Hightatras:
Passanten
Signor Flückiger va a Lipsia
In der rückseitig gelegenen Sitzgruppe des Großraumwagens reist ein Bürger, angetan mit Hut und leichtem Übergangsmantel in beige, welcher, nach eigener Aussage, beim Einstieg in den Waggon von einem listigen Taschendieb seines Portemonnaies beraubt wurde. Zu beklagen sind der Verlust von einhundert Euro in Scheinen sowie diverser Bankkarten. Zu diesem Behuf instruiert der Herr nun fernmündlich seine Gattin, sie möge doch die entsprechenden Kreditinstute zu einer Sperrung der Konten veranlassen. Das Telefongespräch verläuft in der sachlich emotionslosen Teilnahmslosigkeit des verinnerlichten Beamtentums. Guten Tag, ich habe Dir folgende Mitteilung zu machen, beim Einstieg in die Eisenbahn wurde mir mein Portemonnaie geraubt, bitte rufe bei der Bank an und lasse jene Karten sperren, deren Nummern ich Dir nun nennen werde. Zwo, Fünnef, Drei... Ich Wiederhole. Ähnlich schriftsprachlich wie der Dialog aus einem Sprachkurs, vielleicht Lektion 5. Wie lautet die Kontonummer von Herrn Flückiger? Woher kommt Herr Flückiger, wohin geht seine Reise?
Daß die ostdeutsche Provinz nicht nur von marodierenden Rechtsradikalen bevölkert wird, erfährt man als Regionalbahnreisender am Wochenende. Hier gedeiht in akademischer Nische klassisches Hippietum, als schriebe man das Jahr 1972. Biologen auf Lehramt, die alerten Blickes und bleichen Fusses in speckigen Trekkingsandalen den Waggon durchmessen, ausspähend nach solventen Fahrgästen, von denen sie sich eine Mitreise mit dem Wochenendticket erbetteln können. Selbstverständlich kulanterweise mit Eigenbeteiligung von 57 Cent in kleinen Münzen. Angehende, apfelbäckige Germanistinnen in leger geschnittenen Batikkleidern, flankiert von engelsgleichen Jünglingen mit wallend güldener Lockenpracht. In disfunktionalem Handgepäck werden Jonglierutensilien, Trommeln und Wolle (?) transportiert. Die geisteswissenschaftlichen Wonneproppen haben sich augenscheinlich soeben kennengelernt. Und was studierst DU? Regionalbahn am Wochenende ist also ein ganz heißer Flirttip offenbar. Smalltalkeröffnung über Studienplatzvergabe und Numerus Clausus zu verhalten amourösen Avancen. So ein Lokschaden auf offener Strecke schweisst wohl zusammmen.
Nieder mit der deutschen Bahn und eplus! Letztere haben offenbar den Betrieb ihres Mobilfunknetztes abseits größerer Städte jetzt gänzlich eingestellt. Der Bahnhof Alexanderplatz ist, mit einstündiger Verspätung erreicht, jedoch bereits vorzüglich gerüstet für die Fußball-WM, alles liebevoll ostblockhaft mit Papierfahnen ausstaffiert.
Es gibt ja Menschen, die können gar nicht anders als dem Sitznachbar ein Gespräch aufzuzwingen, da hilft auch keine Zeitung, hinter der man sich zu verstecken versucht.
In diesen kleinen Abteilen mit sechs Sitzplätzen schafft die gezwungene Enge ein Kollektivbewusstsein, welchem man nicht entfliehen kann. Da werden Konversationen auch schon mal mit "Scheiße, ist das intim hier!" begonnen. Alles schon erlebt.