Es gibt Türen zu selten gelüfteten Stuben, die umweht ein undefinierbarer Geruch des Vergehens, auch wenn die Bewohner aus Trug in geckenhaftem Rock von schneeweißem Tuche gehen und ihre nächtens im Giftrausch kasteiten Leiber mit überbordenden Parfümen benetzen. Durch Ritzen und mikroskopische Poren im Beton dringt unrein der schale Odem eines früh sinkenden Sternes.
In Tatranská Lomnica dem kleinen rostroten Schienenbus zu entsteigen, der sich, von Poprad kommend, kurvenreich durch nächtlichen Nadelwald in den Ferienort am Fuße der Tatra hochquietschte, zählt wohl zu den schönsten mir bislang bekannten Reiseankünften. Den ersten Atemzug tief in die abgelegensten Regionen des Bronchialsystems fließen zu lassen; die Luft schmeckt nach Tannen, kaltem, mineralstoffreichem Wasser und etwas morbid. Aufgrund der Entfernung scheint das Licht der Forschungsstation auf der Lomnitzspitze zu flackern, bläulich, warmweiß. Der Weg durch den nebligen Stadtpark, auf dem schon buntes Laub liegt, das am Tag in der Sonne raschelt wenn ein Wind geht aus den Bergen. Prächtige gründerzeitliche Hotels mit Natursteinfundament und Erkern aus rotbraunem Holz und die modernen Häuser der zweiten prägenden Aufbauphase, ausgreifender Sichtbeton und dunkel gebeiztes Holz. Foyers in denen gedämpfte Lampen aus blasigem Rauchglas brennen. Sessel aus Polyester und das Geweih eines Hirsches. Unweit sprudelt über bemoosten Steinen ein eilig schwarzer Bach.
Zu Besuch bei P und W in ihrer komischen Reihenhaussiedlung. Westberliner Aufbauprogramm der sechziger Jahre. Tagsüber im wesentlichen Dackel, Gehhilfen und Stiefmütterchenrabatten. Nach acht ist Ruhe hier, der kleine Bus fährt nur alle zwanzig Minuten. Eine richtige Asibude Erdgeschoß alle Fenster mit Decken verhängt. Das größere Zimmer Wohnhöhle, nebenan Plastikeimer mit Pflanzen und gleißende UV-Lampen. P und W sitzen auf ihrer muchtigen Couch mit den vielen Brandlöchern und wiegen Gras aus. Panacea, Underground Resistance lauter düstere Elektromucke. Der Fernseher läuft ohne Ton. Wir nehmen erst mal Platz, bißchen Geräterauchen. Also Gras für 100 und Mikros. Wir legen uns die Mikros gegenseitig auf die Zungenspitze, soviel Förmlichkeit muß sein. Zeichentrick und Bongs; P und W essen Pommes aus der Mikrowelle. Als ich mal zwischendurch in die Küche gehe um Orangensaft zu holen fällt mein Blick in den Spalt einer nachlässig zugeschobenen Küchenschublade. Eine tschechische CZ-83, 9mm in einem Frühstücksbeutel.
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Im Treppenhaus poltert es. Der Vater von M kommt noch einmal herein auf dem Weg von der Kneipe ins Bett, nutzt den Wendepunkt einer Torkelamplitude um sich seufzend in einen abgewetzten sandfarbenen Sessel fallen zu lassen. Ein langer Flur, an den Wänden gedruckte Genreszenen, Fuchsjagden und Stillleben, viel totes Geflügel, kringelig halbgeschälte Zitronen und hyperrealistische Insekten. Schmiedeeiserne Türklinken zu beiden Seiten, in den angrenzenden düsteren Räumen sind schemenhaft schwere, altdeutsche Möbel zu erahnen. Durch das schmale Klofenster am Ende des Ganges ein nebliger Blick über Heizöllager, Schrotthöfe und Sondermüllannahmestellen nach Osten. Die blitzenden Signallichter auf dem Kühlturm des neuen Kraftwerks haben heute einen irisierenden Hof. Kalter Rauch krümeligen Marokkaners wird vom stakkatohaften Rhythmus doppelbassbetonter Rockmusik aus Übersee in turbulente Muster versetzt. Die vermeintlich apathischen Wasseraugen des Vaters von M sind in Wirklichkeit ein Indiz für längeres, konzentriertes Zuhören. Nicht schlecht, sagt er, eine Branntweinfahne ausstoßend und träge mit dem Haupte wippend. Eine Pause entsteht. Aber nüscht gegen Thin Lizzy, sein Kopf mit der fortschreitenden Glatze sinkt langsam auf die Brust, er beginnt umgehend zu schnarchen.