Hightatras:
Ausdruckstanz
Stichwort segmentale Körperanhänge – befindet sich die Evolution auf dem Holzweg?
Blicke ich in einen Spiegel, so beschleicht mich erneut das Gefühl, daß Haare komisch sind. Je mehr Haare, desto komischer. In Badezimmern mit fließend Warmwasser lässt sich das Haar mit duftenden Shampoos fein waschen, mit dem Föhn in seidige Wellen, in beliebige Formen legen, doch wehe, eine Böe fährt hinein, wenn der Mensch das Freiland betritt, denn mit dem Winde lagert sich der Abrieb von Autoreifen und Blütenstaub ab; Kleinstinsekten verschlägt es aus physikalischen Gründen in dieses Towuhabohu aus Hornfäden und nicht wenige finden im Haar, welches wegen Verwirbelungen unweigerlich Werg wird, ihre letzte Ruhestätte.
Wäre ich ein Marsbewohner, eine elektrisch schimmernde und schwebende – einen Supercomputer ummantelnde Kugel aus Panzerglas etwa, und wollte mir interessehalber einen Eindruck von der, die Erde bevölkernden Fauna verschaffen, so stünde ich speziell dem Konzept Säugetier, mit seinem Fell und dem ganzen inneren Geblubber und glibschigem Gekröse ohnehin mehr als kritisch gegenüber; am wenigsten jedoch überzeugte mich wohl der Mensch, mit seiner partiellen Behaarung und den daraus naturgemäß resultierenden riesigen und von Talgdrüsen durchbrochenen Hautflächen, die mich, nicht nur als Supercomputerglaskugel, an hügelige, einst von fruchtbar humiden Urwäldern bedeckte Landschaften erinnern würden, die dann und dann König Sowieso abholzen ließ um eine Kriegsschiffflotte bauen zu lassen oder zum Heizen. Ein Koalabär oder ein Hund ist, im Gegensatz zum Menschen, bezüglich seines Haarkleides wenigstens in sich konsistent und verfügt zudem über vergleichsweise flauschige und allgemein anerkannt hübsche Pfötchen, mit denen er vortrefflich in seinem Habitat umhertapsen und einfache, den Arterhalt betreffende Handlungen durchführen kann. Der Mensch, unbeirrt von Jahrmillionen des Scheiterns, des sich immer und immer wieder Aufrappelns, versteht es jedoch vermittels seiner ästhetisch umstrittenen Extremitäten in modernen und abstrakten Arbeitsprozessen Mehrwert zu erwirtschaften. Als Zerspanungstechniker etwa oder als Floristin auf einem internationalen Flughafen. Kuppeln, Gas, Bremsen: auch einem zeitgemäßen Fuß wird heutzutage einiges an Motorik und Koordinationsvermögen abverlangt. Ein Nappaleder-Berufskraftfahrerfuß, von stremmenden weißen Sportsocken umhüllt, an deren Ferse sich fettreiche Fußausscheidung sukzessive zu gelblichem Grind verdichtet, ein Eldorado des Nagelpilzes, durchklungen vom schwachen aber kehligen Klagelied der kleinen Zehen, die die Evolution schon seit geraumer Zeit auf dem Kieker hat.
Ungezogene Grapschhände, aufgeblasenen Gummihandschuhen nicht unähnlich, die werksseitig mit Wurstfingern ausgestattet wurden und die bleich wie Maden sind, von vereinzelten, sich kläglich ringelnden blonden Haaren besetzt, fleischig, zerschrunden und ungelenk, greifen nach Lebensmitteln, welche ich als Verbraucher gezielt verschiedenen SB-Theken entnahm, da sie meinem Anforderungsprofil weitgehend entsprechen, die, da der mich betreffende Bezahlvorgang einvernehmlich abgeschlossen wurde, mein Eigentum darstellen, werden ungestüm, in einer groben Form der Geschäftigkeit zur Seite geschoben, um Platz zu schaffen für eingeschweißte Güter, hinter deren transparenter Haut aus Kunststoff teilweise Tierblut schwappt, welches unterschiedlich große, sich aus Gründen der Oberflächenaktivität zu Gruppen fügende Bläschen wirft. Während des Erfassungsvorganges größerer Gebinde, die vermittels eines externen Handgerätes durchgeführt werden, zuckt gelegentlich ein roter künstlicher Strahl über den Oberkörper der jungen Kassiererin, deren Klarname auf einem, über ihrer linken Brust dauerhaft befestigten, Schild ausgewiesen ist. Meine Lebensmittel und Früchte werden regelrecht geworfen, geschleudert kann man sagen, unachtsam und wiederholt widerrechtlich berührt um Raum zu schaffen am Fuße der Warenrutsche für das Eintreffen von grellen Limonaden in Sichtverpackung, Phil-Collins-DVDs (sinngemäß, Abb. ähnlich) und natürlich, wie erwähnt, Fleischbrocken mit unsichtbaren Madeneiern auf gelbem Styropor in Blister aus Dinosaurierleichen. Speziell meine Früchte also, die ich mit Bedacht auswählte, erhalten durch die ungeheuerlich unsachgemäße mechanische Behandlung nicht gewünschte Druckstellen und von der Greifhand stammende Bakterien und widerlich wimmelnde Viren lagern sich auf der Fruchtoberfläche ab, daß ich recht gerne eine 45er aus meinem imaginären, mit Westernmotiven bestickten Schulterholster aus Büffelleder zöge, und dem Mann mit den hässlichen Blähhänden das beschissene Gehirn rausbliese, daß ein feiner Blutnebel die feilgehaltene Convenience-Kost netzte und Teile der hinteren Schädeldecke, das paarige Scheitelbein Os parietale etwa, im Bereich der Unterhaltungselektronik abregnete, da es dem aufgedunsenen Jüngling offensichtlich am rechten Benehmen gebricht, sodann die ebenfalls madenhaft ungeschlachte Partnerin des Flegels, die Kassiererin sowie herbeieilendes Sicherheitspersonal und so fort, bis alle fünfzig Magazine aus meiner Anglerweste leer wären und das ganze verfickte Einkaufszentrum in den Flammen der Gerechtigkeit verginge (selbstverständlich unter Freisetzung von Dioxin) – so aber beschränke ich mich darauf, leicht die Stirn zu runzeln.