Hightatras:


Passanten

Der Waschmaschinenschlauch

Blondinen deren Leiber umspült werden vom künstlichen Odem preisgünstigen Aprikosenschaumbades, von Maschinen gebräunter Babyspeck bahnt sich seinen Weg, quillt hervor unter knapp geschnittenen Kapuzenjäckchen in weiß oder rosa. Inmitten dieses Ensembles hat es sich der hagere Schnurrbartmann auf seinem Straßenbahnsitz bequem gemacht, das Boulevardblatt umständlich schüttelnd entfaltet. Er schlägt, einer Marotte folgend, vor dem Lesen stets mit dem Handrücken auf die Seite. Aha, so sieht also das Sofa des irren Kofferbombers aus, hier plante er den Massenmord. Schlimm. Da stürzt eine Frau, die eben noch, gleich einem Huhn, mit wackelndem Kopfe an der Seitenscheibe des haltenden Zuges vorbeilief, auf den verbliebenen freien Platz neben dem Schnurrbartmann zu, grüßt hastig und nimmt Platz. Sie hat den Schnurrbartmann als ihren Waschmaschinenverkäufer von vor drei Wochen identifiziert. Der Schnurrbartmann ist Waschmaschinenverkäufer auf Urlaub (Balkonien?) wie sich herausstellt, als das Huhn sagt, daß der Schnurrbartmann hier wohl aussteigen müsse. Vor den Scheiben verfinstert ein Betonmenhir, einen Elektrodiscounter beherbergend, den Himmel. Ich hab Urlaub sagt der Schnurrbartmann. Das Problem des Huhnes ist, daß der Waschmaschinenschlauch bei der Montage schlampig verlegt wurde, dieser beschreibt nämlich eine unschöne Kurve und verläuft nicht devot hinter der für ihn vorgesehenen Sichtblende. Sieht einfach nicht aus und das kann es ja auch nicht sein, so lässt sich der Ärger in etwa beschreiben.

Der Schnurrbartmann stimmt zu. Da muss man dem Intstallateur noch mal auf die Finger klopfen. Aber er verkauft die Maschinen ja auch nur, außerdem ist er auf Urlaub und würde insgeheim gerne näheres über das Sofa des Kofferbombers wissen ist seinem Mienenspiel mühelos entnehmen. Der Sohn hat nämlich Hochzeitstag. Die Unterhaltung durchläuft seitens des Huhnes eine waghalsige Haarnadelkurve. Sie hat gerade einige drollige Mitbringsel für die anstehende Feier erworben. Braut und Bräutigam als kleine, niedliche Puppen an einem Herz befestigt, dieses wiederum an einem dünnen Stiel, geeignet um in das Substrat einer Topfpflanze versenkt zu werden. So sieht das dann aus, das Huhn macht es, die erforderliche Topfpflanze einer der zahlreichen Tüten entnehmend, vor. Sie hält das festliche Gebinde zur besseren Wirkung am ausgestreckten Arm und erhofft sich eine angemessene Reaktion von ihrem Waschmaschinenverkäufer. Jedenfalls strahlt sie ihn offensiv von der Seite an und die ulkige Frisur wippt im Takt ihrer hektischen Kopfbewegungen, hin- und hergerissen zwischen dem Profil des Schnurrbartmannes und ihrer feierlichen Topfpflanze. So, ich dreh das mal ein wenig, von hier ist auch schön. Unheimlich interessant für den Schnurrbartmann, der sich auf eine lässige Straßenbahnfahrt mit Kofferbombersofa, Formel 1 und nackten Miezen eingerichtet hatte.

22. August 2006
Kommentare:










Wollen Sie einen Keks?






Powered by Movable Type | XML