Hightatras:

Die A

Die A bewohnt eine Einliegerwohnung unter dem Dach, deren Nutzfläche fünfundachtzig Quadratmeter beträgt. An schönen Semptembertagen etwa, wenn sich der Himmel makellos hellblau und recht freundlich über der stattlichen Alpenkulisse präsentiert, man allenthalben den Wanderschuh schnürt und ein milder Wind von Italien her geht, verlasse die A ihre Wohnung nicht, wohl aus Prinzip und psychischer Disposition, und halte die Fenster fest geschlossen, ferner seien die Vorhänge zugezogen – darin läge wohl auch maßgeblich ihr fahler Teint begründet. Man höre sie kaum gehen in ihren Räumen; die A gleicht einem Hausgeist oder einem scheuen Waschbären lässt sich dem entnehmen, was über A gesagt wird.
Eines Abends, da die Wipfel der Tannen schwarz und unruhig vor dem Fenster wogten, gewahrte ich durch die angelehnte Stubentüre, wie ein mit einem Damenschuh in Trachtenoptik bekleideter Fuß vorsichtig tastend und – aufgrund von nachttierhafter Routine – bar jeglichen Knackens auf die vom Dachgeschoss steil herabführende Treppe aus Eibenholz gesetzt wurde. Der Spann des Schuhs war mit einer schön ziselierten Silberspange besetzt, soweit im Zwielicht und bei allem Willen zur Wahrung der Intimsphäre erkennbar war; der Fuß gehörte zweifelsfrei der A – wie sich unschwer schließen und kurze Zeit später auch beobachten ließ – die auf Vollgummisohlen weitgehend lautlos durch das Vorhaus in Richtung Garage schwebte, kalkweiss geschminkt und angetan mit einem burgunderfarbenen Dirndl, ihrem Ruf gemäß twinpeaksartig und somnambul. Es seien stets jene nasskalten Nächte, wie es diese Nacht ist, die von flatschig herniedergehendem Schneeregen bestimmt ist, die die A nutze, um mit ihrem japanischen Kleinwagen auszufahren, der – bei Tage besehen – in der Farbe geronnenen Ochsenblutes lackiert ist. Zudem mit unbestimmten Fahrtziel, wie man mutmaßt und mit gedämpfter Stimme auch gegenüber Dritten äussert. Über Bergstraßen, auf denen oft Sichtweiten unter fünfzig Metern herrschen, wie anzunehmen ist, führe die A; auch auf Straßen, deren Asphaltdecken nicht selten bereits vor Allerheiligen mit einer filmartigen Eisschicht im Mikrometerbereich überzogen sind – wenn nicht gar auf Forststraßen, mittels Betonröhren von frischen Bächlein unterquert, die sich, trotz aller Unwirtlichkeit in Form von Totholz und Dornengespinsten, dieser ganzen vermoosten und finsteren Feindlichkeit der von Murengerümpel völlig verstellten Wildnis, munter sprudelnd Bahn gen schwarzes Meer brechen.
Das schwere Gravitationsmonster aus Stein gebiert menschgemachte Schwere, die Gemütlichkeit vorstellt: also moosgrüne, eigentlich schwarzbraune Kachelöfen, schmiedeeiserne Ampeln, dunkelgebeizte Kästen und Tramdecken, Schnitzwerk, Irdenes, Wollenes, Sammelteller als Träger von Illustrationen, die Waidwerk und fanatisches Bergbauerntum verherrlichen, rehbraune Polster mit alpenländischer Stickarbeit reichlich verziert und einhundert Trophäenbretter mit angenageltem Geweih. Ein uriges Stocknageluniversum, begeistert von einer Million untoter Bambischädel, deren Seelen wohl in Elfriede Jelinek reinkarnierten.
Als ich einmal ein Lebensmittelgeschäft verließ – kein Plastiksackerl zur Hand – folglich die Arme voller Brot und Fett, standen vor dem bleigrauen Schneehimmel plötzlich schwarze Helikopter des Bundesheeres, fix und stoisch zugleich wie diese Vietnambrummer.
Die A hat jedenfalls alle, in ihrer als möbliert vermieteten Wohnung enthaltenen, Kästen und Polster in die Garage schaffen lassen, und durch neue Möbel ersetzen lassen. Moderne Möbel, bei deren Verarbeitung Leichtmetall, helle Buchenfurniere und ornamental mattiertes Glas Verwendung fanden. Man sagt, ihre Wohnung sei nun nach Feng-Shui-Prinzipien eingerichtet, die A sei eine Verfechterin des Feng-Shui-Prinzips und zudem überaus sensibel gegenüber Strahlungen und so. Führe sie mit ihrem Auto an einem der Häuser unten in der Kurve vorbei, so J über A, spüre sie das Unheil, das dort herrsche, wie sich ein dräuendes Unwetter in juckendem Narbengewebe bemerkbar macht. Hinter den Türen lege man dort Kälbern eine Kette um ein Hinterbein, zöge sie zwei Meter hoch in die Luft und schnitte ihnen, unempfänglich für die flehenden, hübsch bewimperten Augen, die Kehle durch. Der Dechant sei gekommen, als das Schlachthaus eröffnet wurde und habe das Haus und die Fleischhauer gesegnet.
Der Mensch selbst stirbt in der Regel wegen Schnellfahrens oder weil beim Abschruppen eines von Flugrost befallenen Balkonkastenhalters die Scheibe des Winkelschleifers birst und einzelne Werkzeugfragmente durch die Schädelplatte hindurch direkt in das Gehirn eindringen, das die Erben später mit dem Kärcher beigehen müssen. Man kann das alles in den Zeitungen nachlesen. Oder auf geschnitzten Schildern am Wegrand, die über vergilbte Männer berichten, die unglücklich auf Schneebretter traten oder bei der Gamsjagd durch spontane menschliche Selbstentzündung ehrenhaft vergingen.

Neues aus den Ostgebieten

Plötzlich erscheinen drei Menschen und packen einen älteren Mann recht barsch am Arm. Wahrscheinlich habe ich aber nur nicht so richtig hingesehen zunächst, da ich, an einer S-Bahnstation wartend, etwa Schwalbensilhouetten am Abendhimmel beobachtete oder auf den Po eines vorbeigehenden Mädchens blickte. Er möge sich ausweisen sagt der das Trio wohl leitende und das Wort führende Mann und zeigt seinerseits nachlässig eine Ausweiskarte vor auf Hüfthöhe, die ihn mutmaßlich nach außen als Zivilfahnder bezeichnet. Das Ziel des Zugriffs ist ein kleiner Mann mit schiefgelaufenen Schuhen, gelbgrau zurechtpomadiertem Haupthaar und einer braunmelierten Hornbrille, dem man nun wortlos die Umhängetasche von den Schultern zerrt und den Inhalt rasch auf den staubigen Boden des Bahnsteigs entleert. Dabei mit spitzen Fingern ganz gewöhnliche Dinge, wie eine Brille, einen Schlüsselbund, leere Bierflaschen oder eine Zeitung, mit einer, für mich als Beobachter ungeheuerlichen, Na-was-haben-wir-denn-da-Miene anhebend, als müsse sich der Besitzer dafür rechtfertigen, was dieser jedoch leider auch macht. Man handele aufgrund eines Anrufes, verschiedener Hinweise aus dem Volk, erläutert der leitende Fahnder, man habe ihn, den Mann mit der Umhängetasche, beobachtet, wohl hinter der Gardine stehend, denke ich, wie er Bierflaschen austrank, wie er dann im Gras lag, am Bahndamm, unweit der Kanalbrücke und schlief, in der Sonne, anschließend auf dem Bürgersteig auf und ab ging, hatten Bürger ihre Beobachtungen der Polizei geschildert, so der Fahnder. Es sei ein Verdachtsmoment entstanden, da und da abgestellte Kraftfahrzeuge betreffend, so der Fahnder zu dem vermeintlich Verdächtigen, der aufgehalten wird, dessen Habe auf dem Boden verstreut liegt, der harmlos ist, wie ich denke und wie ich weiter denke handelt es sich nicht einmal um einen Anfangsverdacht, der eine Taschenkontrolle überhaupt rechtfertigen würde, sind doch Bier trinken, schlafen, auf und abgehen übliche Beschäftigungen von Menschen somit mitnichten justiziabel im Sinne einer gesetzlichen Ordnung jenseits von Kaiser Wilhelm, Adolf Hitler und Erich Honecker. Daß ich plötzlich in eine Situation geworfen werde, denke ich, die die eines Voyeurs ist, der durch den Spion seiner Türe beobachtet, wie Schergen in Ledermänteln und Reitstiefeln bei einer anderen Mietpartei grimmig schellen um exekutiv tätig zu werden. Und wie das Trio Eindruck schindend und sich in die Brust werfend dasteht, den vermeintlich Verdächtigen bedrängt, der nicht daran denkt Widerstand zu leisten, alle an ihn gerichteten Fragen, eingeschüchtert, wie ein Untertan, der er ja offensichtlich auch ist, beantwortet, obwohl er sie nicht beantworten müsste, wie mir gewiss ist. Es ist ein Unrecht das geschieht, ich handle nicht, auch weil meine Bahn einfährt, wie ich mir später, als fadenscheinige Entschuldigung vor mir selbst zurechtlege. Die Situation gemahnt an eine Jagdszene von kleineren Raubtieren, die ein ihren Kräften gemäßes Opfer ausbaldowerten, Frettchen etwa, die eine flügellahme Amsel gestellt haben, sich in der Überzahl wissend, ferner wissend, daß das Opfer ein geschwächtes ist, somit nicht aufflattern kann beispielsweise oder fortspringen, und dennoch ohne Unterlass sichernde und schele Seitenblicke werfend, während sie ihre hektischen Zähnchen in das Fleisch schlagen, ob nicht ein größeres, einen in der Nahrungskette übergeordneten Rang bekleidendes, Raubtier erscheint und sich die bestehenden Kräfteverhältnisse ungünstig entwickeln. Und alle tragen Kapuzenshirts, wie in diesen Reportagen im Privatfernsehen, das aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmende Menschen vornehmlich mit diesem sportiven Kleidungsstück angetan abbildet: das Kapuzenshirt ist quasi der Rokokopantoffel des 21. Jahrhunderts. Mit Drogenproblemen behaftete Problemjugendliche aus Problemkiezen mit Problemhunden sowie auf Problemjugendliche kaprizierte Geheimpolizisten, Leistungssportler, Kleingärtner, Raver und Geländewagenfahrer aus Westend. Die Situationen, in denen sich die Menschen in sozialer Interaktion befinden, sind stets stereotyp und lassen sich meist auf einige wenige triebbedingte Säugetiermechanismen reduzieren, wie beispielsweise dominante Revierverteidigung und körperlich oder geistig ausgetragener Kampf um die Weibchen mit den besten Erbanlagen. Fraglich ist, ob die äußeren Formen der Klischees aus der Realität in den Fernseher wandern, oder ob die Klischees dort entstehen und in die Gesellschaft ausgestrahlt werden, wie diese Fernsehseriendialoge, die in meinem Rücken, in den Schlangen vor den Supermarktkassen geführt werden, von Menschen, die ihr Leben bei Schweinefleisch und Colamischgetränken in zitronenfaltergelb gestrichenen Blähbetonsteinhäusern in Toskanaoptik fristen.

Die Rückkehr der Schmarotzerhummel

Ich versuche einen Artikel über Schmarotzerhummeln zu lesen, jedoch sitzen linker Hand zwei Männer, die über die Ästhetik von Immobilien reden, über Vortstadtvillen an der Rehwiese, die in eloquenten Sätzen die Form der geschwungenen Dächer beschreiben, die der steinernen Bänder, die sich in jugendstilhafter Spannung an der Fassade entlangziehen, begleitet von vornehmen Gesten, die sich aus der frühen Lektüre von Poesie und schöngeistig motivierten Italienreisen zu speisen scheinen. Filigrane, feminine Finger, die das Feuilleton nur sanft knittern und zärtlich das schellende Telefon ertasten wie den Penis ihres Partners; die die gelb bezeichneten Haltevorrichtungen der Bahn weich und doch voller Zutrauen umschließen, bereits wenn der Waggon nur leicht krängt, die randlose Brillen, von einem dezent herbstlichen Herrenduft umschmeichelte erdfarbene Tweedjackets, Mützen gleichen Materials wie gleicher Valeurs sowie frisch gestärkte van Laack Hemden tragen, aus deren Kragen, der herbstlichen Frische wegen, gedeckt seidene Halstücher herausragen.
Zu meiner Rechten, sitzt ein Mädchen, eine junge Frau von hagerer Gestalt, ihr Haar ist so frisiert, wie es jetzt mitunter wieder Mode ist, im Stile der vierziger Jahre, recht streng zurecht gesteckt, zu einer Art geschwungenen Langhaartolle, die an die Fotografien der fürchterlichen Familienministerin gemahnt. Ihr gegenüber sitzt ein Junge, leger – er flezt, wie gesagt werden kann, auf dessen Winterjackenrücken ein stilisierter Skorpion aufgestickt ist. Er hat einen Stoffbeutel dabei, ein Werbegeschenk des deutschen Bundestages, in dem leere Flaschen klunkern. Der Junge schweigt und hört zu, gelegentlich sagt er Affirmatives, wie krass, oder uff jeden, oder er nickt, offenbar high von Haschisch. Und das Mädchen erzählt viel, pausenlos, es stürzt aus ihr hervor, trotzdem spricht sie ruhig und unaufgeregt, in kurzen Sätzen, Puzzlestücken gleich, die durch die Schwerkraft zu einem traurigen Bild zusammengerüttelt werden; die Geschichte von dem Mann beispielsweise, der der Vater ihres Kindes ist, der sie während der Schwangerschaft verließ, wegen einer anderen Frau, der heroinabhängig ist und ihr jüngst per SMS seine Rückkehr avisierte, ihr trügerisch seine wieder erwachte Liebe versicherte, um dann, beim ersten Besuch, nachdem er sie beschlief, den Computer zu stehlen und zu verschwinden. Sie ist jung, trägt ein tailliert geschnittenes Camoujäckchen, das nicht hinreichend über die Nieren geht, die kurzen Beine sind von weißen weiten Sporthosen aus Jerseystoff bekleidet und ihr schmutzig blondes Haar erscheint durch das viele Haarspray von einer Beschaffenheit wie Sandstein zu sein, so spröde, als könnte man Teile davon abbrechen.

Direkte Ansprache in der dritten Person

Man sieht hier noch das frühere Kino, später mit senfgeprenkelten Fliesen ausgekleidet zum Lebensmittelgeschäft, daß man mit dem Schlauch durchgehen könnte wenn nötig, die von schmalen Schlitzen durchbrochene Empore, von der die Filme durch einen – so stelle ich es mir vor – staubigen Saal an die Leinwand projiziert wurden. Eine Frau, wohl Russin oder Polin, die sich im Supermarkt mit zwei soeben gekauften Plastikbeuteln voller Blumenerde müht, so flachgepresste, die dann aber, sobald man sie unter den Arm zu klemmen versucht, nachgeben und schlapp in der Mitte durchhängen, zu sehr um sie würdevoll greifen zu können, zu wenig jedoch auch zum bruchfreien Falten des Gebindes. Da wendet sich schließlich die Kassierin in ihrem Drehstuhl der mutmaßlichen Russin zu, sie trägt eine Strickjacke mit Rentiermotiven, da Zugluft hier ein Problem darstellt, und die Tiefkühlregale ein zusätzliches an feuchter, an die Nieren gehender Klammheit aushauchen, und sagt – vielleicht auch weil sie mit der Russin vom Sehen bekannt ist, eine gut zahlende Kundin möglicherweise zudem, die auch Morchelöl oder andere hochpreisige und überkandidelte Waren kauft – sie kann den Einkaufswagen auch mitnehmen und später wiederbringen. Dabei blickt sie aber die Russin direkt an, so als spräche sie in der zweiten Person zu ihr, und lächelt etwas; die Angesprochene hat sich, der an sie gerichteten Worte wegen, aufgerichtet, von den Substratsäcken abgelassen und wischt sich schlanken Fingers einige Krumen von ihren safranfarbenen Hosenbeinen, die in blankgewienerten rotbraunen Lederstiefeln stecken. Will er den Kassenbon, sagt später die Kassiererin mich ansehend und mir zugleich das aus dem Drucker hervorkringelnde, zahlenbedruckte Papier mit fragender Geste hinstreckend.

Motiv Großstadt und Probleme des Transports

Unversehens befinde ich mich in einem großstädtischen Tableau, einer Szene wie aus einem Bilderbuch, mit deutlichen Darstellern und emblematischen Ereignissen auf denen die dicken Finger von Kindern ruhen. Ein großes Auto hat sich auf der Fahrbahn quergestellt und ein kleines Auto ist in die Seite gescheppert. Alles kaputt. Der Fahrer des großen Autos steht auf der Straße und raucht lässig eine Zigarette, an sein rechtes Ohr hält er ein Telefon und spricht selbstsicher. Die Fahrerin des kleinen Autos ist auf ihrem Sitz zusammengesunken und schämt sich. Offensichtlich ist die Frau schuld. Ohne kleine Autos, keine großen Autos. Ich verlasse gerade eine Kleingartenanlage in der die Bäume knospen, einige blühen schon. Die Krume ist feucht und ein Hund kotete mit konzentrierter Mimik. Die S-Bahn donnert über einen nahegelegenen Bahndamm, daß die Büsche wogen. Eine kleine Kapelle tritt auf. Drei schnauzbärtige dunkle Männer, deren Oberbekleidung aus tarnfarbenen Uniformteilen und Turnhosen mit mangelhafter Paßform besteht und Schuhen, die am Hacken heruntergetreten sind. Schiefgelatscht, von mäandernden Falten zerbrochen. Und sie musizieren mit einer Trompete, einem Akkordeon und einer kleinen Trommel zum umhängen, inbrünstig, als trügen sie eine stumme Moritat vor, die von einem ethnischen Krieg berichtet. Und ein anderer Mann im Hintergrund hält Farbausdrucke in Din A 4 hoch, die belegen sollen, wie verschlagene Institutionen den Himmel verfinstern mit Flugzeugabgasen; der Mann hat nur noch wenige Zähne; ein vergilbter Schneidezahn ist sichtbar und er bittet um die Aufmerksamkeit der Menschheit. Ein Behinderter sitzt in seinem Rollstuhl und zuckt hospitalistisch. Eine Hälfte seines Gesichtes scheint zu fehlen, die Haut ist scharlachrot verfärbt und von geschwollenen schwarzen Warzen übersät. Der Behinderte steckt sich mit der Hand ein Wiener Schnitzel in den Mund; sein Mund ist sehr groß, ein Schlund vielmehr und dunkle Nüstern die unregelmäßig pfeifen. Die Szene ist schmerzhaft interessant und wird durch jenseitige Flaschensammler zu einer dixschen Collage des Leidens ergänzt. Mehr noch als das hübsche blonde Mädchen mit den feuchten braunen Augen, die anmutig Pralinés aus einer transparenten rosa Cellophantüte fischt.

Sozialistischer Realismus

Am Nachmittag vor dem bedeutenden Fußballspiel sah ich eine kleine Frau mit vielen Reisetaschen, Tüten und einem Rucksack auf dem Bahnsteig bei den Mülltonnen. Manche der Fußballfans die hier aussteigen sind schon blau und grölen, die meisten haben Bierpullen in der Hand. Die Frau ist extra angereist aus Ostberlin wegen der leeren Flaschen. Daß sie aus Ostberlin ist, erkenne ich an ihren Dederonbeuteln. Sie hat sehr viele Flaschen gesammelt, vor allem in diesen großen kubischen Einkaufstaschen aus geflochtenen blaurotweißen Plastikfäden. An der Leine hat sie einen kurzbeinigen weißen Hund mit schwarzem Punkt auf dem Auge. Als er sehr bibbert, nimmt sie ihn auf dem Arm und wiegt sich – die Augen geschlossen – mit dem Tier wie es die Verliebten tun. Und im Hintergrund steht die Polizei dabei, hochaufgeschossen und alert, in mitternachtsblauen Uniformen mit schwarzen Helmen und wirft ein gestrenges Auge auf die grölend in die Ränge der Kampfarena stampfenden Bacchanten. Sie sagt zu einer Stimme aus dem Off, daß oben am Stadion sehr agressive Männer stünden, die sich um die dort aus Sicherheitsgründen abzugebenden leeren Flaschen balgen würden. Eine Art Leergutmafia, von der sie auch schon körperlich bedroht worden sei. Sie trägt eine hellgrau halbtransparente Brille aus Hornimitat, die Haare sind helmartig frisiert und sie riecht nicht unangenehm wie der kleine Metallkasten mit Wachsmalstiften, den ich als Kind mal hatte. Ort und Zeitpunkt – kurz vor Anpfiff, unten auf dem Bahnsteig – ist die Nische, die die kleine Frau von kugeliger Statur selbstbewußt wie ein sich plusternder Darwinfink besetzt. Ein Hund der devot von ihrem Arm aufblickt und bald fünf Taschen voller Flaschen, deren Inhalt nun heiß und gluckernd die Harnblasen sportbegeisterter Arbeiter bläht.

Mischkonsum und Fernsehen

Haha. Der Fahrstuhl schickt sich an, ohne Fahrgäste abzufahren, da diese stumpfsinnig vor der falschen Schiebetüre ausharren. Ausser mir ein älterer Schwuler mit Glatze, freundlichen Augen und einer gefütterten Lederjacke in Antikoptik, der einen kraushaarig mittelformatigen Hund an der Leine führt. Er trägt eine kleine Handtasche aus Jeansstoff bei sich, die wohl Spielbälle und andere Wurfutensilien enthält, die das Tier im Ausagieren seines Bewegungsdranges unterstützen sollen. Auf die Deckklappe des selbstgenäht wirkenden Futterals ist ein Aufnäher in rot und silber appliziert; ein munter japsender, die Zunge kregel heraushängen lassender Hundekopf im Halbprofil. Der Hund nutzt die intime Situation in der Fahrgastzelle um den schweißgesottenen Aufschlag meiner Sporthose zu beschnüffeln. Ich so: Ja, ist ja nicht schlecht hier so direkt am Grunewald – speziell für den Hund. Vierte Etage: man muß dem Mitreisenden schließlich auch noch genügend Gelegenheit bieten etwas hinreichend Affirmatives zu erwidern. Mein Nachbar hat sich kürzlich eine Schlafbrille gekauft, da ihm selbst die spärliche Sonneneinstrahlung dieser kurzen Tage den Schlaf raubt. Er verbringt seine Nächte jetzt bei Kunstlicht hinter einer Scheibe aus Panzerglas und legt den Besuchern eines Spielcasinos die zum Glücksspiel erforderlichen Jetons in eine horizontal bewegliche Schublade aus Metall.

X34

Sie so: Omma ist ja auch viel schlanker als wie beim letzten mal. Er so: Joo… liegt aber vielleicht auch an ihre Darmgeschichte. Sie so: Na, die ist schon fit!. Er so (zögerlich): Jaja klar … fit isse. Und weist nach Momenten des Schweigens seine Partnerin lächelnd auf ein kleines qualmendes Automobil der Marke Trabant hin. Mit dem Ellenbogen. Reckt wenig später, sich abrupt auf der Sitzbank wendend, den Zeigefinger deutend in die Höhe, da dort eine, die Schnellstraße überspannende, Lichtertafel vorbeizuhuschen droht, welche üblicherweise Auskunft über die innerstädtische Verkehrslage gibt, nun aber ein simpel animiertes, stark stilisiertes Weihnachtsmotiv vorstellt. Aus der Drehung heraus schnellt ein sportiver Herrenhalbschuh in den Mittelgang des Omnibusses und der Blick des Betrachters fällt auf erbspüreefarbene Söckchen, die gestreng in bleich dunkelbehaarte Waden einschneiden.

Ein umgestülpter Regenschirm

Der Wind wirbelt Blätter, Folienfetzen und aus den Briefkästen fortgerissene Prospekte hinauf in die turbulente Luft zu einem rauhen Konus aus Murks durch den der Sprühregen stiebt. Ein Hund von kleiner Statur sitzt draussen vor der Scheibe, bibbernd, angeleint und dabei still ergeben, wie es sich wohl für einen Gesellschaftshund geziemt. Se ham ja noch Sturm angesacht für heute, sagt eine Frau, die ein Suppengrün hat und Teltower Rübchen. Zu ihr aufblickend, wendet die Kassiererin suchend eine eingeschweißte Ware, hinter deren Haut aus Kunststoff ein Vakuum herrscht, dabei fährt zufällig ein roter Strahl über ihr Gesicht, huscht über die Falte neben Mund und Nase, die gütigen Augen, die umwelkt sind von weicher Haut und verliert sich über ihrem schwindenden Haaransatz von künstlicher Tönung. Unjemütlisch, viel Reejen biszum Wochenende hamse jesaacht, sagt sie und nennt zugleich eine Summe. Sie blickt gleichmütig durch die Scheibe in das Grau, als die Frau nach Münzen sucht, bar ihrer Brille einige zur Auswahl auf die vorgestreckte Handfläche schüttet. Oder graurote Männer, die an der Kasse einen polternden Sparwitz machen und um Anerkennung heischend hastig den Hals lang machen, nach anderen Menschen in der Schlange, die mit ihnen lachen oder wenigstens den Blick nicht abwenden. Triefäugig blinzelnd, mit senffarbenen Regenjacken bekleidet, die leise rascheln. Mehr

Lackaffen

Neulich in der S-Bahn, steigen so zwei Lackaffen ein mit Hollandrädern. Gesundbrunnen. Natürlich sehr schlecht gewartete Fahrräder. Der eine findet einen Platz, leider neben mir, der andere greint so ein bißchen verkniffen rum, daß er keinen Sitzplatz fand. Gegen die herbstliche Kühle wappneten sich die beiden mit bohemehaft umgeworfenen Seidenschals. Theoretisch kunstaffin scheinbar, jedenfalls nehmen die beiden Typen eine wohl früher begonnene und sehr wichtige Diskussion über den russischen Konstruktivismus wieder auf. Auch recht lautstark. Zudem begleitet von bedeutungsarmen, sich selbst genügenden Gesten, die weich sind wie die einer Frau, einer Frau jedoch der es an Anmut und Lebhaftigkeit gebricht. Es geht auch nicht um den russischen Konstruktivismus es dreht sich ausschließlich um Egosülze soviel ist bald gewiss. Sülze, Sülze, Sülze. Das Gespräch ist von so freudloser Ernsthaftigkeit und demonstrativer Schwerintellektualität, daß wenigstens dem schlecht und ausserdem viel zu dicht vor mir Stehendem eine elend knorrige und von sibirischen Winden schlimm deformierte Krüppelkiefer aus dem Arsch wächst. Mehr

Westend

Ein Pullunder von Lacoste, der noch unentschlossen halbhoch vor dem Kühlregal schwebt und, als plötzlich und unerwartet Phil Collins erklingt, munter und beschwingt zu einem probiotischen Joghurtdrink greift. Die eine junge Frau am Telefon so, ich verdien' ja jetzt einsdrei auf die Hand: ich meine Halloooo, wie geil ist das denn? Vermutlich heißt sie Ariane oder Vanessa und ist recht groovy drauf. Einsdrei. Die Kehrseite der Medaille: eine depressiv wirkende Dame in Weiß, die Piccoloflaschen sowie Slimsize-Zigaretten kauft und sich bei ihrem Gang durch die Verkaufsräume reptilienhaft schleppend bewegt, wie auf Tabletten, knapp die Hälfte des marilynmansonartig fahl geschminkten Gesichtes wird von einer ausladend dunkelbraunen Sonnenbrille verdeckt. Prosperierendes Poppertum neben still und mit buddenbrookscher Tragik scheiternden letzten Sprößlingen einst angesehener Bürgerfamilien. Alles bei Rewe-Nahkauf. Gibt aber auch ganz normale Assis hier, die intensiv stinken und mit grobschlächtigen Bewegungen Schnapspullen kaufen.

Zwei Männer fragen nach dem Weg

Heute im späten Nachmittagslicht fügten sich die hochaufgetürmten Cumuluswolken am Horizont so als seien sie ein Gebirge. Unten dunkel, wie ein bläulichschwarzer Nadelwald und oberhalb der eingebildeten Baumgrenze ein Massiv aus kalkweißem Stein. Insbesondere bei zusammengekniffenen Augen sah ich deutlich die weißen Schuttkegel aus denen sich jäh die verschiedenen Gipfel erhoben, die Orte, die sich für Passüberschreitungen anböten oder jene, an denen vielleicht Schutzhütten stünden, in denen die Wanderer zur Nacht unterkämen um im Morgendunst durch geröllreiche Wände schweigsam weiter emporzusteigen.
Später fragten mich auf einem Waldweg zwei Männer wie sie wohl zu einem bestimmten Bahnhof gelängen. Man hatte ihnen, bei einer früheren Frage, wohl diesen Weg genannt, der jedoch tatsächlich nur weiter weg vom Bahnhof führt. Zwei komische Typen, der eine der beiden, der größere, welcher im wesentlichen das Reden besorgte und dessen Gesicht wie ein Vexierbild aus Charles Manson und einem Hasen wirkte, hatte Augen von Elfenbein, zugleich ebenso kühl wie von manischer Glut. Darunter in einem Mund, der sich nicht richtig schließen ließ, zwei riesige Schneidezähne, eben wie die eines Hasens, die übrigen Zähne nur missgebildet und vergilbt oder gänzlich fehlend. Der andere Mann war ein kregeler Zwerg, der einmal den Namen einer sehr weit entfernten Bahnstation krähte, wohl um eine mögliche Alternative beizutragen, und dauernd stark, wie seines Gleichgewichts beraubt, umherschwankte, zum Teil seinen Körper in so unglaubwürdige Winkel zum Erdboden brachte wie die Tierfiguren dieser hölzernen Spielzeuge, die manche Kinder früher hatten. Giraffen oder Esel, aus auf Schnüren aufgereihten Holzkugeln recht stilisiert zusammengefügt, dergestalt auf einer oben verschlossenen und dabei niedrigen Holzröhre stehend, in deren Innerem ein kleiner hölzerner Zylinder eingelassen war, an dem die die Gliedmaßen durchziehenden Schnüre befestigt waren. Drückte man nun den kleinen, als Schalter bestimmten und federgelagerten Holzzylinder nach oben, so erschlaffte das Holztier — jeglicher Anatomie spottend — zusehends um endlich gänzlich ermattet darniederzuliegen. Ließ man nun den gedrückten Zylinder plötzlich wieder los, so schnellte das Tier recht alert wieder in seine ursprünglich aufrechte Gestalt zurück. Mehr

Schöner Shoppen

Parallel zur zurückweichenden Schlange vor der Kasse nähert sich schlurfend und gebeugt ein Schrat, der einen Becher Schokoladenpudding mit Schlagsahne à 39 Cent zu erwerben gedenkt. Seine zu grindigen Bandagen verkommene Kleidung schlottert in Placken bis zum Fußboden herab, aus einem Riss, vielmehr einem Brandloch in seiner zerschlissenen Sporthose hängt faltig der Penis des Mannes heraus. Sie müssen wissen, daß man hier gewöhnlich als Garderobe malvenfarbene Sommerkleider aus blickdichtem Organza, weiße Söckchen in cremefarbenen Wildledersandalen sowie leichte Sommerhemden mit maritimen Windjammermotiven in bleu nebst Unterhemd aus Feinripp bevorzugt, jedenfalls gilt es hier in Charlottenburg wohl gemeinhin als schicklich, in der Öffentlichkeit sein Geschlechtsteil hinter Tuch zu verbergen. Mit der Einbuße gesellschaftlicher Reputation geht offenbar immerhin das Recht zum Einkauf an der selbstgeschaffenen Expresskasse einher. Mit dürren Fingern, ebenso wie sie der Spielfilmregisseur Steven Spielberg dem in seinem Lichtspiele auftretenden Außerirdischen angedeihen ließ, wird die den Kauf besiegelnde Münze gereicht, niemanden würde es wundern, tröffe jetzt blasenwerfender Schleim von der knochigen Hand des Berbers, welcher nach Abschluß des Einkaufs noch ein wenig, so unabsichtlich sein Glied schwenkend, im Kassenbereich umhertaumelt und bald heiser krächzend, bald einem jungen Wildschweine gleich in höchsten Höhen quiekend der Handelskette mit Polizei und Staatsanwaltschaft droht, sollte das Dessert vergiftet sein. Haha, die sich zu Götterspeise transformierenden Physiognomien der ebenso erzürnten wie beschämten Bürger. Gerne spulte ich die Situation mit allen Beteiligten zurück und ersetzte den Unberührbaren testweise durch ein nacktes, junges Mädchen mit anmutig wallenden blonden Haaren.
Im Übrigen fühle ich mich nicht selten heftigst abgestoßen von den obzön aus Trekking-Sandalen lugenden, leichenblassen, deformierten und mit gelblich verknorpelten Nägeln behafteten Zehen mancher Fetish-Freaks Mitreisender im ÖPNV. Man muß das mal ansprechen.

M49

Der Qualm, der knotig aus den Schloten quillt, färbt sich bei geeignter Witterung gegen Abend violett. Hier wird Strom erzeugt. Auch ihr Wasserkocher, ihr Computer schnabuliert die aus der Wand strömenden agilen Ladungsträger, wenn diese nicht aus Frankreich kommen oder sonstwoher.
An den Wänden der Lauben, die das Südufer der Spree säumen, sind oft organische Motive aus Schmiedeeisen befestigt — ein Schmetterling, ein äsendes Reh für ein Beispiel. Oder eine dekorative Kachel ist in die Fassade eingelassen der Gefälligkeit halber. Die kleinen Häuschen haben sich recht pedantisch gegen das Verbrechen gewappnet oder gegen Vandalen. Manche liegen in Holunderbüschen direkt unter der Autobahnbrücke, hier sitzt auch ein Reiher, die ständigen Schauer sind wohl nicht sein cup of tea. Hinter Grünmasse verborgen verkehren die Intercityzüge der Eisenbahn, der Gartenbesitzer trachtet danach, diesen Teil des Nahverkehrs mit Schilf o.ä. zu kaschieren, sieht nicht aus und man wird auch wuschig, wenn da diese Biester mit Karacho vorbeizischen.
Es ist gut, daß die Gehsteige dieses Stadtbezirkes in weitaus geringerem Umfang als anderswo mit Unrat und Exkrementen verschandelt sind.
Die Scheiben eines Geschäftes sind mit DC-Fixfolie (Design Marmor) vollkommen zugeklebt und eine auf altertümlich gemachte Laterne in der ein rotes Leuchtmittel glüht, bezeichnet den Eingang und die gastronomische Ausrichtung des Etablissements. Neben der Türe ist ein Klingelknopf angebracht, das Männer schellen können. Jetzt läutet allerdings eine blonde Frau von milchigem Teint, deren weißes Kleid recht kurz geschnitten ist und aus glitzrigem Tuche gearbeitet wurde, ihr aus orthopädischer Sicht zweifelhaftes Schuhwerk verfügt über transparente Absätze — Kunststoff. (Gut: die Botten können einst sortenrein entsorgt werden und somit wieder problemlos der Wertschöpfungskette zugeführt werden) Wieso gab man ihr keinen Schlüssel, wo sie doch vielleicht in der Gaststätte arbeitet? Mehr

Sperrmüll

Dieser Ausländer, ein Rumäne oder Bulgare möglicherweise, der während des Starkregens im Foyer am Fenster sitzt zusammen mit einem struppigen, wohl einst vom Jahrmarkt mitgebrachten Stoffhund den er aus dem Müllberg barg — für die Kinder. So etwas stimmt mich melancholisch. Ich beschließe halbwegs spontan ihm meinen Fernseher zu schenken. Fernsehen ist ohnehin doof. Und ich male mir im Fahrstuhl aus wie er mit den Kindern Zeichentrickserien anschaut — vielleicht Tom und Jerry, Biene Maja sowas — während seine Frau in der Küche deftige Eintopfgerichte in der ebenfalls gefundenen Mikrowelle warm macht. Der Wertstoffsammler ist klein von Statur und hat ein ganz schiefes Gesicht, verquer gewachsene Zähne, einige aus Gold, andere fehlend sowie sanfte, schielende, leicht fischige Augen. Ich spreche offenbar mal wieder zu schnell, er versteht nur die Hälfte; egal, die Angelegenheit ist ja eigentlich ganz einfach.

Aus technischen Gründen

Als ich gestern auf die S-Bahn wartete, wurde der Zug mit dem ich zu reisen gedachte in Sichtweite des Bahnhofes von einer Betriebsstörung heimgesucht. Der in den Aushängen der Betriebsleitung beschriebene Fall war eingetreten; die Reisenden waren aus technischen Gründen genötigt auf offener Stelle auszusteigen und wurden von Bahnpersonal sicher zum Bahnsteig geleitet, was zugegebenermaßen nicht sehr schwierig war, da der Zug ja nur höchstens zehn Meter entfernt zum Stillstand gekommen war, nachdem er den offenbar durch mutwilliges Fremdverschulden beschädigten Gleiskörper überrollt hatte. Jedenfalls wurde die Bergung der Fahrgäste ruhig und in vollendeter Professionalität durchgeführt. An der Unglücksstelle selbst war der Bahndamm von jungen Birken und zahllosen Beikräutern reichlichst bewachsen. So standen nun Polizisten, neuerdings in hellblauen Sommerhemden, Techniker der Bahn, prophylaktisch verständigte Sanitäter und eine kunterbunte Schar von Reisenden, so wie sie nur der Zufall zusammenwürfeln kann, hüfthoch im jungen Grün. Mohn und Kornblumen in prächtigster Blüte, die schreienden Warnwesten der Rettungskräfte, ein kleiner schwitzender Mann mit Aktentasche, schlaksige, hochaufgeschossene Ausländer deren Teint ins olivgrüne spielte, eine junge Frau nebst Hund angetan mit resedafarbenem Sommerkleid, Kinderfahrräder mit langen, der Verkehrssicherheit dienenden Fahnen, ein Tandem, Familienväter deren Haar schütter und grau geworden war unter der Last und natürlich die Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, welche allerdings nur Maulaffen feilhaltend Zigaretten ansteckten und sich mit groben Pranken an ihren dicken Bäuchen kratzten. Wäre ich ein Künstler, hätte mich die Szene zu einem impressionistischen Ölgemälde inspiriert, drei mal sechs Meter vielleicht. Ein sinnvoll ineinandergreifendes Uhrwerks der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, die Lage stets vollkommen im sicheren Griff der durchweg besonnen handelnden Durchführungsberechtigten. Mehr

Schultheiß Lounge

Diese VIP-Bereiche von Imbissen, hinten an den Rückseiten der Buden. Alles schön mit Plastikstapelstühlen und Hollywoodschaukel manchmal, oben brummt die Autobahnbrücke und die Deutschlandfahne hängt schlapp nach unten. Viele Fliegen wegen des milden Winters. Currywurst, mit oder ohne Darm, und Apfelkorn beispielsweise, es wird auch serviert. Ein agiler Türke, der auf Durchzug schaltet wenn Werner und Mike sich unterhalten. Zum hundertsten Mal die gleichen reptilienhaften Gesten. Auch Batterien, Erbsen in Dosen und Kondome im Bedarfsfall. Graugelbe Schnauzbärte und geparkte Herrenräder mit Radio am Lenker. Abends ist Tanz, einer lässt die Hose runter auf der kleinen Tanzfläche und die vom Alkohol glühenden Frauen kreischen. Ein dicker weißer Hintern, angeleuchtet von einer bunten Lichtergirlande.

Kreislauf

Ein Mann stürzte auf den Bahnsteig. Kreislauf. Unweit erkaltet auf dem Stein ein Imbissgericht, das dem Gestürzten im Fallen aus der Hand glitt. Wenige Augenblicke später hat sich um den bewusstlos Liegenden eine Traube gebildet. Eine ungeschlachte Gruppe, wie mit klammen Fingern lustlos hingezimmert von einem expressionistischen, mit seinem Berufe hadernden Bildhauer an einem regnerischen Novembermorgen. Stumpfsinniges Proletengelöt, das im Halbrund mit einigem Abstand schweigsam steht und gebrochenen Blickes glotzt. Der Mann liegt still, vielleicht atmet er noch. Keiner weiß es. Er ist auch ein Arbeiter, zur Zeit sogar nur ein Stück Leib, nicht Herr seiner selbst, dem in seiner verdrehten Lage der Hintern aus der Hose rutschte. Davongekommen, denkt man, einen anderen warf es heute in die Gosse. Einen, den Alkohol und Siechtum schon länger und stärker aushöhlte.

Franz-Neumann-Platz

Zwei Jungen mit Migrationshintergrund die sich hart wie Hustler geben und auch echt krasse Themen erörtern. Hier willsdu sagt der eine der beiden plötzlich und zückt behände eine mit fröhlichen Comicfiguren (Wie toll umherspringende Südfrüchte, die über die Physiognomie von Menschen verfügen) bedruckte Packung Capri-Sonne, um diese — nach Einführen des Trinkhalms in die vom Hersteller dafür vorgesehene Folienmembran — mit seinem Kameraden einträchtig zu teilen. Slörp, Slörp. Niedlich.

Sitzgruppe mit Hund und ohne Worte

Ich sitze einem Mann um die Sechzig schräg gegenüber, dem die Backen herabhängen wie einem ergrauten snobistischen Engländer. Er teilt sich seinen Sitzplatz im Bus mit einem mittelkleinen Windhundmischling, dessen Fell in Farbe und Struktur ebenso beschaffen ist wie die lehmfarbene Übergangsjacke des Hundehalters. So wie er sitzt, den Hund halb verdeckend, scheint es, als sei die leger geschnittene Jacke eine Spezialanfertigung für eine bemerkenswerte Chimäre; ein Ruheständler aus dessen Hüfte sich der Körper eines agilen Windhundes ausstülpt. Falten der flauschigen Jacke, die sich in weichen Hautfalten des Hundes fortzusetzen scheinen, die mit blonden Haaren bewachsene, prankenhafte Linke des Mannes, die dem Hund — ihn gleichzeitig umarmend — den Hals krault, so daß dieser, wohlig hechelnd seinen Kopf wendet, mit der Zunge über die Lefzen fährt und sein menschliches Ebenbild aus hervortretenden Augen devot anblickt. Der Hund hat sehr große dunkle Kulleraugen zwischen denen sich gelegentlich eine kleine Falte aus Fell bildet. Mehr

Schränker

Du kriegst gleich nen Ding vorn Kopp, sagt ein Mann zornig zu dem wohl widerspenstigen Geldautomaten vor dem er steht. Am gedrungenen Hals mäandern grobe milchigblaue Tätowierungen empor.

Wer kam von wo?

Zwei schwarze Autos sind zusammengestossen; kostspielig glänzende Wagen die forsches Fahren ermöglichen, von den Haltern nicht zuletzt aus repräsentativen Gründen angeschafft. Auf dem angrenzenden Bürgersteig hat sich eine kleine Traube gebildet. Man steht zusammen, jeder für sich. Der Hund wird angewiesen Platz zu nehmen, manche stecken Zigaretten an. Das ist ja ein starkes Stück. Zwischen den Scherben ihrer ruinierten Fahrzeuge gehen die Unfallbeteiligten auf und ab, telefonieren und treten dabei kopfschüttelnd gegen breite Reifen. Weitere Flaneure gesellen sich, das vor der Reform gekaufte Elektrogerät auf dem Boden abstellend, zu den Schaulustigen.

Den Hut lüften

Um zwanzig Uhr herrscht in der von Indern geführten Gaststätte Stoßzeit, daher werden meine Bekannte und ich diesmal am einzigen noch freien Tisch im Zentrum des Etablissements plaziert. Nicht wie sonst am frei gewählten Fenstertisch. Ein Platz, der sich entgegen ursprünglicher Erwartung als goldrichtig entpuppen sollte. Nicht nur, daß der kreisrunde Tisch aus poliertem Kirschholzimitat über ein praktisches, in die Tischplatte eingelassenes Speisenkarussell verfügt, welches den Verzehr eines opulenten Mahles ohne würdeloses über-den-Tisch-beugen ermöglicht, nein, man sitzt hier zudem vorzüglich, um von logenhafter Warte die anderen Gäste zu beobachten ohne als Voyeur angesehen zu werden. Im Vordergrund, die sechs bei Neulingen wohl begehrtesten Tische des Restaurants — Fensterplätze — dahinter, durch eine Glasscheibe geschieden, gleichsam im Mittelgrund, ein breites Trottoir mit hohem Fußgängeraufkommen. Den zwielichtigen Hintergrund bildet ein stetig rauschender Fluß aus Kraftfahrzeugen stadteinwärts, oben, auf maroden, gußeisernen Säulen, die in der Kurve quietschende Hochbahn. An den Fensterplätzen entweder Paare oder größere Gruppen. Die Paare unauffällig, die Dame redet, der Herr hört zu. An den Gruppentischen sitzt stets mindestens ein Gast, der das Gespräch dominiert, die Themen vorgibt, sich eindringlich Tischnachbarn zuwendet denen das Los des Zuhörers zuteil geworden ist, ihnen onkelhaft die Hand auf den Arm legt und ohne Unterlass redet. Eloquent, laut lachend, umfassend gebildet und von beispielloser Hartnäckigkeit. Intellektuelle Alphatiere, die die angenommene Führungsrolle in ihrer Bezugsgruppe durch das Bestellen aufmerksamkeitsheischender Gerichte noch zusätzlich betonen. Brutzelnde, dampfende, laut zischende, siedendes Öl versprühende Fleischpfannen werden von links gereicht, während der die Dienstleistung wenig würdigende Gast gerade durch ein überaus köstliches Bonmot brilliert. Mehr

Hunde im direkten Vergleich

Na ihrer hat ja einen ordentlichen Strahl, sagt eine Hundebesitzerin, die ein Hündchen an der Leine führt, erstaunt und bewundernd, als sie beobachtet, welch große Menge Urin der Hund einer weiteren, wohl vom Sehen bekannten, Hundehalterin, in Richtung Hauswand absondert. Es hat sich bereits eine stattliche Pfütze gebildet, durch die die Fahrräder fahren. Wäre die Welt ein Hundequartett, würde sie auch zu den Verlierern zählen.

Süchtige

Ein schweres Kind – so scheint es. Auf dem S-Bahnhof erbiete ich meine Hilfe beim hinabtragen eines Kinderwagens. Als auf dem Treppenabsatz das Gefährt aufgrund unterschiedlicher Körpergrößen der Träger ins Schlingern gerät, stellt sich heraus, daß der eigentliche Fahrgastraum mit Flaschen voller berauschender Getränke befüllt ist. Wenig später an einem anderen, jedoch nicht weit entferntem Ort. Mehr

Paketboten

Man erkennt den Paketboten an seinem charakteristischen Ruf. Unten im Hof war gerade ein Exemplar zu hören, piep, ...., ...., ...., piep, ..., ..., ..., ..., piep. Dazu gutturales Brummen von zwei Schachteln Zigaretten (Ditgipsabaldjánich). Die Zustellung vorbereitend muss der Typ irgendwelche Zahlen in sein schwarzes, wurstfingeroptimiertes Elektronikbrikett eintippen. Wer so tippt, schnauft auch die Treppen rauf, jammert im Hausflur rum, daß die Türschilder zu klein sind usw. Man kennt das. Arschgeigen eben; Sie! Ich mach dis Paket disnächste mal unzustellbar wenn das so weiter geht. Ja, is recht wiedersehn. Zum Glück besteht die Population hier weitgehend aus Jungtieren, die machen piep, piep, piep, in rascher Folge. Zack die Treppe hoch, Tachchen. (Haha, wie krakelig die Unterschrift immer aussieht auf den ihrn Displä, egal, ich geb mir da gar keine Mühe mehr.) Rasch Paket abgeben, auf den Hacken umdrehen, spornstreichs ist der wieder unten bei sein Automobil und weg, der schrubbt die Karre, da kennt der nischt. Wie gesagt, dacht ich jedenfalls dran, als ich vorhin im Hofe den Lockruf vernahm, mein großes Insektenlexikon, welches ich unlängst im Internet bestellte, tut kommen, was sich indess – betrüblicherweise – als Irrtum herausstellen sollte. Dauert noch, da is wohl warten angesagt! Wetter herrlich anfürsich, so kammanz aushalten was? Sie sárjenèt, schön Tachnoch.

Fundraising Pro

Hallo, haben Sie auch ein Herz für Tiere? richtet man auf städtischer Kreuzung das Wort an mich. Meine Handlungsmöglichkeiten: entweder direkt das Portemonnaie zücken, oder Antworten wie: Bedaure Sportsfreund, ich ernähre mich ausschließlich von Katzenleber und Seehundsblut, kurz den Hut lüften und Wiedersehen. Grotesk unseriös, zumal der Suggestivfragensteller nun offensiv auf mich zutritt, an seiner Schulter sind werksseitig zwei stattliche Fleischwürste installiert, die einladend auf einen, mit ausfüllbereiten Unterlagen bestückten, Tisch weisen.

Hoffenster

Wieso fahren sie nicht mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei?, werde ich gefragt, die dicken Finger seiner behaarten Rechten schließen sich fester um eine Handgelenktasche. Mein entgegenkommendes Fahrverhalten, auf dem zur Mischnutzung ausgewiesenen Weg, geht ihm nicht weit genug. Ein Mann, der es gelernt hat mit konstant hohem Adrenalinspiegel zu leben, in seiner Blutbahn kocht es seit Jahrzehnten. Neulich durchquerte ich ein, in Urwaldumgebung eingebettetes, Sumpfgebiet, und beschließe spontan von Reisen in die Tropen zunächst abzusehen. Mein von Schweiß benetzter Leib ist eingehüllt in eine regelrechte Wolke blutgieriger Insekten. Ein hier, in der Mitte des Weges, halb verborgen in wild wucherndem Gras, lagerndes, ob der Hitze mattes Reh zeigt sich verwundert über mein unvermutetes Auftauchen und entschließt sich die weitere Entwicklung mit Contenance abzuwarten. Als ich das Tier direkt, betont sanft anspreche ergreift es mit langen Sprüngen die Flucht ins modrige Unterholz. Mehr

Linie 7, Freitag

Die Leute die in der U-Bahn sitzen und offensichtlich plemplem sind, werden auch nicht weniger offenbar. Nein, nicht so wie Ursula von der Leyen, anders, Typen mit Schaum vor dem Mund, die den ganzen Wagen zusammenbrüllen. Einst humanistische Bildung, heute durch Dosenbier erweichte Synapsen. Mitunter ist es ja problematisch überhaupt geeignet Platz zu nehmen. Eine Jungmännergruppe, bei der der Posten des Alphamännchens wohl dauerhaft umstritten ist, da möchte man dann auch nicht stören. Naja egal, vielleicht mal eine nächtliche Tunneltour unternehmen im offenen Wagen? Ein Vorschlag, der über den an der Decke befestigten Monitor unterbreitet wird. Bestimmt ein einmaliges Erlebnis, zur Sicherheit tragen die Pufferküsser gelbe Helme. Irgendwie schratig. Hahaha: schratig. Ebenfalls auf dem Monitor ohne Ton, die CD der Woche. Ihr Schrate! Am U-Bahnhof Spandau hat man die Rolltreppen abgebaut, die Schrägen wurde mit Asphalt aufgefüllt, mir egal, ich glaub' ohnehin nicht an Rolltreppen, sieht aber liderlich aus. Mehr

Doofes Insekt

Eine Viertelstunde draußen gesessen gestern. Kleinste, soeben erwachte Nager wispern im ausgelaugt, dörren Gras des Vorjahres. Eine Florfliege ertrinkt fast in meiner Kaffeetasse, ich lege das nasse Tier auf's Fensterbrett, nach einigen Minuten ist das Insekt getrocknet und entschwindet durchs geöffnete Fenster. Was bleibt ist ein wenig pulverisierter Kaffeesatz. Segen der Sonne. Unten auf der Straße läuft ein kleiner Mann mit Einkaufsbeuteln vorrüber und macht Entengeräusche.

Unternehmertum

Der schmale Oberkörper des Mannes versinkt in einer blauen Wattejacke, einem Relikt aus Tagen der Lohnarbeit. Seine Hand führt ein Herrenfahrrad, das er jetzt neben einem öffentlichen Mülleimer abstellt, eine rostige Fußraste ermöglicht sicheren, lotrechten Stand. Er wippt den schmächtigen Körper auf die Fußspitzen, wirft seinen geübten Blick durch die Öffnung in das Zwielicht des an einer Laterne befestigten Abfalleimers. Tritt einen Schritt zurück, bringt durch Abrollen der Füße auf die Zehen die Schulterkugel auf Einwurföffnungshöhe, führt den rechten Arm waagerecht bis zum Ellenbogengelenk in den Schlund des orangenen Blechquaders ein, winkelt den Arm senkrecht an und sinkt durch Entspannen des Körpers mit dem Arm in den Mülleimer hinein. Ein gespannter Blick, alle Sinne liegen jetzt in der am Boden tastenden Hand. Dann eine Umkehr der flüssigen Drehbewegung, die auf Vertrautheit mit der räumlichen Beschaffheit der städtischen Abfallbehälter hindeutet. Die Hand des Mannes hat zwei leere Bierflaschen aus der Tiefe geborgen und ordnet diese, an dem Fahrrad stehend, in eine der zahllosen Plastiktüten, die von langer Benutzung nur noch Reste der einstigen Reklameaufdrucke erahnen lassen. An der Lenkstange hängen zwei moderat gefüllte Tüten, am Gepäckträger sind mit den Resten eines Stromkabels die Bretter einer Kiste befestigt und erweitern den Stauraum zu einer kleinen Ladefläche. Ein erfolgreicher Leergutsammler. Mehr

Nasser Hund mit künstlichem Erdbeeraroma

Akribische Frontberichterstattung in der Straßenbahn. Zwei bleiche junge Männer lassen ein ausgiebiges Counterstrike-Wochenende Revue passieren. Zur Stärkung schütten sie aus Plastikbechern mit rosa Farbstoff versetzte Milch in ihre Rachen. Es riecht nach nassem Hund. Die einzelnen, stark geheizten und wenig gelüfteten, Räume der Stadtbibliothek sind, der Systematik entsprechend, jeweils auf eigene Art muffig. Der süßliche Geruch zerfallenden Papiers bildet das Fundament. In den alten, oft gelesenen Büchern haben sich über die Jahre winzig kleine Krümel, Hautschuppen, Spuren von Körperfett, blasse Milben, feinster Nikotinfilm und anderer Gilb abgelagert. In einigen offenbar seit langem nicht mehr geöffneten mehrbändigen Tagebüchern sind Moleküle von Ostgeruch zwischen holzhaltig randgebräunten Seiten erhalten geblieben. Wenig und oft gelesene Bände riechen am Stärksten. Erstere weil sie nicht durch blättern gelüftet werden, letztere weil sich an ihren Zellstofffasern viele verschiedene Körpersäfte in kleinsten Quantitäten sammeln und mischen. Besonders betroffen sind hier insbesondere phantastische Romane und spannende Krimis, da diese mutmaßlich auch in der Bahn und auf der Toilette verschlungen werden. Je spezieller also das Interesse, desto höher die Hygiene der Bücher.

Totes Geäst wird zerkleinert

In der Straßenbahn. Ein Pensionär mit abstehenden grauen Haaren, gekleidet in einen schütteren Anzug, sucht sich nach dem Einsteigen, schnell, noch vor dem Anfahren der Tram, einen Fensterplatz in Fahrtrichtung, entnimmt seinem rot gemustertem Nylonbeutel Dederonbeutel eine Apothekenzeitschrift und markiert während des Lesens einzelne Textpassagen mit dem Kugelschreiber. Auf dem Sitzplatz hinter ihm kauert ein koboldhafter Vietnamese, der ein sehr lautes aber angenehm rhythmisches und gutturales Telefongespräch führt. Mehr

Der Türenmann und die Schönheit der unscheinbaren Dinge

Jeden Freitag steht am Rande des Parkplatzes vor der Kaufhalle ein kleiner Lieferwagen, an dessen Seitenwand vermittels Photographien ein Arbeitsprozess veranschaulicht wird. Der Fahrer des Transporters ist gleichzeitig auch ein Handwerker, der hier der Laufkundschaft seine Arbeit feilhält. Aus alten schlichten Türen macht der Dienstleister neue rustikale Türen. Alles ambulant, würde jetzt ein Passant mit einer schäbigen Tür vorbeikommen, könnte im Fond des Wagens die Verwandlung sofort durchgeführt werden. Der Supermarkt ist ein fensterloser Kubus, der die Längsseite des Parkplatzes abschließt. Die Sonne wird bald untergehen und bildet am äußeren Ende der verklinkerten Fassade eine kleine goldene Fläche, die auf dem asphaltierten Boden in eine lange, spitze Ecke verläuft. In Ermangelung von zu bearbeitenden Türen oder Passanten, denen er die Vorzüge der Türverwandlung verbal schmackhaft machen könnte, steht der Boulevard-Handwerker, ein beleibter Mann mit Stirnglatze, in der schwindenden Sonneninsel, fern seiner rollenden Werkstatt und döst. Die Augen geschlossen, sein Gesicht den goldblauen Strahlen zuwendend, wippt der Türenmann auf den Fußspitzen vor und zurück und summt leise vor sich hin. Mehr

Zaunputzerin im Mondschein

Die kühle Abendbrise war bereits vom apfelhaften Odem des Herbstes durchspült. Gülden, gleich einer überreifen Pomeranze prangte der volle Mond am königsblauen Firmament. Am Fuße eines, die Gebietsgrenzen eines bescheidenen Eigenheimes bezeichnenden, Zaunes ließ sich eine dort kauernde Gestalt ausmachen. Mit nunmehr an die zwielichtige Beleuchtungssituation adaptiertem Auge, entpuppte sich das vermeintliche Chimärenwesen als eine fleißige Hausfrau, die mit Schwamm und einem, wohl Seifenlauge bergendem, Plastikeimer bewehrt, dem an den stählernen Streben des Zaunes haftenden Straßenstaub und dehydriertem Hundeurin zu Leibe rückte. Im Hintergrund der Szenerie ein architektonisch mangelhaftes Haus dessen Thermofensterfront einen Blick in das Herzstück der Behausung gewährte. Der Herr des Hauses hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und verfolgte ein Fernsehprogramm, der Dramaturgie der Sendung folgend bald jäh in kalten bläulichen Schein getaucht, bald vom Dunkel umfangen. Mehr

Speckgürtel

Von erhöhter Warte, meinem Küchenfenster, ist es mir vergönnt Einblick in die Gärten der Nachbarschaft zu nehmen. Der Hausherr des angrenzenden Grundstücks hat es sich Sonnabend-Nachmittag mit einer Illustrierten in der »Hollywood-Schaukel« bequem gemacht. Mehr

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