Hightatras:
Passanten
Befragung an der Wohnungstür
Am späten Nachmittag schellt es oben, an der Wohnungstür. In solchen Fällen vermute ich aus Erfahrung GEZ-Kontrolleure oder hartnäckige Hausierer, die den Fuß vorschiebend versuchen an der Pforte Eindruck zu schinden. Mit diesem Verdacht sehe ich wohl recht mürrisch aus, als ich die Türe öffne. Der Besucher ein langhaariger Hüne, ausgestattet mit einer Schreibunterlage, diversen Papieren und einem Kugelschreiber. Mit einem kleinen Scherz stellt sich der junge Mann vor. Da ich selbst ein großer Freund des Sparwitzes bin, gebe ich dem Besucher, entgegen meiner Prinzipien, Gelegenheit sein Anliegen vorzutragen. Er sei Drogenabhängig und würde eine Umfrage durchführen, dies alles sei Teil der Auflagen, die ihm sein Bewährungshelfer gestellt hätte. Ich gebe zu Bedenken mit der Materie nicht vertraut zu sein weder jugendlich noch rauschgiftsüchtig. Nein, nein egal, jeder könne mitmachen, das sei ja gerade der Witz. Es geht los.
Wie hoch unter bestimmten gegebenen Bedingungen die Wahrscheinlichkeit einer Resozialisierung wäre, welche sozialen Eigenschaften erfüllt sein müssen um einen Rückfall männlicher Jugendlicher unter zwanzig zu verhindern. Alle Antworten bitte in Prozent. Hmm, ganz schön knifflig, ich gerate in's Schwimmen, dieser Themenkomplex ist nicht gerade mein Steckenpferd. So denke ich mir Frage für Frage irgendwelche Prozentwerte aus. Meine Schätzungen sind wohl derart abstrus, daß der Rehabilitand mir in einigen Fällen mit realistischeren Werten behilflich ist. Er blickt mich dann freundlich und ein wenig fischig aus seinen elfenbeinfarbenen Augen an und nennt die korrekte Antwort.
Die letzte Frage ist recht leicht zu beantworten obwohl sicher als Fangfrage konzipiert. Ob ich Angst hätte vor ehemaligen Straftätern aus dem Drogenmilieu. Natürlich nicht, ich will ja nicht, daß der Rauschgiftabhängige wegen meiner Antwort Scherereien bekommt, gar in's Zuchthaus muss. Nein, ich bange tatsächlich nicht, speziell nicht vor dem Exemplar das vor mir steht, der sieht eigentlich ganz nett aus. Seine langen Haare sind voluminös und glänzen recht seidig.
Was für eine alberne Aufgabe für einen jungen Junkie, hier an den Türen zu klingeln und solche Spezialfragen zu stellen, sicherlich hat sich diese ein ganz engagierter Sozialarbeiter ausgeknobelt. Schwachsinn, als erster Schritt zurück in eine schwachsinnige Gesellschaft.
Nachtrag: Wenn man diesem Beitrag Glauben schenken möchte, ist die vorgebliche Umfrage eine standardisierte Methode von Drückerkolonnen um Zeitschriftenabonnements zu verkaufen. Mir erschien die Geschichte glaubwürdig und ein wenig bizarr, ein Abo hätte ich nicht abgeschlossen, wurde aber auch nicht darum gebeten.
Damit bewahrheitet sich meine ursprüngliche Annahme: Wenn es Nachmittags unerwartet an der Wohnungstür klingelt, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Nervensägen oder Spinner.