Hightatras:


Modelle

Die Geburt der Fickperipherie aus dem Geist der Romantik

Sprache ist ja keinen müden Pfifferling wert, wie sich unschwer nachweisen lässt. Wenigstens zur Kommunikation, zur Darstellung einer gewissen Form von Komplexität ist Schriftsprache, auch gesprochen, weitgehend nicht geeignet. Neulich wurde ich nämlich per Direct Message von einer geschätzten Bekannten gefragt, ob ich nicht ein Hotel in Berlin empfehlen könne, in dem sich ein Schäferstündchen durchführen ließe. Als ich die Frage, da selbst ratlos, weiterreichte an eine weitere Bekannte, die mit Gastronomie ihren Lebensunterhalt bestreitet, entspann sich ein kontrovers geführtes Gespräch um den Begriff der Romantik. Sollte ich das Bild einer romantischen Herberge entwerfen, so stünde diese am Ende eines geschlungenen, von blauen Blumen gesäumten Waldweges, der hoch und höher in die nebelumtosten und tannenrauhen Bergen führt, eine leicht ruinöse, aber irre malerische Mühle vielleicht, am rauschenden Bach gelegen; dieses Bild, das Joseph von Eichendorff, Novalis und diese anderen Typen in unseren Gehirnen installiert haben als Ausstülpung eines melancholischen Gemütszustandes. Romantisch also als Adjektiv zu Romantik. Ein romantisches Hotel ist in Berlin demnach nicht verfügbar, folgt man dieser Definition. Allerdings hat sich offenbar in der laxen Verwendung von Sprache ein Romantikbegriff etabliert, der alles bezeichnet, was irgendwie amourös ist und ein Gefühl von Wärme generiert. Im Falle des imaginierten Hotelzimmers für sogenannte romantische Stunden zu zweit, wären das Himmelbetten, Whirlpools, orangene Kerzen, Duftlampen, seidenartige Baldachine, pailletenbestickte Kissen und schmiedeeiserner Scheißdreck. Es handelt sich also bei romantischer Einrichtung tatsächlich um Fickperipherie, die über die übliche, Ficken bereits als übliche Standardhotelbeschäftigung enthaltene, Funktionalität eines Hotelzimmers hinausgeht. (Die süßliche Verklärung von Funktion hier als Indiz für Kitsch.) Allerdings ist der von mir eingeführte Neologismus der Fickperipherie natürlich total unromantisch, wenn man dieser letzteren, etwas diffusen Definition von Romantik anhängt.
Symbolbild Fickperipherie
Innenarchitektur im Dienste des Geschlechtsverkehrs. Links im Bild: Neuschwanstein als Archetyp des Kitsches.

Während des Gesprächs musste ich dauernd an die Erzählung Ein Tisch ist ein Tisch von Peter Bichsel denken, die ich als Kind las, und die, wie ich finde, eine vorzügliche Einführung in die Semiotik und die Dekonstruktion von Zeichen und deren Bedeutung darstellt, auch wenn sie etwas zu pädagogisch ist.
Nun sind aber die Freunde des Kitsches, wenn auch unbewusst, bekanntlich gnadenlos in der Aneignung von Kulturgut, um es zurechtzustutzen und ihren Bedürfnissen gerecht zu machen, gleichsam zu verstümmeln.
Mondaufgang über dem Meer
Mondaufgang über dem Meer, Caspar David Friedrich, 1819


Präkoitale Situation
Sonnenuntergang als präkoitale Situation.

Sind die Bilder der Romantik, namentlich die Rückenbilder von Caspar David Friedrich, wenn auch im Kern ebenfalls kitschig, eine Darstellung der inneren Landschaft von Individuen, gleichsam die materialisierte Melancholie des Menschen in Angesicht einer raumgreifenden Moderne, so verbleibt beim Kitschgenre romantischer Sonnenuntergang zu zweit nur noch das Süßliche und die fanatische Verherrlichung der heterosexuellen Zweierbeziehung.
Als ich meine Gesprächspartnerin nun, statt einer Definition, bat, ihren Begriff der Romantik, einer idealen romantischen Situation in ein Bild zu kleiden, führte sie ohne zu Zögern jene Zeichentrickszene an, in der die beiden verliebten Kitschhunde Susi und Strolch, gemeinsam ein Nudelgericht verzehren und sich dabei in innigster Zweisamkeit eine Nudel des Typus Spaghetti teilen. Ungeheuerlich! ruft der Bildungsbürger, gut so, sage ich.
Pastapunk
Susi und Strolch in Teilung einer Nudel begriffen.

Unabhängig vom marginalen Bedeutungswandel der Sprache durch Zeit und gesellschaftlichen Wandel führt eine derartig beispielhafte Dekonstruktion von Bedeutung einerseits dazu, daß die Menschen nicht mehr sinnvoll verbal kommunizieren können, jedenfalls wenn sie Worte verwenden wie Romantik, Schönheit, Kunst, Design, Liebe und Geist beispielsweise, andererseits wird dem klassischen, zu unrecht glorifiziertem Kulturerbe des deutschen Bildungsbürgers nicht mehr der hündische Respekt zuteil, den schrullige Germanisten und Revisionisten jedweder Couleur von der Jugend einfordern. Es lebe die Popkultur und das große Gefühl, nieder mit der deutschen Romantik, der Scheißklassik ohnehin, Goethe natürlich, nieder auch mit Thomas Mann, der bekanntlich sein literarisches Œuvre so bürokratisch und ergebnisorientiert schuf, wie andere Menschen Homebanking betreiben oder im Internet Hundefutterdosen nachbestellen, dessen Romane, von den Buchgemeinschaften schweinsledern gebunden, zumeist ungelesen in den hintersten Ecken der Wohnzimmerschränke des Gelsenkirchener Barocks verschimmeln und in ihrer epischen Schwartenhaftigkeit, den deutschen Großschriftsteller zum Dan Brown der Weimarer Republik machen. So.

Die Aneignung des klassischen Kulturerbes durch den militärisch-industriellen Komplex
Umstritten: die Aneignung des klassischen Kulturerbes durch den militärisch-industriellen Komplex.

Was bleibt sind letztendlich Bilder. Die geliebten Bilder! Bilder, die es so schon tausendmal gab, die nur formal immer weiter reduziert und verdichtet werden, schließlich völlig komprimiert zum Symbolbild, darin die ewigen Motive des menschlichen Leidens und die Auflösung im Tod, wie in einem dialoglosen Drama. Die Kontraste und Darstellungstechniken mit denen die Medien arbeiten, sind sehr realistisch und gut, speziell der Boulevard beherrscht diese Verdichtung vorzüglich, obschon die Wirklichkeit noch klischeehafter ist als das pathetischste Bild des allerreisserischsten Blattes. Die Wirklichkeit des menschlichen Lebens, wie ich sie sehe, ist gewissermaßen ein inhaltlich vielschichtiger, wenn auch äußerlich radikal reduzierter Holzschnitt.

9. August 2008
Kommentare:

Sie haben da ein schönes Wort erfunden - und der Rest des Textes gefällt mir auch ganz ausgezeichnet.Der letzte Absatz erinnert mich an einen Comic von Fil, in welchem die Moderatorin einer Talkshow sich darüber ereifert, dass man zu Beginn der Sendungen immer noch Schauspieler ins Studio geschickt hatte, die die Tragödien à la "Meine Mutter geht mit meiner besten Freundin ins Bett" darstellen sollten. Man stellte dann jedoch später erschrocken fest, dass sich viel mehr normale, nicht schauspielende Menschen mit ihren noch viel abstruseren Geschichten meldeten.

Sagte Maggi am 10. August 2008 um 20:54 Uhr

Witzig, auch ich musste an FIL denken, aber in einem ganz anderen Zusammenhang. Er stand mal auf der Bühne so da und dachte laut über Literatur und Poesie nach, und warum sein Gedicht "Stewardess, Stewardess, komm heraus aus deim Dress" so gut sei: Er könne nämlich mit wenigen Worten das wesentliche sagen, während andere das nicht vemögen. Beispiel Thomas Mann. An dieser Stelle blättert FIL diverse imaginierte Bücher durch, murmelt unverständliches Blabla mit einzelnen klar gesprochenen Satzteilen. Zauberberg blabla.. Venedig blabla.. usw. Nebensatz Nebensatz blabla.
Und all diese vielen Bücher und vieleren Worte nur, weil es ihm die ganze Zeit nicht gelänge, zu sagen, dass er schwul sei.

Das wollte ich nicht sagen. Nur: Toller Text.

Sagte SQ am 10. August 2008 um 21:38 Uhr

Frage: Menschen, die in der Romantik lebten, demnach nicht wussten, dass sie es tun, haben das Wort ja nicht gekannt. Haben die ausdrücklich nach einem Zimmer mit Fickperipherie gefragt?
Oder in zeitgemäßen, eher nüchternen Worten meinetwegen. Hobelkammer?
Da fällt mir Nagelstudio ein. Passt jetzt nicht. Merk ich mir aber.
Oder haben sie, getragen vom echten, reinen, mehr als nur die geschlechtliche Vereinigung bedeutende Romantikdings eher nach einem Zimmer, gefragt, in der sie mit der Liebsten einen Sonnenuntergang sehen können oder krüppelige Weiden oder Papierlampions der entfernten Bauern-Hochzeit.
Und hat man nicht DOCH gedacht: "Aber heute nacht wird gefickt"?
Da bei C. D. F. die Rückenpersonen. Vielleicht sind die zwar ganz anmutig in ein ozeanisches Wohlfühlplasma gepierct, denken aber auch nur an GV.
??
Weiss man nicht, oder?

Sagte SQ am 10. August 2008 um 21:48 Uhr

Nein, nein es wurde nach einem bezahlbaren Zimmer in Berlin gefragt, das auch die Möglichkeit bieten soll bis zum Äußersten zu gehen.


Meines Erachtens war der Romantiker des achtzehnten Jahrhunderts eher asexuell; sicher nicht der körperliche Landwirt oder Holzfäller, der eine Magd nach der anderen ins Stroh legte, aber so verhuschte Poeten sicher schon, einsame Landschaften und das in die rauhe Welt geworfene Individuum sind ja Standardmotive dieser überspannten Nachthemden.
Sie meinen also, das Bild Mondaufgang über dem Meer visualisiert recht poetisch den Samenstau des Mannes rechts? Interessant!


Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke auf andere von außen nach innen.
Caspar David Friedrich


Also erst weichkochen die Chicks mit Naturschauspiel und Innerlichkeit, dann beide ficken; klar, alter Stechertrick.


Möglich, aber m.E. doch eher unwahrscheinlich. Die Reduzierung von Romantik auf GV, ist doch eher den Kitschtanten von heute zu verdanken. Man muss ja sagen, daß Frauen der Motor dieser alles verzehrenden Romantikmaschine sind.


Einmal gegoogelt und ich möchte mich sofort übergeben, bei jeder Option dieses abgeschmackten Romantik-Psychotests beispielsweise.


Jedenfalls prägte ich den Begriff Fickperipherie um die Warenhaftigkeit von Sexualität, die Verkitschung der Welt sowie den Verlust des Glaubens an die Schönheit und noch ein paar andere Mißstände anzuprangern.
Bedauernswert übrigens auch die Kinder, die im Rahmen einer so entsetzlichen Erotik gezeugt werden.

Sagte No am 11. August 2008 um 0:06 Uhr

Dieser Test ist ein weiteres Steinchen in meinem Mosaik "Schlimmer Morgen".
Jetzt würde ich gerne eichendorffsch seufzen können.

Sagte SQ am 11. August 2008 um 9:58 Uhr

Lieber Hightatras,

abgesehen von dem erneut gnadenlos guten Text danke ich Dir für das Wort "Fickperipherie". Obwohl es sich angeblich nicht geziemt, werde ich es in meinen Wortschatz aufnehmen und diesem unseren Lebensumständen gemäß einen festen Platz zuweisen. Nämlich als Warnung für Behüter von nicht sterilisierten Hündinnen: Achtung, die Fickperipherie meines Rüden misst einen Umkreis von 5 Metern (Stoppleine). Ich hoffe, Du verzeihst mir den eher unromantischen Gebrauch Deines Wortes.

Gruß aus Hamburg
zaliha

Sagte miss_z am 12. August 2008 um 20:01 Uhr

So ein fast noch jungfräuliches Wort und schon ein wertvoller Bedeutungswandel. Toll! Und Danke.

Die metrische Darstellung von Hundesozialverhalten als Fick- und Beißperipherie (Rüde vs. Rüde) in Metern.

Sagte No am 12. August 2008 um 20:15 Uhr

Ah danke für dieses tolle Wort, ich werde mir erlauben das mal zu benutzen.
Vor einem halben Jahr suchte ich nach Hr. Bichsel und las mal wieder "den Tisch".
Fasziniert mich immer noch.

Sagte rollinger am 8. September 2008 um 9:31 Uhr










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