Hightatras:


Ausdruckstanz

Das Reisenecessaire

Es ist ja scheinbar eher schwierig so ein Reisenecessaire zu kaufen, da die Dinger entweder schwul oder scheiße aussehen. Jedenfalls suchte ich u.a. zu diesem Behuf die Spandauer Arcaden auf. Ich muss dazu sagen, als Hintergrundinfo für Sie, daß ich schon seit ein paar Tagen unter feinstofflicher Mimosität leide, was Gerüche angeht. Es regnet und überall müffeln die Menschen vor sich hin, und ihr kondensierter Atem läuft an den S-Bahnscheiben herunter und in den kleinen Tropfen leben Grippeviren und andere Kleinstlebewesen.
Es fing ja heute damit an, daß der Nachbar einen hundert Jahre alten Fisch zubereitete, ein wenigstens hundert Jahre alter Knorpelfisch in Altöl gesotten, der Nase nach zu urteilen, wonach sonst, und der dabei entstehende widerlich fettige Meereswrasen in meine Wohnung, meinen Luftraum, meine Nase zog. Ungeheuerlich, und das sprengt natürlich den Rahmen dessen, was ich eingangs als feinstoffliche Mimosität bezeichnete, das ist eine Art olfaktorischer Terrorismus. Dabei hat der Nachbar das Gemüt eines Schafes, er kann also nichts dafür. Es ist eben sein way of life, wie man sagt, sich an Tiefkühlkost und ranzigen, in Verwesung begriffenen Knorpelfischen schadlos zu halten. Aber der Gedanke, daß nun wenigstens einige dieser schädlichen Braftfettmoleküle in meinen Bronchien verbleiben, ist natürlich inakzeptabel, eine Ungeheuerlichkeit zweifellos.
In diesen sogenannten Arcaden, auf die ich jetzt gerne zu sprechen kommen möchte, wurden nun aber auch jede Menge schlechte Speisen aus offenbar minderwertigen Zutaten zusammengerührt, diese offenen Garküchen, die dort in den Kellergängen betrieben werden, sollen ja Atmosphäre usw erzeugen, ich würgte bereits am Geldautomat einen kleineren Brocken und etwas Gallenflüßigkeit leise in ein Brokattaschentuch, also noch weitab vom Epizentrum der Geruchsentwicklung. Auch wird hier ein Nagelstudio betrieben, aus dessen Türe stechende, ja beissende, die Atemwege verheerende Abgase entweichen, die nach verbrannter Haut, Horn wird es wohl vornehmlich sein, riechen. Alle Frauen hinter der Fensterfront des Nagelstudios hatten Lidschatten, teilweise in Metallicoptik, auf ihre Palpebra superior aufgebracht, sowohl die Nagelmodellagen empfangenen Kundinnen, als auch die feilenden Kosmetikerinnen. Einige haben fliehende Kinnpartien. Es handelt sich um diesen Typus Frau, bei denen sich, wenn der zierliche Babyspeck zu schwinden beginnt, aufgrund der Zeitläufte und fortschreitender Verhärmung in prekären Beschäftigungsverhältnissen mutmaßlich, eine gewisse getönte Grobschlächtigkeit und Verwachsung Bahn bricht. (Mir würde das übrigens nicht zusagen, unterirdisch, von Neonlicht bestrahlt und in Hornqualm gehüllt meinen Salär zu erfeilen.) Besser haben es da diese Typen, die bei Fahrgeschäften beschäftigt sind (in der angrenzenden Fußgängerzone war ein Rummel aufgebaut, eine Vorform, quasi das Puppenstadium des Spandauer Weihnachtsmarktes, der ja bekanntlich jeder Beschreibung spottet) namentlich also Autoscooter, da springen die hinten auf die Wagen rauf und schäkern mit den Mädchen und es riecht ziemlich klasse nach Autoscooter. Ey, voll geil Autoscootergeruch! Kennen Sie das? Erinnert ein bisschen an diesen S-Bahngeruch, früher, da unten im Gleisbett, aber auch ganz anders. Autoscootergeruch ist jedenfalls allemal eine verlässliche Konstante, wenn auch die Großbanken und Währungen (wie die isländische Krone in den nächsten zwei Wochen) zusammenbrechen, auf diesen Autoscooterplattformen wird ganz sicher immer Bumsmusik erschallen und es wird so erbaulich und gewohnt nach Autoscooter riechen.
Was mich auf die Plame bringt an regnerischen Tagen ist dieser Geruch nach nassem Hund und kaltem Zigarettenrauch, der meine Magenwände zusammenschnürt und mittelschwere Migräneanfälle hervorruft, das ich den Mann, der neben mir an der Bushaltestelle wartet und dabei eine Fluppe raucht und nach Moder und zweifelhaftem After Shave müffelt, umboxte, und den sich verletzt am Boden windenden noch mit Fußtritten traktierte, verfügte ich über die körperliche Konstitution und hormonelle Einstellung zur Ergreifung so drakonischer Maßnahmen. Tatsächlich halten mich auch in Aussicht gestellte gesellschaftliche Sanktionen und vielschichtige religiöse und weltanschauliche Beweggründe davon ab.
Später quietschte und eierte auf einem Hollandrad, das schon bessere Tage gesehen hatte, high und mich naturgemäß nicht erkennend, stumpfsinnig strampelnd, ein einstiger Schulkamerad an mir vorüber, den der gewohnheitsmäßige Genuss von Heroin in einen ollen Schwamm verwandelt hatte. Nun ist aber, wie man sich denken kann, den November präludierender Dauerregen, die denkbar schlechteste Umgebung für einen abgewirtschafteten Haushaltsschwamm auf einem unsäglich schlecht gewarteten Hollandrad, noch dazu in einer Spandauer Nebenstraße mit nicht unerheblichen Fahrbahnschäden.

5. Oktober 2008
Kommentare:

Beim Fliegen nehm ich nur noch 1 ltr PE-Beutel, die ich in eine Alditüte oder eine 20 ltr Mülltüte zusammen verstaue. Sie machen sich ja Mühe. Ging es los mit einer Postkutsche? Hoffentlich doch nicht für 3, 4 Tage ins Krankenhaus!

Sagte schmerles am 20. Oktober 2008 um 20:17 Uhr

Sehen Sie, bislang war ich auch so ein Tütentyp, bin es weitgehend immer noch; am Reiseziel stets umgeben von einem Knäuel Plastiktüten. Kleine Tüten in größeren Tüten, zur Sicherheit wiederum in eine Tüte verpackt, wegen Regen oder Auslaufen und zur allgemeinen Sicherheit.
Allerdings endet man so mittelfristig, in speckige Dauenjacken gehüllt und leise brabbelnd, in der Fußgängerzone, neben einem Einkaufswagen, an dem wenigstens einhundert Plastiktüten hängen, gefüllt mit Wurzeln, ausgebrannten Glühbirnen und Katzenfutterdosen.

Sagte No am 21. Oktober 2008 um 21:39 Uhr










Wollen Sie einen Keks?






Powered by Movable Type | XML