Hightatras:


Materie

Albert Düsentrieb

Daß die Sprengung des zweithöchsten Berliner Bauwerks, des Frohnauer Sendemastes, ein voller Erfolg gewesen sei, wie gesagt wird, ist sympthomatisch für den Geist, der in Berlin herrscht, der an allem nagt, wie gierige, wie schädliche Raubinsekten. Nicht nur, daß die Maßnahme von einer schrecklichen Tragödie überschattet wurde, ein rotbraunes, besonders flauschiges Reh mit riesigen rehbraunen Rehaugen wurde von schrapnellartig umhergeschleuderten Stahlteilen erschlagen; wobei jedem klar ist, sofern wachen Geistes, unbedingt klar sein sollte, daß im Vorfeld Förster und Techniker mit Signalhörnern und Pauken durch das Unterholz hätten streifen müssen um das Rotwild von der geplanten Durchführung der Demontage in Kenntnis zu setzen. Die Situation glitt also aus dem Ruder und die Verantwortlichen legen nun falsches Zeugnis von ihrem Handeln ab. Gerade eine Stadt wie Berlin, für die der Erhalt, die Schaffung von guten Vertikalen so überaus wichtig wäre, entledigt sich ihrer köstlichsten Bauwerke – zudem noch unter Zuhilfenahme von Stümpern – einer höchst zwielichtigen Firma aus Ostdeutschland.
Berlin – die schlimme Bevölkerung Berlins, die Berliner also, die pampigen, die aggressiven Berliner, deren Physiognomien dauerhaft von Missmut deformiert wurden, die Gesichtszüge mit schartiger Klinge aus aschgrauem Speckstein geschnitzt. Diesen Existenzen gebricht es an Erhabenem, das ihnen jeden Tag erneut den wahnwitzigen Größenunterschied zwischen Mensch und Universum veranschaulicht, wie es die Berge tun, die dem Betrachter mitteilen, daß er ein Wicht ist, ein sinnlos strampelnder, ein nichtsnutziger Wicht, der jederzeit vom Fuß eines Riesens zermalmt werden könnte, ohne daß ein Hahn danach krähte, den der Herr, dessen ungeachtet, dennoch liebt, und der seiner sanftmütigen Nachsicht durch gut geformten Gneis und würzige Wildblumenwiesen reichlich, überreichlich Ausdruck verleiht. Da nun aber Berlin und, noch schlimmer, Brandenburg platt wie eine Flunder ist, wird die Bevölkerung nicht hinreichend und vor allem nicht kontinuierlich genug gedemütigt, insbesondere ist der Berliner nicht gezwungen seinen Blick gen Himmel zu richten, keine Vertikalen weisen ihm optisch den Weg zu Höherem, daher ist sein Verhalten so schlecht. Es gibt nur wenig gute Hochhäuser, es gibt keine Berge.
Der Architekt Jakob Tigges plant einen Berg auf dem Flughafen Tempelhof zu errichten, einen künstlichen Berg. Nun ist aber ein Berg, der nicht Produkt der Plattentektonik ist, ein Kitschberg, also ähnlich unsinnig und folglich falsch, als versuchte man Holz vermittels Holzfolie zu imitieren.
Alle jüngeren Bauwerke, nicht nur in Berlin, können nur noch als Zeichen eines absterbenden Systems gelesen werden, stehen sie doch nicht für Nichts, sondern leider ausschließlich für moribund überkommene Ideen. Daher fehlt ihnen die Größe, wobei die erbärmlichen Gebäude, von denen ich spreche, durchaus physisch relativ groß sein können, nur sind die Ideen aus Wirtschaft und Politik, die sie entstehen ließen, nichtig und kümmerlich. So wird man auch in einhundert Jahren noch staunende Touristen vor die Pyramide von Becán führen, nicht jedoch vor das A10-Center, das in fünfzig Jahren nicht mehr stehen wird, das eine hässlich ausgebrannte Ruine sein wird, verwüstet und von räudigen Wölfen und Schakalen bewohnt.
Erhabenheit führt zu Demut, daher ist es notwendig, ja längst überfällig, auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof einen gigantischen Betonquader zu errichten, einen Quader von einem Kilometer Seitenlänge. Nicht begehbar natürlich, ein massiv für immer im Sand lagernder, unzerstörbarer Betonquader, an dessen Fuß die Berliner geduckt umherschlichen, und man Handtaschendiebe und Vandalen zwänge, hinaufzublicken, tagelang, dorthin, wo die Falken nisten würden, und wo das rotbraune Rostwasser der Armierungseisen aus der Wand träte.
Ein weiterer gigantischer Betonriegel, in gleicher Bauweise, würde später, in West-Ost-Ausrichtung auf dem stillgelegten Flughafen Tegel entstehen, somit lägen die Stadtbezirke Prenzlauer Berg und Reinickendorf sowie Kreuzberg und Neukölln an Nachmittagen in tiefem Schatten. Bauwerke für das Nichts. Nicht Germania, nicht Bunker und nicht abstrahierter Holocaust. Reine Architektur, ohne den Makel der weltlichen Funktion.

10. Februar 2009
Kommentare:

Geschnitzt also, aus Speckstein. Danke für dieses Blümchen am Wegesrand.

Berlin, ganz unter uns, gehört planiert und mit einem Kiefernwald bepflanzt. Und niemand würde eigentlich etwas vermissen. Es würde gar niemand merken ...

Sagte T.M. am 11. Februar 2009 um 6:58 Uhr

Ich präferiere einen Monolithen wie in Kubricks "2001".

Sagte Maggi am 11. Februar 2009 um 8:37 Uhr

Das erste und bestimmt nicht das letzte McDonalds-Restaurant in Goscinnys Trabantenstadt.

Sagte Huck am 16. März 2009 um 23:13 Uhr










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