Hightatras:


Materie

Künstliche Lotusblüten und Eispickel aus Titanstahl

Am Samstag habe ich wider Erwarten ein gutes thailändisches Restaurant kennengelernt. Ausgezeichnet frisches Gemüse und gebratenes Tofu in angenehm gewürzter Kokossauce, zudem schön auf dem Teller angeordnet. An der Wand, in vielleicht drei Metern Höhe, ein kleiner Schrein bestehend aus einem goldenen Plastikbuddha sowie diversen falschen Räucherstäbchen, deren Glühen durch eine in der Spitze eingelassene Leuchtdiode simuliert wird. Dieses Arrangement flankierend, ein wahrer Paradiesgarten künstlicher Lotusblüten, die Blütenblätter, von unsichtbarer Mechanik getrieben, in steter Bewegung. Aufblühen und Vergehen, der Klimax des ewigen Kreislaufs überhöht durch das Erstrahlen von in dem Blütenkelch aus Kunststoff angebrachten pastellfarbenen Glühlampen. Unter dieser labilen, aus handwerklicher Sicht höchst fragwürdig angebrachten, heiligen Konstruktion einige biertrinkende Amerikaner, die weltliche Themen erörtern, Bluetooth, mobiles Internet – sone Typen.

Die solariumgegerbte Nachbarin feiert eine Party, Discomusik schallt durchs Stiegenhaus, oben angekommen ist der schmale Treppenabsatz ein Meer von Schuhen. Die Gastgeberin hat die Gäste, wohl in Hinblick auf die Makellosigkeit des Teppichbodens, ersucht ihr Schuhwerk bereits vor Betreten der Wohnung abzulegen. Eine scharf konturierte Klassifizierung der Schuhe ist möglich. Voluminöse Turnschuhe, vornehmlich weiß, untergliedert in Modelle der Marken Nike und Adidas sowie spitze, knielange Schaftstiefel mit Pfennigabsätzen, wahlweise in den Farben weiß und schwarz. Durch mein Flurfenster habe ich en passant Einblick in die mit Feiernden gefüllte Küche. Im Laufe des Abends, angeregtere Unterhaltungen sowie größere Gesten zunehmend hinter Eisblumen verborgen. Es ist recht kalt, krachend zermalmen die Autos unten auf der Straße den zu Eis gefrorenen Schnee. Temperaturen, die eine Wohnung an sich als wertvoll erscheinen lassen. Heißer Tee, Badewasser und behagliche Umgebungstemperaturen. Wohnen. Mitunter fühle ich mich vom materiellen Ballast einer Wohnungseinrichtung belästigt, lässt es sich doch erfahrungsgemäß auch mit den wenigen Utensilien die ein Rucksack zu fassen vermag für Wochen sehr gut leben. Andererseits habe ich zu vielen Dingen, insbesondere Möbelstücken und Büchern eine starke emotionale Bindung, würde einmal der Umzugswagen gestohlen, so wäre dies Verlust und Erleichterung zugleich. Im Traum neulich zum ersten Mal der gelungene, bewusste Verzicht auf vernünftiges Verhalten. Leichten Herzens ließ ich beim Abstieg von einem mir nicht weiter erinnerlichen Gletscher versehentlich einen kostbaren Eispickel aus schwarz eloxiertem Titanstahl auf einer saftig-grünen Alm zurück, träumte lieber noch gänzlich anderes als die Umkehr und langweilige Bergung des in diesen Höhen, selbst bei realistischen Träumen, ohnehin entbehrlichen Werkzeugs.

23. Januar 2006
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