Hightatras:
Haushalt
Kreis des Vertrauens
Ich stehe vor einer erbsgrün lackierten Tür, in meiner Hand ein kleiner Zettel mit einer handschriftlichen Notiz. Eine Zahlenfolge als Schlüssel zu einer Sprachverbindung mit einem Teilnehmer, die Rufnummer eines polnischen Handwerker, der in Schwarzarbeit für den Leistungsnehmer preiswerte und gute Renovierungsarbeiten ausführt. Durch Drücken betätige ich ein neben der Türe angebrachtes Aktionselement, in null Komma nichts wird ein Schwachstromkreis geschlossen, Strom fließt durch eine Spule, einfache Mechanik bewegt einen kleinen Klöppel welcher wiederum eine metallene Glocke in Schwingung versetzt. Im Rahmen eines Gesprächs, das ich vor Tagen mit einer Nachbarin, vor deren Tür ich jetzt stehe, führte, beschrieb sie einen häuslichen Mangel. Der Zustand von Bad und Küche ihrer Wohnung wird nicht mehr als gut bewertet. Sie fasst Renovierungsarbeiten ins Auge, selbst schon gebrechlich, vermag sie diese indess nicht selbst auszuführen.
Es schellt also. Bitte öffnen Sie die Türe, lautet die mit diesem Signal verknüpfte Botschaft. Mein Läuten traf wohl auf Gehör, im Flur sind leise Schritte zu vernehmen. Einige Zeit verstreicht. Zwischen Empfang des Ersuchens seitens der Mietpartei und Öffnung der Türe liegt noch eine entscheidende Abfrage von Argumenten. Zu diesem Zwecke ist in die Tür auf Augenhöhe eine kleine Linse eingelassen. Für mich ist das optische System, nach dem Einschalten der Flurbeleuchtung innen, als kleines leuchtendes Auge wahrzunehmen. Die Schritte verstummen, das gläserne Rund verfinstert sich, der Authentifizierungsprozess beginnt. Es gilt zu ermitteln, ob ein Öffnen der Türe im Interesse des Bewohners ist, oder ob Gefahr durch Verbrecher droht. Die weitwinklige kleine Optik bietet dem Betrachter in der Sicherheit des Innenraumes ein recht großes Blickfeld. Selbst Trickdiebbanden, mit etwas abseits, vermeintlich unsichtbar positionierten Mittätern, welche vielleicht mit Chloroform getränkte Wattebäusche in ihren Händen hielten, wären für den wachsamen Blick durch das Fischauge klar und in Gänze als Schädlinge zu erkennen. Ich bin allerdings an einer schnellen Identifizierung interessiert, habe daher mein Gesicht in geeignetem Abstand im verzerrungsfreien Kernbereich des Türspiones plaziert. Die Eigenschaften meines Gesichtes werden jetzt mutmaßlich hinter der Türe visuell erfasst und gedanklich mit bekannten Mustern verglichen. Stellung der Augen, Nase, Ohren und Bekleidung, dies alles fügt sich zu einem sehr sicheren Schlüssel. Der Abgleich war erfolgreich, eine kleine Kette wird an der Türinnenseite gelöst, die Tür öffnet sich. Guten Abend. Nach einleitenden Worten übergebe ich mein, für den Verlauf ihrer designierten Reko möglicherweise bedeutsames, Stück Papier. Eine sicher und komplikationsfrei durchgeführte Transaktion. Die Nachbarin trägt einen pyjamaartigen Freizeitanzug aus goldbraunem Nickistoff. Ein legeres Kleidungsstück, das sich hier im Haus als eine Art ungeschriebener Dresscode etabliert hat. Man kann damit auch sehr gut mal zu den Mülltonnen runtergehen und ist dennoch stets ordentlich angezogen. Neulich traf ich zwei Nachbarinnen, in nahezu identisch geschnittenen Pyjamas, unweit der Briefkästen im Gespräch begriffen. Ich schied konzentriert ein des Briefkastens entnommenes größeres Konvolut in Schreiben von Belang und Reklame, als ich von einer der beiden Pyjamaträgerinnen angesprochen wurde, die mehrfach die Formulierung »junger Mann« verwendete. Differenzierung und Raum für persönlichen Ausdruck bietet in der häuslichen Pyjamaszene lediglich die Farbwahl. Einmal händigte ich einer weiteren Nachbarin, ein bei mir von Boten hinterlegtes Paket der Firma Avon aus. Die Empfängerin der mittelschweren Kosmetiksendung war in einem türkisfarbenen Pyjama aus köstlich changierendem Gewebe zur Abholung erschienen.
14. April 2006