Hightatras:
Passanten
Die geheimen Huflattich-Stellen
Die Busfahrt geht durch Vororte. Felder und Einfamilienhäuser wechseln sich ab. Auf dem Schwerbeschädigtenplatz nahe des Fahrers sitzt eine ältere rothaarige Dame und redet. Redet auch ohne bestimmten Gesprächspartner. Der Busfahrer hat offenbar kein Interesse an der Baumblüte. Die Schönheit blühender Bäume entlang der Busroute sind das immer wiederkehrende Grundmotiv ihres Monologes. Alle ihre Gedanken münden in Sprachausgabe. Junge, Junge das ist ja eine Baumblüte. Herrlich. Hut ab, sagt sie als der Bus an einer Haltestelle hält. Gemeint ist ein prächtig blühender Kirschbaum in einem Vortstadtgarten. Mit beiden Fäusten donnert sie aus Leibeskräften gegen die Scheibe um dem Gartenbesitzer ihre Begeisterung gestisch zu vermitteln. Vergeblich. Beugt sich, den Kopf drehend, wie eine Reiseleiterin in den Gang des Busses um weitere schöne Bäume anzukündigen. Recht hat sie.
Nur Huflattich gibt's nicht mehr so, sie macht ja immer Tee daraus wenn sie welchen findet. Das ist das Stichwort für einen volltrunkenen, glatzköpfigen Maurerschrank, der sich zu diesem Thema erstaunlich kompetent zu äussern vermag. Hinter ihm liegen auch schon mehrere mißglückte Gesprächsanbahnungen mit anderen Fahrgästen. Er kennt wider Erwarten die guten Huflattich-Stellen und es entspinnt sich ein eher pragmatisches Botanikgespräch zwischen dem jungen Handwerker und der betagten Plaudertasche mit den orthopädischen Schuhen. Beim Aussteigen greift der Breitschultrige taumelnd nach meterweit entfernten Haltestangen. Der Bus fährt ab, beide winken und der Maurer öffnet zur Stärkung eine weitere Büchse Bier, sicherlich die siebenundvierzigste heute.
28. April 2006