Hightatras:
Passanten
Straßenbahnfahrten
Wartend, am frühen Abend an der Haltestelle des menschenleeren, auf Weltstadt getrimmten, vermeintlichen Prachtboulevards. Nun naht die Bahn, weiter vorn auf dem Bahnsteig als erwartet: ein Kurzzug. Die Reise beginnt, Sitzplätze zur freien Auswahl. Über den dunklen Fluß, der für kurze Zeit den Blick auf die abendlich erleuchtete Kuppel des Regierungssitzes freigibt. Unter Quietschen werden die Waggons von dem starken Elektromotor um die Kurve getrieben. Dirnen säumen die Strecke.
Zweimal unterquert die Bahn die Stadtbahngleise, hier drängen sich die Müßiggänger auf den schmalen Gehsteigen. Wir sind im Mekka der Art-Direktoren, DJs und Coffee-to-go-Trinker eingetroffen. Der Waggon füllt sich, ulkige Frisuren, affige Anziehsachen und Feuilletonleser bestimmen das Bild. Mit dem Finger werden unlängst Zugereiste auf vor dem Fenster vorbeifliegende »angesagte« Szene-Gaststätten hingewiesen. Mehr Fahrgäste, auch welche die sich nur für zwei Stationen mit ihrem Fahrrad in die Bahn zwängen. »Wieso habt ihr Narren überhaupt ein Rad« möchte man ausrufen, na klar es geht ein wenig den Hang hinan.
An dem neuen Einkaufszentrum ist vorerst Schluss mit diesem Spuk. Hier müssen alle aussteigen, es gilt im Umfeld Becks-Bier-Flaschen auszutrinken und aktuelle Filmprojekte zu besprechen, vielleicht wartet auch eine »Record-Release-Party«. Der innerstädtische Latte-Machiato-Äquator ist erreicht.
Es steigen Mädchen mit Rucksäcken zu, vielleicht vom Volleyball kommend. Späte Angestellte, die noch etwas zu erledigen hatten. Weiter, weiter geht die, zu dieser Zeit, rasante Fahrt. (Am Tage ist die Bahn zwischen Kraftwagen eingezwängt, die Fahrt verläuft schleppend, daß man aus der Haut fahren möchte.) Die nächste Haltestelle, bringt viel junges »Gemüse«, Angehörige der Arbeiterklasse der Unterschicht, mit übergroßen Hosen und oben auf dem runden Kopf drapierten Schirmmützen. Auch derbe Burschen, Bierkästen mit sich führend, auf dem Weg zu einer Feierlichkeit. Manch einer von ihnen wird wohl, zu vorgerückter Stunde, einen Faustkampf vom Zaun brechen. Es wird viel gejohlt, gepoltert, Telefone läuten. Früh gealterte Frauen, die von der Dienststelle oder einem Besuche heimkehren, nutzen die Zeit um Prospekte von Kaufläden auf günstige Angebote hin durchzuarbeiten.
Das angrenzende Wohnviertel bildet sich im wesentlichen aus schmucklosen Mietskasernen der Gründerzeit. Kontrastiert wird das architektonische Ensemble durch eine pallastartige Strafvollzugsanstalt. Hinter den mit reichlich historisierendem Zierwerk geschmückten Klinkermauern büßen kriminelle Jugendliche für ihre Taten.
Am Rathaus. Mehr Reisende mit Stoffbeuteln, auch Familienväter die einen »Sandwichgrill« gekauft haben, den Angehörigen eine Freude zu machen gedenken. Später. Vermehrt wird die Trambahn nun von Russen, Ostrentnern und Verrückten, die vor sich hin reden, bevölkert. (Man muss heute genauer beobachten, manche haben auch eine Freisprecheinrichtung und führen Gespräche mit anderen Teilnehmern.) Dann auch schüchterne Jungen mit erstem Bartflaum, die sich leise über Computerspiele unterhalten, ferner Herrmann-Hesse-lesende, schöngeistige Mädchen mit langen »Pferdeschwänzen« prägen den letzten Teil der Reise.