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Materie

Zu Gast bei Betonköpfen

Es ist zu kühl für diese Jahreszeit. Ein kurzer Spaziergang im Nieselregen entwickelt sich unerwartet zu einem Parforceritt durch die jüngere Architektur der Berliner Innenstadt, als meine Bekannte anregt doch einmal den neuen Bahnhof Nordkreuz sowie dessen Reisemöglichkeiten zu besichtigen. Dem Fahrplan ist zu entnehmen, daß direkte Reisen bis nach München oder Garmisch-Partenkirchen angeboten werden. Es naht eine Regionalbahn, die auch den neuen Hauptbahnhof Berlins anfährt. Bitte einsteigen, man muss das Herzstück des Pilzkonzeptes einmal gesehen haben, es handelt sich schließlich um ein Bauwerk der Superlative und ist mit 46 Metern höher als das Kanzleramt. Wer heute einmal als Müßiggänger hereinschnuppert, ist als späterer Reisender bereits mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut, so ist der zugrunde liegende Plan. Im Zug und auf den Bahnsteigen, wie zu erwarten, schaulustige Flaneure und Trainspotter in großer Anzahl, selbst die üblichen Bacchanten und Bettler lagern bereits im Bahnhofsbereich. Zunächst fällt mir nach dem Aussteigen auf dem unteren Bahnsteig auf, daß das Finish der gigantischen Stahlsäulen schlampig ausgeführt wurde. An einigen Stellen platzt bereits die Farbe wieder ab. Begibt man sich fälschlicherweise zu Fuß auf eine der Treppen, die vom Untergeschoß nach oben führen, hat man bereits verloren. Man wird unvermittelt in eine langweilig ausufernde Einkaufsmall geworfen, die allerdings, an einigen Stellen, schöne Weitblicke nach unten bietet. Agoraphobiepatienten könnten hier ideal ihre Psychose therapieren. Der Weg über die Treppen ist jedoch vollkommen ungeeignet, wenn man Umsteigen möchte. Laut Bahn sind für den Übergang von unterem zu oberem Bahnsteig acht Minuten einzuplanen. Es gibt auch einige Fahrstühle, die aber nicht geeignet scheinen, alle Reisenden eines Zuges zügig von oben nach unten zu transportieren. An einem, an der Umgebung gemessen, surreal kleinen Handwagen steht eine Servicekraft der Bahn und beantwortet zahlreich gestellte Fragen orientierungsloser Menschen. Tief unter der Erde verfolgen indessen Pufferküsser begeistert eine Zugdurchfahrt.

Das ganze Gebäude (700 Millionen Euro) ist, unabhängig vom internen Leitsystem, intransparent im Sinne einer sinnvollen Navigation für den Benutzer so scheint es, da gestaltet wie eine schlechte Webseite; zwischen Werbung und kommerziellen Offerten kann der Reisende, eher zufällig, auch das Gesuchte finden. (Gerkan, Marg und Partner, die Architekten, haben übrigens unlängst einen Wettbewerb für den Neubau einer chinesischen Hafenstadt gewonnen. Die armen Chinesen). Durch den südlichen Ausgang zum Ufer der Spree, hier liegen riesige künstliche Fußballschuhe auf dem Rasen, japanische Touristen machen dort Personenaufnahmen mit ihren Digitalkameras. Der Weg führt durch das Regierungsviertel — in Beton gegossene Ideenlosigkeit, lediglich partiell angenehm kontrastiert durch Details in Gartengestaltung oder Innenarchitektur. Größe ohne Erhabenheit, wo man hinblickt. Dazwischen Tribünen und die Adidas-Arena, die Stadt rüstet sich rummelhaft für eine nahende Sportveranstaltung, zu der auch internationales Publikum erwartet wird. Am Brandenburger Tor hat man einen großen, begehbaren Fußball aufgestellt. Der Architekt hebt die formale Ähnlichkeit zwischen Weltkugel und einem Fußball hervor. Eine schwankende, gewundene Treppe führt in das Innere des Fußballglobus. Auf kreisförmiger, die Zuschauer umgebender Leinwand, flimmert allerhand interaktiver WM-Multimediainhalt vorbei. Touchscreens animieren Kinder dazu, künstlich stöhnenden Fußballwesen, virtuell den Po zu massieren. Inhalte, die didaktisch höchst fragwürdig erscheinen. Egal. Weiter zum Holocaustmahnmal, meine Bekannte und ich lassen uns mit einer Tüte Donuts, die wir nahebei zur Stärkung erwarben, auf einer geeignet erscheinenden Stele nieder und betrachten, während des Verzehrs der glasierten Tori, die Skyline des Potsdamer Platzes. Später wird man sich vielleicht ärgern über dieses erbärmliche Innenstadtensemble, alles sieht so fucking nineties aus. Das neugebaute Berlin ist eine extragroße Penisverlängerung auf Kredit. Neuere Architektur, wenigstens in Europa, hat scheinbar die Tendenz alle Orte zu vereinheitlichen, der Baukunst der Vergangenheit obliegt es leider allein die Städte zu individualisieren. Es gebricht den Städten, speziell Berlin, offenbar an eigenen urbanen Visionen und futuristischer Form, die ins 21. Jahrhundert weist. Am Himmel schweben nach dem Regen immerhin schöne Altocumulus Floccus, die ins rötliche gebrochene Sonne schickt sich bereits an, im Westen zu versinken. Der Stern emittiert zu dieser Stunde häufig noch schönes Licht auf unseren Planeten.

6. Juni 2006
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