Hightatras:

Die Welt in meinem Ohr

Beim Einschlafen habe ich manchmal das Gefühl, als ließe sich das Gehör durch Konzentration immer weiter verfeinern, als könne man mit den Ohren in beliebige Richtung auf endlose Reisen gehen. Durch die im Morgenwind leise raschelnden Baumkronen, immer schneller werdend, vorbei, an den, im Rhythmus des Flügelschlages knackenden, Gelenken ziehender Gänse, durch die Stratosphäre, knisternde Eiskristallwolken passierend, hinein in einen trägen Raum der Aeolsharfen. Je größer und erhabener, desto langsamer. Oder ein Mann, der zwei Straßen weiter klickend sein Portemonnaie aufmacht, um etwas Hartgeld zu entnehmen für die Zeitung, an einem Kiosk, der schon bedient; vom Zellstoff des Blattes nahtlos in seine Kohlenstoffstruktur, rasend und turbulent, als säße man mit Super Mario in so einem vergnüglichen Computerauto, bricht sich das Ohr Bahn durch das Maul eines schmatzenden, unter der Grasnarbe lebenden Engerlings um immer weiter hinabzuschnellen, durch kratzendes Gestein vorzustoßen in das brodelnde Innere der Erde oder später auf Deck eines Flugzeugträgers zu zerschellen mit dem Geräusch von Fallobst.

Routinemäßige Wartungsarbeiten werden durchgeführt

Nachts, so um drei, wird das in einigem Abstand gegenüberliegende Hochhaus regelmäßig zu einem unwirschen Emoticon; mit seinen wenigen noch erleuchteten Fenstern blickt es zerknirscht herab auf das schlafende Westend, vergangene Nacht auch auf eine sich langsam von Osten her vorwärtslärmende Gleisabschleifmaschine (Topos Höllenmaschine), das betongegossene Lichtgesicht wird zunehmend zu einem schief lächelnden Smiley (Symbol für atonales Acid House). Der Apparat auf Eisenrädern kreischt und die Funken stieben, eine flächig erleuchtete Fassade nun wie um zwanziguhrfünfzehn bald. Nachtmützenbewehrter deutscher Michel läuft umher, pfropft erzürnt Ohropaxstopfen tief hinein in den Gehörgang, bis ins Gehirn. So ihr Lampenputzer, Großstadt! Hammerschlag und Häuserquader zittern…

Eislaufen

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Duschkopf

Gerade mal mit den Einstellungen des Duschkopfes experimentiert. Man wird ja teilweise regelrecht durchgekärchert und es hebt ein Geräusch an, als wohnte man einem Autorennen bei oder sei als Patient von Ärzten in so eine Tomographieröhre geschoben worden. Ferner besteht die Gefahr drei Stunden lang zu duschen und den einzelnen Einstellungen in Gedanken Farben und treffliche Namen zuzuordnen. Als ich schließlich die Türe der Duschkabine aufschob, gewahrte ich, daß im Raume der Unterschied zwischen Denotat und Signifikat fließend geworden waren. Die Nasszelle ist ja actually zumeist knochentrocken. Der Situation gemäß bediente ich mich also im Adamskostüm eines Wischlappens.
An einem gänzlich anderen Ort, auf dem Bahnsteig einer bedrückend finsteren und unterirdisch gelegenen Bahnstation wurde ich auf eine einzelne makellos schlohweiße Taube aufmerksam, die sich in Gesellschaft der üblichen Stadttauben an Krumen und festgetretenen Kaugummis gütlich tat. Schmutziggraue Punks mit räudigem Gefieder und teilweise verkrüppelten Gliedmaßen. Das gefallene Tier schien zu leuchten im Schein der Neonröhren; noch strotzte sein Federkleid vor fabelhaft reinlichem Glanz. Kein Bock mehr auf Briefe.

Im Alleingang (Mit Schokoladenbrunnen)

Goethe wiegt mehr als Musil. War ja klar. Das literarische Equivalent zu Gervais Obstgarten. Aufgedeckt: Wieso Hans Kammerlander und Reinhold Messner so lange Bärte haben. Keine Böcke einen Rasierer einzupacken, wg. zu schwer — diese Memmen. Die letzte große Herausforderung für einen Mann ist es die Welt zu Fuß zu umrunden, nur in Leibwäsche und mit vollkommen nutzlosen Gegenständen im Reisegepäck, wie einem elektrischen Schokoladenbrunnen nebst Dieselgenerator beispielsweise. Dada-Extreme oder wie ich einmal mit Vollmilchschokalade überzogene Weintrauben auf dem K2 verzehrte.

Randbräune

Dieser süßliche Vanillegeruch der vergehenden Büchern entströmt. Einige meiner köstlichsten Erstausgaben rafft es so dahin. In seiner säurefreien Beschaffenheit ist das Internet hingegen von so hartnäckiger Beständigkeit wie sonst nur Atommüll.

Bauschaum

Ein amorphes Haus ganz aus Bauschaum. Eher eine synthetische Tropfsteinhöhle als ein Heim, mehr entstanden als gebaut. Nach turbulenten Mustern gewachsen wie ein Hefepilz oder ein Geschwür. Grob hingesprüht um rostiges Gewebe aus Armierungseiesen. Plötzlichen Ideen folgend expressionistisch geformt mit Heißluftpistole und Flex. Als Aussenfassade schwebt mir in Beton eingelassener Verpackungsabfall vor: Scherben, alte Büchsen und stumpf gewordene Folien die im Wind knattern wie die Fahnen der Freibeuter.

Einfach mal mitnehmen hier

Der finsterhumide Geruch der einem für gewerbliche Nutzung bestimmten Betonrohbau entströmt, kühlend für Passanten, die mit einem Getränk oder einem Imbissgericht in seinem Schatten Platz nahmen. Ein hysterischer Bewegungsmelder der über den Eingang einer barrierefreien Apotheke wacht, öffnet alle Nase lang die Schiebetüre und entlässt reinlichen Odem aus frisch gestärkten Kitteln, scharfen Reinigungsmitteln und die hundertfachen Valeurs pharmazeutischer Düfte in die schwüle Atmosphäre aus Bratfett und Erdbeeraroma. Kreischende Badegäste lassen ihre Leiber von gechlortem Wasser umspülen. Plastik, das in der Sonne langsam seine Polymerstruktur zu Ungunsten des Verbrauchers verändert. Tausend Fliegen, die beim Erscheinen des Menschen von süßlichem Aas auffliegen. Um zehn Uhr bereits über dreissig Grad, ein zweimotoriges Flugzeug als winziger gleißender Punkt an wolkenlosem Himmel. Fortgeworfene Colabüchsen und wuchernde Agaven ansonsten Staub und das Getöse der Insekten.

Mir fällt ein Möbelwagen von Herzen

Heute sah ich in einem kleinen stadtnahen Birkenhain einen neuen, alten Teppich der dort zu nächtlicher Stunde abgeladen wurde. Was wäre, wenn es sich bei solchen Beobachtungen nicht um das Werk asozialer Verbrecher handelte, sondern um eine übliche, vom Design antizipierte Form der Entsorgung? Ich stelle mir das folgendermaßen vor. In einer absehbaren Zeit mit schwindenden Erdölressourcen werden speziell in Hinblick auf hohen Grünmasseertrag gezüchtete Pflanzen zum führenden Rohstoff. Gentechnisch veränderter Raps oder anderweitig modifizierte Ölsaaten, deren Trester — also Pressrückstände der Kraftstoffgewinnung — in flüssiger oder pelettierter Form als Grundstoff für die Herstellung der verschiedensten Gebrauchsgegenstände dient. Produkte mit einer bewusst niedrigen Lebenserwartung, die ihre Form und Funktionalität vermittels eines netzwerkfähigen 3D-Druckers erhalten. Das heißt keine als halbtoll empfundenen, mit Rotwein oder Katzenkotze beschmutzten Teppiche mehr, keine Waschmaschine, die altersschwach Rost auf die Kleidungsstücke speit. Ex und Hopp — eine neue sorglose und lustvolle Form des Wegwerfens und neu Erschaffens. On-Demand würden heute vielleicht manche sagen. Lediglich die Software für die Herstellung, also das dreidimensional digitale Modell des gewünschten Objektes würde verkauft werden, der Fertigungsprozess selbst würde aus zentralen Industriegebieten in den Haushalt des Konsumenten verlagert werden, womit zudem der lästige Transport materieller Waren entfiele. Der universal verwendbare Rohstoff für die Herstellung entstammt als Abfall der lokalen Treibstoffproduktion. Ein dreidimensionaler Drucker, der Kohlenstoffverbindungen zu klirrend harten Sägeblättern verdichtet oder zur anschmiegsamen Behaglichkeit eines Pyjamas webt. Nach einem beliebig kurzen Nutzungszyklus kann der so gefertigte Gegenstand geschreddert werden und beispielsweise als vollwertige Sättigungsbeilage, dem herkömmlichen Futter beigemengt, der Katze serviert werden oder eben auf dem Komposthaufen verrotten. Mehr

Die Elementardroge

Der Weltrekord im Luftanhalten liegt bei neun Minuten. Bei den meisten Menschen die keine Apnoetaucher sind und auch ansonsten ein geringeres Lungenvolumen als Tom Sietas haben, dürfte die Zeit bei vielleicht ein bis zwei Minuten liegen. (Robben schaffen immerhin zwei Stunden und speichern den Sauerstoff im Blut und in den Muskeln.) Luft ist die grundlegende Droge aller höheren Lebensformen der Erde, so wie Dosenbier und codeinhaltiger Hustensaft für Junkies. Nach vielleicht fünfzehn Minuten ohne Luft ist also spätestens Schluß. Das Gehirn stirbt ab, der Tod tritt ein, das Fleisch beginnt zu verwesen. Materielle Grundlage des Lebens ist Abhängigkeit von einem Gasgemisch und einer klaren Flüssigkeit. Mein Wunsch an alle Heiligen, Sadhus, Päpste, Stellvertreter Gottes auf Erden und sonstige gefühlte Übermenschen wäre, daß diese, als Zeichen gottgleicher Unabhängigkeit von irdisch Materiellem, die Luft anhalten. Sollte eigentlich nicht soo schwer sein, leichter jedenfalls als das Meer zu teilen, mit Posaunen Mauern zum Einsturz zu bringen, Berge zu versetzen oder ähnlicher, vornehmlich auf den plakativen Effekt ausgerichteter Bombast. Drei Stunden sollten reichen, sonst würde ich vielleicht bis auf weiteres eine Robbe zum Gegenpabst ausrufen.

Bücher

Irgendwie albern solche Bücherregale die die gesamte Stirnseite eines Zimmers einnehmen. So scheint es zunächst. Höchstens für Atomphysiker, die vielleicht mehrere tausend Seiten umfassende Formelsammlungen parat haben müssen, oder Historiker, wegen der punischen Kriege, mal Datum vergessen, zack, ne kleine Trittleiter und fertig. Obwohl die heutzutage auch eher bei Wikipedia oder auf kauzigen DVDs nachsehen. Es handelt sich vielmehr um bildungsbürgerliches Rumgepose. Sieht eben gleich mal aus, die gesammelte vortreffliche Belletristik und Erkenntnistheorie, hier bitte schön. Siebener BMW mit zwanzig Zoll Leichtmetallfelgen ist eben auch nicht jedermanns Sache, zumal wenig schöngeistig in der Anmutung und somit der Unterschicht vorbehalten. Literatur hingegen erfüllt insbesondere in der kalten Jahrezeit einen nicht zu vernachlässigenden, höchst nachhaltigen Beitrag zur Wärmedämmung, speziell an den Aussenwänden. Egal ob tausend Seiten Dan Brown, Foucault oder der Zauberberg als bibliophile Erstausgabe, der Scheiss rechnet sich in jedem Fall, wenn es durch die Ritzen zieht wie Hechtsuppe. Mindestens zweistellig p.a. sag ich mal so.

Die wertvolle Vase aus der Ming-Dynastie

Wenn ich die große, mit frischem Tee gefüllte Glaskanne nach nebenan trage, befürchte ich jedesmal — aus einer materialistischen Marotte heraus, voll unpunkrockhaft — daß der, an zwei vergleichsweise winzigen Punkten angebrachte Henkel unter der Last des Inhaltes nachgibt und die Kanne explosionsartig auf dem Boden zerschellt. Alles an dem glasballonartigen, durch einen Deckel, zart wie ein Schmetterlingsflügel verschloßenen Gefäß scheint unter Spannung zu stehen, nicht auszudenken, wenn an statisch ungünstiger Stelle dem Glas ein Stoß beigebracht werden würde, oder eine, in der Nachbarschaft übende Opernsängerin, just jetzt einen falschen Ton anschlüge. Mehr

Die Toteisblöcke der Mark

Dieser See ist das Produkt eines Toteisblockes lässt sich einem Hinweisschild entnehmen. Sinngemäß. 47 Millionen Jahre nach dem Abdanken der Dinosaurier, also heute vor 18 Millionen Jahren schoben sich schabend Gletscher durch die Mark. Ein hobelgleicher, rastloser Mahlstrom mit einer Zunge aus Geschiebemergel, in alle Richtungen leckend und dabei Gletschermilch ausspeiend. Mjamm, Mjamm Gesteinsbrocken aus dem Baltikum! Mitunter wurde aufgrund widriger mechanischer Einwirkungen im Laufe von Jahrmillionen, unter langgezogenem Knirschen und schrillem Bersten, ein Toteisblock fortgesprengt und vom Hauptstrom überrollt, gleichsam ins Erdreich gemalmt. Mehr

Hecken

An die Stelle von mit Glasscherben besetzten Backsteinmauern und trutzigen Metallzäunen, die ihre Kernaufgabe mit schmiedeeisernem Zierrat verschleiern, sind Koniferen und schnellwachsendes Gesträuch getreten, die sowohl die Liegenschaftsgrenzen für Nachbarn und Passanten bezeichnen, als auch dem Blickschutz dienen. Hinter der, mit der elektrischen Gartenschere, in eine, mit dem Gehweg fluchtende Linie gebrachten Hecke, duckt sich beispielsweise ein Neubau in pastellhaftem Zitronengelb, darüber öffnet sich weit und flirrend der hochsommerliche Vorstadthimmel. Einem Menschen, der vor der Hecke still stünde, böte sich weitgehend der Eindruck einer geschlossenen Wand. Lediglich einige wenige, kleinste Lücken in dem komplexen Gewirr des penibel gestutzen Zweigwerks ermöglichten dem Betrachter direkte, wenn auch informationslose Blicke auf winzigste Ausschnitte des dahinter zu erahnenden Gartens. Mehr

Zu Gast bei Betonköpfen

Es ist zu kühl für diese Jahreszeit. Ein kurzer Spaziergang im Nieselregen entwickelt sich unerwartet zu einem Parforceritt durch die jüngere Architektur der Berliner Innenstadt, als meine Bekannte anregt doch einmal den neuen Bahnhof Nordkreuz sowie dessen Reisemöglichkeiten zu besichtigen. Dem Fahrplan ist zu entnehmen, daß direkte Reisen bis nach München oder Garmisch-Partenkirchen angeboten werden. Es naht eine Regionalbahn, die auch den neuen Hauptbahnhof Berlins anfährt. Bitte einsteigen, man muss das Herzstück des Pilzkonzeptes einmal gesehen haben, es handelt sich schließlich um ein Bauwerk der Superlative und ist mit 46 Metern höher als das Kanzleramt. Wer heute einmal als Müßiggänger hereinschnuppert, ist als späterer Reisender bereits mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut, so ist der zugrunde liegende Plan. Im Zug und auf den Bahnsteigen, wie zu erwarten, schaulustige Flaneure und Trainspotter in großer Anzahl, selbst die üblichen Bacchanten und Bettler lagern bereits im Bahnhofsbereich. Zunächst fällt mir nach dem Aussteigen auf dem unteren Bahnsteig auf, daß das Finish der gigantischen Stahlsäulen schlampig ausgeführt wurde. An einigen Stellen platzt bereits die Farbe wieder ab. Begibt man sich fälschlicherweise zu Fuß auf eine der Treppen, die vom Untergeschoß nach oben führen, hat man bereits verloren. Man wird unvermittelt in eine langweilig ausufernde Einkaufsmall geworfen, die allerdings, an einigen Stellen, schöne Weitblicke nach unten bietet. Agoraphobiepatienten könnten hier ideal ihre Psychose therapieren. Der Weg über die Treppen ist jedoch vollkommen ungeeignet, wenn man Umsteigen möchte. Laut Bahn sind für den Übergang von unterem zu oberem Bahnsteig acht Minuten einzuplanen. Es gibt auch einige Fahrstühle, die aber nicht geeignet scheinen, alle Reisenden eines Zuges zügig von oben nach unten zu transportieren. An einem, an der Umgebung gemessen, surreal kleinen Handwagen steht eine Servicekraft der Bahn und beantwortet zahlreich gestellte Fragen orientierungsloser Menschen. Tief unter der Erde verfolgen indessen Pufferküsser begeistert eine Zugdurchfahrt. Mehr

Das unheimliche Paket

Seit vielen Tagen habe ich einen unbekannten, vielleicht 50 mal 150 Zentimeter messenden Pappkarton in meiner Wohnung. Ein Paketbote gab den Karton ab, da der Adressat nicht zu Hause war. Meine Versuche die großformatige Sendung zuzustellen scheiterten bislang, zumal nicht gänzlich klar ist, wer nun eigentlich der tatsächliche Empfänger ist. Der auf dem Paket angegebene Name steht nicht auf den Klingelschildern. Das Paket befindet sich mittlerweile unter einem Tisch in der Ecke des Zimmers. An der Schmalseite hat sich ein kleines Loch in der Pappe gebildet und eine blanke Metallstange schiebt sich langsam heraus. Mehr

Der Pawlowsche Hund beim Einholen

Ein ganzer Karton Zitronensaftkonzentrat zermalmt. Karlsson vom Dach war nur für den Bruchteil einer Sekunde nicht Herr seiner Sinne. Das Ergebnis, in den Dimensionen des Getränkehandels, ein mittelschweres Malheur. Aus lauter Verblüffung schieben sich die oberen Schneidezähne des amotorischen Angestellten über die Unterlippe und verharren dort. Künstlich gelbe Zitrusfrüchte liegen leckend am Fußboden, einige in geringster Viskosität aus ermüdeter Schweissnaht tröpfelnd, andere, durch fahrlässig entfesselte Mechanik ihrer weissen Plastikverschlüsse beraubt, ergießen ein stetes Rinnsal der zum menschlichen Genuss geeigneten Säure auf den Fußboden. Die als Cocktailingredienz angebotene aromatische Flüssigkeit sucht sich ohne konkrete Gegenmaßnahmen ihren durch Schwerkraft vorgezeichneten Weg in feine Ritzen sowie unter die im Verkaufsraum zahlreich feilgehaltenen Getränkekästen. Mehr

Künstliche Lotusblüten und Eispickel aus Titanstahl

Am Samstag habe ich wider Erwarten ein gutes thailändisches Restaurant kennengelernt. Ausgezeichnet frisches Gemüse und gebratenes Tofu in angenehm gewürzter Kokossauce, zudem schön auf dem Teller angeordnet. An der Wand, in vielleicht drei Metern Höhe, ein kleiner Schrein bestehend aus einem goldenen Plastikbuddha sowie diversen falschen Räucherstäbchen, deren Glühen durch eine in der Spitze eingelassene Leuchtdiode simuliert wird. Dieses Arrangement flankierend, ein wahrer Paradiesgarten künstlicher Lotusblüten, die Blütenblätter, von unsichtbarer Mechanik getrieben, in steter Bewegung. Aufblühen und Vergehen, der Klimax des ewigen Kreislaufs überhöht durch das Erstrahlen von in dem Blütenkelch aus Kunststoff angebrachten pastellfarbenen Glühlampen. Unter dieser labilen, aus handwerklicher Sicht höchst fragwürdig angebrachten, heiligen Konstruktion einige biertrinkende Amerikaner, die weltliche Themen erörtern, Bluetooth, mobiles Internet — sone Typen. Mehr

Zahnbehandlung

Heute ein längerer vormittäglicher Besuch beim Zahnarzt. Ohne mich in meinem Alter noch ernstlich vor Zahnarztterminen zu fürchten, dennoch ein flaues Gefühl im Magen bei gleichzeitiger Entspanntheit und normaler Herzfrequenz. Ein Atavismus, da kann man nichts machen. Die Zimmerpalme des Wartezimmers gedeiht prächtig und wird von Besuch zu Besuch immer größer. Unter Palmwedeln verborgen sitzt bei meinem Eintreten schon ein weiter Patient, liest die Bunte und sagt »Mahlzeit« zu mir, als Begrüssung. Um 11 Uhr. Eigentlich lese ich Zeitschriften nur beim Zahnarzt und stelle hier immer wieder fest, wie uninformativ die Artikel zumeist sind, obwohl ich als wartender Patient unbedingt zumindest nach Unterhaltung lechze. Nächstes Mal die Bunte wenn möglich, würde mich nicht wundern wenn der Inhalt besser als der des Spiegel wäre. Meine heutige Behandlung besteht in der Überkronung eines durch widrige mechanische Einwirkung verlorenen Zahnes. Von meinem Behandlungsstuhl habe ich einen ausgezeichneten Blick auf den aktuellen Zahnarztkalender. Herrliche Schwarzweißaufnahmen von abstraktem Lichterspiel auf makellos kariesfreiem Zahnschmelz. Währenddessen bohrt der Doktor, er hat eine reichhaltige Auswahl an Bohrmaschinenvorsätzen die heute alle zum Einsatz kommen. Das beste Material für Kronen sind in jeder Hinsicht die Edelmetalle namentlich Gold, sagt der Zahnarzt, plötzlich gesprächig werdend, als ich in einer Behandlungspause nach neuen Werkstoffen in der Zahnheilkunde frage. Hätte ich ja nicht gedacht, daß man bis zum heutigen Tag keinen brauchbaren, zahnähnlichen Kunststoff entwickeln konnte. Gold für die Schneidezähne will jedenfalls keiner offenbar. Dabei könnte man mit so einem schönen Goldzahn bestimmt reichlich Eindruck schinden und alle denken man hätte Kontakte zur Mafia. Mehr

Geruchstheorie

Alle Dinge haben ihren Geruch, manche mehr, manche weniger. Subjektiv angenehm oder unangenehm. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß Geruch zwar mitunter nachlässt aber nie gänzlich verfliegt, so alt die, den Duft austrahlende, Quelle auch ist. Bei einem Besuch in den Alpen habe ich historische Holzhäuser gesehen gerochen, die in ihren ältesten Teilen sechshundert Jahre alt sind. Noch immer verströmt das Holz seinen typischen Odem obwohl die hölzerne Architektur der Berge sehr intensiv der Witterung ausgesetzt ist. Sowohl glühende Sonnenbestrahlung als auch scharfer Frost vermögen den spezifischen Geruch der Materie nicht zu vertreiben, es entsteht nicht einmal der Eindruck des schwächer werdens. Wenn es sich um ein flüchtiges Gas handelte, das die Dinge verströmen, ein Gas das wir beim Atmen in unsere Nase saugen, das dort auf entsprechende Rezeptoren trifft und den olfaktorischen Sinneseindruck erzeugt, so müsste die Materie mit der Zeit immer weniger werden — also verdampfen oder in anderer Weise seinen Aggregatszustand in's gasförmige verwandeln. Dem ist aber nicht so, selbst Steine, die Millionen von Jahren alt sind, haben einen deutlichen Geruch. Mehr

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