Man sieht hier noch das frühere Kino, später mit senfgeprenkelten Fliesen ausgekleidet zum Lebensmittelgeschäft, daß man mit dem Schlauch durchgehen könnte wenn nötig, die von schmalen Schlitzen durchbrochene Empore, von der die Filme durch einen – so stelle ich es mir vor – staubigen Saal an die Leinwand projiziert wurden. Eine Frau, wohl Russin oder Polin, die sich im Supermarkt mit zwei soeben gekauften Plastikbeuteln voller Blumenerde müht, so flachgepresste, die dann aber, sobald man sie unter den Arm zu klemmen versucht, nachgeben und schlapp in der Mitte durchhängen, zu sehr um sie würdevoll greifen zu können, zu wenig jedoch auch zum bruchfreien Falten des Gebindes. Da wendet sich schließlich die Kassierin in ihrem Drehstuhl der mutmaßlichen Russin zu, sie trägt eine Strickjacke mit Rentiermotiven, da Zugluft hier ein Problem darstellt, und die Tiefkühlregale ein zusätzliches an feuchter, an die Nieren gehender Klammheit aushauchen, und sagt – vielleicht auch weil sie mit der Russin vom Sehen bekannt ist, eine gut zahlende Kundin möglicherweise zudem, die auch Morchelöl oder andere hochpreisige und überkandidelte Waren kauft – sie kann den Einkaufswagen auch mitnehmen und später wiederbringen. Dabei blickt sie aber die Russin direkt an, so als spräche sie in der zweiten Person zu ihr, und lächelt etwas; die Angesprochene hat sich, der an sie gerichteten Worte wegen, aufgerichtet, von den Substratsäcken abgelassen und wischt sich schlanken Fingers einige Krumen von ihren safranfarbenen Hosenbeinen, die in blankgewienerten rotbraunen Lederstiefeln stecken. Will er den Kassenbon, sagt später die Kassiererin mich ansehend und mir zugleich das aus dem Drucker hervorkringelnde, zahlenbedruckte Papier mit fragender Geste hinstreckend.
Unversehens befinde ich mich in einem großstädtischen Tableau, einer Szene wie aus einem Bilderbuch, mit deutlichen Darstellern und emblematischen Ereignissen auf denen die dicken Finger von Kindern ruhen. Ein großes Auto hat sich auf der Fahrbahn quergestellt und ein kleines Auto ist in die Seite gescheppert. Alles kaputt. Der Fahrer des großen Autos steht auf der Straße und raucht lässig eine Zigarette, an sein rechtes Ohr hält er ein Telefon und spricht selbstsicher. Die Fahrerin des kleinen Autos ist auf ihrem Sitz zusammengesunken und schämt sich. Offensichtlich ist die Frau schuld. Ohne kleine Autos, keine großen Autos. Ich verlasse gerade eine Kleingartenanlage in der die Bäume knospen, einige blühen schon. Die Krume ist feucht und ein Hund kotete mit konzentrierter Mimik. Die S-Bahn donnert über einen nahegelegenen Bahndamm, daß die Büsche wogen. Eine kleine Kapelle tritt auf. Drei schnauzbärtige dunkle Männer, deren Oberbekleidung aus tarnfarbenen Uniformteilen und Turnhosen mit mangelhafter Paßform besteht und Schuhen, die am Hacken heruntergetreten sind. Schiefgelatscht, von mäandernden Falten zerbrochen. Und sie musizieren mit einer Trompete, einem Akkordeon und einer kleinen Trommel zum umhängen, inbrünstig, als trügen sie eine stumme Moritat vor, die von einem ethnischen Krieg berichtet. Und ein anderer Mann im Hintergrund hält Farbausdrucke in Din A 4 hoch, die belegen sollen, wie verschlagene Institutionen den Himmel verfinstern mit Flugzeugabgasen; der Mann hat nur noch wenige Zähne; ein vergilbter Schneidezahn ist sichtbar und er bittet um die Aufmerksamkeit der Menschheit. Ein Behinderter sitzt in seinem Rollstuhl und zuckt hospitalistisch. Eine Hälfte seines Gesichtes scheint zu fehlen, die Haut ist scharlachrot verfärbt und von geschwollenen schwarzen Warzen übersät. Der Behinderte steckt sich mit der Hand ein Wiener Schnitzel in den Mund; sein Mund ist sehr groß, ein Schlund vielmehr und dunkle Nüstern die unregelmäßig pfeifen. Die Szene ist schmerzhaft interessant und wird durch jenseitige Flaschensammler zu einer dixschen Collage des Leidens ergänzt. Mehr noch als das hübsche blonde Mädchen mit den feuchten braunen Augen, die anmutig Pralinés aus einer transparenten rosa Cellophantüte fischt.
Am Nachmittag vor dem bedeutenden Fußballspiel sah ich eine kleine Frau mit vielen Reisetaschen, Tüten und einem Rucksack auf dem Bahnsteig bei den Mülltonnen. Manche der Fußballfans die hier aussteigen sind schon blau und grölen, die meisten haben Bierpullen in der Hand. Die Frau ist extra angereist aus Ostberlin wegen der leeren Flaschen. Daß sie aus Ostberlin ist, erkenne ich an ihren Dederonbeuteln. Sie hat sehr viele Flaschen gesammelt, vor allem in diesen großen kubischen Einkaufstaschen aus geflochtenen blaurotweißen Plastikfäden. An der Leine hat sie einen kurzbeinigen weißen Hund mit schwarzem Punkt auf dem Auge. Als er sehr bibbert, nimmt sie ihn auf dem Arm und wiegt sich – die Augen geschlossen – mit dem Tier wie es die Verliebten tun. Und im Hintergrund steht die Polizei dabei, hochaufgeschossen und alert, in mitternachtsblauen Uniformen mit schwarzen Helmen und wirft ein gestrenges Auge auf die grölend in die Ränge der Kampfarena stampfenden Bacchanten. Sie sagt zu einer Stimme aus dem Off, daß oben am Stadion sehr agressive Männer stünden, die sich um die dort aus Sicherheitsgründen abzugebenden leeren Flaschen balgen würden. Eine Art Leergutmafia, von der sie auch schon körperlich bedroht worden sei. Sie trägt eine hellgrau halbtransparente Brille aus Hornimitat, die Haare sind helmartig frisiert und sie riecht nicht unangenehm wie der kleine Metallkasten mit Wachsmalstiften, den ich als Kind mal hatte. Ort und Zeitpunkt – kurz vor Anpfiff, unten auf dem Bahnsteig – ist die Nische, die die kleine Frau von kugeliger Statur selbstbewußt wie ein sich plusternder Darwinfink besetzt. Ein Hund der devot von ihrem Arm aufblickt und bald fünf Taschen voller Flaschen, deren Inhalt nun heiß und gluckernd die Harnblasen sportbegeisterter Arbeiter bläht.
Haha. Der Fahrstuhl schickt sich an, ohne Fahrgäste abzufahren, da diese stumpfsinnig vor der falschen Schiebetüre ausharren. Ausser mir ein älterer Schwuler mit Glatze, freundlichen Augen und einer gefütterten Lederjacke in Antikoptik, der einen kraushaarig mittelformatigen Hund an der Leine führt. Er trägt eine kleine Handtasche aus Jeansstoff bei sich, die wohl Spielbälle und andere Wurfutensilien enthält, die das Tier im Ausagieren seines Bewegungsdranges unterstützen sollen. Auf die Deckklappe des selbstgenäht wirkenden Futterals ist ein Aufnäher in rot und silber appliziert; ein munter japsender, die Zunge kregel heraushängen lassender Hundekopf im Halbprofil. Der Hund nutzt die intime Situation in der Fahrgastzelle um den schweißgesottenen Aufschlag meiner Sporthose zu beschnüffeln. Ich so: Ja, ist ja nicht schlecht hier so direkt am Grunewald – speziell für den Hund. Vierte Etage: man muß dem Mitreisenden schließlich auch noch genügend Gelegenheit bieten etwas hinreichend Affirmatives zu erwidern. Mein Nachbar hat sich kürzlich eine Schlafbrille gekauft, da ihm selbst die spärliche Sonneneinstrahlung dieser kurzen Tage den Schlaf raubt. Er verbringt seine Nächte jetzt bei Kunstlicht hinter einer Scheibe aus Panzerglas und legt den Besuchern eines Spielcasinos die zum Glücksspiel erforderlichen Jetons in eine horizontal bewegliche Schublade aus Metall.
Sie so: Omma ist ja auch viel schlanker als wie beim letzten mal. Er so: Joo… liegt aber vielleicht auch an ihre Darmgeschichte. Sie so: Na, die ist schon fit!. Er so (zögerlich): Jaja klar … fit isse. Und weist nach Momenten des Schweigens seine Partnerin lächelnd auf ein kleines qualmendes Automobil der Marke Trabant hin. Mit dem Ellenbogen. Reckt wenig später, sich abrupt auf der Sitzbank wendend, den Zeigefinger deutend in die Höhe, da dort eine, die Schnellstraße überspannende, Lichtertafel vorbeizuhuschen droht, welche üblicherweise Auskunft über die innerstädtische Verkehrslage gibt, nun aber ein simpel animiertes, stark stilisiertes Weihnachtsmotiv vorstellt. Aus der Drehung heraus schnellt ein sportiver Herrenhalbschuh in den Mittelgang des Omnibusses und der Blick des Betrachters fällt auf erbspüreefarbene Söckchen, die gestreng in bleich dunkelbehaarte Waden einschneiden.
Der Wind wirbelt Blätter, Folienfetzen und aus den Briefkästen fortgerissene Prospekte hinauf in die turbulente Luft zu einem rauhen Konus aus Murks durch den der Sprühregen stiebt. Ein Hund von kleiner Statur sitzt draussen vor der Scheibe, bibbernd, angeleint und dabei still ergeben, wie es sich wohl für einen Gesellschaftshund geziemt. Se ham ja noch Sturm angesacht für heute, sagt eine Frau, die ein Suppengrün hat und Teltower Rübchen. Zu ihr aufblickend, wendet die Kassiererin suchend eine eingeschweißte Ware, hinter deren Haut aus Kunststoff ein Vakuum herrscht, dabei fährt zufällig ein roter Strahl über ihr Gesicht, huscht über die Falte neben Mund und Nase, die gütigen Augen, die umwelkt sind von weicher Haut und verliert sich über ihrem schwindenden Haaransatz von künstlicher Tönung. Unjemütlisch, viel Reejen biszum Wochenende hamse jesaacht, sagt sie und nennt zugleich eine Summe. Sie blickt gleichmütig durch die Scheibe in das Grau, als die Frau nach Münzen sucht, bar ihrer Brille einige zur Auswahl auf die vorgestreckte Handfläche schüttet. Oder graurote Männer, die an der Kasse einen polternden Sparwitz machen und um Anerkennung heischend hastig den Hals lang machen, nach anderen Menschen in der Schlange, die mit ihnen lachen oder wenigstens den Blick nicht abwenden. Triefäugig blinzelnd, mit senffarbenen Regenjacken bekleidet, die leise rascheln.
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Neulich in der S-Bahn, steigen so zwei Lackaffen ein mit Hollandrädern. Gesundbrunnen. Natürlich sehr schlecht gewartete Fahrräder. Der eine findet einen Platz, leider neben mir, der andere greint so ein bißchen verkniffen rum, daß er keinen Sitzplatz fand. Gegen die herbstliche Kühle wappneten sich die beiden mit bohemehaft umgeworfenen Seidenschals. Theoretisch kunstaffin scheinbar, jedenfalls nehmen die beiden Typen eine wohl früher begonnene und sehr wichtige Diskussion über den russischen Konstruktivismus wieder auf. Auch recht lautstark. Zudem begleitet von bedeutungsarmen, sich selbst genügenden Gesten, die weich sind wie die einer Frau, einer Frau jedoch der es an Anmut und Lebhaftigkeit gebricht. Es geht auch nicht um den russischen Konstruktivismus es dreht sich ausschließlich um Egosülze soviel ist bald gewiss. Sülze, Sülze, Sülze. Das Gespräch ist von so freudloser Ernsthaftigkeit und demonstrativer Schwerintellektualität, daß wenigstens dem schlecht und ausserdem viel zu dicht vor mir Stehendem eine elend knorrige und von sibirischen Winden schlimm deformierte Krüppelkiefer aus dem Arsch wächst.
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Ein Pullunder von Lacoste, der noch unentschlossen halbhoch vor dem Kühlregal schwebt und, als plötzlich und unerwartet Phil Collins erklingt, munter und beschwingt zu einem probiotischen Joghurtdrink greift. Die eine junge Frau am Telefon so, ich verdien' ja jetzt einsdrei auf die Hand: ich meine Halloooo, wie geil ist das denn? Vermutlich heißt sie Ariane oder Vanessa und ist recht groovy drauf. Einsdrei. Die Kehrseite der Medaille: eine depressiv wirkende Dame in Weiß, die Piccoloflaschen sowie Slimsize-Zigaretten kauft und sich bei ihrem Gang durch die Verkaufsräume reptilienhaft schleppend bewegt, wie auf Tabletten, knapp die Hälfte des marilynmansonartig fahl geschminkten Gesichtes wird von einer ausladend dunkelbraunen Sonnenbrille verdeckt. Prosperierendes Poppertum neben still und mit buddenbrookscher Tragik scheiternden letzten Sprößlingen einst angesehener Bürgerfamilien. Alles bei Rewe-Nahkauf. Gibt aber auch ganz normale Assis hier, die intensiv stinken und mit grobschlächtigen Bewegungen Schnapspullen kaufen.
Heute im späten Nachmittagslicht fügten sich die hochaufgetürmten Cumuluswolken am Horizont so als seien sie ein Gebirge. Unten dunkel, wie ein bläulichschwarzer Nadelwald und oberhalb der eingebildeten Baumgrenze ein Massiv aus kalkweißem Stein. Insbesondere bei zusammengekniffenen Augen sah ich deutlich die weißen Schuttkegel aus denen sich jäh die verschiedenen Gipfel erhoben, die Orte, die sich für Passüberschreitungen anböten oder jene, an denen vielleicht Schutzhütten stünden, in denen die Wanderer zur Nacht unterkämen um im Morgendunst durch geröllreiche Wände schweigsam weiter emporzusteigen.
Später fragten mich auf einem Waldweg zwei Männer wie sie wohl zu einem bestimmten Bahnhof gelängen. Man hatte ihnen, bei einer früheren Frage, wohl diesen Weg genannt, der jedoch tatsächlich nur weiter weg vom Bahnhof führt. Zwei komische Typen, der eine der beiden, der größere, welcher im wesentlichen das Reden besorgte und dessen Gesicht wie ein Vexierbild aus Charles Manson und einem Hasen wirkte, hatte Augen von Elfenbein, zugleich ebenso kühl wie von manischer Glut. Darunter in einem Mund, der sich nicht richtig schließen ließ, zwei riesige Schneidezähne, eben wie die eines Hasens, die übrigen Zähne nur missgebildet und vergilbt oder gänzlich fehlend. Der andere Mann war ein kregeler Zwerg, der einmal den Namen einer sehr weit entfernten Bahnstation krähte, wohl um eine mögliche Alternative beizutragen, und dauernd stark, wie seines Gleichgewichts beraubt, umherschwankte, zum Teil seinen Körper in so unglaubwürdige Winkel zum Erdboden brachte wie die Tierfiguren dieser hölzernen Spielzeuge, die manche Kinder früher hatten. Giraffen oder Esel, aus auf Schnüren aufgereihten Holzkugeln recht stilisiert zusammengefügt, dergestalt auf einer oben verschlossenen und dabei niedrigen Holzröhre stehend, in deren Innerem ein kleiner hölzerner Zylinder eingelassen war, an dem die die Gliedmaßen durchziehenden Schnüre befestigt waren. Drückte man nun den kleinen, als Schalter bestimmten und federgelagerten Holzzylinder nach oben, so erschlaffte das Holztier — jeglicher Anatomie spottend — zusehends um endlich gänzlich ermattet darniederzuliegen. Ließ man nun den gedrückten Zylinder plötzlich wieder los, so schnellte das Tier recht alert wieder in seine ursprünglich aufrechte Gestalt zurück.
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Im Omnibus. Ein junger Mann mit Brille, dessen hell behaarten, weißen Beine mit Shorts und Turnschuhen bekleidet sind, sowie eine Frau, die ein elegantes champagnerfarbenes Kostüm aus voluminös strukturiertem Wollstoff trägt und einer entsprechend bedruckten Papiertüte nach zu urteilen wohl aus einem Schuhgeschäft nach Hause zurückkehrt. Vielleicht nach Kladow oder Rupenhorn falls Ihnen das was sagt. Sie sitzt auf der Gangseite jener Bank, die an die Rollstuhl- und Kinderwagenabstellfläche des Busses angrenzt, während der junge Mann, ein Bein untergeschlagen, leicht eingedreht auf dem Fensterplatz neben ihr herumlümmelt und seinen linken Arm auf die Oberseite der Rückbank gelegt hat so daß seine Hand den am Ende der Lehne angebrachten Haltegriff unfern ihres Kopfes umschließt. Plötzlich zieht der junge Mann seinen so positionierten Arm zurück, um mit dem Zeigefinger rasch in sein linkes Nasenloch einzudringen und dort bohrende Drehbewegungen auszuführen. Die andere Hand ist fortwährend damit beschäftigt, an einem recht kleinen MP3-Player etwas einzustellen. Untermalt von philcollinsartiger Musik aus dem Kopfhörer hat der junge Mann routiniert wirkend, einen stattlichen, am Finger haftenden Popel von halbfester, noch formbarer Konsistenz aus der Nase geborgen und nimmt diesen, den Zeigefinger — wohl wegen Kurzsichtigkeit — nahe den Brillengläsern drehend, aus unterschiedlichen Perspektiven in Augenschein. Befriedigt ob der Form, Farbe und haptischer Beschaffenheit schnellt nun der linke Arm wieder in die vorherige Ruheposition zurück, die drei äusseren Finger der Linken werden seitens des Jünglings erneut in den Haltegriff der Bank lose eingehängt, während Daumen und Zeigefinger frei schwebend den soeben zu Tage geförderten Popel, wenige Zentimeter neben, gleichsam hinter dem Haupte der Banknachbarin, modellieren, zärtlich drücken und energisch rollen, während sich die vornehme Dame, der hygienisch fragwürdigen Vorgänge nahe ihres Nackens nicht gewahr, interessiert über die aktuelle Situation in den europäischen Königshäusern informiert und der junge Mann gedankenverloren, musikalisch begleitet und in sich versunken — ja fast apathisch — aus dem Fenster sieht.
Auf dem Bahnsteig fielen bereits diverse Menschen mit kleinem Kopf und großen Schuhen ins Auge. Ein hochaufgeschossener junger Mann mit stattlich gestählten Oberarmen liest in der Bahn einen Kriminalroman der vom Verlag recht reißerisch aufgemacht wurde vermittels geprägter Goldbuchstaben und einer dieser Collagen mit einem über einen aus Neonröhren gebildeten Rahmen hinausschießenden, rasant gesteuerten Straßenkreuzer aus dessen Fenstern sonnenbrillenbewehrte, ballonmützentragende Neger lehnen und aus halbautomatischen Waffen wie verrückt in den von Palmen und Wolkenkratzern bestimmten Nachthimmel ballern, blam, blam, blam. Blüten, Koks und blaue Bohnen darum dreht es sich in etwa. Am Bildrand plazierte der begabte Illustrator zudem einige recht scharfe Miezen die sich in mehr als knapp geschnittenen Bikinis räkeln und oben ist ein Hubschrauber abgebildet der sich anschickt ein gewagtes Wendemanöver im Dienste des Regierung durchzuführen. Verkehrte Welt in Miami, weiß der Verlag sein Machwerk dem Verbraucher schmackhaft zu machen, Gangster jagen die Polizei. Hier wird nun einmal umgekehrt ein Schuh draus. Manchmal formt der junge Mann die eben gelesenen Worte stumm mit den Lippen und die weiche Haut zwischen seinen Augenbrauen schiebt sich in Ergriffenheit zusammen wie bei einer jungen Bulldogge, vielleicht Szenen, in denen der Exekutive seitens der im Roman mitwirkenden Gewohnheitsverbrecher hinreichend zugesetzt wird.
Die Frau die barfuß aus dem Realmarkt kommt und mehrere Beutel Katzenstreu heim trägt. Sie ist mit einem türkisfarbenen, weit geschnittenen Kleid aus Kunstfaser bekleidet. Die neonartige Farbe des Gewandes lässt den fülligen Leib und die blondierten Haare bleicher erscheinen als sie eigentlich sind. Die drallen, kräftigen Arme sind quadellig und von Bindegewebsschwäche geprägt. Ihre Wangen sind mit zinnoberfarbenem Rouge geschminkt, die Augenlider mit echsenartiger Metallicpaste überzogen. Entgegenkommende Passanten sieht sie selig und ein wenig herausfordernd an. Als sei die Rückkehr vom Einkauf ein Weg zu spiritueller Erleuchtung durch Kasteiung. In den Mittagsstunden die Fußballen langsam auf dem glühend heißen Pflaster abrollen, das auch mit Glasscherben, Speichelbatzen und Kot übersät ist. Ohne zu murren, in heiterer Gelassenheit mit possierlichen Katzenbildern werblich zurechtgemachte Papiersäcke mit kiloschweren, weißen Tonmineralien zur Absorption von Katzenurin forttragen, vielleicht kilometerweit. Das mit hellgelber Keramik verkleidete, kleine Hochhaus knapp über üblicher Traufhöhe, dessen Balkonbrüstungen oben zu zwei Dritteln von gewellten Stahlbändern eingefasst werden. Auf einem Balkon klappern die Plastiksteine eines Gesellschaftsspieles, Rummikub oder Scrabble. Ein Mann bereitet sein Cabriolet für eine Spazierfahrt vor, er trägt eine Handgelenktasche sowie eine randlose Brille und hat halblange graue Haare deren lichte Stellen durch eine marineblaue Schirmmütze kaschiert werden an der eine güldene Kokarde prangt. Eine Stadtvilla im Stile des Backsteinexpressionismus; Klinker, die sich bedeutungsschwanger um Rundungen fächern, ein Portal gearbeitet aus tiefblauer Keramik, silberne Lüster, an den Wänden worpsweder Werke, Sportwagen, anthrazitfarbener Familyvan in SUV-Optik. Mein Boot, mein Haus, mein ländlicher Garten. Die leger im Mundwinkel hängende Zigarette einer jungen Gärtnerin die leichten Fußes ihre Aufgabe versieht. Das ist die Grenze der Exaltiertheit — hier.
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Parallel zur zurückweichenden Schlange vor der Kasse nähert sich schlurfend und gebeugt ein Schrat, der einen Becher Schokoladenpudding mit Schlagsahne à 39 Cent zu erwerben gedenkt. Seine zu grindigen Bandagen verkommene Kleidung schlottert in Placken bis zum Fußboden herab, aus einem Riss, vielmehr einem Brandloch in seiner zerschlissenen Sporthose hängt faltig der Penis des Mannes heraus. Sie müssen wissen, daß man hier gewöhnlich als Garderobe malvenfarbene Sommerkleider aus blickdichtem Organza, weiße Söckchen in cremefarbenen Wildledersandalen sowie leichte Sommerhemden mit maritimen Windjammermotiven in bleu nebst Unterhemd aus Feinripp bevorzugt, jedenfalls gilt es hier in Charlottenburg wohl gemeinhin als schicklich, in der Öffentlichkeit sein Geschlechtsteil hinter Tuch zu verbergen. Mit der Einbuße gesellschaftlicher Reputation geht offenbar immerhin das Recht zum Einkauf an der selbstgeschaffenen Expresskasse einher. Mit dürren Fingern, ebenso wie sie der Spielfilmregisseur Steven Spielberg dem in seinem Lichtspiele auftretenden Außerirdischen angedeihen ließ, wird die den Kauf besiegelnde Münze gereicht, niemanden würde es wundern, tröffe jetzt blasenwerfender Schleim von der knochigen Hand des Berbers, welcher nach Abschluß des Einkaufs noch ein wenig, so unabsichtlich sein Glied schwenkend, im Kassenbereich umhertaumelt und bald heiser krächzend, bald einem jungen Wildschweine gleich in höchsten Höhen quiekend der Handelskette mit Polizei und Staatsanwaltschaft droht, sollte das Dessert vergiftet sein. Haha, die sich zu Götterspeise transformierenden Physiognomien der ebenso erzürnten wie beschämten Bürger. Gerne spulte ich die Situation mit allen Beteiligten zurück und ersetzte den Unberührbaren testweise durch ein nacktes, junges Mädchen mit anmutig wallenden blonden Haaren. Im Übrigen fühle ich mich nicht selten heftigst abgestoßen von den obzön aus Trekking-Sandalen lugenden, leichenblassen, deformierten und mit gelblich verknorpelten Nägeln behafteten Zehen mancher Fetish-Freaks Mitreisender im ÖPNV. Man muß das mal ansprechen.
Der Qualm, der knotig aus den Schloten quillt, färbt sich bei geeignter Witterung gegen Abend violett. Hier wird Strom erzeugt. Auch ihr Wasserkocher, ihr Computer schnabuliert die aus der Wand strömenden agilen Ladungsträger, wenn diese nicht aus Frankreich kommen oder sonstwoher. An den Wänden der Lauben, die das Südufer der Spree säumen, sind oft organische Motive aus Schmiedeeisen befestigt — ein Schmetterling, ein äsendes Reh für ein Beispiel. Oder eine dekorative Kachel ist in die Fassade eingelassen der Gefälligkeit halber. Die kleinen Häuschen haben sich recht pedantisch gegen das Verbrechen gewappnet oder gegen Vandalen. Manche liegen in Holunderbüschen direkt unter der Autobahnbrücke, hier sitzt auch ein Reiher, die ständigen Schauer sind wohl nicht sein cup of tea. Hinter Grünmasse verborgen verkehren die Intercityzüge der Eisenbahn, der Gartenbesitzer trachtet danach, diesen Teil des Nahverkehrs mit Schilf o.ä. zu kaschieren, sieht nicht aus und man wird auch wuschig, wenn da diese Biester mit Karacho vorbeizischen. Es ist gut, daß die Gehsteige dieses Stadtbezirkes in weitaus geringerem Umfang als anderswo mit Unrat und Exkrementen verschandelt sind. Die Scheiben eines Geschäftes sind mit DC-Fixfolie (Design Marmor) vollkommen zugeklebt und eine auf altertümlich gemachte Laterne in der ein rotes Leuchtmittel glüht, bezeichnet den Eingang und die gastronomische Ausrichtung des Etablissements. Neben der Türe ist ein Klingelknopf angebracht, das Männer schellen können. Jetzt läutet allerdings eine blonde Frau von milchigem Teint, deren weißes Kleid recht kurz geschnitten ist und aus glitzrigem Tuche gearbeitet wurde, ihr aus orthopädischer Sicht zweifelhaftes Schuhwerk verfügt über transparente Absätze — Kunststoff. (Gut: die Botten können einst sortenrein entsorgt werden und somit wieder problemlos der Wertschöpfungskette zugeführt werden) Wieso gab man ihr keinen Schlüssel, wo sie doch vielleicht in der Gaststätte arbeitet?
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Dieser Ausländer, ein Rumäne oder Bulgare möglicherweise, der während des Starkregens im Foyer am Fenster sitzt zusammen mit einem struppigen, wohl einst vom Jahrmarkt mitgebrachten Stoffhund den er aus dem Müllberg barg — für die Kinder. So etwas stimmt mich melancholisch. Ich beschließe halbwegs spontan ihm meinen Fernseher zu schenken. Fernsehen ist ohnehin doof. Und ich male mir im Fahrstuhl aus wie er mit den Kindern Zeichentrickserien anschaut — vielleicht Tom und Jerry, Biene Maja sowas — während seine Frau in der Küche deftige Eintopfgerichte in der ebenfalls gefundenen Mikrowelle warm macht. Der Wertstoffsammler ist klein von Statur und hat ein ganz schiefes Gesicht, verquer gewachsene Zähne, einige aus Gold, andere fehlend sowie sanfte, schielende, leicht fischige Augen. Ich spreche offenbar mal wieder zu schnell, er versteht nur die Hälfte; egal, die Angelegenheit ist ja eigentlich ganz einfach.
Als ich gestern auf die S-Bahn wartete, wurde der Zug mit dem ich zu reisen gedachte in Sichtweite des Bahnhofes von einer Betriebsstörung heimgesucht. Der in den Aushängen der Betriebsleitung beschriebene Fall war eingetreten; die Reisenden waren aus technischen Gründen genötigt auf offener Stelle auszusteigen und wurden von Bahnpersonal sicher zum Bahnsteig geleitet, was zugegebenermaßen nicht sehr schwierig war, da der Zug ja nur höchstens zehn Meter entfernt zum Stillstand gekommen war, nachdem er den offenbar durch mutwilliges Fremdverschulden beschädigten Gleiskörper überrollt hatte. Jedenfalls wurde die Bergung der Fahrgäste ruhig und in vollendeter Professionalität durchgeführt. An der Unglücksstelle selbst war der Bahndamm von jungen Birken und zahllosen Beikräutern reichlichst bewachsen. So standen nun Polizisten, neuerdings in hellblauen Sommerhemden, Techniker der Bahn, prophylaktisch verständigte Sanitäter und eine kunterbunte Schar von Reisenden, so wie sie nur der Zufall zusammenwürfeln kann, hüfthoch im jungen Grün. Mohn und Kornblumen in prächtigster Blüte, die schreienden Warnwesten der Rettungskräfte, ein kleiner schwitzender Mann mit Aktentasche, schlaksige, hochaufgeschossene Ausländer deren Teint ins olivgrüne spielte, eine junge Frau nebst Hund angetan mit resedafarbenem Sommerkleid, Kinderfahrräder mit langen, der Verkehrssicherheit dienenden Fahnen, ein Tandem, Familienväter deren Haar schütter und grau geworden war unter der Last und natürlich die Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, welche allerdings nur Maulaffen feilhaltend Zigaretten ansteckten und sich mit groben Pranken an ihren dicken Bäuchen kratzten. Wäre ich ein Künstler, hätte mich die Szene zu einem impressionistischen Ölgemälde inspiriert, drei mal sechs Meter vielleicht. Ein sinnvoll ineinandergreifendes Uhrwerks der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, die Lage stets vollkommen im sicheren Griff der durchweg besonnen handelnden Durchführungsberechtigten.
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Diese VIP-Bereiche von Imbissen, hinten an den Rückseiten der Buden. Alles schön mit Plastikstapelstühlen und Hollywoodschaukel manchmal, oben brummt die Autobahnbrücke und die Deutschlandfahne hängt schlapp nach unten. Viele Fliegen wegen des milden Winters. Currywurst, mit oder ohne Darm, und Apfelkorn beispielsweise, es wird auch serviert. Ein agiler Türke, der auf Durchzug schaltet wenn Werner und Mike sich unterhalten. Zum hundertsten Mal die gleichen reptilienhaften Gesten. Auch Batterien, Erbsen in Dosen und Kondome im Bedarfsfall. Graugelbe Schnauzbärte und geparkte Herrenräder mit Radio am Lenker. Abends ist Tanz, einer lässt die Hose runter auf der kleinen Tanzfläche und die vom Alkohol glühenden Frauen kreischen. Ein dicker weißer Hintern, angeleuchtet von einer bunten Lichtergirlande.
Vorhin mal umgedreht in der Schlange im Baumarkt. Schon wieder so ein Typ mit wenig filigran ausgeführten, langsam im Fett verschwimmenden Knasttatoos, der eine riesige schwarze Axt kauft. Steht da und schnauft Restalkohol aus, fährt dabei mit schwieligem Daumen über die Schneide und blinzelt seinem ebenfalls extrem verschlagen wirkenden Kumpel diabolisch zu. Als Slasherfilmsozialisierter kennt man das ja. Oder solche Messerblöcke mal als anderes Beispiel, praktischen Nutzen entfalten diese offenbar nur im Lichtspiel. Umständliche Kamerafahrten durch vorstädtische Küchen, vorbei am obligatorischen Messerset in dem sich das Mondlicht spiegelt. In Europa: erst Michael Myers, dann Ikea — vermutlich.
Ein Mann stürzte auf den Bahnsteig. Kreislauf. Unweit erkaltet auf dem Stein ein Imbissgericht, das dem Gestürzten im Fallen aus der Hand glitt. Wenige Augenblicke später hat sich um den bewusstlos Liegenden eine Traube gebildet. Eine ungeschlachte Gruppe, wie mit klammen Fingern lustlos hingezimmert von einem expressionistischen, mit seinem Berufe hadernden Bildhauer an einem regnerischen Novembermorgen. Stumpfsinniges Proletengelöt, das im Halbrund mit einigem Abstand schweigsam steht und gebrochenen Blickes glotzt. Der Mann liegt still, vielleicht atmet er noch. Keiner weiß es. Er ist auch ein Arbeiter, zur Zeit sogar nur ein Stück Leib, nicht Herr seiner selbst, dem in seiner verdrehten Lage der Hintern aus der Hose rutschte. Davongekommen, denkt man, einen anderen warf es heute in die Gosse. Einen, den Alkohol und Siechtum schon länger und stärker aushöhlte.
Zwei Jungen mit Migrationshintergrund die sich hart wie Hustler geben und auch echt krasse Themen erörtern. Hier willsdu sagt der eine der beiden plötzlich und zückt behände eine mit fröhlichen Comicfiguren (Wie toll umherspringende Südfrüchte, die über die Physiognomie von Menschen verfügen) bedruckte Packung Capri-Sonne, um diese — nach Einführen des Trinkhalms in die vom Hersteller dafür vorgesehene Folienmembran — mit seinem Kameraden einträchtig zu teilen. Slörp, Slörp. Niedlich.
Manche Probleme im Leben eines Mannes sind knifflig. Da weiß auch das Internet nicht Bescheid. Dieses vermaledeite Zwitterwesen aus Doktor Allwissend und Graf Koks. Wie man Wände aus Glasbausteinen mauert ist zum Beispiel so eine Frage. Darüber denke ich gelegentlich nach. So auch heute. Als ich meinen Spaziergang unterbrechend neugierig stehenbleibe, da wird nämlich das alte Kraftwerk Oberhavel abgerissen drüben am Westufer, riesige Betonstücke krachen staubend in die Tiefe, — bin ja mal gespannt mit dem Schornstein —, kommt einer an und stellt sich neben mich. Ja, watt denn so die beste Kamera wäre für so Fotos, hier Sonnenuntergang, Meer sowat die Richtunk, er will ja dies Jahr wieder nach Malle, weil auf Fuerteventura sind ja nur Arschlöcher, hier die andern Deutschen jetze, aber ne schöne Bootstour mit ein Fischer gemacht seinerzeit, solche Hoschis ham die da rausgezogen zeigt er mir, letztens hätt er ja Grippe gehabt — hör mir uff, die 91 Jährige Mutter, die er im Rollstuhl rumschiebt, oder auf Montage damals, immer gesoffen wien Loch sag ick dir, die Jahre in der Justizvollzugsanstalt, kommt beim Reden zu nah heran und hält mich auch am Arm fest zwischendurch, wenn die Erzählung besonders ergreifend ist aus seiner Sicht.
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Tiernahrung für 75 € und zwei Schnuller. Paybackkarte? Ja.
Ein Bund Möhren wiegen. Stirnrunzeln extreme. Listig das Grün des Gemüsebündels entfernen und erneut wiegen. Preisdifferenz ein Cent: Genugtuung.
Ich sitze einem Mann um die Sechzig schräg gegenüber, dem die Backen herabhängen wie einem ergrauten snobistischen Engländer. Er teilt sich seinen Sitzplatz im Bus mit einem mittelkleinen Windhundmischling, dessen Fell in Farbe und Struktur ebenso beschaffen ist wie die lehmfarbene Übergangsjacke des Hundehalters. So wie er sitzt, den Hund halb verdeckend, scheint es, als sei die leger geschnittene Jacke eine Spezialanfertigung für eine bemerkenswerte Chimäre; ein Ruheständler aus dessen Hüfte sich der Körper eines agilen Windhundes ausstülpt. Falten der flauschigen Jacke, die sich in weichen Hautfalten des Hundes fortzusetzen scheinen, die mit blonden Haaren bewachsene, prankenhafte Linke des Mannes, die dem Hund — ihn gleichzeitig umarmend — den Hals krault, so daß dieser, wohlig hechelnd seinen Kopf wendet, mit der Zunge über die Lefzen fährt und sein menschliches Ebenbild aus hervortretenden Augen devot anblickt. Der Hund hat sehr große dunkle Kulleraugen zwischen denen sich gelegentlich eine kleine Falte aus Fell bildet.
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Eine weißhaarige Frau, die gestützt durch einen Stock in die Straßenbahn steigt, zügig Platz nehmend den sie zum Fahrtantritt berechtigenden Schwerbeschädigtenausweis zückt und jenen, einige wenige Sekunden über ihrem Kopf haltend, zur besseren Einsichtnahme für die anderen Bürger, leicht nach rechts und links dreht. Gefühlte Omnipräsenz der Kontrolle. Das Absterben des Staates. Mit der Laubsäge ausgesägt. Aus Sprelacart.
Du kriegst gleich nen Ding vorn Kopp, sagt ein Mann zornig zu dem wohl widerspenstigen Geldautomaten vor dem er steht. Am gedrungenen Hals mäandern grobe milchigblaue Tätowierungen empor.
Sie kommt den überwucherten Weg auf die Spitze des flachen Schuttberges hochgeschlendert. Androgyn wirkt sie in ihrer weiten Freizeitkleidung, der Kopf unter einer bunten Baumwollkapuze halb verborgen. Klettert behände auf die — das Plateau umrundende — halbhohe Mauer, blickt in alle Richtungen, hampelt ein wenig rum und pfeift versuchsweise. Vielleicht Mitte, Ende vierzig.
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Zwei schwarze Autos sind zusammengestossen; kostspielig glänzende Wagen die forsches Fahren ermöglichen, von den Haltern nicht zuletzt aus repräsentativen Gründen angeschafft. Auf dem angrenzenden Bürgersteig hat sich eine kleine Traube gebildet. Man steht zusammen, jeder für sich. Der Hund wird angewiesen Platz zu nehmen, manche stecken Zigaretten an. Das ist ja ein starkes Stück. Zwischen den Scherben ihrer ruinierten Fahrzeuge gehen die Unfallbeteiligten auf und ab, telefonieren und treten dabei kopfschüttelnd gegen breite Reifen. Weitere Flaneure gesellen sich, das vor der Reform gekaufte Elektrogerät auf dem Boden abstellend, zu den Schaulustigen.
Um zwanzig Uhr herrscht in der von Indern geführten Gaststätte Stoßzeit, daher werden meine Bekannte und ich diesmal am einzigen noch freien Tisch im Zentrum des Etablissements plaziert. Nicht wie sonst am frei gewählten Fenstertisch. Ein Platz, der sich entgegen ursprünglicher Erwartung als goldrichtig entpuppen sollte. Nicht nur, daß der kreisrunde Tisch aus poliertem Kirschholzimitat über ein praktisches, in die Tischplatte eingelassenes Speisenkarussell verfügt, welches den Verzehr eines opulenten Mahles ohne würdeloses über-den-Tisch-beugen ermöglicht, nein, man sitzt hier zudem vorzüglich, um von logenhafter Warte die anderen Gäste zu beobachten ohne als Voyeur angesehen zu werden. Im Vordergrund, die sechs bei Neulingen wohl begehrtesten Tische des Restaurants Fensterplätze dahinter, durch eine Glasscheibe geschieden, gleichsam im Mittelgrund, ein breites Trottoir mit hohem Fußgängeraufkommen. Den zwielichtigen Hintergrund bildet ein stetig rauschender Fluß aus Kraftfahrzeugen stadteinwärts, oben, auf maroden, gußeisernen Säulen, die in der Kurve quietschende Hochbahn. An den Fensterplätzen entweder Paare oder größere Gruppen. Die Paare unauffällig, die Dame redet, der Herr hört zu. An den Gruppentischen sitzt stets mindestens ein Gast, der das Gespräch dominiert, die Themen vorgibt, sich eindringlich Tischnachbarn zuwendet denen das Los des Zuhörers zuteil geworden ist, ihnen onkelhaft die Hand auf den Arm legt und ohne Unterlass redet. Eloquent, laut lachend, umfassend gebildet und von beispielloser Hartnäckigkeit. Intellektuelle Alphatiere, die die angenommene Führungsrolle in ihrer Bezugsgruppe durch das Bestellen aufmerksamkeitsheischender Gerichte noch zusätzlich betonen. Brutzelnde, dampfende, laut zischende, siedendes Öl versprühende Fleischpfannen werden von links gereicht, während der die Dienstleistung wenig würdigende Gast gerade durch ein überaus köstliches Bonmot brilliert.
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Na ihrer hat ja einen ordentlichen Strahl, sagt eine Hundebesitzerin, die ein Hündchen an der Leine führt, erstaunt und bewundernd, als sie beobachtet, welch große Menge Urin der Hund einer weiteren, wohl vom Sehen bekannten, Hundehalterin, in Richtung Hauswand absondert. Es hat sich bereits eine stattliche Pfütze gebildet, durch die die Fahrräder fahren. Wäre die Welt ein Hundequartett, würde sie auch zu den Verlierern zählen.
Die Menschen, deren Mobiltelefone Anrufe durch die schlechtest möglichen Klingeltöne anzeigen, sind wohl zudem häufig durch ein schwaches Gehör oder eine mangelhafte Auffassungsgabe geschlagen. Vernimmt die Umwelt bereits das charakteristische Summen eines Vibrationalarms, verstreichen weitere kostbare Sekunden bis dem Telefonbesitzer selbst, das einsetzende Läuten bewusst wird und dieser überhaupt erst Miene macht das Gerät aus überkandidelter Handtasche zu wühlen. Hat sich schließlich der Alarm zu einer, die Mitmenschen paralysierenden, lautstark synthetischen Kakophonie des Kitsches gemausert lautet die Frage: Wo war noch mal die Taste um die Anrufe anzunehmen?
Blondinen deren Leiber umspült werden vom künstlichen Odem preisgünstigen Aprikosenschaumbades, von Maschinen gebräunter Babyspeck bahnt sich seinen Weg, quillt hervor unter knapp geschnittenen Kapuzenjäckchen in weiß oder rosa. Inmitten dieses Ensembles hat es sich der hagere Schnurrbartmann auf seinem Straßenbahnsitz bequem gemacht, das Boulevardblatt umständlich schüttelnd entfaltet. Er schlägt, einer Marotte folgend, vor dem Lesen stets mit dem Handrücken auf die Seite. Aha, so sieht also das Sofa des irren Kofferbombers aus, hier plante er den Massenmord. Schlimm. Da stürzt eine Frau, die eben noch, gleich einem Huhn, mit wackelndem Kopfe an der Seitenscheibe des haltenden Zuges vorbeilief, auf den verbliebenen freien Platz neben dem Schnurrbartmann zu, grüßt hastig und nimmt Platz. Sie hat den Schnurrbartmann als ihren Waschmaschinenverkäufer von vor drei Wochen identifiziert. Der Schnurrbartmann ist Waschmaschinenverkäufer auf Urlaub (Balkonien?) wie sich herausstellt, als das Huhn sagt, daß der Schnurrbartmann hier wohl aussteigen müsse. Vor den Scheiben verfinstert ein Betonmenhir, einen Elektrodiscounter beherbergend, den Himmel. Ich hab Urlaub sagt der Schnurrbartmann. Das Problem des Huhnes ist, daß der Waschmaschinenschlauch bei der Montage schlampig verlegt wurde, dieser beschreibt nämlich eine unschöne Kurve und verläuft nicht devot hinter der für ihn vorgesehenen Sichtblende. Sieht einfach nicht aus und das kann es ja auch nicht sein, so lässt sich der Ärger in etwa beschreiben.
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Pu der Bär, Fingermalfarben oder Resident Evil, Hamburger, Chips und Formvorderschinken. Die guten Dinkelriegel für die Pause im Montessori-Kindergarten. Im Jahresurlaub mit dem Family-Van nach Dänemark oder daheim den Schwarzschimmel auf der Tapete ignorieren. Tigerentensozialisation, später Violinenunterricht oder Tennis je nach Neigung. Cocooning in Leinenkissen bei Weißwein und schöngeistiger Freizeitgestaltung. Der Trend geht allerdings zu Sturzsaufen an der Bushaltestelle. Fröhliche Farben: Orange oder Lindgrün. Heil Hitler®. Die Bachblütentherapie für sich entdecken. Meinungen: Landserheften und den RTL2-News entnommen. Eine ältere Dame, die nach ergiebigem Niederschlag mit einem langen Stock die Gullis der Straße von angeschwemmten, verstopfenden Lindenblüten befreit. (Guten Tag, wir sammeln Leergut für Angola.) Pillen und Alkopops für carnivore Sonderschüler im Wachkoma. Ein Platz an der Sonne in den eigenen vier Wänden für die mittlere Mittelschicht. Hier hört man beide Arten von Musik: Aggro und Onkelz. Im Fernseher: Leichenteile, Autobahnraser, Titten und die große Welt. Ihr Opfer, Alter.
Ein schweres Kind so scheint es. Auf dem S-Bahnhof erbiete ich meine Hilfe beim hinabtragen eines Kinderwagens. Als auf dem Treppenabsatz das Gefährt aufgrund unterschiedlicher Körpergrößen der Träger ins Schlingern gerät, stellt sich heraus, daß der eigentliche Fahrgastraum mit Flaschen voller berauschender Getränke befüllt ist. Wenig später an einem anderen, jedoch nicht weit entferntem Ort.
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Man erkennt den Paketboten an seinem charakteristischen Ruf. Unten im Hof war gerade ein Exemplar zu hören, piep, ...., ...., ...., piep, ..., ..., ..., ..., piep. Dazu gutturales Brummen von zwei Schachteln Zigaretten (Ditgipsabaldjánich). Die Zustellung vorbereitend muss der Typ irgendwelche Zahlen in sein schwarzes, wurstfingeroptimiertes Elektronikbrikett eintippen. Wer so tippt, schnauft auch die Treppen rauf, jammert im Hausflur rum, daß die Türschilder zu klein sind usw. Man kennt das. Arschgeigen eben; Sie! Ich mach den Paket disnächste mal unzustellbar wenn das so weiter geht. Ja, is recht wiedersehn. Zum Glück besteht die Population hier weitgehend aus Jungtieren, die machen piep, piep, piep, in rascher Folge. Zack die Treppe hoch, Tachchen. (Haha, wie krakelig die Unterschrift immer aussieht auf den ihrn Displä, egal, ich geb mir da gar keine Mühe mehr.) Rasch Paket abgeben, auf den Hacken umdrehen, spornstreichs ist der wieder unten bei sein Automobil und weg, der schrubbt die Karre, da kennt der nischt. Wie gesagt, dacht ich jedenfalls dran, als ich vorhin im Hofe den Lockruf vernahm, mein großes Insektenlexikon, welches ich unlängst im Internet bestellte, tut kommen, was sich indess betrüblicherweise als Irrtum herausstellen sollte. Dauert noch, da is wohl warten angesagt! Wetter herrlich anfürsich, so kammanz aushalten was? Sie sárjenèt, schön Tachnoch.
Hallo, haben Sie auch ein Herz für Tiere? richtet man auf städtischer Kreuzung das Wort an mich. Meine Handlungsmöglichkeiten: entweder direkt das Portemonnaie zücken, oder Antworten wie: Bedaure Sportsfreund, ich ernähre mich ausschließlich von Katzenleber und Seehundsblut, kurz den Hut lüften und Wiedersehen. Grotesk unseriös, zumal der Suggestivfragensteller nun offensiv auf mich zutritt, an seiner Schulter sind werksseitig zwei stattliche Fleischwürste installiert, die einladend auf einen, mit ausfüllbereiten Unterlagen bestückten, Tisch weisen.
Eine hellhäutige französische Jugendgruppe mit scharf begrenzten schweren Sonnenbränden reist mit mir in der Bahn. Allesamt mit Zehenschlapfen. Am Fenster Sonnenseite ein leise zischend atmender Pykniker von dessen Glatze der Schweiß, in immer gleichen Bahnen Mikro-Tälern in der Schädelplatte hinabrinnt; im Nacken, in die sich dort entenschwanzgleich, feucht kringelnden Resthaare mündend. Seufzend legt er, im Minutentakt, vermittels eines Taschentuches, das nicht versiegende Quellgebiet auf seinem Kopf trocken. Im wesentlichen setzt sich Schweiß aus Wasser und Kochsalz zusammen, weniger als 2% Ammoniak und organische Verbindungen, wie flüchtige Fettsäuren, erzeugen die hier herrschende tropische Demse. Aus Milliarden von exokrinen Drüsen quillt beständig Flüßigkeit, allerdings ist der Wasserdampfdruck in der Atmosphäre des Wagens höher als auf der Hautoberfläche. Der Blick des hingesunkenen Mädchens mit den breitgetretenen Sandalen und der Pfandflaschentüte ist entrückt, mehr nach Innen, als in die Ferne gerichtet, ihr Paralleluniversum entströmt einem Kopfhörer. Mit den leicht gesenkten Lidern über den Mandelaugen und dem kleinen, schön geschwungenen Mund verkörpert sie vollkommen das Schönheitsideal des venezianischen Renaissanceportraits.
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Nervöses Lachen, um, als peinlich empfundene, Lücken im Sprachfluss zu schließen als unbewusstes Mittel der Rhetorik. Eine Sprachmeise, kein Fehler. Ohne Computer ist man ja aufgeschmissen heutzutage. Sie sagen es, letzendlich ist es doch nur eine Frage hiervon. Der Mann reibt seinen Daumen gegen den Zeigefinger der rechten Hand und sieht dabei dem Gegenüber aus ausdruckslos feuchten Hundeaugen direkt ins Gehirn. Sach ich so zu ihr sargick. Jeden Satz mit dieser Doppelung einleiten. Erst weich dann hart, gefolgt vom Satzinhalt. Alles direkte Rede, wortwörtlich aufgezeichnet. Play. Sechshundert (Teuro) für zwei Wochen auf einer Urlaubsinsel (Malle, Domrep gar?). Kann man nix zu sagen. Ach pro Nase? Jaja Halbpension natürlich, eine warme Mahlzeit möchte schon sein. Deutschland allein, Klinsi geht. Welche Meinung bildeten Sie sich diesbezüglich? Hömma, dieser Ballack verdient ja bald mehr als wie der Ackermann muß man ja auch ma sagen dürfen. Sagt aber keiner zum Bleistift. Spanien is auch nich mehr so wie früher preislich. Also mit diesem Traum-Sommer hat ja keiner mehr gerechnet, was? Man muss aber auch an die Landwirtschaft denken, lautet ein gültiger Einwand. Vielen herzlichen Dank, daß Sie diesen wichtigen Aspekt in unsere Diskussion getragen haben.
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Hurra. Frenetischer Jubel zerreißt die geisterstadthafte Ruhe des Werktags. Eine junge Frau stürzt auf den Balkon, die Arme wirft sie theatralisch gen Himmel, ihre großen Brüste sind in einem Fußball-BH verborgen. Deutsche Fetischmode in Tagen der nationalen Euphorie. Wer heute nicht geflaggt hat, dem ist nicht zu helfen. Von patriotischer Hand gezündete Raketen schnellen tausendfach in die Troposphäre um so den glorreichen Sieg unserer Jungs zu preisen. Ich stehe am geöffneten Fenster, mit einem Glas in der Hand, in dem Himbeeren schwimmen. Unten an der kleinen Schaukel tollen blonde Buben und Mädchen im sommerlichen Garten. Lustig flattern die kleinen, eifrig geschwenkten Fahnen, die man den Spielen geschickten mitgab, in der schwülen Schwere des Nachmittags. Sie tragen keine Matrosenanzüge und keine Ähren sind in ihre blonden Affenschaukeln geflochten. Ein Fahnenmast aus dem Baumarkt erhielt vor Anpfiff einen Ehrenplatz im Garten, das Klirren feierlich aneinanderstoßender Bierflaschen begleitete das Hissen unserer deutschen Fahne. Der Adler sieht ein wenig behindert aus die Krallen ganz verkümmert naja Fernost, egal, war im Angebot.
Wieso fahren sie nicht mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei?, werde ich gefragt, die dicken Finger seiner behaarten Rechten schließen sich fester um eine Handgelenktasche. Mein entgegenkommendes Fahrverhalten, auf dem zur Mischnutzung ausgewiesenen Weg, geht ihm nicht weit genug. Ein Mann, der es gelernt hat mit konstant hohem Adrenalinspiegel zu leben, in seiner Blutbahn kocht es seit Jahrzehnten. Neulich durchquerte ich ein, in Urwaldumgebung eingebettetes, Sumpfgebiet, und beschließe spontan von Reisen in die Tropen zunächst abzusehen. Mein von Schweiß benetzter Leib ist eingehüllt in eine regelrechte Wolke blutgieriger Insekten. Ein hier, in der Mitte des Weges, halb verborgen in wild wucherndem Gras, lagerndes, ob der Hitze mattes Reh zeigt sich verwundert über mein unvermutetes Auftauchen und entschließt sich die weitere Entwicklung mit Contenance abzuwarten. Als ich das Tier direkt, betont sanft anspreche ergreift es mit langen Sprüngen die Flucht ins modrige Unterholz.
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Aus schwarz-rot-goldenem Filz gearbeitete Zylinder bringen aufgeschwemmte Quadratschädel höchst unvorteilhaft zur Geltung. Einfach richtig genial, sag ich mal so, wir machen heute Stimmung. Aus wässerigen Fischaugen sprüht trunkene Euphorie. Die Fortführung von Ballermann, Karneval und Loveparade mit anderen Mitteln auf Sonderfläche. Ganz Berlin ein Unterschicht-Erlebnispark offenbar. Mit mindestens 120 dB wiederholt in der S-Bahn, eine homogene Gruppe fettsüchtiger Männer, sowie diverser walkürenhaft aufgedonnerter Wuchtbrummen, auf der Heimkehr aus irgendeiner Einkaufspassage, gröhlend, das jüngst errungene Spielergebnis der deutschen Mannschaft Eine Art Pilsmantra. Mnemotechnisch weniger beschlagene beschränken sich darauf, pausenlos den Namen ihres Heimatlandes zu rufen. Patriotismus vom Wühltisch wo man hinsieht. Schönhauser Allee ist der Bürgersteig mit geborstenem Glas übersäht, es gilt beim Umsteigen zahlreichen Kotzeinseln auszuweichen. Der Pöbel hat sich hier vor einer Spätverkaufsstelle zusammengerottet. Eine lange Stange erschiene mir geeignet um die allenthalben herumtorkelnden, Deutschlandfahnen-Parias auf Distanz zu halten.
In der rückseitig gelegenen Sitzgruppe des Großraumwagens reist ein Bürger, angetan mit Hut und leichtem Übergangsmantel in beige, welcher, nach eigener Aussage, beim Einstieg in den Waggon von einem listigen Taschendieb seines Portemonnaies beraubt wurde. Zu beklagen sind der Verlust von einhundert Euro in Scheinen sowie diverser Bankkarten. Zu diesem Behuf instruiert der Herr nun fernmündlich seine Gattin, sie möge doch die entsprechenden Kreditinstute zu einer Sperrung der Konten veranlassen. Das Telefongespräch verläuft in der sachlich emotionslosen Teilnahmslosigkeit des verinnerlichten Beamtentums. Guten Tag, ich habe Dir folgende Mitteilung zu machen, beim Einstieg in die Eisenbahn wurde mir mein Portemonnaie geraubt, bitte rufe bei der Bank an und lasse jene Karten sperren, deren Nummern ich Dir nun nennen werde. Zwo, Fünnef, Drei... Ich Wiederhole. Ähnlich schriftsprachlich wie der Dialog aus einem Sprachkurs, vielleicht Lektion 5. Wie lautet die Kontonummer von Herrn Flückiger? Woher kommt Herr Flückiger, wohin geht seine Reise?
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Finsternis hat sich über die große Stadt gelegt. Das Tosen der Motoren abgeebbt zu sonorem Hintergrundrauschen. Der melodiöse Ruf der Nachtigall erfüllt den nächtlichen Äther, soeben kündete der Kirchturm von der zweiten Stunde des Tages. Zumeist haben die Anwohner ihre Lichter gelöscht und befinden sich zu dieser vorgerückten Stunde längst in Morpheus Armen. Die Straße ist unbefahren, das Trottoir menschenleer. Interessant, die Mimose auf der Fensterbank zeigt ihr mimosenhaft seismonastisches Verhalten bereit ab dem ersten zarten Keimling. Wider Erwarten ist es mir gelungen auf Anhieb eine Mimosa pudica aus einem Samenkorn zu ziehen. Nicht unerheblich für das Gelingen verantwortlich war mutmaßlich meine Maßnahme, den Topf mit Frischhaltefolie abzudecken, so entstand, ein für die Pflanze zuträgliches, gespannt feuchtwarmes Mikroklima. Oh Schreck, plötzlich zerreisst bald durchdringendes Geräusch von hochtourigem Motor, bald infernalisches Bersten die nächtliche Stille. Mit unzähligen Pferdestärken gräbt sich leichtsinnig entfesselter Stahl ineinander.
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Die Busfahrt geht durch Vororte. Felder und Einfamilienhäuser wechseln sich ab. Auf dem Schwerbeschädigtenplatz nahe des Fahrers sitzt eine ältere rothaarige Dame und redet. Redet auch ohne bestimmten Gesprächspartner. Der Busfahrer hat offenbar kein Interesse an der Baumblüte. Die Schönheit blühender Bäume entlang der Busroute sind das immer wiederkehrende Grundmotiv ihres Monologes. Alle ihre Gedanken münden in Sprachausgabe. Junge, Junge das ist ja eine Baumblüte. Herrlich. Hut ab, sagt sie als der Bus an einer Haltestelle hält. Gemeint ist ein prächtig blühender Kirschbaum in einem Vortstadtgarten. Mit beiden Fäusten donnert sie aus Leibeskräften gegen die Scheibe um dem Gartenbesitzer ihre Begeisterung gestisch zu vermitteln. Vergeblich. Beugt sich, den Kopf drehend, wie eine Reiseleiterin in den Gang des Busses um weitere schöne Bäume anzukündigen. Recht hat sie.
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Die Leute die in der U-Bahn sitzen und offensichtlich plemplem sind, werden auch nicht weniger offenbar. Nein, nicht so wie Ursula von der Leyen, anders, Typen mit Schaum vor dem Mund, die den ganzen Wagen zusammenbrüllen. Einst humanistische Bildung, heute durch Dosenbier erweichte Synapsen. Mitunter ist es ja problematisch überhaupt geeignet Platz zu nehmen. Eine Jungmännergruppe, bei der der Posten des Alphamännchens wohl dauerhaft umstritten ist, da möchte man dann auch nicht stören. Naja egal, vielleicht mal eine nächtliche Tunneltour unternehmen im offenen Wagen? Ein Vorschlag, der über den an der Decke befestigten Monitor unterbreitet wird. Bestimmt ein einmaliges Erlebnis, zur Sicherheit tragen die Pufferküsser gelbe Helme. Irgendwie schratig. Hahaha: schratig. Ebenfalls auf dem Monitor ohne Ton, die CD der Woche. Ihr Schrate! Am U-Bahnhof Spandau hat man die Rolltreppen abgebaut, die Schrägen wurde mit Asphalt aufgefüllt, mir egal, ich glaub' ohnehin nicht an Rolltreppen, sieht aber liderlich aus.
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Siechtum und Leid auf den umliegenden Sitzbänken des Straßenbahnwaggons, draussen verblüffend warmer Wind vom Moder feuchter Erde erfüllt. Hinter mir entledigt sich ein Mann durch fortwährenden scheppernden Husten zähen Schleims. Während der Fahrt spricht er kontinuirlich dem Branntwein aus seiner Taschenflasche zu, die Spirituose dient wohl auch als Lösungsmittel. Auf seinem Kopf ein speckiger Trapperhut an dem vorne das Profil eines Pferdekopfes aus goldenem Metall befestigt ist. Gegenüber eine gramgebeugte junge Frau mit nachlässig kaschiertem blauem Auge, eine Reisetasche mit sich führend. Mit angeklebten weißen Fingernägeln schreibt sie ununterbrochen SMS sodann phlegmatisch auf Antwort wartend. Ihre Bewegungen sind die eines winterstarren Reptils. Neue Fahrgäste, neue Spielarten von Atemwegserkrankungen. Wohl dem, der sein Ziel erreicht.
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Eine Viertelstunde draußen gesessen gestern. Kleinste, soeben erwachte Nager wispern im ausgelaugt, dörren Gras des Vorjahres. Eine Florfliege ertrinkt fast in meiner Kaffeetasse, ich lege das nasse Tier auf's Fensterbrett, nach einigen Minuten ist das Insekt getrocknet und entschwindet durchs geöffnete Fenster. Was bleibt ist ein wenig pulverisierter Kaffeesatz. Segen der Sonne. Unten auf der Straße läuft ein kleiner Mann mit Einkaufsbeuteln vorrüber und macht Entengeräusche.
Junge Mädchen von heute tragen wildlederne Stiefel in frischen, leuchtenden Farben, gerne auch rosa oder apricot, außen zur Zierde reichlich mit Pelz und Posamenten besetzt. Die vier Backfische, die in der Straßenbahn auf einer Bank Platz genommen haben, stecken die Köpfe zusammen und erörtern die Situation auf den Reiterhöfen im Norden Berlins. Man muß wissen, daß doch neulich in Schildow ein bereits betagtes Pony angefahren wurde. »Ich war bei der anschließenden Beinoperation und dem Lauftraining dabei« vermag eine der Heranwachsenden aufzutrumpfen, und verzieht triumphierend ihr kindliches Gesicht. Neid lässt die hippophile Gruppe verstummen und mir fällt ein Stein vom Herzen, kein behindertes Pony, ich bin vollkommen beruhigt. Im Gegensatz zu dem misanthropischen Straßenbahnfahrer, der immer wieder cholerische Durchsagen, eingeleitet durch Kraftworte, in sein Mikrophon brüllt. Ein vollkommen verblödeter Fahrgast hatte in seiner unfassbaren Nichtsnutzigkeit den Haltewunschtaster zur Unzeit betätigt. Selbstverständlich wird dem falsch Handelnden, ja allen Reisenden eine ordentliche Standpauke zuteil, eine lautstark vernichtende Abfuhr, die sich der Betreffende hinter den Spiegel stecken kann. Solch ein Lapsus darf einfach nicht passieren! Später. Offenbar hat der diensthabende Fahrer die Lautsprecheranlage für sich entdeckt, macht regen Gebrauch von der technischen Möglichkeit seinen Hass elektrisch verstärkt hinauszuschreien. Der Waggon verfügt nämlich auch über einen Außenlautsprecher. »Bleib stehen Du Arschloch!« wird im Kreuzungsbereich ein unachtsamer Autofahrer angeherrscht und somit in seine Schranken gewiesen. Mit seinem surrealistisch unangemessenen Umgangston handelt er, wie viele hier, abseits klassischer Etikette.
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Im Berufsverkehr sind Straßenbahnfahrten mitunter recht zäh, von Autos umzingelt muss die Tram immer wieder längere Zeit warten. Durch die Scheibe des an der Ampel pausierenden Waggons fällt der Blick in die im Hochparterre gelegenen Räume des kirchlichen Gemeindehauses. Eine hochmotivierte Gemeindeschwester wirft selig lächelnd ihre Arme in die Höhe. Im Fensterrechteck des Saales erscheinen zögerlich zahlreiche Kinderhände, die es der rosigen Vorturnerin gleichtun. Kinderturnen mit Birthe vielleicht. Nebenan, in Nachbarschaft zum Bioladen, wo früher Blume 2000 war, wird demnächst ein neuer Laden für Holzspielzeug eröffnet. Maler sind gerade im Begriff sämtliche Wände scharlachrot zu streichen. An der Fassade wurde schon das Firmenschild angeschraubt, das neue Fachgeschäft wird »Die wilden Schwäne« heissen. Ob man sich damit im Moment erfolgreich bei jungen Müttern positionieren kann?
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Vor mir auf dem Gehsteig eine meiner Nachbarinnen, erste Treppe links. Weinroter Anorak, weißes Haar, der Gang leicht gebückt, sie kommt mit allerlei Beuteln vom Einholen.
Ich so: »Guten Tag«
Überraschung geht nahtlos in große Freude über.
Sie so: »Ach, na sowas, Guten Tag!, wir haben uns lange nicht gesehen was?«
Handelt es sich um einen Scherz oder um fortgeschrittene Vergesslichkeit? Trafen wir doch erst gestern an nahezu gleicher Stelle zusammen und wechselten Worte des Grußes.
Später an einem anderen Ort. Ein Schnauzbärtiger, das Haupthaar im Vokuhilastil frisiert, hat seinen PKW auf dem Bürgersteig geparkt. Dicke Hände stapeln Brausekästen, Würste, Tüten, Schweinehälften, Schnapsflaschen was weiss ich noch alles auf das Trottoir. Wolfgang Petry, allerhand Waren sowie ein Kraftfahrzeug versperren mir also den Durchgang.
Ich so: »Kann ich mal durch bitte?«
Der Zwangsproletarisierte so: »Hast du'n Problem?«
Ich so: »...«
Der Zwangsproletarisierte so: »Ob du'n Problem hast frag isch.«
Schweinsäuglein funkeln mich erzürnt an, der Typ is uff 180.
Ich so: »Ich würd gern mal durch, wenn's möglich ist.«
Der Zwangsproletarisierte so: »Hast du'n Problem? Weil wenn du'n Problem hast kriegst du nämlich mal ganz schnell wat aufs Maul so einfach is det.«
Die rhetorische Frage wird somit, wenn auch wenig überraschend, doch noch aufgelöst. Manche die hier wohnen sind wirklich ein wenig verhaltensauffällig.
Der schmale Oberkörper des Mannes versinkt in einer blauen Wattejacke, einem Relikt aus Tagen der Lohnarbeit. Seine Hand führt ein Herrenfahrrad, das er jetzt neben einem öffentlichen Mülleimer abstellt, eine rostige Fußraste ermöglicht sicheren, lotrechten Stand. Er wippt den schmächtigen Körper auf die Fußspitzen, wirft seinen geübten Blick durch die Öffnung in das Zwielicht des an einer Laterne befestigten Abfalleimers. Tritt einen Schritt zurück, bringt durch Abrollen der Füße auf die Zehen die Schulterkugel auf Einwurföffnungshöhe, führt den rechten Arm waagerecht bis zum Ellenbogengelenk in den Schlund des orangenen Blechquaders ein, winkelt den Arm senkrecht an und sinkt durch Entspannen des Körpers mit dem Arm in den Mülleimer hinein. Ein gespannter Blick, alle Sinne liegen jetzt in der am Boden tastenden Hand. Dann eine Umkehr der flüssigen Drehbewegung, die auf Vertrautheit mit der räumlichen Beschaffheit der städtischen Abfallbehälter hindeutet. Die Hand des Mannes hat zwei leere Bierflaschen aus der Tiefe geborgen und ordnet diese, an dem Fahrrad stehend, in eine der zahllosen Plastiktüten, die von langer Benutzung nur noch Reste der einstigen Reklameaufdrucke erahnen lassen. An der Lenkstange hängen zwei moderat gefüllte Tüten, am Gepäckträger sind mit den Resten eines Stromkabels die Bretter einer Kiste befestigt und erweitern den Stauraum zu einer kleinen Ladefläche. Ein erfolgreicher Leergutsammler.
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Akribische Frontberichterstattung in der Straßenbahn. Zwei bleiche junge Männer lassen ein ausgiebiges Counterstrike-Wochenende Revue passieren. Zur Stärkung schütten sie aus Plastikbechern mit rosa Farbstoff versetzte Milch in ihre Rachen. Es riecht nach nassem Hund. Die einzelnen, stark geheizten und wenig gelüfteten, Räume der Stadtbibliothek sind, der Systematik entsprechend, jeweils auf eigene Art muffig. Der süßliche Geruch zerfallenden Papiers bildet das Fundament. In den alten, oft gelesenen Büchern haben sich über die Jahre winzig kleine Krümel, Hautschuppen, Spuren von Körperfett, blasse Milben, feinster Nikotinfilm und anderer Gilb abgelagert. In einigen offenbar seit langem nicht mehr geöffneten mehrbändigen Tagebüchern sind Moleküle von Ostgeruch zwischen holzhaltig randgebräunten Seiten erhalten geblieben. Wenig und oft gelesene Bände riechen am Stärksten. Erstere weil sie nicht durch blättern gelüftet werden, letztere weil sich an ihren Zellstofffasern viele verschiedene Körpersäfte in kleinsten Quantitäten sammeln und mischen. Besonders betroffen sind hier insbesondere phantastische Romane und spannende Krimis, da diese mutmaßlich auch in der Bahn und auf der Toilette verschlungen werden. Je spezieller also das Interesse, desto höher die Hygiene der Bücher.
Am späten Nachmittag schellt es oben, an der Wohnungstür. In solchen Fällen vermute ich aus Erfahrung GEZ-Kontrolleure oder hartnäckige Hausierer, die den Fuß vorschiebend versuchen an der Pforte Eindruck zu schinden. Mit diesem Verdacht sehe ich wohl recht mürrisch aus, als ich die Türe öffne. Der Besucher ein langhaariger Hüne, ausgestattet mit einer Schreibunterlage, diversen Papieren und einem Kugelschreiber. Mit einem kleinen Scherz stellt sich der junge Mann vor. Da ich selbst ein großer Freund des Sparwitzes bin, gebe ich dem Besucher, entgegen meiner Prinzipien, Gelegenheit sein Anliegen vorzutragen. Er sei Drogenabhängig und würde eine Umfrage durchführen, dies alles sei Teil der Auflagen, die ihm sein Bewährungshelfer gestellt hätte. Ich gebe zu Bedenken mit der Materie nicht vertraut zu sein weder jugendlich noch rauschgiftsüchtig. Nein, nein egal, jeder könne mitmachen, das sei ja gerade der Witz. Es geht los.
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Drei junge Männer steigen an der Tramhaltestelle ein, sie tragen identische türkisfarbene Jacken aus Ballonseide mit Kapuze. Auf der Rückseite der Kleidungsstücke ist ein Raubtierkopf aufgestickt. Die Worte »Tiger Attack« zeichnen das Trio als verschworene Gemeinschaft aus. Ich habe neulich diese Art der Bademäntel in dem ausgezeichneten Boxerfilm »Million Dollar Baby« zum ersten Mal mit Bewusstsein gesehen. Die drei sind sicherlich selbst begnadete Kickboxer, die in einem der populärsten Tanzlokale Reinickendorfs an der Tür die Spreu vom Weizen trennen. Hier, hast Du Problem Alter? Auf den Sitzplätzen: Das Rentnerehepaar trägt baugleiche Hornbrillen, über dem weißen Haar der Frau eine weinrote Baskenmütze. Eine beigefarbener Hut auf dem Kopf des Mannes. Die Frau muss sehr prononciert und laut in das Ohr ihres Gatten sprechen, um Gehör zu finden. Dieser führt eine genarbte, braune Umhängetasche aus Leder mit sich, an der Aussenseite sind Laschen angebracht, die der Aufnahme von Stiften dienen, hier Kugelschreiber und ein Bleistift. Bohnenkaffee und Suppengrün sind Teil des kleinen Einkaufes, der in der Tasche transportiert wird. Unter energischem Geklingel absolviert der Straßenbahnfahrer nun eine Vollbremsung, die leichtgewichtige Sitzende von den Bänken schleudert und stehende Fahrgäste zu Fall bringt. Der Grund, ein zuhältermäßig getuneter, amerikanischer Pickup mit Breitreifen, ist wider die geltenden Verkehrsregeln, aus einer Einfahrt, in den Wirkungskreis der Tram gefahren. Aber anstatt still um Ablass zu flehen ob der Fehlleistung, Asche auf's Haupt zu streuen und sich devot unter den nächsten Stein zurückzuziehen, wird die getönte Seitenscheibe heruntergelassen selbstverständlich elektrisch.
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In der Straßenbahn. Ein Pensionär mit abstehenden grauen Haaren, gekleidet in einen schütteren Anzug, sucht sich nach dem Einsteigen, schnell, noch vor dem Anfahren der Tram, einen Fensterplatz in Fahrtrichtung, entnimmt seinem rot gemustertem Nylonbeutel Dederonbeutel eine Apothekenzeitschrift und markiert während des Lesens einzelne Textpassagen mit dem Kugelschreiber. Auf dem Sitzplatz hinter ihm kauert ein koboldhafter Vietnamese, der ein sehr lautes aber angenehm rhythmisches und gutturales Telefongespräch führt.
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Jeden Freitag steht am Rande des Parkplatzes vor der Kaufhalle ein kleiner Lieferwagen, an dessen Seitenwand vermittels Photographien ein Arbeitsprozess veranschaulicht wird. Der Fahrer des Transporters ist gleichzeitig auch ein Handwerker, der hier der Laufkundschaft seine Arbeit feilhält. Aus alten schlichten Türen macht der Dienstleister neue rustikale Türen. Alles ambulant, würde jetzt ein Passant mit einer schäbigen Tür vorbeikommen, könnte im Fond des Wagens die Verwandlung sofort durchgeführt werden. Der Supermarkt ist ein fensterloser Kubus, der die Längsseite des Parkplatzes abschließt. Die Sonne wird bald untergehen und bildet am äußeren Ende der verklinkerten Fassade eine kleine goldene Fläche, die auf dem asphaltierten Boden in eine lange, spitze Ecke verläuft. In Ermangelung von zu bearbeitenden Türen oder Passanten, denen er die Vorzüge der Türverwandlung verbal schmackhaft machen könnte, steht der Boulevard-Handwerker, ein beleibter Mann mit Stirnglatze, in der schwindenden Sonneninsel, fern seiner rollenden Werkstatt und döst. Die Augen geschlossen, sein Gesicht den goldblauen Strahlen zuwendend, wippt der Türenmann auf den Fußspitzen vor und zurück und summt leise vor sich hin.
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Die in einen legeren Freizeitanzug gekleidete Nachbarin, für die ich nachmittags eine Kosmetiksendung von Avon entgegenahm schellte am frühen Abend bei mir, um das schwere Flakons und Tiegel mit Pflegesubstanzen enthaltene Paket abzuholen. Obwohl ich sie schon des öfteren im Treppenhaus gesehen habe, wir uns auch stets recht freundlich den Gruß entbieten, hatte diese die türkisfarbene Benachrichtigungskarte mitgebracht, um sich damit als die zur Entgegennahme berechtigte Mietpartei auszuweisen. Vielleicht hätte ich mir zur Kontrolle ihr Personaldokument vorlegen lassen sollen? Ortswechsel. In der Kaufhalle an einem zur Warenverpackung für die Kunden dienendem Tisch. Eine kleine, kauzige ältere Dame mit Brille, die mit krallenartig, knochigen Händen flink ihre Waren in einem Einkaufswagen verstaut. Der als Einkaufshilfe designierte pubertierende Enkel hat die größten Turnschuhe der Welt an, bestimmt Größe 63 und steht ein wenig debil daneben.
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Die Frau trägt eine Ballonmütze aus weißem Cord oben durch einen Puschel gekrönt. Ihr Gesicht wird von einer sehr großen Brille mit champagnerfarbenem Plastikgestell dominiert, dahinter gütige, latent besorgte Augen. Als sie in die Bahn einsteigt hat sie in der Hand einen Katzenkorb, darin enthalten ein schön getigertes Katzenkind, all seine Verzweiflung über den verlorenen Tag mit dem Tierarztbesuch in ein Miauen legend. Das Tier stimmt die von der Arbeit kommenden Menschen milde. Gegenüber ein relativ kleiner Mann mit blondierten »Spikedhairs« in die sich schon merklich Geheimratsecken schieben. Seine bleichen, alten Arme sind mit vielen kleinteiligen Tätowierungen versehen, mit ihm plaudernd eine schlaksige, hochaufgeschossene Frau mit spitzer Nase und langen pinkfarbenen Haaren. Die dürren Glieder sind in schwarzes Latex gewandet, ihr geeignet erscheinende Stellen des Gesichtes sind zur Zierde mit Metallteilen durchbohrt. Gut, bis morgen denne, die beiden besuchen wohl gemeinsam eine Qualifizierungsmaßnahme.
Die kühle Abendbrise war bereits vom apfelhaften Odem des Herbstes durchspült. Gülden, gleich einer überreifen Pomeranze prangte der volle Mond am königsblauen Firmament. Am Fuße eines, die Gebietsgrenzen eines bescheidenen Eigenheimes bezeichnenden, Zaunes ließ sich eine dort kauernde Gestalt ausmachen. Mit nunmehr an die zwielichtige Beleuchtungssituation adaptiertem Auge, entpuppte sich das vermeintliche Chimärenwesen als eine fleißige Hausfrau, die mit Schwamm und einem, wohl Seifenlauge bergendem, Plastikeimer bewehrt, dem an den stählernen Streben des Zaunes haftenden Straßenstaub und dehydriertem Hundeurin zu Leibe rückte. Im Hintergrund der Szenerie ein architektonisch mangelhaftes Haus dessen Thermofensterfront einen Blick in das Herzstück der Behausung gewährte. Der Herr des Hauses hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und verfolgte ein Fernsehprogramm, der Dramaturgie der Sendung folgend bald jäh in kalten bläulichen Schein getaucht, bald vom Dunkel umfangen.
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In einer im Hochparterre gelegenen Wohnung mit niedrigen Decken half ich bei der Renovierung vor der Übergabe an den Vermieter. Das ehemalige Wohnzimmer hat an beiden Aussenwänden recht große Fenster. Der Blick geht auf eine vielbefahrene Kreuzung mit nachmittäglichem Berufsverkehrstau. Die Gegend ist wohl eines der Neubaugebiete der frühen dreißiger Jahre, von den Abgasen der Lastwagen vergraut. Wenn ich durch die Wohnung gehe, stößt mein Kopf fast an den Türrahmen und die Deckenlampen. Unweit von hier liegen an staubigen, lauten, in der Hitze flimmernden Straßen die großen Einkaufszentren des Stadtrandes, neben Ruinen der Ostwirtschaft wehen die Fahnen der Autohäuser, ganz nach dem halbseidenen Schönheitsideal der neunziger Jahre gebaut. Beim Streichen der Wände des Eckzimmers wird mein Blick häufig von den vorbeigehenden Passanten angezogen. Heute verstehe ich die Mieter, die sich ein Kissen auf die Fensterbank legen, eine Zigarette anstecken und sich mit Beobachtungen der Nachbarschaft beschäftigen. Recht interessant, aber auch mitunter deprimierend, der Blick in das Antlitz des hier lebenden Menschenschlages.
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An der Haltestelle stieg diesmal eine ganze Traube ein. Auf der Bank neben mir, im Fond des Wagens, nahm ein älterer Mann platz. Nach vielleicht zehn Sekunden wurde ich eines schrecklichen Geruches, von meinem Banknachbarn ausgehend, gewahr. Nein, ich roch nicht ein wenig Arbeiterschweiss oder leichten Mundgeruch. Ich bin in dieser Hinsicht zwar sensibel aber ebenso tolerant. So auch als sich kürzlich ein vor mir im Treppenhaus hergehender, ein schweres Möbelstück tragender Dienstleister, unter der Last nicht mehr Herr seiner selbst, sich in jeder Hinsicht vernehmlich eines langgezogenen Darmwindes entledigte. Jener, in der Bahn meine Nase durchdringender Geruch allerdings kann nur als unmenschlich bezeichnet werden, mir fehlen andere vergleichende Worte. Seit heute habe ich eine Vorstellung davon, wie Untote riechen.
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Von erhöhter Warte, meinem Küchenfenster, ist es mir vergönnt Einblick in die Gärten der Nachbarschaft zu nehmen.
Der Hausherr des angrenzenden Grundstücks hat es sich Sonnabend-Nachmittag mit einer Illustrierten in der »Hollywood-Schaukel« bequem gemacht.
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Wartend, am frühen Abend an der Haltestelle des menschenleeren, auf Weltstadt getrimmten, vermeintlichen Prachtboulevards. Nun naht die Bahn, weiter vorn auf dem Bahnsteig als erwartet: ein Kurzzug. Die Reise beginnt, Sitzplätze zur freien Auswahl. Über den dunklen Fluß, der für kurze Zeit den Blick auf die abendlich erleuchtete Kuppel des Regierungssitzes freigibt. Unter Quietschen werden die Waggons von dem starken Elektromotor um die Kurve getrieben. Dirnen säumen die Strecke.
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Am Nordbahnhof steigt eine munter zwitschernde Gruppe slawischer Frauen zu, es sind zwei Mütter jeweils mit ihren Töchtern. Ein Kinderwagen ist auch dabei, das darin enthaltene Kind verhält sich still, vermutlich schläft es.
Kaum hat sich der Zug in Bewegung gesetzt, beginnt eine der beiden Mütter ihre Tochter, die ihr den Rücken zugekehrt hat, zu frisieren. Zunächst wird das lange blonde Haar des Mädchens energisch gestriegelt, ein Zopf geflochten, dieser wird dann straff zu einem Dutt gewunden.
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Ein kühler, düsterer Tag nach Wochen des verfrühten Frühlings. In einer Bankfiliale eines nahe gelegenen Neubaugebietes des vergangenen Jahrhunderts, ich stehe hier in der Schlange um eine Transaktion durchzuführen. Nur ein Schalter ist mit einer weiblichen Servicekraft besetzt. Die Klimaanlage wälzt abgestandene Luft auch in die hinteren Bereiche der Geschäftsräume. Der jungen Dame mit der Ponyfrisur die dort auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch ihres Sachbearbeiters sitzt, der in für Kunden uneinsehbaren Räumen ihr Personaldokument kopiert, ist unwohl: Migräne.
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