Hightatras:
Materie
Der Pawlowsche Hund beim Einholen
Ein ganzer Karton Zitronensaftkonzentrat zermalmt. Karlsson vom Dach war nur für den Bruchteil einer Sekunde nicht Herr seiner Sinne. Das Ergebnis, in den Dimensionen des Getränkehandels, ein mittelschweres Malheur. Aus lauter Verblüffung schieben sich die oberen Schneidezähne des amotorischen Angestellten über die Unterlippe und verharren dort. Künstlich gelbe Zitrusfrüchte liegen leckend am Fußboden, einige in geringster Viskosität aus ermüdeter Schweissnaht tröpfelnd, andere, durch fahrlässig entfesselte Mechanik ihrer weissen Plastikverschlüsse beraubt, ergießen ein stetes Rinnsal der zum menschlichen Genuss geeigneten Säure auf den Fußboden. Die als Cocktailingredienz angebotene aromatische Flüssigkeit sucht sich ohne konkrete Gegenmaßnahmen ihren durch Schwerkraft vorgezeichneten Weg in feine Ritzen sowie unter die im Verkaufsraum zahlreich feilgehaltenen Getränkekästen.
Der charakteristisch säuerliche Odem des Zitronensaftes erfüllt im Handumdrehen die Atmosphäre des Einzelhandelsobjektes. Mon Dieu! Man wähnt sich direkt in die Fruchtfleisch-Zellstruktur einer Zitrone versetzt, mit solcher Macht wird Nasenschleimhaut und Hirn von leicht flüchtigen Geruchsmolekülen bombardiert. Der Mund zieht sich zusammen und eine stark vermehrte Speichelabsonderung setzt ein, alles ohne tatsächlichen Abfall des pH-Wertes im Bereich der Geschmacksnerven. Unerwartet werde ich so mal wieder mit der Tatsache konfrontiert im Kern ein leicht zu konditionierendes Säugetier zu sein.
15. März 2006