Hightatras:


Passanten

Nasser Hund mit künstlichem Erdbeeraroma

Akribische Frontberichterstattung in der Straßenbahn. Zwei bleiche junge Männer lassen ein ausgiebiges Counterstrike-Wochenende Revue passieren. Zur Stärkung schütten sie aus Plastikbechern mit rosa Farbstoff versetzte Milch in ihre Rachen. Es riecht nach nassem Hund. Die einzelnen, stark geheizten und wenig gelüfteten, Räume der Stadtbibliothek sind, der Systematik entsprechend, jeweils auf eigene Art muffig. Der süßliche Geruch zerfallenden Papiers bildet das Fundament. In den alten, oft gelesenen Büchern haben sich über die Jahre winzig kleine Krümel, Hautschuppen, Spuren von Körperfett, blasse Milben, feinster Nikotinfilm und anderer Gilb abgelagert. In einigen offenbar seit langem nicht mehr geöffneten mehrbändigen Tagebüchern sind Moleküle von Ostgeruch zwischen holzhaltig randgebräunten Seiten erhalten geblieben. Wenig und oft gelesene Bände riechen am Stärksten. Erstere weil sie nicht durch blättern gelüftet werden, letztere weil sich an ihren Zellstofffasern viele verschiedene Körpersäfte in kleinsten Quantitäten sammeln und mischen. Besonders betroffen sind hier insbesondere phantastische Romane und spannende Krimis, da diese mutmaßlich auch in der Bahn und auf der Toilette verschlungen werden. Je spezieller also das Interesse, desto höher die Hygiene der Bücher.

21. Dezember 2005
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