Hightatras:


Passanten

Den Hut lüften

Um zwanzig Uhr herrscht in der von Indern geführten Gaststätte Stoßzeit, daher werden meine Bekannte und ich diesmal am einzigen noch freien Tisch im Zentrum des Etablissements plaziert. Nicht wie sonst am frei gewählten Fenstertisch. Ein Platz, der sich entgegen ursprünglicher Erwartung als goldrichtig entpuppen sollte. Nicht nur, daß der kreisrunde Tisch aus poliertem Kirschholzimitat über ein praktisches, in die Tischplatte eingelassenes Speisenkarussell verfügt, welches den Verzehr eines opulenten Mahles ohne würdeloses über-den-Tisch-beugen ermöglicht, nein, man sitzt hier zudem vorzüglich, um von logenhafter Warte die anderen Gäste zu beobachten ohne als Voyeur angesehen zu werden. Im Vordergrund, die sechs bei Neulingen wohl begehrtesten Tische des Restaurants — Fensterplätze — dahinter, durch eine Glasscheibe geschieden, gleichsam im Mittelgrund, ein breites Trottoir mit hohem Fußgängeraufkommen. Den zwielichtigen Hintergrund bildet ein stetig rauschender Fluß aus Kraftfahrzeugen stadteinwärts, oben, auf maroden, gußeisernen Säulen, die in der Kurve quietschende Hochbahn. An den Fensterplätzen entweder Paare oder größere Gruppen. Die Paare unauffällig, die Dame redet, der Herr hört zu. An den Gruppentischen sitzt stets mindestens ein Gast, der das Gespräch dominiert, die Themen vorgibt, sich eindringlich Tischnachbarn zuwendet denen das Los des Zuhörers zuteil geworden ist, ihnen onkelhaft die Hand auf den Arm legt und ohne Unterlass redet. Eloquent, laut lachend, umfassend gebildet und von beispielloser Hartnäckigkeit. Intellektuelle Alphatiere, die die angenommene Führungsrolle in ihrer Bezugsgruppe durch das Bestellen aufmerksamkeitsheischender Gerichte noch zusätzlich betonen. Brutzelnde, dampfende, laut zischende, siedendes Öl versprühende Fleischpfannen werden von links gereicht, während der die Dienstleistung wenig würdigende Gast gerade durch ein überaus köstliches Bonmot brilliert.

Breite Fensterscheiben bilden den Rahmen für eine großstädtische, in Fluktuation begriffene Straßenszenerie. Vorbeigehende Passanten (Pleonasmus), häufig Vergnügungswillige, die im Gehen Bierflaschen austrinken, nicht selten auch rauchende Frauen in Hosen. Auf dem Hinweg zur Gaststätte lag — zu meiner Erbauung — ein Hutgeschäft, an dessen Schaufenstern ich mir schon häufiger die Nase plattdrückte. Das Geschäft wird von einem Hutmachermeister betrieben und jedesmal wenn ich an den abends elektrisch erleuchteten Auslagen vorbeikomme wurde erwartungsgemäß den Jahreszeiten entsprechend umdekoriert. Die Strohhüte und sommerlichen Damenhüte sind den Melonen, mit Posamenten verzierten Filzhüten und sportlichen Tweedmützen in herbstlichen Farben gewichen, Pork-Pie-Hüte und Stetsons lassen die vorzügliche Sortimentsbreite des mutmaßlich sehr guten Fachgeschäfts erahnen. Die Schaufensterdekoration hebt bewusst oder unbewusst die klassische Trennung zwischen Mütze und Hut auf, mehr Wert legte der Dekorateur auf ein stimmiges Gesamtbild, Mützen und Hüte werden also als ästhetisches, harmonisch herbstliches Warenensemble präsentiert. Wesentlicher Unterschied der beiden Kopfbedeckungsarten ist bekanntlich die fehlende umlaufende Krempe der Mütze. Dieser Definition folgend würde man also Deerstalker Hüte (auf dem Kontinent bekannt durch Sherlock Holmes) als Mütze klassifizieren, da diese keine komplett umlaufende Krempe aufweisen.
Doch trägt man heute noch Hüte, lautet die sich in den Vordergrund drängende Frage, als ich an dem mir zugewiesenem Kirschholzimitat-Panoramatisch auf das bestellte Subji warte. Also führe ich ad hoc eine Passantenzählung durch: wieviele Passanten tragen Hüte oder Mützen, wobei Basecaps und Wollmützen nicht zählen, da uncool und somit irrelevant. Kein ganz leichtes Unterfangen, das reale Straßensichtfeld beträgt, durch Säulen begrenzt, höchstens sechs Meter in der Breite, das ergibt bei einer durchschittlichen Gehgeschwindigkeit von 1,5 m/sec einen Bewertungszeitraum von vier Sekunden pro Passant, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Bewertungszeitraum pro Passant mitunter auf Sekundenbruchteile schrumpft, da hier, an dieser speziellen Stelle, Fußgänger häufig in Gruppen, sogenannten Passantenclustern auftreten. Oft Cliquen, in denen Kopfbedeckungen prinzipiell zugelassener Kleidungscode sind, vornehmlich Jugendliche mit Hip-Hop-Affinität oder aber Gruppen in denen dies nicht der Fall ist. Ergebnis der Studie ist eine geringe Hutdichte von 4% ermittelt an einem Samstagabend gegen zehn Uhr. Von diesen 4%, trug allerdings nur eine Testperson einen klassischen Hut und befand sich zudem in einer vorbeirasenden Straßenbahn, die restlichen 3% Mützen. Die dreiprozentige Mützenträgergruppe schlüßelt sich in 66% Männer und 33% Frauen auf. Unwissenschaftliche Beobachtungen am Rande: Männer in Begleitung einer Partnerin haben meist ein Glatze, die Partnerin hingegen bündelt ihr Haupthaar zu einen Pferdeschwanz. Einzelne Frauen oder Frauen in größeren Gruppen ohne Männeranteil tragen das Haar häufig offen, wobei das Gesamtbild von Langhaarfrisuren dominiert wird. Ein Hoch auf die Mütze. Eine kleidsame, funktionale und zugleich elegante Mütze! Am Rande bemerkt belegen wissenschaftliche Untersuchungen, daß 35% der Körperwärme über den Kopf abgegeben werde. Fakten, die das Tragen einer Mütze bereits in der Übergangsjahreszeit ratsam erscheinen lassen. Demnächst werde ich wohl einmal den Hutladen zu den regulären Öffnungszeiten besuchen und mich umfassend beraten lassen, ich schätze mich als Mützentyp ein, wobei allerdings für Mützenträger die Geste des Hut-Lüftens nicht in Frage kommt — leider. Wortloses Hut lüften, situationsabhängig durch eine, nur zu erahnende, Verbeugung ergänzt genügt immerhin vollkommen der Etikette! Für mich käme vermutlich eine tertiärfarbene Sportmütze aus Tweed in Frage, optional auch dezent kariert mit einer schönen, wollenen Bommel oben.

22. Oktober 2006
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