Hightatras:


Passanten

Erst schnuppern lassen, dann streicheln

Ein kühler, düsterer Tag nach Wochen des verfrühten Frühlings. In einer Bankfiliale eines nahe gelegenen Neubaugebietes des vergangenen Jahrhunderts, ich stehe hier in der Schlange um eine Transaktion durchzuführen. Nur ein Schalter ist mit einer weiblichen Servicekraft besetzt. Die Klimaanlage wälzt abgestandene Luft auch in die hinteren Bereiche der Geschäftsräume. Der jungen Dame mit der Ponyfrisur die dort auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch ihres Sachbearbeiters sitzt, der in für Kunden uneinsehbaren Räumen ihr Personaldokument kopiert, ist unwohl: Migräne.

Auch das teigige Paar, das am Wasserspender plaziert wurde, um dort auf einen freien Platz am Tisch des Dienstleisters zu warten sieht verdriesslich drein, was plagt sie? Bedient wird gerade eine verhärmte, mittelalte Frau, die am Schalter neben sich einen Hacken-Porsche geparkt hat, an der Leine hält sie einen kleinen Hund mit alerten Augen, der Kontakt zu den Beinen der in der Schlange wartenden sucht. Zwischen Hunde-Besitzerin und mir eine für das Millieu übliche Familie. Zwei Buben, eine blondierte Mutter und ein solariumgebräunter Vater mit Bürstenhaarschnitt. Dem bodygebuildeten Familienoberhaupt ragen schwammig gewordenen Tätowierungen aus dem eng anliegenden Leibchen. Die beiden Kinder schicken sich an den kleinen Hund zu streicheln, daraufhin ermahnt der Vater: »Erst schnuppern lassen, dann streicheln«. Ein Hundekenner. Der Hundefrau wird gerade mitgeteilt, daß ihr Kontostand so niedrig sei, daß nun ein monatlicher Obulus an das Geldinstitut zu entrichten sei. Hinter mir in der Schlange wird ein Telefon-Gespräch mit dem Satz »Ich dich auch« beendet.

19. Mai 2005
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