Hightatras: Special Interest Content mit Pfiff.
In der Dienststelle
Meinen Lohn verdiene ich mit dem Betrachten von geplanten Fernsehprogrammen. Die schlecht bezahlte Tätigkeit besteht darin, daß ich, die Sendungen betreffende Fragebögen ausfülle. Blicke ich, vom Fernsehen und Ankreuzen gelangweilt, aus dem Fenster meines Arbeitsraumes der im dritten Stock eines Vortstadthauses gelegen ist, so sehe ich das ältere Ehepaar aus der Einliegerwohnung im Erdgeschoß. An der Decke über mir summt und knackst eine bläulichweiße Neonröhre; die Räume sind, wie die Verwaltung angibt, aus technischen Gründen vollklimatisiert. Der Mann, den ich durch das Fenster beobachte, zerrt, mit seiner Frau lautlos streitend, einen schäbig gewordenen beigefarbenen Teppichboden auf die vor dem Haus gelegene Rasenfläche.
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Wandschränke
In dem repräsentativen Institutsgebäude der Gründerzeit wartet eine Attraktion für zahlende Zuschauer, die im modern restaurierten, mit Skulpturen ausgestatteten Foyer Schlange stehen. An der Kasse wird immer nur kleinen Gruppen, von vielleicht fünf Menschen Zutritt gewährt. Lange Gänge durch schlauchartig gestreckte Laborräume — eine neonbeleuchtete Zimmerflucht. Die Wände sind fast ausnahmslos mit hellgrauen Wandschränken verkleidet.
Wissenschaftler in weißen Kitteln arbeiten konzentriert an Mikroskopen und Computern oder schwenken nachdenklich Erlenmeyerkolben vor polarisierten Lichtquellen. Sie schenken den Besuchern keinerlei Beachtung. Unerwartet gelangen die, sich auf einem Rundgang wähnenden, Besucher plötzlich in einen, den Gang abschließenden Raum mit nur einer Tür.
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Museum of Misshapes
Gut im Raum angeordnete Glasvitrinen präsentieren eine kleine Sammlung rarer Ausschußware. Objekte, die aufgrund von maschinellen Fehlern oder menschlichem Versagen vom Rest der Produktion abweichen und so, unverkäuflich, eine eigene Klasse der Ästhetik bilden. Der Kurator der Ausstellung bereist auch entlegene Teile der Welt, auf der Suche nach geeigneten Exponaten. Mit an Autismus grenzender Sicherheit scannt der Kurator, im Beisein insgeheim feixender Industriearbeiter, größere Container mit B-Ware, um manchmal nur ein einziges, sehr gutes Stück aus dem Meer des Unrats zu wählen. Von seiner Hand wird Abfall zu Kunst, zumeist verläuft die Suche allerdings ergebnislos.
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Touristen
Ein, nach nächtlicher Zugfahrt erreichter, leicht morbider Badeort, wirkt ostblockhaft und zugleich bergig mediterran. Der Seesteg, auf den ich trete, um den Fahrplan zu lesen, entpuppt sich als eigenwillig geformte Barkasse; plötzlich startet das Gefährt zu führerlos ferngesteuerter Überfahrt. Am jenseitigen Ufer stehen Arbeiterquartiere auf einer hohen Düne am Seeufer. In einer Wohnung mit vielen Fenstern. Seeblick (recht sonnig), ein trostlos sandiger Spielplatz zur anderen Seite, und, eingeklemmt zwischen weiteren grauen Wohnanlagen, einige Fabrikhallen. Die Wohnung ist sparsam möbliert. In Hängeregalen eine Sammlung von Ferngläsern, Nachtsichtgeräten und Photoapparaten aus unterschiedlichen Epochen. Alles dunkel und matt; optische Armeeware.
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Stadt, Land, Fluß
Mit einem Schlauchboot schicke ich mich an, die Wasseroberfläche eines einsamen Sees zu befahren. Zunächst gilt es, die Gummikammern des Gefährtes mit dem Mund auzufblasen. Es handelt sich um ein einfaches Modell in Gelb, wie man es Kindern zum Spielen gibt. Der Tiefgang ist, wie sich herausstellt, beträchtlich; ich gleite, äusserst vorsichtig rudernd, vorbei an steilen grünen Uferhängen. Auf dem Wasser schwimmen Blätter, Holzstücke und sehr kleine Eisschollen. Nach rechts biege ich in einen der zahlreichen Fjorde ein, die vom Zentrum des Gestades wegführen. Scheinbar wird die Wassertiefe geringer, aus tiefstem Schwarz wird Grau wird grünlich trübes Weiß. Zur Linken erscheint eine aus weißem Stein angelegte Insel, darauf eine Art Kapelle, erbaut im Stile eines Le Corbusier, recht kubisch und von strahlendem Weiß. Am Ufer steht, neben einem Tisch, ein Mann und bedeutet mir nachdrücklich winkend, ich möge in seine Richtung rudern. Bei dem Winkenden angelangt, an Land, lassen wir uns an dem Tisch nieder und spielen Stadt, Land, Fluß. Die erste Runde verläuft wie üblich. Nun bin ich an der Reihe, im Geiste das Alphabet zu repetieren. Einmal, zweimal, ach, endlos. Mein Mitspieler sagt nicht Stop, ich bin hier gefangen, es handelt sich um eine Falle. Durch das Kippfenster im Flur windet sich unterdessen linksdrehend eine Doppelhelix aus warmem Fischstäbchenfett und Volksmusik.
Ein sehr einfaches christliches Weltmodell
Durch das dürre Hinterland windet sich ein staubiger Weg hinauf zu einem, auf einer Anhöhe, nahe des Meeres, gelegenem Stauferkastell. Die den Herrschaftssitz begrenzenden arabischen Türme sind stets weithin sichtbar und scheinen in Folge eines optischen Phänomens oft über der rotbraun kargen Erde zu schweben. Die schattenlos Wandernden werden von einer goldenen Kutsche überholt, gezogen von mageren Eseln. Sobald das Ziel erreicht ist, der Fußgänger, noch ungläubig, seine Hände an das trutzige Gemäuer legt, umfängt ihn ein kühler Wind vom Atlantik her. Hinter den meterdicken Mauern verbergen sich angenehm kühlende Gärten aus tropischen Pflanzen und raffiniert plätschernde Wassersysteme. Ein wohlhabendes hanseatisches Handelsgeschlecht hat die Anlage gekauft und nach eigenen Vorstellungen erweitern lassen. Wie ein Keil aus Stahl und Glas treibt sich ein Neubau durch die Mauern und den schönen, in persischem Stile, gefliesten Hof — ein Einkaufszentrum, daß nächtens illuminiert wird, wie ein modernes Seezeichen. Tief unter der Erde hat man einen unterirdischen Hafen errichten lassen, die Einkaufsmeile ist so, vermittels eines Fahrstuhls, für Yachtbesitzer behaglich zu erreichen. Hier, unter der Erde, in einem Untergeschoß auf Höhe des Meeresspiegels, steht ein vielleicht fünf auf fünf Meter messender gläserner Kubus, der eine höchst realistische Modelleisenbahnanlage enthält. Wo auch immer der Blick hinfällt, bewegen sich, neben zahlreichen Eisenbahnzügen, winzigste Details, wie Menschen die ihrem Tagwerk nachgehen, Maschinen und im Winde wogende Kornfelder.
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Ich bekomme eine Schreibmaschine geschenkt
Aus unbekanntem Anlass bekomme ich ein sehr schweres, festlich verpacktes Paket geschenkt. Der schemenhafte Schenker lächelt wonnevoll in Vorfreude auf meine Reaktion. Ich ahne leider was kommen wird, sehe mich aber aus Höflichkeit genötigt, das Paket ostentativ langsam auszupacken. Eine alte, ölig riechende, gußeiserne Reiseschreibmaschine ist als überflüssiges Geschenk in Karton und Einwickelpapier verborgen. Die stählernen Tasten sind mit Lettern bezeichnet, welche in kleine runde Elfenbeinscheiben graviert und mit schwarzer Farbe kenntlich gemacht wurden. Ein altertümlicher Klotz ohne Funktion für einen modernen Menschen.
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U-Boothafen
Mit einem Schneemobil auf nächtlicher Flucht in endlosem borealen Nadelwald. Eine rasende Irrfahrt durch labyrinthische Kiefernhaine mit ungewissem Ziel. Angeregt von Illustrationen in einem deutschen Kinderbuch der vierziger Jahre begebe ich mich tauchend in die Tiefen finsterer, sauerstoffarmer Gewässer, auf der Suche nach geheimen unterseeischen Häfen der deutschen Wehrmacht. Ein ausländischer Geheimdienst nimmt mich umgehend in Gefangenschaft. Später, während einer Fahrstuhlfahrt tief unter dem Meeresspiegel, Befreiung durch eine mysteriöse Doppelagentin vermittels Jiu Jitsu. Adolf Hitler arbeitet in einem kleinen kabuffartigen Nebengelass beim Schein einer schwachen Glimmlampe und möchte nicht gestört werden. Rings um die submarine Basis liegen in trübem Gestade zahllose U-Bootwracks auf dem Seeboden.
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Windige Reisende
Ich dirigiere Rennwagen in rasender Fahrt durch kurvenreiche Straßen. Im Kamin verzehrt das Feuer sieben Buchenholzscheite. Das Spiel dient der Schulung meiner Geschicklichkeit, mein Auge ergötzt sich an der errechneten Anmut von Geschwindigkeit sowie dem Realismus der Texturen. Ich sitze an einem soliden Holztisch im Mansardenzimmer eines umwaldeten Berghotels. Summend lädt das Spielzeug weitere Eventualitäten in den Arbeitsspeicher. Das an frequentierter Handelsroute liegende Haus ist einfach möbliert aber gut geführt. Von unsichtbarer Dienerschaft werden stets neue Laken aufgelegt, frisch gestärkt und noch heiß von der Mangel.
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Equipage von höchster Güte
Der Wagenlenker übergibt die Zügel an einen Knecht, unsere Kutsche hält an einem Gasthaus unweit eines Gebirgspasses. Jenseits eines breiten, tief bewaldeten Tales erhebt sich ein hoher Bergkegel. Weite Teile des zuckerhutartigen Berges sind mit besonnten, dichten Schneefeldern bedeckt, an besonders steilen Stellen, die dem Schnee keinen Halt bieten, zeigt sich der nackte Fels. An der windabgewandten Seite des fernen Gipfels schwebt eine lange weiße Wolkenfahne. Das Gestein ist mit den stählernen Pfeilern diverser elektrischer Liftanlagen gespickt. Zahllose bunte Punkte in Idealverteilung übersäen Schnee und Eis — Wintersportler in farbiger Funktionskleidung. Oben angelangt stürzen sich diese sogleich von den steilen Wänden des Berges, befinden sich für Sekunden mit ihren Skiern, Schlitten oder Snowboards im freien Fall, um dann sanft auf einem, den Bergfuß bildenden, weniger steilen Pulverschneekegel zu landen und dort ihre eigentliche, gleitende Talfahrt aufzunehmen.
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Schilda Ausbau
In einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt wird ein neues Haus gebaut. Die Bauarbeiter haben mit der Fassade begonnen. Sie besteht aus schwarz oder rot lackierten Aluminiumblechen, die einzeln an Stahlseilen aufgehängt sind. Nach oben verlieren sich die Seile in einer dichten Wolkendecke. Sobald der Wind auffrischt, schlagen die Bleche gegeneinander und verursachen metallischen Lärm.
Die Bürger kochen nicht in ihren Küchen. Begründet liegt dies sowohl in materieller Not als auch an mangelnder Neigung. Als Maßnahme schickt der Staat Sozialarbeiter, die an den Türen klingeln und Ciabatta-Brote, Lauch und Nudeln bringen.
Rauchglas und Knautschlack
Ein Mobiltelefon mit unbekannter Menüstruktur. Khakifarbene Polstermöbel umstrichen von kühler Brise. Ich führe ein wichtiges Gespräch in einer geräumigen Hotellobby in Brasilia. Verspätung wird avisiert. Mit dem Expresslift in die zweiunddreißigste Etage, ein schöner Dachgarten mit Panoramablick. Weit unten glüht der Beton. Dunkle Frauen in bunten Bikinis servieren Longdrinks auf goldenen Tabletts. Easy Listening. Das Geheimnis des Getränkes sei der speziell gelagerte Rum und Ananassaft aus biologischem Anbau sagt einer. Ein Partylöwe. Lange dünne Haare, jahrhundertealte Haut und die gelbgrauen Augen eines Morphinisten. Die hagere Thresenkraft in der Videothek hat keine geeignete Verpackung für die entliehene Silberscheibe. Was bleibt ist eine Pizzaschachtel aus transparentem Kunststoff. Ausgehändigt mit Gleichmut und Spinnenfingern.
Cargohafen
Kühn geschwungene Streben aus Spannbeton bilden das Fundament einer modernen Gaststätte. Eisbecher und Streuselkuchen mit Schlagsahne. Den Hut lüften, die am Tisch versammelten Damen mit einem Handkuss begrüßen aus semiotischem Konservatismus. Durch die großzügig breite Glasfront fällt der Blick nach Norden. Flugzeuge kreuzen in fernster Ferne den nachmittäglichen Himmel. In der Grünanlage nahe des Hafens arbeitet ein Rasensprenger, seine raffinierte Steuermechanik getrieben vom Wasserdruck. Ein Schwall Wasser rinnt in regelmäßigen Abständen über die grünliche Haut der bronzenen Soldatenstatue, verdunstet rasch auf dem durch Sonne erhitzten Metall. Waren des Exports, gegen die salzige Luft mit schwarzen Plastiktüten geschützt, werden auf hölzerne Paletten gestapelt. Unsichtbare Arbeiter schieben konzentriert und zügig von allen Seiten Turnmatten, Teppichrollen und grobgehobelte Bohlen in die Enge des Containers.
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In einer kleinen Stadt
Mintfarbene Säulen flankieren den Eingang der Kreissparkasse, giftgrüne Pflanzen in Hydrokultur hinter blau verspiegelten Fenstern, ein neues, zweistöckiges Haus inmitten von bröckelndem Fachwerk. Wir sind Punks, unterwegs, scheißegal wohin, mit prallen Plastiktüten voller Bierflaschen — lauwarm von der Tankstelle — die Haare mit billiger Seife gen Himmel gerichtet. Hier geht die kleine Stadt in weite Landschaft über, ein niedriges Mäuerchen, marodes Gestein mit bröckelndem Putz, überwuchert von den knorrigen Tentakeln wilden Efeus. Links, im Dickicht aus hohem, trockenem Gras, einige verwitterte Hütten, manche auf hölzernen Pfählen im Wasser der Bucht errichtet.
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Die Strickjacke von O
Von den vielen Ladezyklen ist das Metall ganz blankgescheuert. O, ich und eine dritte wenig konturierte Person lagern auf einem LKW-Anhänger, der am Wendekreis Grünhofer Weg abgestellt ist. Da kommt Os Mutter, nimmt die graue Strickjacke an sich, das die hier nicht so rumfliegt. Später, der Schemenhafte mahnt zum Aufbruch. O vermisst ihre Strickjacke. Ich sage, deine Mutter hat sie mitgenommen. Ach so, sagt O, sicherlich hat sie die in den Volvo gelegt, mit dem wir nach Lissabon fahren. En passant ein Blick in die Souterrainwohnung, die füllige Rentnerin liegt hingegossen in ihrem Fernsehsessel, umspült von blauem Zwielicht. Im Sommer sitzt sie draussen auf der kleinen Hollywoodschaukel zusammen mit den Terrakotta-Gänsen im Kerzenschein, man vermag dem einfachen Leben bescheidenen Luxus abzutrotzen. Der Winter ist nichts.
Das verwilderte Eck, wir nehmen den schmalen Pfad, heute 14b.
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