Hightatras:


Passanten

Das rekonvaleszente Pony

Junge Mädchen von heute tragen wildlederne Stiefel in frischen, leuchtenden Farben, gerne auch rosa oder apricot, außen zur Zierde reichlich mit Pelz und Posamenten besetzt. Die vier Backfische, die in der Straßenbahn auf einer Bank Platz genommen haben, stecken die Köpfe zusammen und erörtern die Situation auf den Reiterhöfen im Norden Berlins. Man muß wissen, daß doch neulich in Schildow ein bereits betagtes Pony angefahren wurde. »Ich war bei der anschließenden Beinoperation und dem Lauftraining dabei« vermag eine der Heranwachsenden aufzutrumpfen, und verzieht triumphierend ihr kindliches Gesicht. Neid lässt die hippophile Gruppe verstummen und mir fällt ein Stein vom Herzen, kein behindertes Pony, ich bin vollkommen beruhigt. Im Gegensatz zu dem misanthropischen Straßenbahnfahrer, der immer wieder cholerische Durchsagen, eingeleitet durch Kraftworte, in sein Mikrophon brüllt. Ein vollkommen verblödeter Fahrgast hatte in seiner unfassbaren Nichtsnutzigkeit den Haltewunschtaster zur Unzeit betätigt. Selbstverständlich wird dem falsch Handelnden, ja allen Reisenden eine ordentliche Standpauke zuteil, eine lautstark vernichtende Abfuhr, die sich der Betreffende hinter den Spiegel stecken kann. Solch ein Lapsus darf einfach nicht passieren! Später. Offenbar hat der diensthabende Fahrer die Lautsprecheranlage für sich entdeckt, macht regen Gebrauch von der technischen Möglichkeit seinen Hass elektrisch verstärkt hinauszuschreien. Der Waggon verfügt nämlich auch über einen Außenlautsprecher. »Bleib stehen Du Arschloch!« wird im Kreuzungsbereich ein unachtsamer Autofahrer angeherrscht und somit in seine Schranken gewiesen. Mit seinem surrealistisch unangemessenen Umgangston handelt er, wie viele hier, abseits klassischer Etikette.

Dann ein Besuch im Drogeriemarkt, die Sortimentsbreite ist hier nicht nur im Bereich der Zahnpflegeprodukte sehr groß. Ich möchte mich in diesem Segment neu orientieren, da ich mit einem Billiganbieter Schiffbruch erlitten hatte. Obschon die Verkaufsräume nur mäßig gefüllt sind, ist die das Objekt leitende Angestellte in heller Aufregung, sie weiß nicht wo ihr der Kopf steht, muß sie doch »Ware machen« und den Mann mit dem Walrossbart, der zwei Tüten Katzenstreu zu kaufen beabsichtigt, an der Kasse bedienen. Monströs stampft die korpulente Drogeriefachverkäuferin schnaubend zwischen den ihr auferlegten Tätigkeiten hin und her so daß der Boden erbebt und die zahllosen Tiegel, Flakons und Tuben in den Regalen erzittern, ähnlich wie die Ausstattung in den frühen Szenen des vorzüglichen Spielfilmes »Poltergeist«. Unglaublich wie viele Artikel zur Zahnreinigung es gibt, darunter auch ein höchst affiges Produkt für einen scheinbar gesättigten Markt: ein elektrischer Zahnseidehalter mit dem Namen »Kolibri«. Mein Einkauf besteht schließlich aus zwei Zahnbürsten von »Dr.Best«, die sowohl im Angebot sind, als auch über grundlegend neu konzipiertes Produktdesign verfügen, ferner Kleidermotten vertreibende Zedernholzscheiben für den Wäscheschrank und ein Stück Seife für das Handwaschbecken im Badezimmer.
Am Vormittag war ich zur Mithilfe bei einem Umzug gebeten worden, einer der mir bislang unbekannten weiteren jugendlichen Helfer sah aus wie mein bereits verstorbener Onkel mütterlicherseits in jungen Jahren. Teil des durchs Treppenhaus zu bugsierenden Hausstands war unter anderem eine recht große hölzerne Standuhr, auffallend wegen schöner floraler Schnitzarbeiten im Außenbereich sowie durch mit geschmackvollen Gravuren eingefasste Glastüren.

28. Februar 2006
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