Durchsonnte und farblich überhöhte Landschaften, aufsichtige mediterrane Gestade oder grün dampfende Dschungel, die salzige Macchiawrasen, begleitet von sanftem Wellenschlag, oder das Geschrei behände kletternder Äffchen und das schillernde Gefieder prächtiger Papageien im Geist evozieren.
Gebräunte Fesseln sind von meterhohen Azurbrechern umspült und die lachhaft gebleckten Gebisse disproportionaler Touristen machen gefrorene Miene, die Heiterkeit bezeichnet. Einem erregten Ausfallschritt muss unweigerlich ein kleiner Tsunami folgen und der kometengleich gen Weltall geschleuderte Kunststoffball wird einen Badeort fortwährend verfinstern, und vorgestellt, er würde nicht gefangen, sicher verheeren.
Es handelt sich um Plakatwände, die in den Städten aufgestellt sind, die dem Betrachter anbieten einzutreten in eine Wunderlandschaft, es den godzillahaft und photoshopdesaströs Dargestellten gleichzutun: in der schönsten Zeit des Jahres eines der letzten Paradiese spielerisch zu zertrampeln und ein Volk von Ausländerzwergen zu dominieren.
Diese werblichen Bilder pittoresker Paradiese oder vormoderner Kulturlandschaft sind gut aufgestellt und entfalten Wirkung vermittels einer Art Kakophonie der Kontraste, besonders im S-Bahnhof Westkreuz unten, wo Schmelzwasser an rostigen Armierungseisen hinabrinnt in ein müdes Bett aus staubigen Pet-Flaschen, Tampons und Einwegspritzen, wo eine räudige, mit verkrüppelten Füßen geschlagene Taube Kotze frisst und ein Clochard, dessen ganze Erscheinung wie geteert wirkt, gebetsmühlenartig scheinbaren Blindtext aufsagt.
Reklame löst ihr Versprechen nicht ein. Der Reisende weiß sehr gut, auch wenn er es aus sentimentaler Schrulle verdrängen mag, daß er den eigenen Abgründen auch durch fernste Fernreisen nicht entfliehen kann. Vor Ort verkehrt sich der Kontrast des Versprechens und wird den Reisenden unweigerlich hinabziehen in einen Malstrom der Depression.
Schöne Mädchen, deren schlanke Taillen feine farbintensive Seidenstoffe in Ethnooptik umspielen. Bald schreitet hier ein Gepard, bald flattert dort ein Kolibri und auch Früchte verbreiten ein Flair süßlicher, von Fliegen umbrummter Exotik. Es erschallen die naturgemäß lebhaften Rufe rassiger Südländer in den Gassen einer beliebigen Altstadt, die zum türkisfarbenen Hafen hinabführen. Im Mittelgrund legt ein weißes Schiff an, die Kapelle spielt ein reich instrumentiertes Musikstück und am jenseitigen Ufer, in nebligem Sonnenglast erheben sich ferne weiße Berge und eine filigran liegende Mondsichel erscheint dem Reisenden im roséfarbenen Blau, der sich zunehmend schäbig und matt fühlt wie Hans Castorp.
Säße ich doch hinter staubmatten Scheiben im Tunneleck unter der Autobahn, wird der Reisende denken, und tränke lauwarmes, kohlensäurearmes Kindlpils aus nikotinfilmklebrigen kleinen Tulpen an einem regnerischen Dienstagvormittag im März um elf Uhr dreißig, bei 2°C Außentemperatur und draußen würde umständlich ein blaßblauer japanischer Kleinwagen eingeparkt und auf BB-Radio liefe halblaut ein Titel von Andy Borg und bei Lidl wäre Mortadella im Angebot.
Der Geist des Menschen fließt aus ihm hinaus und erstarrt in seinem Umfeld mehr oder weniger gefügt zu Materie. An einem Gefälle zwischen Innen und Außen muss der an fremde Orte Geworfene erkranken, vor allem aber vor einer steilen Wand der Erhabenheit.
Zwei Wochen Schwedt an der Oder im November wäre eine Reise, die den Berliner gestärkt und geläutert zurückkehren ließe; bei Mikrowellenkost verlebt, im Erdgeschoss eines feuchten, nur noch von Skinheads und Zombies bewohnten Plattenbaus, gelegen an nordseitiger, feinstaubbelasteter Ausfallstraße nach Polen, wo rumänische Elendsprostituierte im fahlgrünen Licht von Nieselregenlampen in die miefigen Fahrgastzellen zahnloser, ungeduschter, speedabhängiger und adipöser Fernfahrer stiegen.
Vermittels Präparaten und Arbeitstechniken, die mir angeboten wurden, ist es mir gelungen, meine Penislänge um 20% zu vergrößern, meine Potenz gar um 85% zu steigern. So komme ich seit Stunden nicht, und Damenbesuch kommt überhaupt nicht. Käme er, so sähe ich ihn frühzeitig auf dem Monitor meiner lichtstarken Überwachungskamera an der Türe und schwebte mit dem gasdruckgefederten Barhocker, den ich einst in führenden Designerhotels bewunderte, lautlos auf und nieder, als Zeichen meiner Freude. Was nützen einem Mann rautenförmige Pillen in bleu und Photographien, die devot oder dämlich dreinblickende Frauen in reizender Unterwäsche und mit Hundehalsbändern bekleidet vorstellen, wenn die Welt, wie man den Massenmedien entnehmen muss, ohnehin verrottet ist bis zum Kern, sich insgesamt nicht den Anforderungen und Bedürfnissen gemäß entwickelt (Stichwort: Finanzmärkte, Klimakatastrophe), daß man alles einmal gründlich durchkärchern müsste.
Ich rate Ihnen, sich in faden Perioden des Lebens vor diese Monitore zu stellen, die an den Stirnseiten der Regale von Heimwerkermärkten angebracht sind. Die Männer, die in den dortigen Bildschirmen auftreten, sind oft sehr munter, einer der beiden mimt, im Sinne der Sache, einen umständlichen Skeptiker, der andere stellt, seinem Naturell entsprechend, einen Mann der Tat dar und demonstriert, wie sich die sichtbaren Probleme auf technischem Wege lösen lassen. Das Material fügt sich schließlich dem Manne; im Endeffekt liegen befriedigend glatte Schnitte, lotrechte Bohrlöcher sowie Sauberkeit und Ordnung der Dinge vor.
Gott erschuf den Menschen, der das Prinzip des Funktionalismus ersann; somit sind auch Spax Terassenschrauben Werke des Herrn, der so seinen Geist durch den Menschen hindurchfließen ließ. Als singuläre Person ist Gott nicht stapelbar, wohl aber als von ihm beseelte Plastikbox E1 beispielsweise. Die Welt ist deswegen so unwirtlich, kalt und öde, daß der Mensch gedrängt ist, ihr Wohlbehagen und Glück abzuringen durch Technik. Folgt man der Annahme, daß alle Dinge, alle Pflanzen, alle Tiere, alle Menschen von göttlichem Geist beseelt sind, so erscheint Gott großartig und banal, gut und voll scheiße zugleich.
Was Flugrost, Magnesiumkalk, Gefrierbrand, Bügelglanz und mikrobakterieller Befall in ihren jeweiligen Mikrokosmen sind, stellen Seuchen, Hunger und Kriege im Großen dar. Von diesen Symptomen der menschlichen Verderbtheit nährt sich die sogenannte Medienmaschine, ein Zwitter aus steampunkartigem Zahnradapparat und Biomasse, dessen Gestalt sich als sowohl grotesker wie auch furchterregender, wenn auch hübsch silbrig glänzender Tiefseefisch von gigantischem Ausmaß vorstellen lässt, der in vergleichsweise seichten Gewässern dümpelt und sich die Abbilder des Leids und die Sensationen der Welt mit hoher Geschwindigkeit in das träge auf und zu klappende Maul schwemmen lässt, die sodann zügig den Magen, sowie den – für Aasfresser charakteristisch – kurzen Darm passieren, um schließlich als toxischer Sondermüll, als Meinungen, ausgeschieden zu werden. Die Medienmaschine verfügt über einen ausgeprägten Verdauungsapparat, jedoch über ein in Evolutionsprozessen verkümmertes Gehirn. (Die Gehirnleistung dient quasi ausschließlich der Steuerung der Verdauungsprozesse.) Trotzdem wird – lediglich durch Präsenz und Ausstoß – versucht zu suggerieren, die Verdauung der seit Jahrmillionen gleichen Nahrung würde stets variieren, daß sich aus den neuesten Exkrementen auch immer neue moderne Weltmodelle und Handlungsgrundlagen bilden ließen.
Satellitengleich umschwirrt wird die Medienmaschine von kleineren digitalen Parasiten, die mit dem großen Verdauungsapparat eine Art Symbiose der nachhaltig bilateralen Fäkalienverwertung eingegangen sind. Man nennt diese Parasiten Blogs und Twitter; eine Art endzeitliche, maximal beschleunigte Form des Leserbriefs – die totale Meinungsmache bei gleichzeitiger größtmöglicher geistiger Leere – der Stammtisch und die Beschwerdestelle der Hölle.
Daß die Sprengung des zweithöchsten Berliner Bauwerks, des Frohnauer Sendemastes, ein voller Erfolg gewesen sei, wie gesagt wird, ist sympthomatisch für den Geist, der in Berlin herrscht, der an allem nagt, wie gierige, wie schädliche Raubinsekten. Nicht nur, daß die Maßnahme von einer schrecklichen Tragödie überschattet wurde, ein rotbraunes, besonders flauschiges Reh mit riesigen rehbraunen Rehaugen wurde von schrapnellartig umhergeschleuderten Stahlteilen erschlagen; wobei jedem klar ist, sofern wachen Geistes, unbedingt klar sein sollte, daß im Vorfeld Förster und Techniker mit Signalhörnern und Pauken durch das Unterholz hätten streifen müssen um das Rotwild von der geplanten Durchführung der Demontage in Kenntnis zu setzen. Die Situation glitt also aus dem Ruder und die Verantwortlichen legen nun falsches Zeugnis von ihrem Handeln ab. Gerade eine Stadt wie Berlin, für die der Erhalt, die Schaffung von guten Vertikalen so überaus wichtig wäre, entledigt sich ihrer köstlichsten Bauwerke – zudem noch unter Zuhilfenahme von Stümpern – einer höchst zwielichtigen Firma aus Ostdeutschland.
Berlin – die schlimme Bevölkerung Berlins, die Berliner also, die pampigen, die aggressiven Berliner, deren Physiognomien dauerhaft von Missmut deformiert wurden, die Gesichtszüge mit schartiger Klinge aus aschgrauem Speckstein geschnitzt. Diesen Existenzen gebricht es an Erhabenem, das ihnen jeden Tag erneut den wahnwitzigen Größenunterschied zwischen Mensch und Universum veranschaulicht, wie es die Berge tun, die dem Betrachter mitteilen, daß er ein Wicht ist, ein sinnlos strampelnder, ein nichtsnutziger Wicht, der jederzeit vom Fuß eines Riesens zermalmt werden könnte, ohne daß ein Hahn danach krähte, den der Herr, dessen ungeachtet, dennoch liebt, und der seiner sanftmütigen Nachsicht durch gut geformten Gneis und würzige Wildblumenwiesen reichlich, überreichlich Ausdruck verleiht. Da nun aber Berlin und, noch schlimmer, Brandenburg platt wie eine Flunder ist, wird die Bevölkerung nicht hinreichend und vor allem nicht kontinuierlich genug gedemütigt, insbesondere ist der Berliner nicht gezwungen seinen Blick gen Himmel zu richten, keine Vertikalen weisen ihm optisch den Weg zu Höherem, daher ist sein Verhalten so schlecht. Es gibt nur wenig gute Hochhäuser, es gibt keine Berge.
Der Architekt Jakob Tigges plant einen Berg auf dem Flughafen Tempelhof zu errichten, einen künstlichen Berg. Nun ist aber ein Berg, der nicht Produkt der Plattentektonik ist, ein Kitschberg, also ähnlich unsinnig und folglich falsch, als versuchte man Holz vermittels Holzfolie zu imitieren.
Alle jüngeren Bauwerke, nicht nur in Berlin, können nur noch als Zeichen eines absterbenden Systems gelesen werden, stehen sie doch nicht für Nichts, sondern leider ausschließlich für moribund überkommene Ideen. Daher fehlt ihnen die Größe, wobei die erbärmlichen Gebäude, von denen ich spreche, durchaus physisch relativ groß sein können, nur sind die Ideen aus Wirtschaft und Politik, die sie entstehen ließen, nichtig und kümmerlich. So wird man auch in einhundert Jahren noch staunende Touristen vor die Pyramide von Becán führen, nicht jedoch vor das A10-Center, das in fünfzig Jahren nicht mehr stehen wird, das eine hässlich ausgebrannte Ruine sein wird, verwüstet und von räudigen Wölfen und Schakalen bewohnt.
Erhabenheit führt zu Demut, daher ist es notwendig, ja längst überfällig, auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof einen gigantischen Betonquader zu errichten, einen Quader von einem Kilometer Seitenlänge. Nicht begehbar natürlich, ein massiv für immer im Sand lagernder, unzerstörbarer Betonquader, an dessen Fuß die Berliner geduckt umherschlichen, und man Handtaschendiebe und Vandalen zwänge, hinaufzublicken, tagelang, dorthin, wo die Falken nisten würden, und wo das rotbraune Rostwasser der Armierungseisen aus der Wand träte.
Ein weiterer gigantischer Betonriegel, in gleicher Bauweise, würde später, in West-Ost-Ausrichtung auf dem stillgelegten Flughafen Tegel entstehen, somit lägen die Stadtbezirke Prenzlauer Berg und Reinickendorf sowie Kreuzberg und Neukölln an Nachmittagen in tiefem Schatten. Bauwerke für das Nichts. Nicht Germania, nicht Bunker und nicht abstrahierter Holocaust. Reine Architektur, ohne den Makel der weltlichen Funktion.
Des Nachmittags, als ich mit Schlittschuhen über einen erstarrten Strom glitt, schwebten, dem fliegenden Holländer gleich, Eissegler vorüber, gravitätisch und mucksmäuschenstill, weit hinaus auf die spiegelglatte Eisfläche, gegen die Bruchkante, die Fahrrinne des in der Sonne funkelnden Gestades, von dumpf stampfenden Eisbrechern klirrend in die frostigspröde Oberfläche gesprengt, daran zahlreiche Wasservögel, bald kalorienschonend lagernd, bald unter gellendem Rufe hysterisch auffliegend; Eishockeyspieler in farbenfrohen Anoraks, die dem Puck mit großem Hallo nachjagten, Familien mit Kind und Kegel, ja wohl selbst Oheim und Mume in Lammfellpelze gemummelt, die auf Schlittschuhen ihre Kreise zogen, daß es nur so eine Art hatte; Hunde, diese wuscheligen Räuber, die wie toll umhersprangen und um Bodenhaftung rangen, daß den Besitzern die Heiterkeit, ob des drolligen Unvermögens ihrer Dreckstölen, in die Gesichter geschrieben stand und oben – droben – über allem flashte ein überkrasser 32-Bit-Farbverlauf, der alle Register zog und der Grunewaldturm trotzte, in köstlich güldene Valeurs später Sonne getaucht, dem scharfen Nord-Nordost, der unerbittlich blies, daß die pausbäckigen Gesichter der Bürger rot erglühten. Als ich nun, im Laufe begriffen, mit blutendem Herzen, meinen Blick von diesem reichen Bilde riss, gen Boden blickte, zu den Spuren im Eis, dieser grazil geschwungenen Kufenschrift, die ja bekanntlich vergänglich ist, wie das Leben und die Liebe, gewahrte ich, im Eise eingebettet, als handele es sich um Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarge, einen gewellten Zettel aus Büttenpapier, darauf stand mit vollendet schöner Sütterlinschrift geschrieben: Wer das liest, befindet sich tatsächlich in einem Gemälde, einem Gemälde allerdings von Thomas Kinkade, oder doch eher von Carl Spitzweg? Keine Ahnung, vielleicht ein Carl-Spitzweg-Thomas-Kinkade-Mashup oder so. Allerdings ragte nicht die pittoreske Turmsilhouette einer gotischen Stiftskirche in den abendlichen Nebelglast, die Frauen trugen keine Muffs und auch kein scheues Rehlein stakste langbeinig auf eine überirdisch erleuchtete Lichtung um sein verficktes Bambinäschen in den Abendwind zu recken. Diese Dinge fehlten also. Trotzdem wurde der Sonnenuntergang von Hobbyfotografen vielfach angeblitzt, die Situation gefiel – auch mir (ohne Fotoapparat und Fotografierambitionen). Würde es sich um ein Bild von Thomas Kinkade handeln, kringelte der Bildungsbürger alles rot an und schriebe Kitsch an den Rand. Befindet er sich jedoch real in einer Thomas-Kinkade-Situation, so behagt es ihm, er denkt, hallo, wie geil ist das denn, und das Leben dünkt lebenswert. Thomas Kinkade war mir übrigens neu – ich wurde darauf hingewiesen. Als ich die Bilder zum ersten Mal sah, im Internet, fiel bei mir der Blutdruck muss ich sagen. Ach du grüne Neune, entfuhr es mir, das ist ja der letzte Scheißdreck!
Nun behaupte ich aber, es gibt keinen rational begründbaren Qualtätsunterschied zwischen der Malerei der Romantik beispielsweise und den Machwerken von Thomas Kinkade, mal abgesehen von der Tatsache, daß sich William Turner zu Thomas Kinkade verhält wie die Beatles zu Oasis. Nun könnte man behaupten, die Produkte Kinkades werden in Fabriken produziert, hinter ihnen stehe also das Streben nach Gewinn, nicht jedoch Empfindsamkeit oder eine künstlerische Aussage. Dem muss ich entgegenhalten, daß die Bilder Rembrandts, mit denen die Wände der namhaftesten Museen gepflastert sind, in nicht unerheblicher Menge von Assistenten produziert wurden. Rembrandt war quasi ein früher Markenname, wie es heute Coca-Cola und Gucci sind, die Produktion erfolgte arbeitsteilig; nichts anderes macht dieser Kinkade, der ja zudem ein Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts ist, einer Epoche in der die maschinelle Duplizierung und Erstellung von Bildern längst anerkannter Standard ist. Nun ja, man könnte ferner behaupten, diese Bilder seien ja nun inhaltlich und formal wirklich etwas over the top. Das muß so sein, sage ich, das Biedermeierliche muss heute biedermeierlicher sein, als noch zu Spitzwegs Zeiten, um überhaupt eine Anmutung von Biedermeier zu erzeugen, es liegt an Auschwitz vielleicht, und an der Tatsache, daß Süchtige, Glukosejunkies in diesem Fall, bekanntlich die Dosis immer mehr erhöhen müssen; das Proletariat also, das sich diese Kinkadeprodukte kauft, als Soma, als Flucht aus der Welt in paradiesische Parallelwelten, die sich mehr oder weniger subtil, mehr oder weniger unverhohlen alle Menschen wünschen – wenn auch in der Geschmacksrichtung Steampunk oder mit brennenden Mülltonnen. Ich fasse zusammen: es gibt keinen rational begründbaren Qualitätsunterschied zwischen diesem Kinkade-Trash und den Hochkultur-Ölschinken in den Museen. Subjektiv finde ich natürlich, daß Jan Vermeer oder Caspar David Friedrich beispielsweise die krasseren Maler sind, mit derberen Skills, die Sujets sind aber durchaus sehr ähnlich und auch die Werke Caspar David Friedrichs, bildeten, schon zu seiner Zeit nicht, die, seine Zeit prägende gesellschaftliche Umwälzung (Industrialisierung) ab, bestenfalls als gegenläufige visuelle Überreaktion. Die Trennung zwischen Kitsch und Kunst, zwischen Scheiße und Ästhetik ist eine stille und unbegründbare – wie ich behaupte – Übereinkunft, der in Bürgerhäusern sozialisierten und denen, die auf die heiligen Werte der Hochkultur in Kunsthochschulen und Leistungskursen gedrillt wurden.
So ein Kinkadepuzzle wäre, in einen neutralen, einen weißen Karton verpackt, der also keine Rückschlüsse auf seinen Inhalt zulässt, ein recht gutes Geschenk – eine Art Gleichnis für einen Beschenkten mit Humor: Je mehr die Lösung eines Problems voranschreitet, desto deutlicher wird das Grauen der Eindeutigkeit.
Hinter dem Fahrer schubbert eine Motorsäge über das Blech. Der Waldweg ist kurvenreich und uneben, in den Löchern steht Eiswasser. Dann wird die Luft blau vom Benzin und Metallzähne reissen eine Spanparabel aus dem Stamm und ein Kreischen in die Hügel. Doch das Material ist müde plötzlich, aus technischen Gründen; die Kette fährt rasch herum, ein Geräusch, als schlüge man mit einem Ast in ein Schlammloch. Schließlich kehrt die Stille zurück; die Braunerde ist benetzt. Es kommen die Tiere, es kommt der Schnee.
82% aller Befragten wünschen sich einen spektakulären Tod als Klimax eines abenteuerlichen Lebens. Doch das geht leider nicht. Nicht jeder kann einen Weltkrieg anzetteln oder sein Innerstes epochal auf Leinwände auftragen. Folglich breiten Rettungssanitäter meist eine Decke aus und stecken sich eine Zigarette an.
Ein kleines Häschen presst neugierig, sein von Schleim verklebtes Haupt aus der flauschigen Vagina einer liebevollen Hasenmama, die über zwei recht große, bernsteingleiche Knopfäugelein verfügt, tapst unbeholfen in eine herrlich saftige Frühlingswiese hinaus, auf der die schönsten, die allerschönsten Frühblüher ihre kessen Köpfchen dem Tage entgegenrecken und glücklich summend den labsalspendenden Sonnenglast trinken. Irisierende Tautropfen gleiten glitzernd von grünen, sehr kräftigen Blättern der durstig dunkelbraunen Scholle entgegen und in der Ferne des Frühnebels gluckert heiter ein weißer Bach über kugelrund geschliffene Steine, mündet schließlich malerisch mäandernd in einen baumbeschatteten See aus Stutenmilch, in dem Wölfe und Schwäne baden. Über allem spannt sich ein farbenfroher Regenbogen und darüber wölbt sich das Weltall, königsblau und gähnend und wenn das Weltall weint, purzeln weißglühende Sternschnuppen herab. (Disclaimer: Die Sternschnuppen sollen in Wirklichkeit keine Tränen sondern eher gefallene Engel oder so vorstellen.)
Schwarze Helikopter schwirren hektisch hin und her, wie Hummeln, die wie Helikopter wirken. Aus einer brennenden Chemiefabrik entweicht ein zäher, blasenwerfender Strom aus Hantaviren, bleichen Madeneiern und kotzeartiger Dioxinpampe.
In einem feinen Blutnebel, der die Szenerie in ein hübsches rosa Pastelllicht taucht, stehen bärtige Terroristen im Mittelgang eines Linienbusses und feuern zähnefletschend aus leichten Schnellfeuergewehren auf die Passagiere, daß die inneren Organe der Reisenden schmatzend durch die Luft flattern, als seien sie Schmetterlinge im Lenz. Europa steht unter Wasser. Alle Holländer sind tot. Aus den Schlitzen der Geldautomaten ragen rostige Aidsnadeln und Susi muß den Tennisunterricht heute sausen lassen, da der Geländewagen ihres Partners nebst zwei hochbegabten Kindern bei der Rückkehr aus dem Vogelpark Walsrode von einem Atommülltransporter, dessen Fahrer für einen Augenblick unaufmerksam war, da er eine CD von Erik Satie einzulegen wünschte, erfasst und zermalmt wurde. (Die Unfallstelle wurde vermittels Warndreieck ordnungsgemäß als solche ausgewiesen.)
Mit dem eigenen Kraftwagen zu reisen ist beängstigend, wohl schon immer gewesen, es handelt sich schließlich bei Autobahnen in jeder Hinsicht um Orte des Grauens die Adolf Hitlers morbiden Gehirn entsprangen. Das Fahren selbst ist bereits ein reines Vabanquespiel, aber selbst wer Manns genug ist sich nicht dem Sekundenschlaf hinzugeben oder unglücklich nach einem unter den Sitz gerollten Orangensaftverschluß zu tasten, schwebt in steter Gefahr, Opfer eines auf der linken Spur – aufgrund ungünstiger hormoneller Einstellung – mit zweihundertsdreißig Sachen, forsch heranbrausenden Handelsvertreters zu werden. Oder diese längs der Fahrbahn angebrachten, visuell leicht zu erfassenden, braun-weiß illustrierten Schilder, zum Behuf, dem Reisenden Naturschönheiten oder historische Bausubstanz schmackhaft zu machen und so listig in die erbärmliche potemkinsche Fachwerkhölle der Provinz zu locken. Wer nichts hat, wie das wüstenartige Territorium der ehemaligen DDR beispielsweise, versucht vermittels Blechschild wenigstens zu behaupten, die Landschaft sei lieblich, oder eben historisch, selbst wenn es sich offensichtlich um verbrannte Erde handelt und man im zügigen Transit durch die getönten Seitenscheiben größere Gruppen gewahrt, die sich am Samstagabend auf einsamen Tankstellen unsäglicher Ortschaften trafen um ihr Elend mit Branntwein zu betäuben. Zum Glück ist Westdeutschland jedoch so generös, in den betroffenen Landesteilen recht schöne Windkraftanlagen zu betreiben um so den verhärmten Menschen des ehemaligen kommunistischen Unrechtsstaates wenigstens etwas Erhabenheit und Lebensfreude zu schenken. Weiter, bloß weiter, lautet hier die Devise des Kraftfahrers!
Eine Gaststätte aus Beton, die einst ein sich kühn wähnender Architekt in futuristischer Absicht über die Schnellstraße spannte, auf das die Besucher, beim Speisen von Schweinenieren an Letschokroketten auf eine scharfe Fahrbahnkurve blicken können, in der vagen Erwartung schicksalhaft entfesselten Stahles an Feuerball. Jedoch nicht nur die schlauchartige Gaststube, auch die Sanitärraume und Parktaschenbereiche draussen sind von schrecklich langsam und zombiehaft vorwärtstaumelnden Menschen überflutet auf der Suche nach Bratfett und Benzin. Verwachsene, bei denen sich bleiches Fettgewebe an ungeahnten Stellen nach aussen stülpt, so grobschlächtig, bedrohlich und zugleich ungemein weich, daß sich die Nackenhaare des wohlweißlich an kurzer Leine gehaltenen Jagdhundes aufrichten und die Lefzen des Tieres zu zittern beginnen. Die Diagnose des Hundes ist klar und richtig, es herrscht hier ein Überfluss an gutem weichen und fettreichen, leicht zu reißendem Menschenfleisch. Allerdings darf man dem Drängen des domestizierten Raubtieres nicht nachgeben, er wird schließlich primär deshalb gehalten, da sein lockig fallendes Fell recht schön glänzt und die schwarzbraunen Augen so treu blicken; das Ausagieren des Jagdtriebes sollte unterbunden werden, der Gesetzgeber sieht es so vor. Später dann, in einem waldreichen Hügelland, warnen Schilder, die einen stilisierten, im Sprunge begriffenen Rehbock vorstellen, vor dräuendem Wildwechsel. Nicht auszudenken, wenn Damwild leichtsinnig und in falsch verstandener Wildheit seine zweifelhafte ökologische Nische verlässt und in arttypischer Blödheit über die Piste sprengt, dort auf einen in Reisegeschwindigkeit befindlichen Kraftwagen trifft, daß das zerschmetterte Wildbret schrapnellartig durch die geborstene Frontscheibe in die Fahrgastzelle eindringt und so vielleicht eine Kleinfamilie ausradiert. Dann hat man nämlich mal Pech und Prostataprophylaxe, Bausparvertrag, Seitenaufprallschutz und alles waren für die Katz.
Beim Einschlafen habe ich manchmal das Gefühl, als ließe sich das Gehör durch Konzentration immer weiter verfeinern, als könne man mit den Ohren in beliebige Richtung auf endlose Reisen gehen. Durch die im Morgenwind leise raschelnden Baumkronen, immer schneller werdend, vorbei, an den, im Rhythmus des Flügelschlages knackenden, Gelenken ziehender Gänse, durch die Stratosphäre, knisternde Eiskristallwolken passierend, hinein in einen trägen Raum der Aeolsharfen. Je größer und erhabener, desto langsamer. Oder ein Mann, der zwei Straßen weiter klickend sein Portemonnaie aufmacht, um etwas Hartgeld zu entnehmen für die Zeitung, an einem Kiosk, der schon bedient; vom Zellstoff des Blattes nahtlos in seine Kohlenstoffstruktur, rasend und turbulent, als säße man mit Super Mario in so einem vergnüglichen Computerauto, bricht sich das Ohr Bahn durch das Maul eines schmatzenden, unter der Grasnarbe lebenden Engerlings um immer weiter hinabzuschnellen, durch kratzendes Gestein vorzustoßen in das brodelnde Innere der Erde oder später auf Deck eines Flugzeugträgers zu zerschellen mit dem Geräusch von Fallobst.
Nachts, so um drei, wird das in einigem Abstand gegenüberliegende Hochhaus regelmäßig zu einem unwirschen Emoticon; mit seinen wenigen noch erleuchteten Fenstern blickt es zerknirscht herab auf das schlafende Westend, vergangene Nacht auch auf eine sich langsam von Osten her vorwärtslärmende Gleisabschleifmaschine (Topos Höllenmaschine), das betongegossene Lichtgesicht wird zunehmend zu einem schief lächelnden Smiley (Symbol für atonales Acid House). Der Apparat auf Eisenrädern kreischt und die Funken stieben, eine flächig erleuchtete Fassade nun wie um zwanziguhrfünfzehn bald. Nachtmützenbewehrter deutscher Michel läuft umher, pfropft erzürnt Ohropaxstopfen tief hinein in den Gehörgang, bis ins Gehirn. So ihr Lampenputzer, Großstadt! Hammerschlag und Häuserquader zittern…
Gerade mal mit den Einstellungen des Duschkopfes experimentiert. Man wird ja teilweise regelrecht durchgekärchert und es hebt ein Geräusch an, als wohnte man einem Autorennen bei oder sei als Patient von Ärzten in so eine Tomographieröhre geschoben worden. Ferner besteht die Gefahr drei Stunden lang zu duschen und den einzelnen Einstellungen in Gedanken Farben und treffliche Namen zuzuordnen. Als ich schließlich die Türe der Duschkabine aufschob, gewahrte ich, daß im Raume der Unterschied zwischen Denotat und Signifikat fließend geworden waren. Die Nasszelle ist ja actually zumeist knochentrocken. Der Situation gemäß bediente ich mich also im Adamskostüm eines Wischlappens.
An einem gänzlich anderen Ort, auf dem Bahnsteig einer bedrückend finsteren und unterirdisch gelegenen Bahnstation wurde ich auf eine einzelne makellos schlohweiße Taube aufmerksam, die sich in Gesellschaft der üblichen Stadttauben an Krumen und festgetretenen Kaugummis gütlich tat. Schmutziggraue Punks mit räudigem Gefieder und teilweise verkrüppelten Gliedmaßen. Das gefallene Tier schien zu leuchten im Schein der Neonröhren; noch strotzte sein Federkleid vor fabelhaft reinlichem Glanz. Kein Bock mehr auf Briefe.
Goethe wiegt mehr als Musil. War ja klar. Das literarische Equivalent zu Gervais Obstgarten. Aufgedeckt: Wieso Hans Kammerlander und Reinhold Messner so lange Bärte haben. Keine Böcke einen Rasierer einzupacken, wg. zu schwer — diese Memmen. Die letzte große Herausforderung für einen Mann ist es die Welt zu Fuß zu umrunden, nur in Leibwäsche und mit vollkommen nutzlosen Gegenständen im Reisegepäck, wie einem elektrischen Schokoladenbrunnen nebst Dieselgenerator beispielsweise. Dada-Extreme oder wie ich einmal mit Vollmilchschokalade überzogene Weintrauben auf dem K2 verzehrte.
Dieser süßliche Vanillegeruch der vergehenden Büchern entströmt. Einige meiner köstlichsten Erstausgaben rafft es so dahin. In seiner säurefreien Beschaffenheit ist das Internet hingegen von so hartnäckiger Beständigkeit wie sonst nur Atommüll.
Ein amorphes Haus ganz aus Bauschaum. Eher eine synthetische Tropfsteinhöhle als ein Heim, mehr entstanden als gebaut. Nach turbulenten Mustern gewachsen wie ein Hefepilz oder ein Geschwür. Grob hingesprüht um rostiges Gewebe aus Armierungseiesen. Plötzlichen Ideen folgend expressionistisch geformt mit Heißluftpistole und Flex. Als Aussenfassade schwebt mir in Beton eingelassener Verpackungsabfall vor: Scherben, alte Büchsen und stumpf gewordene Folien die im Wind knattern wie die Fahnen der Freibeuter.
Der finsterhumide Geruch der einem für gewerbliche Nutzung bestimmten Betonrohbau entströmt, kühlend für Passanten, die mit einem Getränk oder einem Imbissgericht in seinem Schatten Platz nahmen. Ein hysterischer Bewegungsmelder der über den Eingang einer barrierefreien Apotheke wacht, öffnet alle Nase lang die Schiebetüre und entlässt reinlichen Odem aus frisch gestärkten Kitteln, scharfen Reinigungsmitteln und die hundertfachen Valeurs pharmazeutischer Düfte in die schwüle Atmosphäre aus Bratfett und Erdbeeraroma. Kreischende Badegäste lassen ihre Leiber von gechlortem Wasser umspülen. Plastik, das in der Sonne langsam seine Polymerstruktur zu Ungunsten des Verbrauchers verändert. Tausend Fliegen, die beim Erscheinen des Menschen von süßlichem Aas auffliegen. Um zehn Uhr bereits über dreissig Grad, ein zweimotoriges Flugzeug als winziger gleißender Punkt an wolkenlosem Himmel. Fortgeworfene Colabüchsen und wuchernde Agaven ansonsten Staub und das Getöse der Insekten.
Heute sah ich in einem kleinen stadtnahen Birkenhain einen neuen, alten Teppich der dort zu nächtlicher Stunde abgeladen wurde. Was wäre, wenn es sich bei solchen Beobachtungen nicht um das Werk asozialer Verbrecher handelte, sondern um eine übliche, vom Design antizipierte Form der Entsorgung? Ich stelle mir das folgendermaßen vor. In einer absehbaren Zeit mit schwindenden Erdölressourcen werden speziell in Hinblick auf hohen Grünmasseertrag gezüchtete Pflanzen zum führenden Rohstoff. Gentechnisch veränderter Raps oder anderweitig modifizierte Ölsaaten, deren Trester — also Pressrückstände der Kraftstoffgewinnung — in flüssiger oder pelettierter Form als Grundstoff für die Herstellung der verschiedensten Gebrauchsgegenstände dient. Produkte mit einer bewusst niedrigen Lebenserwartung, die ihre Form und Funktionalität vermittels eines netzwerkfähigen 3D-Druckers erhalten. Das heißt keine als halbtoll empfundenen, mit Rotwein oder Katzenkotze beschmutzten Teppiche mehr, keine Waschmaschine, die altersschwach Rost auf die Kleidungsstücke speit. Ex und Hopp — eine neue sorglose und lustvolle Form des Wegwerfens und neu Erschaffens. On-Demand würden heute vielleicht manche sagen. Lediglich die Software für die Herstellung, also das dreidimensional digitale Modell des gewünschten Objektes würde verkauft werden, der Fertigungsprozess selbst würde aus zentralen Industriegebieten in den Haushalt des Konsumenten verlagert werden, womit zudem der lästige Transport materieller Waren entfiele. Der universal verwendbare Rohstoff für die Herstellung entstammt als Abfall der lokalen Treibstoffproduktion. Ein dreidimensionaler Drucker, der Kohlenstoffverbindungen zu klirrend harten Sägeblättern verdichtet oder zur anschmiegsamen Behaglichkeit eines Pyjamas webt. Nach einem beliebig kurzen Nutzungszyklus kann der so gefertigte Gegenstand geschreddert werden und beispielsweise als vollwertige Sättigungsbeilage, dem herkömmlichen Futter beigemengt, der Katze serviert werden oder eben auf dem Komposthaufen verrotten.
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Der Weltrekord im Luftanhalten liegt bei neun Minuten. Bei den meisten Menschen die keine Apnoetaucher sind und auch ansonsten ein geringeres Lungenvolumen als Tom Sietas haben, dürfte die Zeit bei vielleicht ein bis zwei Minuten liegen. (Robben schaffen immerhin zwei Stunden und speichern den Sauerstoff im Blut und in den Muskeln.) Luft ist die grundlegende Droge aller höheren Lebensformen der Erde, so wie Dosenbier und codeinhaltiger Hustensaft für Junkies. Nach vielleicht fünfzehn Minuten ohne Luft ist also spätestens Schluß. Das Gehirn stirbt ab, der Tod tritt ein, das Fleisch beginnt zu verwesen. Materielle Grundlage des Lebens ist Abhängigkeit von einem Gasgemisch und einer klaren Flüssigkeit. Mein Wunsch an alle Heiligen, Sadhus, Päpste, Stellvertreter Gottes auf Erden und sonstige gefühlte Übermenschen wäre, daß diese, als Zeichen gottgleicher Unabhängigkeit von irdisch Materiellem, die Luft anhalten. Sollte eigentlich nicht soo schwer sein, leichter jedenfalls als das Meer zu teilen, mit Posaunen Mauern zum Einsturz zu bringen, Berge zu versetzen oder ähnlicher, vornehmlich auf den plakativen Effekt ausgerichteter Bombast. Drei Stunden sollten reichen, sonst würde ich vielleicht bis auf weiteres eine Robbe zum Gegenpabst ausrufen.
Wenn ich die große, mit frischem Tee gefüllte Glaskanne nach nebenan trage, befürchte ich jedesmal aus einer materialistischen Marotte heraus, voll unpunkrockhaft daß der, an zwei vergleichsweise winzigen Punkten angebrachte Henkel unter der Last des Inhaltes nachgibt und die Kanne explosionsartig auf dem Boden zerschellt. Alles an dem glasballonartigen, durch einen Deckel, zart wie ein Schmetterlingsflügel verschloßenen Gefäß scheint unter Spannung zu stehen, nicht auszudenken, wenn an statisch ungünstiger Stelle dem Glas ein Stoß beigebracht werden würde, oder eine, in der Nachbarschaft übende Opernsängerin, just jetzt einen falschen Ton anschlüge.
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Dieser See ist das Produkt eines Toteisblockes lässt sich einem Hinweisschild entnehmen. Sinngemäß. 47 Millionen Jahre nach dem Abdanken der Dinosaurier, also heute vor 18 Millionen Jahren schoben sich schabend Gletscher durch die Mark. Ein hobelgleicher, rastloser Mahlstrom mit einer Zunge aus Geschiebemergel, in alle Richtungen leckend und dabei Gletschermilch ausspeiend. Mjamm, Mjamm Gesteinsbrocken aus dem Baltikum! Mitunter wurde aufgrund widriger mechanischer Einwirkungen im Laufe von Jahrmillionen, unter langgezogenem Knirschen und schrillem Bersten, ein Toteisblock fortgesprengt und vom Hauptstrom überrollt, gleichsam ins Erdreich gemalmt.
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An die Stelle von mit Glasscherben besetzten Backsteinmauern und trutzigen Metallzäunen, die ihre Kernaufgabe mit schmiedeeisernem Zierrat verschleiern, sind Koniferen und schnellwachsendes Gesträuch getreten, die sowohl die Liegenschaftsgrenzen für Nachbarn und Passanten bezeichnen, als auch dem Blickschutz dienen. Hinter der, mit der elektrischen Gartenschere, in eine, mit dem Gehweg fluchtende Linie gebrachten Hecke, duckt sich beispielsweise ein Neubau in pastellhaftem Zitronengelb, darüber öffnet sich weit und flirrend der hochsommerliche Vorstadthimmel. Einem Menschen, der vor der Hecke still stünde, böte sich weitgehend der Eindruck einer geschlossenen Wand. Lediglich einige wenige, kleinste Lücken in dem komplexen Gewirr des penibel gestutzen Zweigwerks ermöglichten dem Betrachter direkte, wenn auch informationslose Blicke auf winzigste Ausschnitte des dahinter zu erahnenden Gartens.
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Am Samstag habe ich wider Erwarten ein gutes thailändisches Restaurant kennengelernt. Ausgezeichnet frisches Gemüse und gebratenes Tofu in angenehm gewürzter Kokossauce, zudem schön auf dem Teller angeordnet. An der Wand, in vielleicht drei Metern Höhe, ein kleiner Schrein bestehend aus einem goldenen Plastikbuddha sowie diversen falschen Räucherstäbchen, deren Glühen durch eine in der Spitze eingelassene Leuchtdiode simuliert wird. Dieses Arrangement flankierend, ein wahrer Paradiesgarten künstlicher Lotusblüten, die Blütenblätter, von unsichtbarer Mechanik getrieben, in steter Bewegung. Aufblühen und Vergehen, der Klimax des ewigen Kreislaufs überhöht durch das Erstrahlen von in dem Blütenkelch aus Kunststoff angebrachten pastellfarbenen Glühlampen. Unter dieser labilen, aus handwerklicher Sicht höchst fragwürdig angebrachten, heiligen Konstruktion einige biertrinkende Amerikaner, die weltliche Themen erörtern, Bluetooth, mobiles Internet – sone Typen.
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Heute ein längerer vormittäglicher Besuch beim Zahnarzt. Ohne mich in meinem Alter noch ernstlich vor Zahnarztterminen zu fürchten, dennoch ein flaues Gefühl im Magen bei gleichzeitiger Entspanntheit und normaler Herzfrequenz. Ein Atavismus, da kann man nichts machen. Die Zimmerpalme des Wartezimmers gedeiht prächtig und wird von Besuch zu Besuch immer größer. Unter Palmwedeln verborgen sitzt bei meinem Eintreten schon ein weiter Patient, liest die Bunte und sagt »Mahlzeit« zu mir, als Begrüssung. Um 11 Uhr. Eigentlich lese ich Zeitschriften nur beim Zahnarzt und stelle hier immer wieder fest, wie uninformativ die Artikel zumeist sind, obwohl ich als wartender Patient unbedingt zumindest nach Unterhaltung lechze. Nächstes Mal die Bunte wenn möglich, würde mich nicht wundern wenn der Inhalt besser als der des Spiegel wäre. Meine heutige Behandlung besteht in der Überkronung eines durch widrige mechanische Einwirkung verlorenen Zahnes. Von meinem Behandlungsstuhl habe ich einen ausgezeichneten Blick auf den aktuellen Zahnarztkalender. Herrliche Schwarzweißaufnahmen von abstraktem Lichterspiel auf makellos kariesfreiem Zahnschmelz. Währenddessen bohrt der Doktor, er hat eine reichhaltige Auswahl an Bohrmaschinenvorsätzen die heute alle zum Einsatz kommen. Das beste Material für Kronen sind in jeder Hinsicht die Edelmetalle namentlich Gold, sagt der Zahnarzt, plötzlich gesprächig werdend, als ich in einer Behandlungspause nach neuen Werkstoffen in der Zahnheilkunde frage. Hätte ich ja nicht gedacht, daß man bis zum heutigen Tag keinen brauchbaren, zahnähnlichen Kunststoff entwickeln konnte. Gold für die Schneidezähne will jedenfalls keiner offenbar. Dabei könnte man mit so einem schönen Goldzahn bestimmt reichlich Eindruck schinden und alle denken man hätte Kontakte zur Mafia.
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Alle Dinge haben ihren Geruch, manche mehr, manche weniger. Subjektiv angenehm oder unangenehm. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß Geruch zwar mitunter nachlässt aber nie gänzlich verfliegt, so alt die, den Duft austrahlende, Quelle auch ist. Bei einem Besuch in den Alpen habe ich historische Holzhäuser gesehen gerochen, die in ihren ältesten Teilen sechshundert Jahre alt sind. Noch immer verströmt das Holz seinen typischen Odem obwohl die hölzerne Architektur der Berge sehr intensiv der Witterung ausgesetzt ist. Sowohl glühende Sonnenbestrahlung als auch scharfer Frost vermögen den spezifischen Geruch der Materie nicht zu vertreiben, es entsteht nicht einmal der Eindruck des schwächer werdens. Wenn es sich um ein flüchtiges Gas handelte, das die Dinge verströmen, ein Gas das wir beim Atmen in unsere Nase saugen, das dort auf entsprechende Rezeptoren trifft und den olfaktorischen Sinneseindruck erzeugt, so müsste die Materie mit der Zeit immer weniger werden also verdampfen oder in anderer Weise seinen Aggregatszustand in's gasförmige verwandeln. Dem ist aber nicht so, selbst Steine, die Millionen von Jahren alt sind, haben einen deutlichen Geruch.
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