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Die Totenruhe
Der junge Arzt von kleinem Wuchs tritt, so seine Statur kompensierend, mit einigem Schneid auf. Lässt sich telefonierend auf die Sitzbank fallen und setzt mit durchdringender Stimme seinen monologischen Tagesbericht fort, eventuell spricht er mit seiner Sekretärin — alles für die Unterlagen. Knochenkrebs, Morphin, Metastasen, der Patient sprach darauf nicht an … jaja Exitus. Natürlich. Auf Nachfragen reagiert der Mediziner etwas ungehalten. So der nächste. Ein moribundes Telefonat und allgegenwärtig das Elend der Arbeiter, leider auch mit geschlossenen Lidern in Form von gegenstandslosem, gar gefährlichem Geplapper vor Augen; ich male mir im Geiste einen großen schwarzen Kopfhörer aus, dem alles übertönende Äolsharfen und seraphische Choräle entströmen. Es ist nicht das offensiv öffentliche Telefongespräch, es ist der Tod in seiner ganzen Banalität, der die Reisenden nervös mit der Zeitung rascheln oder verlegen räuspern lässt.
Menschliche Leiber sind der Werkstoff des Mediziners, die emotionale Bindung geht nicht wesentlich über die eines Kunsttischlers zu einer hundert Jahre alten Eichenbohle hinaus. Den meisten Menschen — so auch mir — fehlt wohl in gewisser Hinsicht eine realistische Sicht auf das Leben, so wie Gourmets nicht müde werden, immer kompliziertere Speisen zu ersinnen ohne den Stoffwechsel des Menschen als Ganzes zu betrachten, ja in letzter Konsequenz als überhaupt existent zu würdigen. Alle Welt verherrlicht die Schönheit der Jugend, nimmt das Alter zur Kenntnis aber ignoriert bekanntlich — sofern möglich — den Tod.
Die Gebeine der Toten — aus denen die Seele bereits entwich — zu zerhacken und Raubvögeln zum Fraß vorzuwerfen ist eine übliche Vorgehensweise, die sterblichen Überreste in eigens angelegten Gärten zu vergraben ist jedoch einmal eine gute Idee des Abendlandes.
Ich lebte einige Jahre in einer Wohnung, deren Balkon zu einem alten Friedhof mit zahlreichen alten Grüften ging. Manchmal wurde ich von leisem Schluchzen geweckt, wenn unter meinem Fenster im Morgengrauen Beisetzungen stattfanden. Einige davon waren allerdings auch nachgestellt — für Fernsehkrimis zum Beispiel. Nächtens sangen diverse Nachtigallen ihre anmutigen Melodien sowie ein schmales Füchslein ging im Mondschein seiner Wege.
Friedhöfe sind die besseren Parks, in denen sich die Lebenden und die Toten zwanglos und in Gedanken treffen — zudem bislang ohne grillende Proleten und ohne trommelnde Hippies. Still einem Eichhörnchen eine Nuss zustecken, einen Kinderwagen mit vorzüglich geölten Radlagern umherschieben oder bei einem Stück Käsekuchen in der Sonne sitzen, wie die zwei Gruftibräute von rubensscher Leibesfülle und kalkhaftem Teint. Wäre wohl eine Partie Federball auf dem Friedhof den Toten noch genehm?