaltensauffällig.
Unternehmertum
Der schmale Oberkörper des Mannes versinkt in einer blauen Wattejacke, einem Relikt aus Tagen der Lohnarbeit. Seine Hand führt ein Herrenfahrrad, daß er jetzt neben einem öffentlichen Mülleimer abstellt, eine rostige Fußraste ermöglicht sicheren, lotrechten Stand. Er wippt den schmächtigen Körper auf die Fußspitzen, wirft seinen geübten Blick durch die Öffnung in das Zwielicht des an einer Laterne befestigten Abfalleimers. Tritt einen Schritt zurück, bringt durch Abrollen der Füße auf die Zehen die Schulterkugel auf Einwurföffnungshöhe, führt den rechten Arm waagerecht bis zum Ellenbogengelenk in den Schlund des orangenen Blechquaders ein, winkelt den Arm senkrecht an und sinkt durch Entspannen des Körpers mit dem Arm in den Mülleimer hinein. Ein gespannter Blick, alle Sinne liegen jetzt in der am Boden tastenden Hand. Dann eine Umkehr der flüssigen Drehbewegung, die auf Vertrautheit mit der räumlichen Beschaffheit der städtischen Abfallbehälter hindeutet. Die Hand des Mannes hat zwei leere Bierflaschen aus der Tiefe geborgen und ordnet diese, an dem Fahrrad stehend, in eine der zahllosen Plastiktüten, die von langer Benutzung nur noch Reste der einstigen Reklameaufdrucke erahnen lassen. An der Lenkstange hängen zwei moderat gefüllte Tüten, am Gepäckträger sind mit den Resten eines Stromkabels die Bretter einer Kiste befestigt und erweitern den Stauraum zu einer kleinen Ladefläche. Ein erfolgreicher Leergutsammler.
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Nasser Hund mit künstlichem Erdbeeraroma
Akribische Frontberichterstattung in der Straßenbahn. Zwei bleiche junge Männer lassen ein ausgiebiges Counterstrike-Wochenende Revue passieren. Zur Stärkung schütten sie aus Plastikbechern mit rosa Farbstoff versetzte Milch in ihre Rachen. Es riecht nach nassem Hund. Die einzelnen, stark geheizten und wenig gelüfteten, Räume der Stadtbibliothek sind, der Systematik entsprechend, jeweils auf eigene Art muffig. Der süßliche Geruch zerfallenden Papiers bildet das Fundament. In den alten, oft gelesenen Büchern haben sich über die Jahre winzig kleine Krümel, Hautschuppen, Spuren von Körperfett, blasse Milben, feinster Nikotinfilm und anderer Gilb abgelagert. In einigen offenbar seit langem nicht mehr geöffneten mehrbändigen Tagebüchern sind Moleküle von Ostgeruch zwischen holzhaltig randgebräunten Seiten erhalten geblieben. Wenig und oft gelesene Bände riechen am Stärksten. Erstere weil sie nicht durch blättern gelüftet werden, letztere weil sich an ihren Zellstofffasern viele verschiedene Körpersäfte in kleinsten Quantitäten sammeln und mischen. Besonders betroffen sind hier insbesondere phantastische Romane und spannende Krimis, da diese mutmaßlich auch in der Bahn und auf der Toilette verschlungen werden. Je spezieller also das Interesse, desto höher die Hygiene der Bücher.
Befragung an der Wohnungstür
Am späten Nachmittag schellt es oben, an der Wohnungstür. In solchen Fällen vermute ich aus Erfahrung GEZ-Kontrolleure oder hartnäckige Hausierer, die den Fuß vorschiebend versuchen an der Pforte Eindruck zu schinden. Mit diesem Verdacht sehe ich wohl recht mürrisch aus, als ich die Türe öffne. Der Besucher ein langhaariger Hüne, ausgestattet mit einer Schreibunterlage, diversen Papieren und einem Kugelschreiber. Mit einem kleinen Scherz stellt sich der junge Mann vor. Da ich selbst ein großer Freund des Sparwitzes bin, gebe ich dem Besucher, entgegen meiner Prinzipien, Gelegenheit sein Anliegen vorzutragen. Er sei Drogenabhängig und würde eine Umfrage durchführen, dies alles sei Teil der Auflagen, die ihm sein Bewährungshelfer gestellt hätte. Ich gebe zu Bedenken mit der Materie nicht vertraut zu sein — weder jugendlich noch rauschgiftsüchtig. Nein, nein egal, jeder könne mitmachen, das sei ja gerade der Witz. Es geht los.
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Die Amokfahrt der Gesichtsmöse
Drei junge Männer steigen an der Tramhaltestelle ein, sie tragen identische türkisfarbene Jacken aus Ballonseide — mit Kapuze. Auf der Rückseite der Kleidungsstücke ist ein Raubtierkopf aufgestickt. Die Worte »Tiger Attack« zeichnen das Trio als verschworene Gemeinschaft aus. Ich habe neulich diese Art der Bademäntel in dem ausgezeichneten Boxerfilm »Million Dollar Baby« zum ersten Mal mit Bewusstsein gesehen. Die drei sind sicherlich selbst begnadete Kickboxer, die in einem der populärsten Tanzlokale Reinickendorfs — an der Tür — die Spreu vom Weizen trennen. Hier, hast Du Problem Alter? Auf den Sitzplätzen: Das Rentnerehepaar trägt baugleiche Hornbrillen, über dem weißen Haar der Frau eine weinrote Baskenmütze. Eine beigefarbener Hut auf dem Kopf des Mannes. Die Frau muss sehr prononciert und laut in das Ohr ihres Gatten sprechen, um Gehör zu finden. Dieser führt eine genarbte, braune Umhängetasche aus Leder mit sich, an der Aussenseite sind Laschen angebracht, die der Aufnahme von Stiften dienen, hier Kugelschreiber und ein Bleistift. Bohnenkaffee und Suppengrün sind Teil des kleinen Einkaufes, der in der Tasche transportiert wird. Unter energischem Geklingel absolviert der Straßenbahnfahrer nun eine Vollbremsung, die leichtgewichtige Sitzende von den Bänken schleudert und stehende Fahrgäste zu Fall bringt. Der Grund, ein zuhältermäßig getuneter, amerikanischer Pickup mit Breitreifen, ist wider die geltenden Verkehrsregeln, aus einer Einfahrt, in den Wirkungskreis der Tram gefahren. Aber anstatt still um Ablass zu flehen ob der Fehlleistung, Asche auf's Haupt zu streuen und sich devot unter den nächsten Stein zurückzuziehen, wird die getönte Seitenscheibe heruntergelassen — selbstverständlich elektrisch.
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Nachts im Reich des Cordhutes
Totes Geäst wird zerkleinert
In der Straßenbahn. Ein Pensionär mit abstehenden grauen Haaren, gekleidet in einen schütteren Anzug, sucht sich nach dem Einsteigen, schnell, noch vor dem Anfahren der Tram, einen Fensterplatz in Fahrtrichtung, entnimmt seinem rot gemustertem Nylonbeutel Dederonbeutel eine Apothekenzeitschrift und markiert während des Lesens einzelne Textpassagen mit dem Kugelschreiber. Auf dem Sitzplatz hinter ihm kauert ein koboldhafter Vietnamese, der ein sehr lautes aber angenehm rhythmisches und gutturales Telefongespräch führt.
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Der Türenmann und die Schönheit der unscheinbaren Dinge
Jeden Freitag steht am Rande des Parkplatzes vor der Kaufhalle ein kleiner Lieferwagen, an dessen Seitenwand vermittels Photographien ein Arbeitsprozess veranschaulicht wird. Der Fahrer des Transporters ist gleichzeitig auch ein Handwerker, der hier der Laufkundschaft seine Arbeit feilhält. Aus alten schlichten Türen macht der Dienstleister neue rustikale Türen. Alles ambulant, würde jetzt ein Passant mit einer schäbigen Tür vorbeikommen, könnte im Fond des Wagens die Verwandlung sofort durchgeführt werden. Der Supermarkt ist ein fensterloser Kubus, der die Längsseite des Parkplatzes abschließt. Die Sonne wird bald untergehen und bildet am äußeren Ende der verklinkerten Fassade eine kleine goldene Fläche, die auf dem asphaltierten Boden in eine lange, spitze Ecke verläuft. In Ermangelung von zu bearbeitenden Türen oder Passanten, denen er die Vorzüge der Türverwandlung verbal schmackhaft machen könnte, steht der Boulevard-Handwerker, ein beleibter Mann mit Stirnglatze, in der schwindenden Sonneninsel, fern seiner rollenden Werkstatt und döst. Die Augen geschlossen, sein Gesicht den goldblauen Strahlen zuwendend, wippt der Türenmann auf den Fußspitzen vor und zurück und summt leise vor sich hin.
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Für eine Sicherheitsoffensive in Ostdeutschland!
Die in einen legeren Freizeitanzug gekleidete Nachbarin, für die ich nachmittags eine Kosmetiksendung von Avon entgegenahm schellte am frühen Abend bei mir, um das schwere Flakons und Tiegel mit Pflegesubstanzen enthaltene Paket abzuholen. Obwohl ich sie schon des öfteren im Treppenhaus gesehen habe, wir uns auch stets recht freundlich den Gruß entbieten, hatte diese die türkisfarbene Benachrichtigungskarte mitgebracht, um sich damit als die zur Entgegennahme berechtigte Mietpartei auszuweisen. Vielleicht hätte ich mir zur Kontrolle ihr Personaldokument vorlegen lassen sollen?
Ortswechsel. In der Kaufhalle an einem zur Warenverpackung für die Kunden dienendem Tisch. Eine kleine, kauzige ältere Dame mit Brille, die mit krallenartig, knochigen Händen flink ihre Waren in einem Einkaufswagen verstaut. Der als Einkaufshilfe designierte pubertierende Enkel hat die größten Turnschuhe der Welt an, bestimmt Größe 63 und steht ein wenig debil daneben.
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Charlie Harper und das kleine Kätzchen
Die Frau trägt eine Ballonmütze aus weißem Cord oben durch einen Puschel gekrönt. Ihr Gesicht wird von einer sehr großen Brille mit champagnerfarbenem Plastikgestell dominiert, dahinter gütige, latent besorgte Augen. Als sie in die Bahn einsteigt hat sie in der Hand einen Katzenkorb, darin enthalten ein schön getigertes Katzenkind, all seine Verzweiflung über den verlorenen Tag mit dem Tierarztbesuch in ein Miauen legend. Das Tier stimmt die von der Arbeit kommenden Menschen milde. Gegenüber ein relativ kleiner Mann mit blondierten »Spikedhairs« in die sich schon merklich Geheimratsecken schieben. Seine bleichen, alten Arme sind mit vielen kleinteiligen Tätowierungen versehen, mit ihm plaudernd eine schlaksige, hochaufgeschossene Frau mit spitzer Nase und langen pinkfarbenen Haaren. Die dürren Glieder sind in schwarzes Latex gewandet, ihr geeignet erscheinende Stellen des Gesichtes sind zur Zierde mit Metallteilen durchbohrt. Gut, bis morgen denne, die beiden besuchen wohl gemeinsam eine Qualifizierungsmaßnahme.
Zaunputzerin im Mondschein
Die kühle Abendbrise war bereits vom apfelhaften Odem des Herbstes durchspült. Gülden, gleich einer überreifen Pomeranze prangte der volle Mond am königsblauen Firmament. Am Fuße eines, die Gebietsgrenzen eines bescheidenen Eigenheimes bezeichnenden, Zaunes ließ sich eine dort kauernde Gestalt ausmachen. Mit nunmehr an die zwielichtige Beleuchtungssituation adaptiertem Auge, entpuppte sich das vermeintliche Chimärenwesen als eine fleißige Hausfrau, die mit Schwamm und einem, wohl Seifenlauge bergendem, Plastikeimer bewehrt, dem an den stählernen Streben des Zaunes haftenden Straßenstaub und dehydriertem Hundeurin zu Leibe rückte. Im Hintergrund der Szenerie ein architektonisch mangelhaftes Haus dessen Thermofensterfront einen Blick in das Herzstück der Behausung gewährte. Der Herr des Hauses hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und verfolgte ein Fernsehprogramm, der Dramaturgie der Sendung folgend bald jäh in kalten bläulichen Schein getaucht, bald vom Dunkel umfangen.
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Berlin, pulsierende Metropole der Gegensätze
In einer im Hochparterre gelegenen Wohnung mit niedrigen Decken half ich bei der Renovierung vor der Übergabe an den Vermieter. Das ehemalige Wohnzimmer hat an beiden Aussenwänden recht große Fenster. Der Blick geht auf eine vielbefahrene Kreuzung mit nachmittäglichem Berufsverkehrstau. Die Gegend ist wohl eines der Neubaugebiete der frühen dreißiger Jahre, von den Abgasen der Lastwagen vergraut. Wenn ich durch die Wohnung gehe, stößt mein Kopf fast an den Türrahmen und die Deckenlampen. Unweit von hier liegen an staubigen, lauten, in der Hitze flimmernden Straßen die großen Einkaufszentren des Stadtrandes, neben Ruinen der Ostwirtschaft wehen die Fahnen der Autohäuser, ganz nach dem halbseidenen Schönheitsideal der neunziger Jahre gebaut. Beim Streichen der Wände des Eckzimmers wird mein Blick häufig von den vorbeigehenden Passanten angezogen. Heute verstehe ich die Mieter, die sich ein Kissen auf die Fensterbank legen, eine Zigarette anstecken und sich mit Beobachtungen der Nachbarschaft beschäftigen. Recht interessant, aber auch mitunter deprimierend, der Blick in das Antlitz des hier lebenden Menschenschlages.
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Olfaktorische Dissonanz im ÖPNV
An der Haltestelle stieg diesmal eine ganze Traube ein. Auf der Bank neben mir, im Fond des Wagens, nahm ein älterer Mann platz. Nach vielleicht zehn Sekunden wurde ich eines schrecklichen Geruches, von meinem Banknachbarn ausgehend, gewahr. Nein, ich roch nicht ein wenig Arbeiterschweiss oder leichten Mundgeruch. Ich bin in dieser Hinsicht zwar sensibel aber ebenso tolerant. So auch als sich kürzlich ein vor mir im Treppenhaus hergehender, ein schweres Möbelstück tragender Dienstleister, unter der Last nicht mehr Herr seiner selbst, sich in jeder Hinsicht vernehmlich eines langgezogenen Darmwindes entledigte. Jener, in der Bahn meine Nase durchdringender Geruch allerdings kann nur als unmenschlich bezeichnet werden, mir fehlen andere vergleichende Worte. Seit heute habe ich eine Vorstellung davon, wie Untote riechen.
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Speckgürtel
Von erhöhter Warte, meinem Küchenfenster, ist es mir vergönnt Einblick in die Gärten der Nachbarschaft zu nehmen.
Der Hausherr des angrenzenden Grundstücks hat es sich Sonnabend-Nachmittag mit einer Illustrierten in der »Hollywood-Schaukel« bequem gemacht.
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Straßenbahnfahrten
Wartend, am frühen Abend an der Haltestelle des menschenleeren, auf Weltstadt getrimmten, vermeintlichen Prachtboulevards. Nun naht die Bahn, weiter vorn auf dem Bahnsteig als erwartet: ein Kurzzug. Die Reise beginnt, Sitzplätze zur freien Auswahl. Über den dunklen Fluß, der für kurze Zeit den Blick auf die abendlich erleuchtete Kuppel des Regierungssitzes freigibt. Unter Quietschen werden die Waggons von dem starken Elektromotor um die Kurve getrieben. Dirnen säumen die Strecke.
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Russische Frisuren
Am Nordbahnhof steigt eine munter zwitschernde Gruppe slawischer Frauen zu, es sind zwei Mütter jeweils mit ihren Töchtern. Ein Kinderwagen ist auch dabei, das darin enthaltene Kind verhält sich still, vermutlich schläft es.
Kaum hat sich der Zug in Bewegung gesetzt, beginnt eine der beiden Mütter ihre Tochter, die ihr den Rücken zugekehrt hat, zu frisieren. Zunächst wird das lange blonde Haar des Mädchens energisch gestriegelt, ein Zopf geflochten, dieser wird dann straff zu einem Dutt gewunden.
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Im Stelenfeld
Das Mahnmal das an die Ermordung der Juden erinnern soll sieht gut aus, es wurde von dem Stararchitekten Peter Eisenman entworfen.
Beim Betreten riecht es angenehm nach frischem Beton und nach dem Regen funkeln die Tropfen recht schön auf der Anti-Graffiti-Beschichtung. Auch die Färbung der das Feld bildenden Klötze gefällt mir, je mehr man zum Zentrum der Stätte geht, desto tiefer wird das Bodenniveau und das Lärmen der Kraftwagen ist nur noch aus der Ferne zu vernehmen. Allein mit den Stelen, dem SAT1-Ball, der über allem schwebt und natürlich den vielen anderen Schaulustigen. Sicherlich wird sich die ganze Anlage zu einem Eldorado der Amateur-Fotografen mausern, die hier das pittoreske Spiel von Licht und Schatten auf ihre Speicherkarten zu bannen versuchen.
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Überkrasse Panzerbräute
In der Trambahn sitzen mehrere, tippen kuhäugig halbgare Nachrichten in ihre Fernsprecher*, beim Aufblicken bläht sich vor ihrem Munde eine Kaugummiblase auf. Dann weiter tippen, möglicher Content: »Jenny ist eine Hure, wg. Silvios Party neulich.« Die weissen Niethosen sind in die Söckchen gezwängt, es handelt sich um einen Code.
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Der DDR Cowboy-Underground
Jüngst verschlug mich ein Umzug in einen Stadtbezirk der früher Teil der DDR war. Die Mietparteien sind recht freundlich, nachbarschaftliche Hilfe wird hier noch großgeschrieben. So wurde mir auf mein bitten anstandslos leihweise mit Mehl ausgeholfen, welches ich im Supermarkt in der Kaufhalle vergessen hatte.
Ich verstaute Umzugskartons im Keller als ein Mann nebst einem gelben Mountainbike, angetan mit einem speckigen Cowboyhut sowie entsprechendem Schuhwerk unter Fluchen seinen Drahtesel in dem ihm zugewiesenen Kellerverschlag zu verstauen versuchte. Motorische Probleme ferner eine Fahne deuteten auf ausschweifenden Alkoholkonsum hin. Ein Wort gab das andere, wir kamen in's Gespräch, der Trunkene stellte sich mir als »Wolfgang« vor, ich möge aber auch »Cowboy« zu ihm sagen.
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Erst schnuppern lassen, dann streicheln
Ein kühler, düsterer Tag nach Wochen des verfrühten Frühlings. In einer Bankfiliale eines nahe gelegenen Neubaugebietes des vergangenen Jahrhunderts, ich stehe hier in der Schlange um eine Transaktion durchzuführen. Nur ein Schalter ist mit einer weiblichen Servicekraft besetzt. Die Klimaanlage wälzt abgestandene Luft auch in die hinteren Bereiche der Geschäftsräume. Der jungen Dame mit der Ponyfrisur die dort auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch ihres Sachbearbeiters sitzt, der in für Kunden uneinsehbaren Räumen ihr Personaldokument kopiert, ist unwohl: Migräne.
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Am Arsch hängt der Hammer
In der Straßenbahn, Stadteinwärts. An der Haltestelle steigt eine Gruppe korpulenter Backfische sowie eine körperlich angeschlagene ältere Dame, Typ: Anna Seghers, ein. Die Betagte nimmt auf der Bank mir gegenüber Platz, während die lärmende Mädchen-Clique das nächste Compartement Abteil in Beschlag nimmt. In einem fort wird nun lärmend geplaudert und unfreiwillig werden die Fahrgäste zu Zeugen der derben Anekdoten des fettleibigen Radau-Trios.
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