Hightatras:
Passanten
Berlin, pulsierende Metropole der Gegensätze
In einer im Hochparterre gelegenen Wohnung mit niedrigen Decken half ich bei der Renovierung vor der Übergabe an den Vermieter. Das ehemalige Wohnzimmer hat an beiden Aussenwänden recht große Fenster. Der Blick geht auf eine vielbefahrene Kreuzung mit nachmittäglichem Berufsverkehrstau. Die Gegend ist wohl eines der Neubaugebiete der frühen dreißiger Jahre, von den Abgasen der Lastwagen vergraut. Wenn ich durch die Wohnung gehe, stößt mein Kopf fast an den Türrahmen und die Deckenlampen. Unweit von hier liegen an staubigen, lauten, in der Hitze flimmernden Straßen die großen Einkaufszentren des Stadtrandes, neben Ruinen der Ostwirtschaft wehen die Fahnen der Autohäuser, ganz nach dem halbseidenen Schönheitsideal der neunziger Jahre gebaut. Beim Streichen der Wände des Eckzimmers wird mein Blick häufig von den vorbeigehenden Passanten angezogen. Heute verstehe ich die Mieter, die sich ein Kissen auf die Fensterbank legen, eine Zigarette anstecken und sich mit Beobachtungen der Nachbarschaft beschäftigen. Recht interessant, aber auch mitunter deprimierend, der Blick in das Antlitz des hier lebenden Menschenschlages.
Bleiche, tätowierte, glatzköpfige Hooligans, in weißen, dreiviertellangen Cordhosen, die zur konkreten Umsetzung ihrer diffusen Herrenmensch-Ideologie im Alltag nur ihre devoten, zahnbetonten Kampfhunde haben. Solariumgegerbte mit dem Handy hantierende, junge Frauen, deren Babyspeck unter knappem, bauchfreien Oberteil hervorquillt, kleine Handtaschen dicht unter der Achselhöhle tragend. Die üblichen Alkoholiker, mit verschwitzten Kunstfaserhosen, vergilbte Tennissocken in Sandalen, an der Seite von rubenshaften, stark geschminkten Frauen ebenfalls weinbrandumnebelt. Zarte graue Ostrentnerinnen mit Einkaufsbeuteln, heimliche Sozialistinnen, die ihre stille Verzweiflung vielleicht in der Welt der Topfpflanzen oder der Sorge für ein Tier kompensieren. Ganz leicht schlingernd fährt ein Mann in kurzen Hosen auf einem Klapprad mit kurzgeschorenem Haupt und Thierse/Taliban-Vollbart vorbei.
Das Problem in Berlin ist, daß man eigentlich nur in Ghettos wohnen kann, entweder vorwiegend unangenehmes Ostproletariat wie hier oder alkoholisierte Langzeitarbeitslose und arabisch/türkische Parallelwelten dominiert von kleinkriminellen heranwachsenden Männern oder medienaffine Milchkaffeetrinker mit Pilotensonnenbrillen, Flip-Flops und verrosteten Fahrrädern, junge Eltern, die ihren Kindern bescheuerte Namen geben. Im alten Westen und am neuen Stadtrand Bezirke in denen der brandneue Mercedes leise über den Kiesweg in den Carport knirscht, die Hausfrau hat hinter der großzügigen, gemütlich illuminierten Glasfront bereits für das Abendessen gedeckt, ein Bild wie aus »Schöner Wohnen«, ein Stock-Image des zeitgenössischen Bürgertums.