Hightatras:
Passanten
Fahranfänger von Stahl umwittert
Finsternis hat sich über die große Stadt gelegt. Das Tosen der Motoren abgeebbt zu sonorem Hintergrundrauschen. Der melodiöse Ruf der Nachtigall erfüllt den nächtlichen Äther, soeben kündete der Kirchturm von der zweiten Stunde des Tages. Zumeist haben die Anwohner ihre Lichter gelöscht und befinden sich zu dieser vorgerückten Stunde längst in Morpheus Armen. Die Straße ist unbefahren, das Trottoir menschenleer. Interessant, die Mimose auf der Fensterbank zeigt ihr mimosenhaft seismonastisches Verhalten bereit ab dem ersten zarten Keimling. Wider Erwarten ist es mir gelungen auf Anhieb eine Mimosa pudica aus einem Samenkorn zu ziehen. Nicht unerheblich für das Gelingen verantwortlich war mutmaßlich meine Maßnahme, den Topf mit Frischhaltefolie abzudecken, so entstand, ein für die Pflanze zuträgliches, gespannt feuchtwarmes Mikroklima. Oh Schreck, plötzlich zerreisst bald durchdringendes Geräusch von hochtourigem Motor, bald infernalisches Bersten die nächtliche Stille. Mit unzähligen Pferdestärken gräbt sich leichtsinnig entfesselter Stahl ineinander.
Unten auf der Kreuzung sind zwei kostspielige Sportwagen verunfallt. Die Fahrzeugführer gleichen, benommen aber unbeschadet der futuristischen Maschinenskulptur entsteigend, einander aufs Haar. Es handelt sich um junge Männer in weißem Gehrock, mit konträrem Fahrtziel, die im Besitz solch köstlicher Kraftfahrzeuge mit Schiebeverdeck sind, um im Umfeld von Tanzlokalen Eindruck zu schinden, im Idealfall gar Frauen dazu zu bewegen auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. An diesem verhängnisvollen Abend indes wähnten sich die beiden Automobil-Afficiandos in trügerischer Einsamkeit auf unterschätzter Vorstadtstraße. Die pfeilschnelle Reise fand aufgrund ungünstigen Timings hier ihr unerwartet jähes Ende. Am Horizont sind rasch nahende Martinshörner zu vernehmen, im Nu wird die Situation in flackerndes Blaulicht getaucht. Feuerwehrmänner kehren schrapnellartig fortgeschleuderte Trümmerteile zusammen. Da stehen die beiden gockelhaften Narren gleichen Geistes und bellen bereits wieder lässige Reden in ihre Fernsprecher. Dem Tode entronnen danken sie bestenfalls dem Airbag und nicht dem Herrn.
9. Mai 2006