Hightatras:
Passanten
Roller oder Nichtroller?
Im Omnibus. Ein junger Mann mit Brille, dessen hell behaarten, weißen Beine mit Shorts und Turnschuhen bekleidet sind, sowie eine Frau, die ein elegantes champagnerfarbenes Kostüm aus voluminös strukturiertem Wollstoff trägt und einer entsprechend bedruckten Papiertüte nach zu urteilen wohl aus einem Schuhgeschäft nach Hause zurückkehrt. Vielleicht nach Kladow oder Rupenhorn falls Ihnen das was sagt. Sie sitzt auf der Gangseite jener Bank, die an die Rollstuhl- und Kinderwagenabstellfläche des Busses angrenzt, während der junge Mann, ein Bein untergeschlagen, leicht eingedreht auf dem Fensterplatz neben ihr herumlümmelt und seinen linken Arm auf die Oberseite der Rückbank gelegt hat so daß seine Hand den am Ende der Lehne angebrachten Haltegriff unfern ihres Kopfes umschließt. Plötzlich zieht der junge Mann seinen so positionierten Arm zurück, um mit dem Zeigefinger rasch in sein linkes Nasenloch einzudringen und dort bohrende Drehbewegungen auszuführen. Die andere Hand ist fortwährend damit beschäftigt, an einem recht kleinen MP3-Player etwas einzustellen. Untermalt von philcollinsartiger Musik aus dem Kopfhörer hat der junge Mann routiniert wirkend, einen stattlichen, am Finger haftenden Popel von halbfester, noch formbarer Konsistenz aus der Nase geborgen und nimmt diesen, den Zeigefinger — wohl wegen Kurzsichtigkeit — nahe den Brillengläsern drehend, aus unterschiedlichen Perspektiven in Augenschein. Befriedigt ob der Form, Farbe und haptischer Beschaffenheit schnellt nun der linke Arm wieder in die vorherige Ruheposition zurück, die drei äusseren Finger der Linken werden seitens des Jünglings erneut in den Haltegriff der Bank lose eingehängt, während Daumen und Zeigefinger frei schwebend den soeben zu Tage geförderten Popel, wenige Zentimeter neben, gleichsam hinter dem Haupte der Banknachbarin, modellieren, zärtlich drücken und energisch rollen, während sich die vornehme Dame, der hygienisch fragwürdigen Vorgänge nahe ihres Nackens nicht gewahr, interessiert über die aktuelle Situation in den europäischen Königshäusern informiert und der junge Mann gedankenverloren, musikalisch begleitet und in sich versunken — ja fast apathisch — aus dem Fenster sieht.
18. August 2007