Hightatras:
Passanten
Lackaffen
Neulich in der S-Bahn, steigen so zwei Lackaffen ein mit Hollandrädern. Gesundbrunnen. Natürlich sehr schlecht gewartete Fahrräder. Der eine findet einen Platz, leider neben mir, der andere greint so ein bißchen verkniffen rum, daß er keinen Sitzplatz fand. Gegen die herbstliche Kühle wappneten sich die beiden mit bohemehaft umgeworfenen Seidenschals. Theoretisch kunstaffin scheinbar, jedenfalls nehmen die beiden Typen eine wohl früher begonnene und sehr wichtige Diskussion über den russischen Konstruktivismus wieder auf. Auch recht lautstark. Zudem begleitet von bedeutungsarmen, sich selbst genügenden Gesten, die weich sind wie die einer Frau, einer Frau jedoch der es an Anmut und Lebhaftigkeit gebricht. Es geht auch nicht um den russischen Konstruktivismus es dreht sich ausschließlich um Egosülze soviel ist bald gewiss. Sülze, Sülze, Sülze. Das Gespräch ist von so freudloser Ernsthaftigkeit und demonstrativer Schwerintellektualität, daß wenigstens dem schlecht und ausserdem viel zu dicht vor mir Stehendem eine elend knorrige und von sibirischen Winden schlimm deformierte Krüppelkiefer aus dem Arsch wächst.
Und der andere kann nicht gut sitzen auf seinem Klappsitz. (Wegen einer Birke vielleicht?) Daran erkennt man unter anderem geisteswissenschaftliche Vollidioten. Vielleicht auch an ihrem kläglichen Unvermögen ein Fahrrad so abzustellen, daß es bei den die Reise begleitenden Schwingungsbewegungen nicht umstürzt. Jedenfalls steht das Rad des Krüppelkiefermannes offensichtlich in einem zu steilen Winkel zum Waggonboden und ferner ziemlich ungünstig bezogen auf die Fahrtrichtung des Zuges. So schwingt das Rad bei jeder leichten Schlingerbewegung dem — die Grenze zum Umkippen markierenden —Scheitelpunkt entgegen und dann, nur Millimeter davor, wieder zurück. Hach, El Lissitzky hier, Malewitsch da, jedenfalls ist es irgendwann soweit, das Oberrohr des im Sturze begriffenen, pudschweren Zweirades landet in meiner, das physikalisch unabwendbare erwartenden und zum Auffangen leicht geöffneten Hand, womit ich verhindere, daß ein hierzu angewiesener, auf dem Fußboden lagernder, mit braunen Knopfaugen ausgestatteter, niedlicher junger Beagle, der sich dösend die letzten Strahlen der spätsommerlichen Sonne auf den Pelz brennen lässt, von dem ekelhaft rostigen Stahlkoloss des Krüppelkiefermannes zermalmt wird. Dies alles geschieht 40 Zentimeter von meiner Nase entfernt, und zwar nicht in Sindelfingen und nicht in Hamburg. Es ist eigentlich ungeheuerlich!
Fragte man mich was ich an Berlin schätzte, so antwortete ich wohl es seien die heimlichen Obsessionen die sich hier so genüßlich stillen lassen, sich mit grimmiger Lust der schubweise aufwallenden Misanthropie hinzugeben beispielsweise, der es hier wahrlich nicht an menschlichem Futter mangelt.
köstlich geschrieben...nicht nur der hier. aber bitte die hohe tatra erschließt sich mir noch nicht.....einen wunderschönen abend...hoffentlich träum ich heut nicht von der diskusion....
Meinte reallywant am 31. Oktober 2007 um 22:34 Uhr