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Homebanking auf Flokatiteppich

Weitläufige Büroräume sind von hell-diffusem Licht durchflutet. Vor einem Computerbildschirm hat sich eine kleine Gruppe Menschen in Betrachtung eines Diagrammes versammelt. Eine sitzende, den Computer bedienende Frau, mit zum Pferdeschwanz gebundenem blonden Haupthaar in einem silbergrau gepflegtem Kostüm hebt euphorisch den Daumen ihrer rechten Hand. Sie wird flankiert von zwei stehenden Männern in vorzüglich geschnittenen anthrazitfarbenen Anzügen. Der Mann zur linken deutet freudig lachend auf den Monitor, der andere, mit südländisch dunklem Teint, ballt symbolhaft die Fäuste und streckt diese, den Arm leicht anwinkelnd, in spontaner Begeisterung gen Bürodecke. Alle Dargestellten vermögen, den in der Infografik verklausulierten materiellen Erfolg als solchen zu deuten. Das strahlend weiße Lächeln tadellos gepflegter Zähne bestimmt die Szenerie.

Die künstliche Anmutung solcher Bilder ist verwunderlich für den, der in ihnen die direkte Nachbildung der Realität sucht. Ebenso wie die christliche Kunst merkwürdig arrangierte und gestikulierende Personengruppen in höchst codierter Umgebung zeigt, so folgt die kapitalistische Ikonographie ihren eigenen Regeln. Mit einem begrenzten, zunächst stereotyp anmutendem, Zeichenvorrat werden relativ komplexe Sachverhalte dargestellt. Ziel der christlichen Kunst war es Analphabeten die Inhalte christlichen Glaubens visuell zu vermitteln, die Aufgabe der Stockphotographie ist es die Werte und Glaubensgrundsätze des freien Marktes in trivialen Bildszenen einzufrieren und diese über Krankenkassenzeitschriften und Geschäftsberichte zu verbreiten. Eine omnipräsent behauptete gesellschaftliche Übereinkunft über das Wesen westlichen Lebens in Bildern.
Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die Photographien, die Menschen beim Internetsurfen oder Homebanking abseits des Arbeitsplatzes zeigen weniger albern. Nutzt der homo oeconomicus seinen Computer in der Freizeit, so liegt er in der Welt der Katalogphotographie entweder höchst unbequem auf dem Bauch auf einem weißen Flokatiteppich vor dem Kamin, oder verwindet, in einem reinlichen Himmelbett lagernd, seinen Blick verträumt dem Notebook zuwendend, die Wirbelsäule. Die Darstellungen zielen also nicht auf die ikonenhafte Abbildung von Menschen mit freier Zeit sondern auf eine eher abstrakte Metaebene. Ebenso wie das Lamm in der christlichen Kunst ist das mobil telephonieren in der Badewanne ein Symbol, daß über sich hinausweist.

6. April 2006
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