Hightatras:


Passanten

Olfaktorische Dissonanz im ÖPNV

An der Haltestelle stieg diesmal eine ganze Traube ein. Auf der Bank neben mir, im Fond des Wagens, nahm ein älterer Mann platz. Nach vielleicht zehn Sekunden wurde ich eines schrecklichen Geruches, von meinem Banknachbarn ausgehend, gewahr. Nein, ich roch nicht ein wenig Arbeiterschweiss oder leichten Mundgeruch. Ich bin in dieser Hinsicht zwar sensibel aber ebenso tolerant. So auch als sich kürzlich ein vor mir im Treppenhaus hergehender, ein schweres Möbelstück tragender Dienstleister, unter der Last nicht mehr Herr seiner selbst, sich in jeder Hinsicht vernehmlich eines langgezogenen Darmwindes entledigte. Jener, in der Bahn meine Nase durchdringender Geruch allerdings kann nur als unmenschlich bezeichnet werden, mir fehlen andere vergleichende Worte. Seit heute habe ich eine Vorstellung davon, wie Untote riechen.

Ein von innen kommender Geruch von seit jahrtausenden verwesendem Fleisch, mehr durch Maden in Form gehalten als durch Bindegewebe. Angesichts der mir die Sinne zu rauben drohenden Situation, versuchte ich Abstand zu gewinnen, in der Hoffnung dadurch eine mir zuträglichere Luftsituation zu erreichen. Auch den übrigen Reisenden war Beklemmung anzumerken, aber in solchen Situationen bewahrt der Berliner erstaunlicherweise Contenance, mechanische Belästigungen wie versehentliches Anrempeln oder dergleichen wird hier sonst umgehend verbal vergolten. Alle zu Verfügung stehenden Klappfenster waren bereits geöffnet, ein weiteres Handeln schien unmöglich.
Die Sonne schien und der unheimliche Fahrgast dünstete weiter seinen infernalischen Äther aus. Hier drängt sich mir die Frage auf wie die private Situation solcher Personen ist. Diese Frage wurde jedenfalls in den einschlägigen Horror-Filmen bislang nur wenig beleuchtet. Zombies sind eben einfach da, und wanken nachts in ihrer charakteristischen tollpatschigen Art der Fortbewegung durch die Vororte, trotz Unbeholfenheit stets eine Spur des Schreckens hinterlassend. Da Kino ein audiovisuelles Medium ist, wird eben auch der Geruch nicht thematisiert. Aber ich weiss ja jetzt, wie all die, in schleimige Bandagen gewandeten, mit Enterhaken bewaffneten lebenden Leichen röchen, hätte sich in den sechziger Jahren das Geruchskino durchgesetzt.
Nun war seine Station gekommen, das bucklige Wesen stieg seinen hufartigen Klumpfuss nachschleppend aus und zog, anhaltend vergällte Luft hinterlassend, von dannen — dem Hades entgegen. Durchatmen.
Im übrigen glaube ich, daß z.B. Marilyn Manson, der beruflich im Grusel-Pop-Bereich tätig ist, immer wie aus dem Ei gepellt ist und astrein riecht. Aber Showbusiness ist ja auch ein anderes paar Schuhe.

9. Juni 2005
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