Hightatras:

Werfen

Bei einem Spaziergang am Sonntagvormittag, recht spät, so gegen zehn, wurde ich eines Schildes gewahr, das für einen just stattfindenden Bücherbasar warb. Von Interesse angelockt nahm ich die drei niedrigen Stufen einer Freitreppe und glitt in einer kybernetischen Bewegung aus der Maiensonne in ein schummeriges Kirchenschiff hinein. Es handelte sich um eine anglikanische Kirche; die Ausstattung ließ hinter heraldischen, in Messing getriebenen weltlichen Elementen und Fahnen, das Sakrale weit in den Hintergrund treten. Auf den, den dunkelgebeizten Bankreihen vorgelagerten Pulten, auf denen die Besucher üblicherweise ihre Gesangsbücher oder die zum Gebete gefaltete Hände ablegen, waren gebrauchte Bücher in hoher Stückzahl zum Verkaufe ausgebreitet. Rechts des Mittelganges englische Bücher und linker Hand Deutschsprachige. So sehr gerne ich jedoch den reichen Dekadenzgeruch alten, sünderschweißgetränkten und insektenzernagten Kirchenholzes, vermischt mit dem Vanillearoma zerfallender Bücher tief einatmete um auch die äußersten Kapillaren meiner Lunge mit Verfall zu füllen, so enttäuschend dünkte mich das Angebot der ausgebreiteten Kochbücher, Ratgeber und Kriminal- Spionage und Liebesromane der letzten drei Dekaden. Da beobachtete ich eine kleine weißhaarige Frau, die routiniert zwischen den Bankreihen hindurchscharwenzelte und ein ums andere Mal zielstrebig bald nach rechts, bald nach links zu Kriminalromanen griff um diese knöchrig aber eichhörnchenhaft in einen bereits prallen Stoffbeutel zu pressen, der beidseitig mit stilisierten Distelmotiven bedruckt war. Die klebegebundenen Bücher kosteten fünfzig Eurocent, Gebundene einen Euro. So ging ich ohne Ziel um den Altar herum, dessen Fuß von einem müden Meer aus Bilderbüchern umdümpelt wurde, und gelangte überraschend in einen halbrunden, fahl erleuchteten Gang, der in eine angelehnte Tür über Treppen abwärts zur unterirdischen Apsis mündete, die sich als Lager vornehmer Bücher erwies; die Wände bis zur niedrigen Decke mit zweireihigen Regalen ausgekleidet, in deren hinteren Schichten ich fündig wurde. Ich war allein. In den Schächten der Oberlichter hatte sich im Herbst ein Konvolut aus Laub angesammelt und hinter den vom Staube matten Scheiben huschten in regelmäßigen Abständen rot- und gelbverwischte Flecken knirschend und brabbelnd vorbei: Kinder, die auf farbigen Plastiktretautos strampelnd die Kirche umrundeten, so das Gehirn, und eine Band spielte dazu schleppend und dumpf - des Laubes wegen – den Kaempfert-Klassiker Strangers in the night.
Die Idee einer runden, in baumkuchenartigen Schichten strukturierten Bibliothek, deren bedeutendste Werke mutmaßlich an der Wand stünden und die nur einem schlanken Mann Platz im Zentrum böte, der fortwährend lesen müsste, da sich die Buchwände vom Ausstoß der Schriftsteller unmerklich, aber doch deutlich bedrohend vorschöben, wie eine poesche Urangst.
Auch könnte ich hier unten hinterrücks von einem Unbekannten mit einem Messingdolch erstochen werden, der mit kunstvoll ziselierten Jagdmotiven verziert wäre und ein zufällig anwesender, Tweedjacket tragender Meisterdetektiv ließe das Kirchenportal abschließen und würde den zweifellos unter den Anwesenden befindlichen Täter qua Deduktion überführen und ins Kittchen bringen. (Der alle Schleier lüftende Detektiv als genreimmanente Zumutung.) Motiv: eine in scharlachrotem Leder gebundene Ausgabe des Decamerone, wie ich sie schließlich zu kaufen im Stande war, auch wie zum Beweis, daß der Index Romanus hier nie Gültigkeit besaß.
Dann stand ich wieder in der Sonne und auf der Straße wurde ein Straßenfest durchgeführt mit Würstchen, Nägel einschlagen und Musik. Eine Postkutsche stand da blitzblank (wie man sagt) poliert und sperrmüllartig (weil zur Unzeit) herum und strahlte Nostalgie aus und Kinder wurden auf den Kutschbock gehoben, um sie, dort sitzend und hilflos lächelnd, mit der Videokamera aufzunehmen. Pferdekot plumpste auf den Asphalt und Statisten in traditionellen Uniformen mit blinkenden Messingknöpfen gebärdeten sich statistenhaft. Ein ergänzendes Phänomen beobachtete ich später am Tage, an einem Gestade stehend, als ein traditionelles Dampfschiff erstaunlich schnell und regelrecht Gischt aufwerfend vorbei fuhr, auf dem Menschen teils standen, teils Platz genommen hatten und sich mit Videokameras aufnahmen um diesen nostalgischen Moment einzufrieren. Flüchtiges Glück, das in diesem Moment genossen werden kann und an sich keiner weiteren Mühe oder Vorbereitung bedarf, wohl aber mit der Bürde, dem Zwang zur medialen Aufzeichnung behaftet ist. Und dann dachte ich, wie oft, aber weniger verbittert als anzunehmen ist, daß heute Kunstbetrieb, Industrie und Handwerk nichts mehr ausstoßen, das sich in einhundert Jahren liebevoll und nostalgisch verklärt anblicken und im Kontext verwandter Menschen durch optische Geräte als Erlebnis aufspeichern lässt. Nichtigkeit und Materialverschleiß spielen hier zudem ineinander.
Lassen Sie mich europäische Innenstädte oder, besser noch, aus dem Boden gestampfte Wintersportorte in den Alpen heranziehen. Die Schrecklichkeit, die einem dort begegnet, ist ja keine kolossale Schrecklichkeit, sondern eine Schrecklichkeit, die sich aus dem Mittelmaß speist und deshalb so schrecklich deprimiert. Und die Schrecklichkeit der Wintersportorte wird durch die erhabene Umgebung nur noch schrecklicher, während die Schrecklichkeit der Städte den Glanz verflossener Epochen nur noch erhöht und so den Status Quo in einem, nur noch als schrecklich zu bezeichnendem Licht erscheinen lässt.
Dabei bin ich durchaus für eine Umformung der Alpen! Und imaginiere mich sogleich in einem unterirdisch verkehrenden nächtlichen Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke zwischen Berlin und Laibach, mit manikürter Hand gedankenverloren zu einem Beistelltischchen aus Mahagoni greifend, sodann einen Absinth-Cocktail zum Munde führend, ohne dabei die hochinteressante Lektüre eines internationalen Herrenmagazins zu unterbrechen.
Der verschlafene Marktflecken Werfen soll Europas bedeutendster Verkehrsknotenpunkt werden! Hier sollen sich die Achsen schneiden! Direkter Anschluss nach Mailand, Pressburg (via Wien) und Warschau. Zwanzigtausend Touristen, die in Eisenbahnzüge von je dreihundert Meter Länge einsteigen ohne zu drängeln. (Die Billets der dritten Wagenklasse werden selbst für Arbeiter erschwinglich sein.) Alles wird unterirdisch stattfinden, tief im Gneis und mit größtmöglicher Geschwindigkeit wohlgemerkt.
Ich wünsche eine Bedarfshaltestelle drei Minuten hinter Werfen, wo der Zug, betätigte ich zu diesem Behufe einen bronzenen Taster, im schrillsten Diskant bremste und ich grußlos umstiege in einen goldenen Fahrstuhl, der, wenige Minuten später, in meinem Kaminzimmer hielte, dessen Vorhänge aus auberginenfarbenen Damast geschlossen wären gegen die Sonne, da ich meine Aufwartefrau in diesem Sinne anwies.
Und aus in den Fels gesprengten Schächten zur Unterwelt werden silberne Raketen zum Andromedanebel aufsteigen oder sich parabelartig gen Amerika senken und ein elektronisches Raunen wird erklingen. Man muss solche Dinge einfach in großer Geste hinwerfen und unverzüglich verwirklichen ohne mit Männern und Material geizen zu wollen. Höchste Priorität genießt selbstverständlich die Vernichtung des Raumes mit den Mitteln der Kernspaltung.
Siehe, einst schießen die Eisenbahnen wie Raketen aus der Südflanke der Karawanken, durch ein großzügig gestaltetes und der Zukunft zugewandtes Portal aus schwarzem Stahl und über dem Balkan steigt die Sonne glühend hinauf in einen Himmel von der Farbe köstlicher Fruchtsäfte und unten funkelt titanisch die Adria gleich flüssigem Kupfer, während in den Abteilen aus Ebenholz moosgrün livrierte Ober körperreiche Kaffeespezialitäten mit Schlag servieren…

Welcome to Cyberspace! Hallo Welt!

Neulich dachte ich einmal darüber nach, wie ich in dieses Internetangebot wieder etwas Pep hineinbringen könnte. Ich ging in mich und übte Selbstkritik. Das Ergebnis: Die Inhalte sind zu elfenbeintürmisch und westlich dekadent und haben zu wenig mit den Belangen der Jugend und der Arbeiterklasse zu tun. Für die Konventionen des Internetes selbst gebe ich wahrlich keinen Pfifferling, wohl aber danke ich den Mächten, die den Cyberspace einst erschufen und mir so einen wirksamen Kanal für die Verbreitung der Wahrheit an die Hand gaben – ein Verlautbarungsmedium ähnlich Osama bin Ladens Videobotschaften. Ich möchte mich also in loser Folge mit dem Scheitern der Anderen befassen, ein Thema, das mir schön deucht und das aus dem Leben gegriffen scheint, in einer Umwelt, in der episches Versagen omnipräsent ist, gleichsam in Stein gehauenes Scheitern wohin das Auge blickt. Wo der Mensch waltet entspringt ein Quell der Amechanie usw.
Plötzlich knatterte ein Hubschrauber durch die Luft (ein rot lackierter Hubschrauber) um über dem Sportstadion, das tief unterhalb meines Balkones liegt, zu kreisen. Mit seinen Rotorblättern wirbelte der Hubschrauber gezielt die gewaltigen Schneemassen vom Dach der Arena – ein Flachdach! Die Betreiber des Stadions hatten wohl bei der Hubschrauberfirma angerufen, per Telephon, da sich schon Risse zeigten und knackende Geräusche vernehmlich wurden.

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Phil Collins und Halbfettmargarine (nicht im Bild)

Bitte gestatten Sie mir einen kleinen Exkurs: das Olympiastadion, von dem hier die Rede ist, wurde von 1934 bis 1936 von Werner March errichtet und in den Jahren 2004 bis 2006 durch das Architekturbüro Gerkan, Merg und Partner mit einem leichtgewichtigen, durch Menschen nicht betretbarem Flachdach ausgestattet. (Man muss Ross und Reiter nennen.) Daß naturgemäß so ein großartiger Prachtbau durch ein durch und durch verkommenes und verweichlichtes Dach entweiht und alle antiken Reminiszenzen in den niedrigsten Schmutz gezogen werden, den man sich denken kann, davon möchte ich gar nicht reden. Auch nicht von den Tagen einst, als die Arbeiten ausgeführt wurden und in mir Trauer und Groll glommen: dieser Sieg der Sozialdemokratie über die Klassik! Nein, man muss von heute reden, von den Architekten, die Dächer bauen lassen, die einstürzen, wenn es schneit. Das geliebte Flachdach dieser Typen ist eine modernistische und sozialdemokratische Wichsvorlage, mehr nicht. Das Walmdach stehe für den Ständestaat, das Flachdach hingegen für eine demokratische Gesellschaft, sagt man – sagen die Idioten. Wenn Neger in Afrika ihre Häuser mit Flachdächern ausstatten, so ist das gut, da man abends auf dem Dach sitzen kann um Kaffee zu trinken (oder Softdrinks) und um Brettspiele zu spielen und in der Savanne schleichen Schleichkatzen umher und so; Niederschläge sind jedenfalls nicht zu erwarten. Wenn in Nordeuropa Flachdächer gebaut werden, muss in jedem Fall mit Panzerfäusten und Sprengstoff dagegen vorgegangen werden. Sowohl gegen die materielle Ausformung der Idee, als auch gegen die Idee selbst. Ein Flachdach ist das Äquivalent zu Phil Collins und Phil Collins gebar bekanntlich die Sex Pistols. Ein Hoch also auf das Flachdach!
Das Millieu, in dem die abgeschmacktesten Ideen keimen und vor allem bewurzeln können, nicht nur in der Architektur, ist natürlich ein Akademisches. Arbeiter der Faust wissen, daß es nur Ideen gibt, die sehr gut sind, von anmutiger Leichtigkeit beseelt und somit gottgefällig, oder Ideen, die der letzte Scheiß sind. Der Akademiker an sich und die Besucher von Kunsthochschulen und Deutschleistungskursen im speziellen wurden jedoch mit dem Irrglauben sozialisiert, daß es auch akzeptable Ideen gäbe, die im Bereich dreiminus oder vierplus liegen. Trotz Widerworten und murren, es gibt sie nicht!
Denken Sie bitte an die deutsche Reichsbahn, deren Züge im Schnee steckenbleiben und deren erzwungene Flugzeug- und Flughafenanmutung in den Zügen und in den Bahnhöfen zum Kotzen ist, oder zum Beispiel an die deutschen Parteien mit all ihren verwachsenen und retardierten Cretins. Dies sind alles Konzepte und Unternehmungen, die sich allegorisch durch Halbfettmargarine oder Phil Collins darstellen lassen.
Das Problem ist letztendlich in den Schulen, in der Erziehung der Jugend angelegt: Konformismus und Ideenlosigkeit bei gleichzeitiger stumpfsinniger Beharrlichkeit ist leider das Leitbild der Lehre.
Was hat das alles mit dem einundzwanzigsten Jahrhundert zu tun? Nichts! Hier muss ein eiserner Besen kehren!
Stellen Sie sich bitte eine Faust in Josefthorakoptik (wahlweise auch Grigoripostnikowstyle) vor, die die Alpen aushöhlt und dort unterirdische Autobahnkreuze und Schnellbahnhöfe errichtet. Startrampen für touristische Raketen, die zum Andromedanebel fliegen. An einem anderen Ort wird im gleißenden Licht von einhundert Flakscheinwerfern feierlich ein expressionistisches Ballett aufgeführt werden, von fünfhundert Negerinnen und mongolischen Arbeiterinnen in silbernen Neoprenanzügen. Volle Kraft voraus! Verherrlicht herausragende, noch lebende Einzelpersonen durch großzügige Plastiken aus raren Metallen und durch die Geschwindigkeit pfeilschneller Chromgeschosse, die das Rückrat des Betrachters knacken lassen, wenn er unwillkürlich der Parabel folgt.
Die verantwortlichen Politiker, Architekten und skrupellosen Kapitalisten, die das Volk aushungerten und hinter das Licht führten, werden von Komsomolzen aus ihren Büros und piekfeinen Palästen gezerrt werden und zur Bahnstation getrieben werden, wie Vieh. Man wird ihnen mit weißer Farbe Buchstaben und Zahlen auf die Röcke malen und mit der Eisenbahn in die Taiga verfrachten, zu einem Waldstützpunkt für mechanische Arbeiten beispielsweise, fünfhundert Werst von der Eisenbahnstrecke entfernt, zu Fuß zu erreichen im Rahmen eines Gewaltmarsches, in Ketten geschmiedet.
Ein gefrorenes Schlammloch werden sie vorfinden, einige leere Ölfässer und Bruchholz als designierte Keimzelle einer Siedlung der Läuterung. Durch Entbehrung zum Licht, so lautet die Devise. Wollen wir einmal sehen, das wäre doch gelacht.
Und im Fernsehen, in der Heimat, müssen mehr Kriegsfilme gezeigt werden und Pornographie. Schmatzende Fickgeräusche, vorrückende Panzer und mattschwarze U-Bootverbände, die den Pazifik aufwühlen. Titanisch-dionysische Finsternis, flankiert von Lehrfilmen, die darstellen, wie kleine Nagetiere den Winter verbringen. Ich denke auch an Berichte, die sehr ruhig und ausführlich über schöne Rhododendrongärten berichten, aufgenommen von Kameramännern, die dem Gärtner gute und geistreiche Fragen stellen und aufrichtig interessiert an den Antworten sind. Wer doofe Fragen stellt, wird sofort erschossen, das ist klar. Zu lange wurde das gute Fachwissen Einzelner qua Widerrede und eitlem Halbwissen mit Füßen getreten.
Der Jugend muss in jedem Fall recht bald eine Ahnung vom Schwarz und Weiß vermittelt werden – von der unausweichlichen Dualität von Licht und Schatten. Man muss die Kinder sowohl an Heavy Metal heranführen, als auch an gefährliche Gänge im Hochgebirge beispielsweise und an das Arbeiten mit mechanischen Elektrowerkzeugen und Maschinen. Aber gerade Heavy Metal ist den Heranwachsenden so zuträglich und gut, wird es doch dem Drängen des Adoleszenten nach ungerichtet freigesetzter kinetischer Energie, dem Aufbegehren und der Zerstörung gerecht.
Nioblegierungen, Datenfernübertragung ins Weltall und psychedelische Rauschgifte aus Amazonaspilzen und Krötenkot: William S. Borroughs sollte unbedingt bereits in der Grundschule gelesen werden.
Die Jugend muss alles zerstören, der Erwachsene darf sich bücken und diese und jene Scherbe aus der Asche aufheben, mit dem Rockärmel rüberwischen und siehe, es ist Rachmaninov, oder, siehe, es ist Rainer Maria Rilke. Kannte ich dich doch bereits als Puppe! Die Jugend ist dumm und schön, der Erwachsene hingegen hinreichend intelligent aber in Verwesung begriffen, in ihm ruht Demut und Konzentration – ein in der Jugend hoffentlich unmerklich eingepflanzter bionischer Rohdiamant.

Unser Frieden heißt Krieg

Die Stimme des Vorsitzenden schallt von draussen herein, er spricht vom Hauptaggressor Amerika und seinem Vasall Israel. Die Ansprache wird zur vollen Stunde wiederholt werden. Ich bin mit einer dampfenden Tasse Schwarztee an die Fensterfront der Einraumwohnung herangetreten und blicke hinab auf die verschneite Siedlung Ganymed. Alle Balkone sind zum Kraftwerk ausgerichtet. Die Lokomotive pfeift zur Weiterfahrt. Der Bahnhof liegt bald neunhundert Saschen entfernt, auf halb drei, im Walde. Es ist fünf Uhr sechsundzwanzig, die Bewohner kehren zurück aus den Raketenwerken. Die Strasse zu den Hochhäusern ist von geneigten Laternenpfählen aus Beton gesäumt. Grünblaues Licht von Quecksilberdampflampen. Das Thermometer steht auf minus neunzehn Grad und fällt. Zwei Stunden Sonne täglich. Aus Lautsprechern verliest eine computergenerierte weibliche Stimme die Zeit, alternierend deutsch und chinesisch. Arbeiter der Hand und Arbeiter des Geistes, zu Fuß vordringend, oder rittlings auf Motorschlitten. Rund und neapelgelb steht die Sonne zur blauen Stunde über dem kieferrauhen Horizont der Taiga und die Kühlturmfahnen sind knotig fest und von bleiernem lachsrosa. Männer treten sich die pudschweren Stiefel ab, speien gelbgrauen Auswurf ins frostkrachende Unterholz und fluchen dabei leise. Einer macht einen Witz, man blickt über die Schulter und lacht verhalten. Im Foyer des Hochhauses steht eine Voliere mit Buntspechten – ein Beitrag des Kulturbundes. Einige kleinformatige suprematische Bilder hängen dort und eine collagierte Wandzeitung: Deutsch-Chinesische Raketen im Weltall – Sieg über den Raum! Der Sichtbeton glänzt vom Fett der Menschenhände. Auf die Aufzüge Wartende mit spitz geschnitzten Nasen; es soll Reiskocher geben in Gomel, schwere Verluste hätten sich ereignet in den benachbarten Siedlungen Io und Europa; auch Verwandte seien gefallen im Friedenskampf. Schmutzige Pfützen, mit Koyotenfell verbrämte Anoraks aus Wolpryla, Diesel, Schweiß und gekochte Wurst.
Auf einer grauen Filzdecke zu meinen Füßen liegt ein zahmer Schneefuchs, den ich bei einem Gang im Wäldchen fand, verletzt, mit einem Projektil im hinteren linken Lauf. Er ist genügsam und wortkarg, doch wende ich mich an ihn, so zeigt er sich beschlagen, namentlich die verbotene Literatur betreffend. Seine Stimme ist sanft und er spricht ruhig zu mir, in geschliffenen Hexametern. Ich entfernte das Projektil mit einem schartigen Jagdmesser und reinigte die Wunde mit Wodka. Sein Fell ist grau, da der Schnee grau ist.
Die Kassiererin trägt resedafarbene Thermostiefel aus Kunststoff und eine Schürze, die mit stilisierten Luftschiffen und Unterseebooten bedruckt ist. Sie stempelt meinen Bezugsschein für Morphium. Als vier Millizionäre in Reitstiefeln den Konsum betreten und laut husten senkt sie den Blick. An ihrem Kinn wächst ein Leberfleck, aus dem vereinzelt schwarze und weiße Haare sprießen. Mannshohe Pyramiden aus Konservendosen: Natierka, baltischer Seefisch und Hundefleisch. Draussen fährt ein Konvoi der Armee vorrüber und graue Transporter der Geheimpolizei. In der Nase gefriert der Atem. Die nächtlich verschneite Musikmuschel und eine Kegelbahn, übersät von zerschlagenen Wodkaflaschen.
Später erwacht er, als hätte ich mich mit eigenen Armen dorthin getragen, in schützendem Unterholz, eingemummelt in ein behaglich klammes Bett aus Moos und vergehendem Blattwerk. Vor seinem erwachenden Auge war ein recht großer Steinpilz aus dem aromatischen Waldboden geploppt, an dessen gespanntem Stiel und auch im Schutze des feuchtglänzenden Hutes sich ein weiterer, bei weitem kleinerer Pilz gleicher Rasse und von zartem braun energisch anschmiegt. Trotzdem der andere wohl einige Stunden geschlafen hatte, ist ihm nicht recht wohl; es scheint, als kröchen Wanzen unter seiner Haut. Und der Hut des Pilzes scheint ihm zu oszillieren, bald so, als würde er aus unsichtbarem Gefäss von morbidem grün übergossen, bald innerlich von brombeerfarbenen Valeurs matt durchglimmt. Auch wird er für einen Augenblick von der chimärenhaften Vorstellung eingenommen, in seinem Rücken steckte ein wie toll jaulender Schneefuchs. Ich erwache schließlich durch den Klagegesang der Sirenen. Erneut Überfliegungen durch nuklearbetriebene Schwebepanzer in höchsten Höhen. Mit der silbernen Präzision reinigenden Feuers schneiden unsere Flaktürme einige der unheilvollen Wanzen aus mattschwarzem Titan vom Firmament, die glühend, flitternden Herbstblätter gleich, hinabtaumeln, dann hinabschießen und tief im Podsolboden vergehen.
Um wieder schlafen zu können, ziehe ich mir eine weitere Ampulle Morphium auf.

Herr No entlarvt den Begriff der Schönheit erneut als sinnlos

Neulich ging ich im Rahmen von Besorgungen an einem Haus vorbei, das einst einem expressionistischen Seestückmaler als Wirkungsstätte diente, ferner verstarb in der Beletage ein Adliger im Kugelhagel zotteliger Terroristen. Ein gutes und geschichtsträchtiges Haus also, mit Böden aus Fischgrätparkett, welches mit ausnahmslos geschmackvollen Läufern in gedeckten Farben belegt ist (sicherlich).
Manchmal schreite ich in Ostberlin an einem übel beleumundetem Bordell vorüber und neulich stand dort ein handgeschriebenes Schild in den rot verschleierten Fenstern des Etablissements: Neue Thaimodelle eingetroffen. So wie Dinge mitunter zugleich wahr und falsch sind, so ähnlich ist auch dieses Schild traurig und lustig zugleich. Vom Duktus des Schildes auf den Schreiber zu schließen kann den Zyniker erheitern, ihn sich als den Arbeitgeber der neuen Thaimodelle vorzustellen, ist jedoch der betrübliche Aspekt des Schildes – der Situation hinter dem Schilde –; ihnen dräut wohl in jeder Hinsicht kein Zuckerschlecken, ganz zu schweigen von meinem ersten Gedanken: was geschah wohl mit den alten Thaimodellen? Fürchterlich. Auch dieses junge frustrierte Elternpaar in der Bahn, das das Leben zusammengeschüttelt hat, wie es mit Kleinstprodukten auf einem Rüttelband geschieht, welche man aus den Propagandafilmen des Fernsehens kennt, die in reisserisch wochenschauhaftem Ton die industrielle Fertigung verherrlichen. Die weiblichen Kurven, der wohl einst anmutig gebauten Mutter, die im Begriff sind, von Tiefkühlfett egalisiert zu werden, der Swarovskistein, der zwischen ihren spitzen Nagerzähnchen aufblitzt, wenn sie den Zwillingskindern, die bleich und verschüchtert in ihrem Zwillingskinderwagen kauern, ungehaltene Anweisungen zubellt und der Bürstenhaarschnittvater an ihrer Seite, mit großen Schuhen und eingefallenen Wangen, eine gebrochene, eine käthekollwitzsche Existenz. Hier gilt das Leben nichts, es ist ein hässliches Land, von Würmern besiedelt, es ist Ostdeutschland. Kinder und alte Thaimodelle enden in der Tiefkühltruhe oder Spaziergänger machen einen grausigen Fund im Unterholz, man kennt das aus dem Fernsehen.
Ich sitze übrigens momentan auf meinem italienischen Dreitausendeurosofa in meinem mondänen Westendappartement und trinke eine schöne Tasse Kaffee. Die Tasse ist auch ohne Kaffee sehr schön – sie ist von Villeroy & Boch®. Es ist ja immer zum lachen, wenn Menschen sagen, sie würden jetzt eine schöne Tasse Kaffee trinken. Besser noch, wenn sich Menschen eine schöne Tasse Kaffee gönnen, als sei die schöne Tasse Kaffee, eine, wenn auch nur kleine, so doch überaus verdiente Zäsur in einem puritanischem, von Entbehrung und Lohnarbeit geprägtem Leben.
Es stellt sich die Frage, was ist an der Tasse Kaffee schön, wenn beispielsweise das Matterhorn auch schön ist, oder eine Frau schön ist. Was eint also das Matterhorn, die Tasse Kaffee und die Frau (die nicht hübsch ist, da sie schön ist)? Ist es dumm, eine Tasse Kaffee als schön zu bezeichnen, wenn das Matterhorn – das auch als erhaben bezeichnet werden kann – als schön bezeichnet wird, oder ist es vielmehr ein Indiz für die Weisheit des Kaffeetassenschönfinders; ist doch das Entdecken von Schönheit in den Dingen, wenn auch nur in aufblitzenden Spuren, die Fähigkeit des wahren Schöngeistes, der die Schönheit nicht nur in den Künsten und der Natur entdeckt, sondern auch in den unscheinbaren, den profanen und künstlichen Dingen. Das einende Element ist wohl die positive Empfindung die das Schöne im Gehirn des Betrachters, des Fühlenden hervorruft, ein chemisches Wohlfühltheater also.
Kann aber etwas schön sein, wenn ich es in eine Staffelung zu anderen, mehr oder weniger schönen Dingen bringen kann, also wenn ich das Matterhorn schöner finde als die Frau oder umgekehrt? Nehme ich an, es gibt so eine Staffelung, wann hört das Bezeichnete auf, schön zu sein, wann beginnt das Gewöhnliche, wann das Hässliche? Wenn das Minderschöne folglich auch immer das Gewöhnliche, das Hässliche in sich trägt, kann es dann überhaupt schön sein? Oder ist das wahrhaft Schöne vollkommen schön und der nötige Kontrast, um das Schöne als schön empfinden zu können, befindet sich an einem anderen Ort, jedenfalls in einem anderen Ding. Gewiss ist wohl, daß die Schönheit der Frauen und die Schönheit der Kaffeetassen vergänglicher, sowie stärker dem Wertewandel, dem veränderlichen menschlichen Schönheitsideal unterworfen sind als das Matterhorn. Das Matterhorn ist, wenn nicht ewig, so doch sehr lange schön, am schönsten vielleicht, weil es der Archetyp des Berges ist – Emblem des Alpinismus allemal. Frauen sind jedoch nicht unweigerlich am schönsten, nur weil sie breite Hüften und große Brüste haben, wie die Venus von Willendorf beispielsweise…

A Day in the Life

Die Polizeibeamten, die im Schatten ihres Kleintransporters kugelsichere Westen anlegen, Handschuhe anziehen, um dann den Bahnsteig entlang zu patrouillieren.
Der junge Mann in der Kaufhauspassage, der in der Verkleidung eines mittelalterlichen Händlers, hinter der Theke eines antik gebeizten Holzhäuschen steht, um Lebkuchen zu verkaufen. Das Dach der Verkaufsbude hat eine dicke Schneedecke aus Kunststoffflocken, und der mutmaßlich unterbezahlte Pseudo-Knappe drückt nebenher die Tasten seines Mobiltelefones, er trägt wildlederne Stulpenstiefel, einen geschoppten Wams und einen Hut mit einer langen Feder.
In der Augenarztpraxis bekommt ein Mann seine sehr starke Sehschwäche attestiert und an seiner Kleidung wird eine gelbe Anstecknadel mit drei schwarzen Punkten befestigt, er wird dabei bald geführt, bald gestützt von einer jüngeren Frau – vielleicht seine Tochter, vielleicht seine wesentlich jüngere Gattin.
Handelt es sich also um Indizien für die Gültigkeit von speziellen Modellen, nach denen das Weltgefüge ewig abläuft, wenn man kulturhistorisch bedingte Parameter herausgerechnet, wie die Bedrohung durch Schußwaffen, die Medizin, Matrixfehler oder den Surrealismus, von Anbeginn an, oder sind es einfach nur nicht erweiterbare Unterklassen des Prinzips Großstadt?
Wie die Medien berichten, wenn ein Flugzeug abstürzt und alle Passagiere verbrennen. Es ist einerseits ein betrübliches, ein trauriges Ereignis, wenn Technik versagt und wenn Leben erlischt. Aber es lässt sich ein Modell bilden für das Leid und die Niederlage: die Flugzeuge dieser Serie hatten beispielsweise gravierende Mängel in der Konstruktion, wie herausgefunden wurde oder der Pilot war betrunken. Muss die Kontrolle der Luftfahrtgesellschaften verschärft werden, wie sicher ist das Fliegen heute, sind Fragen, die die Medien aufwerfen, um, vom uns umfangenden Tod, vom ewigen Scheitern der Technik abzulenken, das Grauen auf eine erträgliches, somit verkäufliches Maß – ein Maß an Wirklichkeit, das menschliche Handlungsfähigkeit suggeriert, herunterzuschrauben.
Die kugelsicheren Westen, als symptomatisch für die Bedrohlichkeit des kriminellen Bahnhofsmilieus, die Skrupellosigkeit und Verruchtheit des Verbrechens allgemein, als wäre mein Gehirn das Boulevardfernsehen, werden die – dem christlichen Topos Babylon zugehörigen – Bilder von im Erbrochenen Schlafenden, von fortgeworfenen Einwegspritzen, an denen geronnenes Blut haftet, von hysterischen Huren, hoffnungslosen Trinkern und im Rausch erhobenen Waffen innerlich eingeblendet.
Der historisierende Lebkuchenhandel, der den Passanten manufakturartige Produktionsmethoden und Klimakitsch vorgaukelt; Insignien eines Lügengebildes, die ich gedanklich versucht bin, mit einem Flammenwerfer auszumerzen, da sie so sehr falsch und schädlich scheinen.
Dann das Anstecken eines Emblems des Verfalls, das im Wartezimmer, unter den Augen der anderen Wartenden stattfindet; das Geführt werden, die Furcht – meine Furcht vor dem Zerfall des Gewebes, daß sich das Auge trübt konkret, ferner vor dem Eindringen von Viren und Krankheiten in den Körper – dieses verletzliche Fleischvehikel, das Ermatten der Körperfunktionen, das in Auflösung begriffene, vergessliche Gehirn; Synapsen die erlöschen, Zellen, die nicht mehr – nie mehr mit Sauerstoff versorgt werden und so fort.
Später am Nachmittag, da die Sonne hinter ein finsteres, oben eisblaues Wolkenband sinkt und sich oben kalt und schwarzblau das All wölbt, stellt sich kein plumpes Trugbild ein, aber eine diffuse Gewissheit von Wahrheit und Endlosigkeit.

Das Universum ist überfüllt mit nutzlosen Planeten und Sternen in traurigen Farben

Die Mehrzahl der Christen betrachtet die Kirche bekanntlich als spirituellen ADAC. Man sieht die Kirche als pittoreske, leicht angestaubte Institution an, deren Kernkompetenz in der Bereitstellung eines romantischen Ambientes für Hochzeiten, wie in der feierlichen Endlagerung menschlicher Gebeine liegt. Das grundlegende Problem liegt m.E. in der heutigen Selbstwahrnehmung der Kirche als Wasenmeister mit Meinungsbildungsambitionen. Zumeist sind es sehr schlechte, wenigstens apodiktische Meinungen, wie man weiß, die in den mangelhaft geheizten und finsteren Sakralimmobilien den Schäfchen in pastoraler Strenge zugeraunt werden. Wäre ich die Kirche, würde ich beispielsweise sagen, der von uns postulierte Widerspruch zwischen Evolutionstheorie und der in der Bibel beschriebenen Schöpfung ist falsch, wir haben das nochmal nachgelesen, die entsprechenden Passagen literarisch betrachtet und unsere Meinung revidiert. Unser gotteslästerliches Treiben ist uns nun sehr peinlich und wir werden Asche auf unser Haupt streuen, einigen Kirchen den roten Hahn auf’s Dach setzen oder wenigstens in Großraumdiscos mit Tabledance umwandeln. Zweifelten wir doch mit unseren Aussagen an der Größe und Unfehlbarkeit des Herrn, würde ich beschämt sagen, wäre ich die Kirche. So würde doch jeder weltliche Techniker, ein Designer oder ein Programmierer beispielsweise, danach trachten, je komplexer eine Aufgabe ist (wenn auch alle weltlichen Problemstellungen ungleich minder komplex als die Schöpfung des Lebens sind), desto mehr an Routinen, künstliche Intelligenz und Content-Management zu deligieren, da die manuelle Verstrickung in Details bekanntlich total nervt, ja eine sinnlose Sisyphosarbeit darstellt, die den Blick für den großen Plan entgleiten lässt. Das wusste der Herr schon vor x Millionen Jahren, da er eben Gott ist, Topchecker und Superuser in Personalunion. Hier die Flora, da die Fauna, zack, und alles mit selbstregulativer Technik ausgestattet, der Fähigkeit sich durch Mutation und Selektion der jeweiligen Entwicklungsstufe anzupassen, wie ein Handschuh, würde ich sagen, wäre ich die Kirche, und alle würden denken, ja, genau, jetzt fällt es uns auch wie Schuppen von den Augen.
Gestern las ich im Internet eine Liste, die prominente Mitglieder der Church of Satan aufführt, unter anderem Sammy Davis Jr. und Marc Almond. Interessant nicht? Weiters erfuhr ich durch die Wikipedia mit einiger Erheiterung, daß Mangel an Ästhetik als satanische Todsünde gilt. Ich betrachtete dies schon immer als vor allem wichtigste säkulare Verfehlung überhaupt. Ferner erheiterte mich die Maxime Wenn dich ein Gast in deinen Räumlichkeiten belästigt, behandle ihn grausam und ohne Gnade, ein Wahlspruch, den ich meine Haushälterin anwies in sämtliche Sofakissen zu sticken. Mal abgesehen davon, daß ich mir nichts aus Schafsblut, dem despektierlichen Umgang mit Jungfrauen und ähnlichem abgeschmacktem Brimborium mache, ist Satanismus m.E. lediglich ein stimmungsvolles Sujet für Paperbacks mit Goldprägebuchstaben, sowie für Filme, die auf RTL2 ausgestrahlt werden; als ernst zu nehmender spiritueller Ansatz kann dieser alberne Mummenschanz nebst schaurigem Geraune (überhaupt, die Anbetung eines Querulanten des Himmels) nicht durchgehen, zieht doch der Satanismus seine Raison d'etre direkt aus dem Christentum – der Negierung des Christentums und ist somit per se abzulehnen, da ich auch jene Menschen strikt ablehne, die sich als Antifaschisten bezeichnen oder als Vegetarier. Seine Person über das Unterlassen einer Handlung (also Negerklatschen oder Bratwurstessen) zu definieren ist armselig und deutet auf einen dürftigen Charakter hin.
Der Verzehr von Fleisch ist jedoch insofern problematisch, ja unappettlich, als das der Verbraucher stets im ungewissen ist, ob er Nahrung zu sich nimmt, die kürzlich noch von Jörg Haider beseelt war. Ich liebe also dieses höchst unhöfliche rumfuhrwerken in der Reinkarnation von Seelen nicht, einem Gentleman verbietet sich folglich der Genuss von tierischem Gewebe.

Erster Entwurf für eine Architektur gegen den Menschen

Es sollte ein Labyrinth gebaut werden im Stile der Hecken-Irrgärten vergangener Jahrhunderte, von bislang unbekannter, also gigantischer Größe. Die Wege wären von meterhohen, schwarzen Stahlbetonsegmenten begrenzt, welche sich im Boden versenken oder emporfahren ließen und verliefen ohne deutliches Muster. Den bestehenden Lösungsregeln für komplexe Irrwegesysteme oder GPS entzöge sich das Labyrinth natürlich, da sich die Wände, einem raffiniertem Algorithmus folgend, hinter den Menschen öffneten oder schlössen. Es gäbe kein Entrinnen für den planvoll Handelnden, nur wer seinem Willen entsagte, sich dem Chaos hingäbe, fände früher oder später wieder aus dem Irrgarten heraus, wie behauptet werden würde. Gäbe es im Inneren eine Gaststätte, würden dort auf Fragen nach dem Weg nur kesse Antworten gegeben, die Bediensteten wüssten es ja selbst nicht. Bestellte der Gast eine Tasse Kaffee, so bekäme er beispielsweise eine Flasche Limonade. Spräche ein Gast vom Universum, so täte der Angesprochene so, als ginge es um die Zwergenmumie von Wyoming. Eine Gaststätte wäre hier kein Ort des Schutzes oder der Behaglichkeit, sondern ein Ort der besonderen Verzweiflung, weit entfernt von den Ränder des Irrgartens aber natürlich nicht in seiner Mitte.

Die Geburt der Fickperipherie aus dem Geist der Romantik

Sprache ist ja keinen müden Pfifferling wert, wie sich unschwer nachweisen lässt. Wenigstens zur Kommunikation, zur Darstellung einer gewissen Form von Komplexität ist Schriftsprache, auch gesprochen, weitgehend nicht geeignet. Neulich wurde ich nämlich per Direct Message von einer geschätzten Bekannten gefragt, ob ich nicht ein Hotel in Berlin empfehlen könne, in dem sich ein Schäferstündchen durchführen ließe. Als ich die Frage, da selbst ratlos, weiterreichte an eine weitere Bekannte, die mit Gastronomie ihren Lebensunterhalt bestreitet, entspann sich ein kontrovers geführtes Gespräch um den Begriff der Romantik. Sollte ich das Bild einer romantischen Herberge entwerfen, so stünde diese am Ende eines geschlungenen, von blauen Blumen gesäumten Waldweges, der hoch und höher in die nebelumtosten und tannenrauhen Bergen führt, eine leicht ruinöse, aber irre malerische Mühle vielleicht, am rauschenden Bach gelegen; dieses Bild, das Joseph von Eichendorff, Novalis und diese anderen Typen in unseren Gehirnen installiert haben als Ausstülpung eines melancholischen Gemütszustandes. Romantisch also als Adjektiv zu Romantik. Ein romantisches Hotel ist in Berlin demnach nicht verfügbar, folgt man dieser Definition. Allerdings hat sich offenbar in der laxen Verwendung von Sprache ein Romantikbegriff etabliert, der alles bezeichnet, was irgendwie amourös ist und ein Gefühl von Wärme generiert. Im Falle des imaginierten Hotelzimmers für sogenannte romantische Stunden zu zweit, wären das Himmelbetten, Whirlpools, orangene Kerzen, Duftlampen, seidenartige Baldachine, pailletenbestickte Kissen und schmiedeeiserner Scheißdreck. Es handelt sich also bei romantischer Einrichtung tatsächlich um Fickperipherie, die über die übliche, Ficken bereits als übliche Standardhotelbeschäftigung enthaltene, Funktionalität eines Hotelzimmers hinausgeht. (Die süßliche Verklärung von Funktion hier als Indiz für Kitsch.) Allerdings ist der von mir eingeführte Neologismus der Fickperipherie natürlich total unromantisch, wenn man dieser letzteren, etwas diffusen Definition von Romantik anhängt.
Symbolbild Fickperipherie
Innenarchitektur im Dienste des Geschlechtsverkehrs. Links im Bild: Neuschwanstein als Archetyp des Kitsches.

Während des Gesprächs musste ich dauernd an die Erzählung Ein Tisch ist ein Tisch von Peter Bichsel denken, die ich als Kind las, und die, wie ich finde, eine vorzügliche Einführung in die Semiotik und die Dekonstruktion von Zeichen und deren Bedeutung darstellt, auch wenn sie etwas zu pädagogisch ist.
Nun sind aber die Freunde des Kitsches, wenn auch unbewusst, bekanntlich gnadenlos in der Aneignung von Kulturgut, um es zurechtzustutzen und ihren Bedürfnissen gerecht zu machen, gleichsam zu verstümmeln.
Mondaufgang über dem Meer
Mondaufgang über dem Meer, Caspar David Friedrich, 1819


Präkoitale Situation
Sonnenuntergang als präkoitale Situation.

Sind die Bilder der Romantik, namentlich die Rückenbilder von Caspar David Friedrich, wenn auch im Kern ebenfalls kitschig, eine Darstellung der inneren Landschaft von Individuen, gleichsam die materialisierte Melancholie des Menschen in Angesicht einer raumgreifenden Moderne, so verbleibt beim Kitschgenre romantischer Sonnenuntergang zu zweit nur noch das Süßliche und die fanatische Verherrlichung der heterosexuellen Zweierbeziehung.
Als ich meine Gesprächspartnerin nun, statt einer Definition, bat, ihren Begriff der Romantik, einer idealen romantischen Situation in ein Bild zu kleiden, führte sie ohne zu Zögern jene Zeichentrickszene an, in der die beiden verliebten Kitschhunde Susi und Strolch, gemeinsam ein Nudelgericht verzehren und sich dabei in innigster Zweisamkeit eine Nudel des Typus Spaghetti teilen. Ungeheuerlich! ruft der Bildungsbürger, gut so, sage ich.
Pastapunk
Susi und Strolch in Teilung einer Nudel begriffen.

Unabhängig vom marginalen Bedeutungswandel der Sprache durch Zeit und gesellschaftlichen Wandel führt eine derartig beispielhafte Dekonstruktion von Bedeutung einerseits dazu, daß die Menschen nicht mehr sinnvoll verbal kommunizieren können, jedenfalls wenn sie Worte verwenden wie Romantik, Schönheit, Kunst, Design, Liebe und Geist beispielsweise, andererseits wird dem klassischen, zu unrecht glorifiziertem Kulturerbe des deutschen Bildungsbürgers nicht mehr der hündische Respekt zuteil, den schrullige Germanisten und Revisionisten jedweder Couleur von der Jugend einfordern. Es lebe die Popkultur und das große Gefühl, nieder mit der deutschen Romantik, der Scheißklassik ohnehin, Goethe natürlich, nieder auch mit Thomas Mann, der bekanntlich sein literarisches Œuvre so bürokratisch und ergebnisorientiert schuf, wie andere Menschen Homebanking betreiben oder im Internet Hundefutterdosen nachbestellen, dessen Romane, von den Buchgemeinschaften schweinsledern gebunden, zumeist ungelesen in den hintersten Ecken der Wohnzimmerschränke des Gelsenkirchener Barocks verschimmeln und in ihrer epischen Schwartenhaftigkeit, den deutschen Großschriftsteller zum Dan Brown der Weimarer Republik machen. So. Mehr

Bullerbü 2011

Ich esse ein Gorgonzolatoast auf dem Balkon und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Die Flügelschläge gravitätischer Gänse vor blass durchsonntem Cyanhimmel. Väter, Mütter, Kinder, Hunde und Kinderräder. Es herrscht Kaiserwetter. Bekanntschaften und berufliche Pläne aus denen was wurde. Menschen, die sich eine eigene Primärgruppe aufbauten, mit aller erforderlichen Peripherie wie Elektro-Vertikulierern, Playmobil-Tankstellen, Messerblöcken, Terrakottagänsen und Family-Vans. Das Leben lässt sich auch als lebenslänglich und pragmatisch zu lösende Logistikfrage betrachten. Kleinschrittige materielle und soziale Strukturbildung, die das Weltall und das schwarze Tier in behaglich unsichtbare Ferne rücken. Geliebtes kleines Pflaumenkuchen-Universum. Auch der betrunkene Fahrgast, der tourettesyndromhafte Satzfetzen wie Du katholische Fotzensau ins Nichts des nächtlich verlassenen Bahnhofs unten kreischt und sodann einen gurgelnden Schwall ins Gleisbett speit, ist was – nur kein sinnvolles Glied der Gesellschaft. Mein Beitrag zum Gedeihen des deutschen Vaterlandes liegt im wesentlichen darin, daß ich Steuern bezahle; ich reproduziere mich nicht und ich schaffe kein Weltkulturerbe. Allerdings stelle ich mich auch nicht offen feindlich gegen die Gesellschaft durch nächtliches Lärmen, aufs Perron Erbrechen oder das mutwillige Zerschlagen von Leergut. Programmatisch gesehen bin ich quasi die SPD der Asozialen.

Die Apokalypse kündigt sich heuer durch zwei Zebrafinken an

Jesus ist unsere Zukunft, ruft eine Frau schon von Ferne, während sie auf dem nassen Laub mit dem Fahrrad einhändig lenkend, auf mich zuschlingert. Sie trägt selbgestrickten Schal, Mütze, Handschuhe und Stulpen aus rosa Glitzerwolle und streckt mir einen kleinen Kalender für 2008 entgegen — offenbar als Geschenk. Übrigens in jeder Hinsicht, sagt sie, entweder als Erlöser oder aber als Zerstörer, und ihre unsteten Augen glänzen und strahlen in reinstem bleu obwohl sie scheinbar Mitglied einer ulkigen Endzeitsekte ist. Ich so (in Gedanken), aha, dieser Jesus ist also so ein Typ wie Rambo, nämlich Märtyrer und Vollstrecker in einer Person. Durchaus ein neuer Aspekt für mich. Danke für die Info! Kontrapunktisches Element der Situation ist nun aber der mir angediente Kalender. Zeigt doch das Deckblatt zwei einträchtig auf einem Zweige in der Sonne sitzende Zebrafinken, welche die Schnäbelein in zärtlichster Innigkeit aneinander reiben. Stunden später fällt es mir wie Schuppen von den Augen, es handelt sich natürlich um ein Symbolbild: der eine Vogel heißt Erlösung, der andere Zerstörung, die zu überwindende Dualität materialisiert sich in den Körpern zweier verschmelzender Zebrafinken. Auf deutsch gesagt: der Heiland hat einfach keinen Bock mehr bei seinem nächsten Erscheinen auf diesem Planeten wieder Bart und Sandalen zu tragen.

Wanzensekret

Vorhin, als ich im grauen Nieselregen, auf dem Weg in den Supermarkt, eine triste Grünanlage durchquerte, fiel eine Wanze wohl von einem der kahlen Äste herab und fand, von mir unbemerkt, Halt an meinem linken Hosenbein. Als ich später den Fremdkörper an meinem Bein halb bemerkte und ihn in Gedanken reflexartig mit der Hand abstreifte, purzelte das Tier zunächst auf den Boden, rappelte sich jedoch geschwind auf und taumelte, die Flügelchen entfaltend, in ein finsteres Gebüsch. An meinen Fingern haftete nun ein ein recht penetranter Gestank, der auch nach gründlichem Händewaschen nur einen Deut nachließ. Allerdings gewinnt der Geruch mit der Verdünnung merklich. Wäre ich Duftdesigner, so inspirierte mich das, meinen gen Nase geführten Fingern entströmende, wilde, herbmännliche, etwas moribunde und zugleich bodenständige Aroma — des von der Brustdrüse der Wanze abgesonderten Wehrsekrets — zu einem Aftershave. Vor meiner geistigen Nase nähme schließlich eine komplette Pflegeserie für den Herrn Gestalt an, mit Shampoo, Deo-RollOn, Intimlotion undsofort. Für das Marktsegment der frustrierten, heterosexuellen männlichen Mittelschicht jenseits der Vierzig, den kleinwüchsigen leitenden Angestellten und ewig Zurückgesetzten, die von Gram zerfressen — wohl für immer — lediglich niedere Stellungen bekleiden werden, in provinziellen, mittelständischen Unternehmen, welche schon einmal bessere Tage sahen. Recht protzige Flakons aus anthrazitfarbenem Rauchglas würden es wohl werden, für deren Form die charakteristische Silhouette eines Wanzenkörpers Pate gestanden hätte. Oder auch entfernt wie eine Urne, irgendwie mit Metallic und geilen Buchstaben, die ewige Jugend verheißen.

Ostdeutschland riecht nach Wurst und Weichspüler

Ich bin mir nicht schlüssig ob mich die Bevölkerung der deutschen Provinz so befremdet, ihre schwieligen Pranken, die mangelhafte Schöngeistigkeit und das daraus resultierende rüde Auftreten, oder ob es speziell die männliche ostdeutsche Landjugend ist. Diese von Aknepusteln gezeichneten, grünschnäbligen Bundeswehrsoldaten, die im gleichen Eisenbahnabteil sitzen, deren Gespräche ich lieber nicht hören würde, mir aber nicht die Ohren zuhalten kann, da ich im Begriff bin einen Apfel zu essen. Solche Kanaillen sind nicht mal im Sinne der Landesverteidigung tauglich, ich bezweifle, daß diese Rotzlöffel im Dunkeln einen Lichtschalter finden, geschweige denn ein Maschinengewehr richtig zusammensetzen können. Das Heer besteht wohl aus Idioten, eigentlich gut, führt — nach einigem hin und her und aus dem Fenster blicken — der sonst schweigsame pazifistische Teil meines Gehirns aus, so geht von Deutschland keine ernstliche Bedrohung mehr aus, da die Truppe durchsetzt ist von Amechanie, von unfreiwillig schwejkscher Sabotage: Panzer die im Schlamm stecken bleiben, Granaten die in den eigenen Gräben explodieren und fettleibige Soldaten, für die befohlene Gewaltmärsche bereits nach fünf Kilometern enden mangels Kondition. Der Marsch auf Stalingrad könnte also heute nur in klimatisierten Reisebussen durchgeführt werden und würde so schon recht bald, vermutlich an der Grenze zu Polen vereitelt werden. Wenn wenigstens Demut das Produkt nächtlicher Übungen im Schlamm wäre, hätte die Bundeswehr doch eine für mich immerhin nachvollziehbare und sinnvolle Funktion. Äpfel esse ich unterwegs immer im Ganzen, lediglich den Stiel verschmähe ich und werfe ihn fort. Zuhause jedoch mache ich mir Äpfel mit dem Messer zurecht, entferne das Kerngehäuse und den verschrumpelten Blütenansatz.

Diariophobia

Das pathologische Meiden der prominenten Verwendung des Personalpronomens ich in Weblogeinträgen.

Marstransit oder sowas

Kürzlich hing der Mond groß und träge unweit des Horizontes, dunkelorange, fast rostrot glühend, wie ein überreifer, bereits halbseitig von Schimmel überpelzter Pfirsich den qualitätsbewusste Verbraucher an der SB-Theke beiseite legten.

Bronsonesker Stoizismus

An manchen Tagen ist Berlin wie eine über Fliesen kratzende Diamantnadel. Autofahrer, die laut hupend auf — in ihren Augen zu langsam die Straße überquerende — Fußgänger zurasen. Heisere Junkies, die mit vorquellenden Augen irgendwas rumbrüllen. Kotze, Glasscherben, Freaks und Mutanten an jeder Ecke. Anderntags macht der Busfahrer, der schon an der roten Ampel steht, nochmal die Tür auf. Unbekannte unterhalten sich an der Haltestelle. Man sagt Tachchen, Namt und Danke; also fast schon höflich für Berliner Verhältnisse. Und Tage die so lala sind, irgendwie dazwischen und grau; alle sind schweigsam und deprimiert, auch die Arschlöcher halten den Mund. Was bestimmt tatsächlich die kollektive Stimmung Berlins? Mondphasen, Feinstaub, die Antibabypille im Trinkwasser oder der Marianengraben vielleicht? Sicher ist die Antwort sehr kompliziert.

Der Biberstaat

In einem blühenden Land herrschten Vögel über die Bewohner von Wald und Flußauen. Seit jeher erwirtschafteten die Biber den Bärenanteil des nationalen Reichtums. Ihre Holzwirtschaft und ihr Wissen um die Baukunst galt über Ländergrenzen hinweg als meisterlich. Der Biberstaat wuchs und gedieh, während es sich die Vögel in ihrem Baumhaus wohl sein ließen. Mit den Jahren kamen und gingen die Kraniche, Gänse und Raben und alles schien auf ewig gut. Den Wölfen, die in öden Teilen des Waldes lebten, oblag es, die im Staate anfallenden niederen Tätigkeiten auszuführen. Aas und Abfälle zu beseitigen, mit bloßen Pfoten Brennesseln auszugraben und Himbeeren zu ernten, ohne selbst von den Früchten naschen zu dürfen. Ihnen verblieb das mindere Fleisch, welches die Raben verschmähten. Zu ihrer Aufmunterung ließen die Vögel, tönerne, mit Bier gefüllte Krüge im Wald aufstellen. Und die Wölfe labten sich an den Krügen und versanken in traumlosen Schlaf. War ein Tier schwach und alt geworden, so nährte es ein, von den Vögeln verteiltes, Gnadenbrot. Mehr

Homebanking auf Flokatiteppich

Weitläufige Büroräume sind von hell-diffusem Licht durchflutet. Vor einem Computerbildschirm hat sich eine kleine Gruppe Menschen in Betrachtung eines Diagrammes versammelt. Eine sitzende, den Computer bedienende Frau, mit zum Pferdeschwanz gebundenem blonden Haupthaar in einem silbergrau gepflegtem Kostüm hebt euphorisch den Daumen ihrer rechten Hand. Sie wird flankiert von zwei stehenden Männern in vorzüglich geschnittenen anthrazitfarbenen Anzügen. Der Mann zur linken deutet freudig lachend auf den Monitor, der andere, mit südländisch dunklem Teint, ballt symbolhaft die Fäuste und streckt diese, den Arm leicht anwinkelnd, in spontaner Begeisterung gen Bürodecke. Alle Dargestellten vermögen, den in der Infografik verklausulierten materiellen Erfolg als solchen zu deuten. Das strahlend weiße Lächeln tadellos gepflegter Zähne bestimmt die Szenerie. Mehr

Das ist Design

Hier im Supermarkt werden auch vermehrt billige Elektrogeräte angeboten, das ist ja heutzutage alles mit Design. Kriegt man nicht mehr ohne, der Kunde verlangt das so. Kann man nichts machen, in Kartons auf denen Design steht, ist mit Sicherheit ein schlechtes Produkt enthalten. Formal mangelhafter Kitsch und disfunktionaler Schrott. Eierkocher, die ihre Funktion als Elektrogerät verschleiern und aussehen wie ein Huhn. Alles ein Stück, ein Gehäuse ohne Schrauben. Oder hier eine schöne Design-Fritteuse, der unergonomisch labile Griff gefährlich expressiv geformt aus silbernem Plastik, dem Kitschmaterial schlechthin. Hauptsache es sieht aus! Auf den Wühltischen wird definiert was Design ist, jetzt weiss ich, wieso Menschen mit dem Sternbild Terrakottaente Aszendent weinender Clown mitunter so sehr abstruse Vorstellungen von der Aufgabe von Designern haben. Design ist eben irgendwie glänzend, mit großen Knöpfen, orange oder ein wenig lindgrün vielleicht. Das ist alles, so einfach ist das.

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