Hightatras:
Materie
Die wertvolle Vase aus der Ming-Dynastie
Wenn ich die große, mit frischem Tee gefüllte Glaskanne nach nebenan trage, befürchte ich jedesmal aus einer materialistischen Marotte heraus, voll unpunkrockhaft daß der, an zwei vergleichsweise winzigen Punkten angebrachte Henkel unter der Last des Inhaltes nachgibt und die Kanne explosionsartig auf dem Boden zerschellt. Alles an dem glasballonartigen, durch einen Deckel, zart wie ein Schmetterlingsflügel verschloßenen Gefäß scheint unter Spannung zu stehen, nicht auszudenken, wenn an statisch ungünstiger Stelle dem Glas ein Stoß beigebracht werden würde, oder eine, in der Nachbarschaft übende Opernsängerin, just jetzt einen falschen Ton anschlüge.
Unbefangener Umgang mit real kostbaren Haushaltsgegenständen oder solchen, zu denen der, auf Erhalt bedachte Besitzer eine emotionale Bindung aufgebaut hat, scheint fast unmöglich. So wie die traditionsreiche Vorlegeplatte aus Meissener Porzellan, die ich als kleines Kind stets mit schweißnass verkrampften Fingern, zu festlichen Anlässen, ins Esszimmer trug, nachdem ich mehrfach eindringlich ermahnt wurde, das kostbare Stück ja nicht fallen zu lassen. Die konvex geformte Glaskanne steht jedenfalls unbeschadet am Fenster und projiziert durch den schwach opalisierenden Inhalt zur Linse geworden ein in köstlich bernsteinhaften Valeurs schimmerndes Abbild der beraureiften Umgebung auf den Linoleumfußboden.
3. November 2006