Hightatras:
Passanten
Nachts im Reich des Cordhutes


Der abendliche Heimweg führt über einen schmalen Pfad durch die Kleingartenanlage. Plötzlich eine Grille: noch nie in all den Jahren hatte ich probiert ob der Blitz der voluminösen Digitalkamera eigentlich funktioniert. Mal ausprobieren hier. Sieht ja gleich aus wie am Ort des Verbrechens auf dem kleinen Display, im Nu wird aus dem biederem Heim der wasserspeienden Terrakotta-Gans und der geblümten Hollywood-Schaukel das lyncheske Horror-Anwesen des irren Menschenfressers. Verblüffend. Durch den Schein, des kleinen, aus der Kamera ausklappbaren Blitzes angezogen, hatte sich am Zaun einer trutzburgartig angelegten Parzelle ein wachsames Laubenpieperpaar eingefunden. »Was machen Sie denn da?« Mein Verhalten hatte zweifelsohne Verdacht erregt. Ich machte Miene die offenbar rhetorische Frage nicht verstanden zu haben. Lauter nun, mit Verve vorgetragen, so vermeintlich Eindruck heischend: »Was machen Sie denn da?« Ein Spiel, daß sich beliebig hätte weiter treiben lassen. Keine Anschlußfrage oder vielleicht die Drohung den Funkwagen zu alarmieren. Die um ihre gepachtete Scholle Bangenden waren in einer verbalen Schleife gefangen. Geflashte Kleingärtner, die sich in ihrem Fernsehapparat zu viel Polizeiruf 110 oder Boulevard-Mord-und-Totschlagmagazine angesehen haben. In Wirklichkeit bin ich selbstverständlich ein eiskalter Profikiller und mache ein paar Aufnahmen im Vorfeld der Tat, die brutal verstümmelten Leichen des Ost-Rentnerpaares gibt's dann nächste Woche bei MDR brisant zu sehen. Oder ich verkaufe die Bilder des attraktiven Anwesens an skrupellose Kleingarteneinbrecherbanden, die die erbeuteten Harken, Rasensprenger und Gartenzwerge in Rumänien verhökern um sich vom sicher lukrativen Erlös Heroin zu kaufen.